Christen und Juden

Christen und Juden haben denselben Gott.

Christen und Juden sind durch eine gemeinsame Geschichte und durch den Glauben an ein und denselben Gott miteinander verbunden. Das Christentum ist aus dem Judentum heraus entstanden. Jesus war Jude, hat die jüdischen Feste gefeiert und in den Synagogen gepredigt. Die ersten Christen waren Juden. Mit dem Alten Testament, der hebräischen Bibel, teilen Christen und Juden ein gemeinsames schriftliches Fundament. Die Texte sind für beide Religionen Quelle des Glaubens, der Hoffnung und der Begegnung mit Gott.

Christen bekennen allerdings im Unterschied zum Judentum, dass Jesus Christus der Messias ist, der von Gott versprochene Retter, von dem im Alten Testament bereits die Rede ist. Christen glauben, dass sich Gott in Jesus Christus den Menschen auf neue Weise gezeigt hat. Diese Offenbarung Gottes gilt allen Menschen. Sie ist nach christlichem Verständnis nicht an die Zugehörigkeit zum Judentum gebunden, also weder an Abstammung noch an Beschneidung oder andere Merkmale. Gottes Offenbarung in Jesus Christus ist universal, sie gilt der ganzen Welt. Jüdinnen und Juden auf der anderen Seite warten nach wie vor auf das Kommen des Messias.

Dass sich das Christentum vom Judentum getrennt und auch Nichtjuden geöffnet hat, hat eine Zeit lang gedauert. In den Geschichten von Jesus liegt allerdings ein erster Anfang. Von Jesus wird erzählt, dass er auch auf die Menschen zuging, die nicht zum jüdischen Volk gehörten, zum Beispiel auf Samaritaner. Im Matthäusevangelium findet man einen ersten Hinweis zum universalen Verständnis des Christentums im sogenannten Missionsbefehl: „Gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“. (Mt 28,19) Vom sogenannten Apostelkonzil berichten dann sowohl der Apostel Paulus als auch die Apostelgeschichte in der Bibel. Auf dem Konzil beschlossen die ersten Christen nicht nur, Gemeinden unter den Juden zu gründen, sondern auch, „Heiden“, also zum Beispiel Griechen und Römer, in die Gemeinden aufzunehmen. Viele Gemeinden bestanden aus Juden- und sogenannten Heidenchristen. Die Frage stand im Raum, ob das gut so war. Paulus setzte sich mit seiner Sicht durch, dass Menschen zum Beispiel die jüdischen Speise- oder Reinheitsgebote nicht halten müssten, um an Jesus Christus zu glauben. Er wurde zum „Heidenmissionar“ und machte sich zur Aufgabe, Nichtjuden zum christlichen Glauben zu bringen.

Gott hat sich in Jesus Christus allen Menschen offenbart. Das bedeutet nach dem Glauben der evangelischen Kirche jedoch nicht, dass Gott die Erwählung seines „Volkes Israel“, von der in der Bibel die Rede ist, aufgegeben hat. Alles, was Christinnen und Christen erhoffen – die Vollendung des Reiches Gottes, die Errettung und Erlösung der Menschen –, erhoffen sie nach der Lehre der Evangelischen Kirche in Deutschland auch für die Juden. Sie glauben, dass Gott seinem Volk Israel treu bleibt, so wie er allen Menschen treu bleibt, die an ihn glauben.

Die Treue Gottes zu den Menschen besteht, egal ob die Menschen darauf antworten oder nicht. Besonders deutlich wird das in den Erzählungen der Bibel über den Bund, den Gott mit dem Volk Israel schließt (Hos 2,16–25; Jes 43,1–7). Beim Propheten Jeremia, einem späteren Text, ist dann von einem neuen Bund die Rede, den Gott mit den Menschen schließen will (Jer 31,31–33). Bei diesem Bund gibt es keine Gebote auf Steintafeln, wie sie Mose am Berg Sinai empfangen hatte, sondern die Menschen sollten die Gebote in ihren Herzen tragen. Christinnen und Christen glauben, dass Gott diesen neuen Bund mit den Menschen geschlossen hat, indem er in Jesus Christus auf die Welt gekommen ist (Röm 11,25–32). Dieser Bund gilt nicht mehr allein dem Volk Israel, sondern allen Menschen.

