Predigt im Ökumenischen Eröffnungsgottesdienst für das Festival Europäische Kirchenmusik im Heilig-Kreuz-Münster in Schwäbisch Gmünd (1. Korinther 13)

Wolfgang Huber

I.

Würde ein Wettbewerb ausgetragen, um eine Hymne des Christentums, eine Wiedererkennungsmelodie der biblischen Botschaft zu finden – das Hohe Lied der Liebe wäre der Topfavorit für diesen Titel. Denn es ist nicht nur durch eine wunderbare Sprache geprägt, sondern es spielt die drei Grundthemen des christlichen Glaubens musikalisch expressiv durch: Glaube, Hoffnung und Liebe. Es moduliert sie und führt sie in einem Crescendo der Liebe zu. Der Schlusssatz fasst wie eine Coda alles zusammen: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Ich lese dieses Hohe Lied der Liebe aus 1. Korinther 13 im Zusammenhang:

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen, und hätte die Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze. Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“

In drei Schritten möchte ich diesem Lied nachdenken. Paulus gibt dazu die drei Themen vor: Glauben, Hoffnung und schließlich die Liebe.

II.

Vor einer Woche war ich in der japanischen Stadt Sapporo zu Gast. Dort ist mir ein besonderer Zug der japapnischen Lebensart wieder deutlich entgegen getreten. Shintoistisch geboren werden, christlich heiraten, buddhistisch begraben werden – so lautet eine Faustformel für die Eckdaten der Biographie eines Japaners. In das Hotel, in dem ich mich aufhielt, war für die Trauungen, die dieses Hotel gern beherbergen wollte, eine christliche Kirche eingebaut, ein regelrechter Mini-Dom mit allem, was dazu gehört: neugotischer Baustil, drei Schiffe, zwei Türme eingeschlossen; Holzbänke im Innern. In diesem Kreis gewiss von besonderem Interesse: Eine Orgel gab es auch. Und ebenso zwei Kerzenleuchter, ein Kniebänkchen, eine Schreibfeder zum Unterzeichnen der Trauurkunde. Gekrönt wurde das alles durch drei Glasfenster mit biblischen Motiven: Maria und Martha zeigte das eine, die Segnung der Kinder durch Jesus das mittlere und die Geschichte vom Barmherzigen Samariter das dritte Fenster.

Wenn in Japan gesagt wird, man würde christlich heiraten, sind damit vor allem das Gebäude und die Zeremonie gemeint. Der Inhalt ist auf moralische Sanftheit getrimmt; so werden auch die drei biblischen Szenen rein moralisch gedeutet. Diese Hüllenkirche mit ihrer Verwandlung der biblischen Botschaft in eine schlichte ethische Gebrauchsanweisung hat mich nicht nur beeindruckt, sondern auch gewarnt.  Sie warnt mich vor einem Christentum ohne Glauben. Man kann daran sehen, was geschieht, wenn wir die christliche Kultur nur als eine Hülle verstehen, ohne auf deren Kern, den Glauben an Jesus Christus zu achten.

Doch wenn wir auf diesen Kern nicht achten, dann wird auch die Hülle ihre Klarheit verlieren. Wer anders als Jesus Christus selbst soll denn Orientierung geben, wenn wir beispielsweise in Fragen des Beistands im Sterben eine Antwort suchen, die der Würde des Menschen, dem unverfügbaren Geschenk des Lebens und der Gegenwart des Auferstandenen auch noch im Sterben gerecht wird?  Wie sollen wir denn in Fragen unseres Bildungsauftrags Klarheit gewinnen, wenn wir uns einreden lassen, es gehe in der Schule nicht mehr um die Frage nach Gott, sondern nur noch um den Umgang mit einer unbestimmten Religionskultur? Wertedebatten sind heute beliebt; von Werteerziehung spricht man heute lieber als von Unterweisung im Glauben. Aber in jeder Wertedebatte muss die Frage nach der Grundlage der Werte gestellt werden. Deshalb braucht die Antwort des Glaubens einen eigenen Ort – im persönlichen Leben jedes Menschen und auch in der Öffentlichkeit.

Dabei wird unser Verstehen des Glaubens immer Stückwerk bleiben. Denn „unser Wissen ist Stückwerk, und unser prophetisches Reden ist Stückwerk“, sagt der Apostel Paulus. Um solche Annäherungen an das Geheimnis des Glaubens  wollen wir uns bemühen und dafür die Hilfen in Anspruch nehmen, die uns anvertraut sind, zum Beispiel die Hilfe der Musik.