Lange Zeit war es nicht die Meinung der Kirchen, dass Christinnen und Christen, Jüdinnen und Juden verbunden seien im Glauben an ein und denselben Gott und dieser Gott auch Christinnen und Christen wie Jüdinnen und Juden treu bleibe. In einigen Kirchen ist es bis heute nicht so. Die Geschichte von Christen und Juden ist von Verachtung und Feindschaft geprägt. Sie begann mit dem Vorwurf der ersten Christen an die Juden, Jesus Christus „ermordet“ zu haben. Sie fand einen schrecklichen Höhepunkt im Massenmord an den Juden im „Dritten Reich“, der durch christlich geprägten Antisemitismus gestützt und von deutschen Christinnen und Christen sehenden Auges zugelassen und mitvollzogen wurde. Das wird immer Teil der Schuld bleiben, die sich Christinnen und Christen in Deutschland aufgeladen haben.

Das Wort „Holocaust“ kommt von der griechischen Übersetzung des hebräischen Wortes für „Brandopfer“. Holókaustos heißt „vollständig verbrannt“. Weil man den Vergleich der Ermordung von Juden mit einem Opfer meiden will, wird neben „Holocaust“ auch das hebräische Wort Schoah für den Massenmord an Juden im „Dritten Reich“ verwendet. Schoah heißt übersetzt „Katastrophe“ oder „Unheil“.

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat sich 1945, sehr kurz nach ihrer Gründung, mit der sogenannten Stuttgarter Schulderklärung schuldig bekannt, bei der Ermordung der europäischen Juden und den Verbrechen des Nationalsozialismus geholfen zu haben. In der Schulderklärung heißt es: „Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“

Es brauchte viele Diskussionen, bis es zu diesem Bekenntnis kam, da einige Christen die Kirche mehr in einer Opferrolle als in einer Täterrolle sahen. Diese Vorbehalte bestanden teilweise auch noch nach Veröffentlichung der Schulderklärung. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat deswegen seitdem immer wieder in Denkschriften und Verlautbarungen die Gültigkeit der Stuttgarter Schulderklärung erneuert.

Weiterführende Inhalte und Links

  • Fragen

    Was hat die Evangelische Kirche in Deutschland für die Versöhnung zwischen Christen und Juden bisher getan?

    Antwort: In mehreren Denkschriften hat sich die Evangelische Kirche in Deutschland nach 1945 mit ihrem Verhältnis zum Judentum und ihrer Schuld am Holocaust auseinandergesetzt. Dabei ist ein Konsens aller Landeskirchen entstanden, der folgende Punkte beinhaltet: Die Evangelische Kirche in Deutschland wendet sich gegen Antisemitismus. Sie gesteht ihre Mitverantwortung und ihre Schuld am Holocaust ein. Sie betont, dass der christliche Glaube und das Judentum unlösbar miteinander verbunden sind. Sie glaubt an die bleibende Erwählung Israels, also dass Israel weiterhin Gottes erwähltes Volk ist, so wie es im Alten Testament steht. Schließlich tritt sie für das Existenzrecht des Staates Israel ein.

    Es gibt allerdings nach wie vor Rückfragen an diesen Konsens und auch Widerspruch. Deswegen strengt sich die Evangelische Kirche in Deutschland an, diesen Konsens zu verfestigen und zu vertiefen. Strittig ist vor allem die Frage, ob Israel weiterhin Gottes erwähltes Volk ist. Viele Christinnen und Christen, die den evangelikalen Strömungen innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland angehören, sind der Meinung, dass man Jüdinnen und Juden missionieren sollte, weil sie eben nicht gerettet würden, sondern aus der Erwählung Gottes herausgefallen seien.

    Parallel zu dem Diskussionsprozess auf der Ebene der Evangelischen Kirche in Deutschland beschäftigen sich viele Landeskirchen in eigenen Positionspapieren mit der Frage des Verhältnisses zum Judentum. Sie bekennen ihre Schuld am Holocaust. Sie bemühen sich, das Wissen über das Judentum und die jüdischen Traditionen zu verbreiten, und setzen sich zum Beispiel für die Erhaltung jüdischer Friedhöfe ein. Sie engagieren sich in der christlich-jüdischen Begegnung und fördern eine Haltung des gegenseitigen Respekts zwischen Christen und Juden. Viele Landeskirchen positionieren sich zudem klar gegen die Judenmission, unter anderem die rheinische Kirche, die westfälische Kirche und die evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg.