Überhaupt: Musik und Glaube. Neuerdings heißt es wieder, der Glaube sei nur für jene etwas, die selbst „religiös musikalisch“ sind. Wer dagegen „religiös unmusikalisch“ sei, brauche sich gar nicht erst anzustrengen. Es werde immer vergeblich bleiben.

Richtig ist an diesem Ausdruck der enge Zusammenhang von Glauben und Musik. Die Musik öffnet Räume, die kein einzelner auszumessen vermag. Die Sprache der Töne und Laute, hervorgebracht durch einen Chor oder ein Orchester, weckt ein Gespür für die größere Wirklichkeit, die unser Leben umfängt. Es ist gut, dass die Musik im Leben unserer Kirche einen so herausgehobenen Ort hat, wie es in diesem Festival wieder zu erleben ist!

Wer will sich im Ernst der Kraft solcher Musik entziehen? Wenn wir sie erleben, sind wir alle musikalisch – auch wenn unser musikalisches Verstehen unterschiedlich ausgeprägt ist. Freilich können wir nicht alle so großartig musizieren, wie wir es auch in diesem Gottesdienst erleben und wie es dieses Festival Europäischer Kirchenmusik prägen wird. Aber dass jeder von uns ein musikalischer Virtuose sein muss, um sich an der Musik freuen zu können, steht nirgendwo geschrieben. Und ebenso ist nirgendwo gesagt, dass jeder von uns ein „religiöser Virtuose“ sein muss, um zum christlichen Glauben Zugang zu finden.

„Religiös unmusikalisch“? Gerade in einem solchen Musikfest zeigt sich, dass es keinen Grund gibt, mit einem solchen Hinweis die Glaubensfrage abzuwehren oder sich dem offenen Himmel Gottes über uns zu verschließen. Es gibt zwar Menschen, die selbst nicht musizieren können; dass heißt aber nicht, dass sie Musik nicht hören und wahrnehmen könnten. Ebenso ist es mit dem Glauben, von dem es in der Bibel ausdrücklich heißt, dass er aus dem Hören kommt. Seine Gewissheit, die das Leben trägt, ist für niemanden versperrt. Durch die Gewissheit des Glaubens gewinnt das Leben Zuversicht und Kraft.

III.

Für Paulus ist ein Leben ohne Zuversicht nicht vorstellbar. Der Glaube entzündet in ihm eine Sehnsucht nach dem Kommenden. Solche Hoffnung ist der Ernstfall des Glaubens. Denn wie es mit dem Glauben steht, kommt dann heraus, wenn Hoffnung nötig ist. Das Hoffnungsthema wird immer dann brennend aktuell, wenn die Zukunft verstellt scheint.

„Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“ Man spürt es Paulus ab: Er will die Symphonie des Lebens vom Schlusston aus verstehen, wenn Gottes Fülle für alle hörbar wird. Unser Glaube weckt eine Leidenschaft für das Fragen nach Morgen; diesem Fragen wünsche ich ein neues Feuer. Mit neuer Ungeduld wollen wir uns danach ausstrecken, in der Zukunft dem Guten, das Gott verheißt, zu begegnen?

Hier in Württemberg kommt mir bei dieser Frage unweigerlich der fromme Pfarrer Matthäus Hahn in den Sinn. Er entwickelte, wie viele sich erinnern, eine besondere Leidenschaft dafür, Uhren zu bauen. Eine dieser Uhren blieb – es war wohl im Jahr 1836 – stehen; sie war nicht mehr zu gebrauchen. Das war aber kein Konstruktionsfehler, es war Absicht. Denn für dieses Jahr erwartete Matthäus Hahn die Wiederkunft Christi, da sollte die Zeit stehen bleiben. Wenn der Herr Christus da ist, braucht man keine Uhr mehr; denn dann steht die Zeit still. Die Uhrzeiger machen Halt vor Gottes Ewigkeit.

Wir werden das Jahr, in dem Christus wiederkommt, nicht noch einmal festlegen. Denn Tag und Stunde seiner Wiederkehr kann niemand berechnen. Aber eine solche Gewissheit brauchen wir auch heute. Wir bestreiten die Meinung, die Zeit der christlichen Hoffnung sei vorbei. Wir widersprechen der Behauptung, inmitten der vielen Religionen unserer Zeit hätte das Bekenntnis zum auferstandenen und wiederkommenden Christus seinen Ort verloren.

Wer hofft, sieht die Möglichkeiten der Zukunft. Er rechnet damit, dass Gott das Leben in seinen Händen hält und es zum Guten wenden wird. Dabei schließt der Blick der Hoffnung andere Menschen, vor allem eine andere Generation, nicht aus, sondern gerade ein. Wer in Hoffnung lebt, orientiert sich nach vorne. Er übernimmt Verantwortung für die Zukunft, für die Gestalt unserer Erde, für die Höhe der Schulden, die wir unseren Kindeskindern hinterlassen, für ihre Möglichkeiten, an Bildungsangeboten teilzuhaben und sich auf ihr künftiges Leben vorzubereiten.

So lange mir die Zukunft offen steht, gehe ich voller Spannung auf das zu, was kommt. Gutes, das mir in der Vergangenheit widerfahren ist, wird zur Grundlage der Erwartung, mit der ich auf die Zukunft zugehe. Die Erfahrung, die mich trägt, bürgt für die Gewissheit, mit der ich mich auf die Zukunft einlasse. Ich erhoffe mir Gutes von der Zukunft und vertraue darauf, dass Schwerem, das mir bevorsteht, ein Sinn innewohnt.

IV.

„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Das Hohelied des Paulus beginnt und endet mit der Liebe. Liebe in dem Sinn, in dem Paulus sie meint, lässt sich nur in der dreifachen Verantwortung vor Gott, vor meinem Mitmenschen und für die eigene Person verstehen. Es wäre eine Verkürzung der Liebe, sie auf eine freundliche Zuwendung zum anderen einengen zu wollen, wie dies in jener Kapelle in der japanischen Stadt Sapporo geschehen ist, von der ich Ihnen zu Beginn berichtet habe.

Christliche Liebe ist mehr als gefühlige Zuwendung zum Nächsten; denn sie beginnt mit Gottes Liebe zu uns Menschen in Jesus Christus. Darin hat sie ihren wichtigsten Bezugspunkt. Daraus empfängt unser Leben seine besondere Würde. Denn Gottes Liebe gilt jedem einzelnen Menschen. Sie steht dafür, dass es Gott gut meint mit dieser Welt – trotz des Bösen, das in ihr begegnet; trotz der Sünde, in der das Handeln des Menschen verstrickt ist. Doch Gottes Treue ist größer. Seine Liebe verwandelt die Welt. Sie durchzieht als Verheißung das menschliche Leben. Menschliche Liebe nimmt das Geschenk von Gottes Liebe ernst. Nur deshalb lässt sich von ihr sagen, sie höre niemals auf; denn sie ist in Gottes ewiger Liebe gegründet. Auch die Liebe braucht einen Anker, eine Wurzel. Die Liebe gegenüber dem Nächsten oder gegenüber der eigenen Person, das Handeln aus Liebe zur Schöpfung oder zur nächsten Generation würde zu einer moralischen Selbstüberforderung, wenn es sich nicht von einer größeren Liebe gehalten wüsste. Erst die Verlässlichkeit der Liebe Gottes macht die Vielfalt und die Variationen unseres Liebens möglich. Menschliches Lieben erhält durch sie Tiefe und Beständigkeit.

Viele Menschen warten heute auf die Stimme des Glaubens, die dem Leben Gewissheit verheißt, auf die Stimme der Hoffnung, die das Leben über den Augenblick hinaus offen hält, und auf die Stimme der Liebe, die meinem Leben Sinn und Bedeutung verleiht. Ein klares christliches Bekenntnis wird gebraucht, nicht nur durch das Wort, sondern auch – und das führt uns heute besonders zusammen – durch die Musik. Ein christliches Bekenntnis im Hören, Reden und Tun. Denn ohne Bekenntnis gibt es auch keine Toleranz gegenüber anderen. Ohne Bekenntnis verliert die Rede von Glaube, Hoffnung und Liebe ihren Grund.

So sehr wir auch immer wieder verleitet werden, in die Klage über die Bosheit dieser Welt einzustimmen – es gibt eine Melodie, die größer und schöner klingt. Glaube, Hoffnung und Liebe ertönen miteinander wie ein Gesang. Ihre drei Stimmen lassen die Symphonie der Liebe Gottes selbst erklingen. Denn „Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“.

Amen.