    Die Kirche hat sich von der Judenmission und auch immer wieder vom Antisemitismus Martin Luthers distanziert. Luther ist eine der wichtigsten Gründungsfiguren der evangelischen Kirche, spiegelt aber mit seinen Aussagen über Juden nicht die heutige Meinung der Evangelischen Kirche in Deutschland wider.

  • Diskussion

    Die Judenmission gehörte fest zu den Anfängen des Christentums. Heute sieht die Evangelische Kirche in Deutschland die Judenmission kritisch, insbesondere vor dem Hintergrund der Judenverfolgung im Dritten Reich.

    Die ersten Christen waren Juden, die andere Juden für ihren Glauben an Jesus Christus gewinnen wollten. Als jedoch immer mehr Nichtjuden zu Christen wurden und das Christentum sich ausbreitete, schlug das Pendel um: Christen begannen, Juden zu unterdrücken. Nach Jahrhunderten der Judenverfolgung gingen im 19. Jahrhundert die Vertreter des Pietismus wieder auf die Juden zu. Sie wollten Juden missionieren, setzten dabei jedoch auf Begegnung statt auf Gewalt und Unterdrückung.

    Im 19. Jahrhundert lenkten Vertreter des Pietismus in Deutschland die Begegnung zwischen Christen und Juden in eine neue Richtung. Sie gingen ohne Aggressivität auf die Juden zu. In sogenannten Missionsgesellschaften traten Christen mit Juden in Kontakt, um sie vom christlichen Glauben zu überzeugen. Vielen Juden war das willkommen, denn sie suchten eine Möglichkeit, einen Platz in der christlich geprägten bürgerlichen Gesellschaft zu finden. Es entstand ein reger Austausch, der auch den Christen das Judentum und ihre eigenen jüdischen Wurzeln wieder näherbrachte. Die Missionsgesellschaften gingen 1930 im „Committee on the Christian Approach to the Jews“ auf, das seine Arbeit im christlich-jüdischen Dialog im Rahmen des Ökumenischen Rates der Kirchen fortsetzte.

    Der Holocaust bedeutete für die Begegnung von Juden und Christen eine deutliche Zäsur. Immer mehr Christinnen und Christen lehnen es heute ab, Juden zu missionieren. Für sie wurde mit dem Holocaust klar, wie fehlgeleitet das christliche Verhältnis zum Judentum war. Seitdem suchen Christinnen und Christen nach einer neuen Form des Dialogs. Inzwischen hat sich die Evangelische Kirche in Deutschland auch offiziell von der Judenmission distanziert. In der letzten Denkschrift zu dem Thema aus dem Jahr 2000 heißt es: „Die Judenmission gehört nicht mehr zu den von der Evangelischen Kirche in Deutschland und ihren Gliedkirchen betriebenen oder gar geförderten Arbeitsfeldern.“

    Allerdings gibt es auch evangelikale Strömungen in der Evangelischen Kirche in Deutschland, die eine andere Einstellung haben. Evangelikale Kirchen haben in den letzten Jahrzehnten wieder verstärkt Judenmission betrieben, mit dem erklärten Ziel, Jüdinnen und Juden zu bekehren.

    Vor allem jüdische Spätaussiedler aus Osteuropa standen seit den 1960er Jahren im Mittelpunkt der Mission der evangelikalen Gemeinden in Deutschland. Die evangelikale Judenmission fand aber nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt statt. In den USA entstand die Bewegung „Jews for Jesus“, und christliche Juden gründeten die „Internationale messianische jüdische Allianz“. In Deutschland entstand jedoch durch die Mission von Juden aus Osteuropa eine enorme Spannung zwischen Christen und Juden. Aufgrund ihrer Erfahrungen mit den evangelikalen Missionaren machen Juden heute häufig eine klare Ablehnung der Judenmission zur Bedingung, um überhaupt das Gespräch mit Christen aufzunehmen.

    Zwei Konzepte stehen einander gegenüber: Auf der einen Seite gibt es Christinnen und Christen, die sagen, dass Jüdinnen und Juden aus ihrer Sicht nicht missioniert werden müssen, da ihnen nach wie vor die Erwählung Gottes gilt. Auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die mit einem Vers aus dem Johannesevangelium argumentieren, in dem Jesus sagt: „Niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ Die Mehrheit der Christinnen und Christen in der Evangelischen Kirche in Deutschland lehnt die Judenmission ab und geht von der bleibenden Erwählung des jüdischen Volkes aus. Sie sagen auch: Letztlich ist es Gott, der über die Wirkung des Glaubenszeugnisses und über das Heil der Menschen entscheidet.

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