Predigt am Buß – und Bettag am 2015 in München

Landesbischof Prof. Heinrich Bedford-Strohm

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes  und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.  AMEN

Das Gebet, liebe Gemeinde, ist eine universale Kraft. Schon direkt nach den Anschlägen in Paris haben Menschen überall auf der Welt für die Opfer und ihre Angehörigen gebetet. Hillary Clinton twitterte: “Die Nachrichten aus Paris sind grauenhaft. Ich bete für die Stadt und die Familien der Opfer”.  Die Rockgruppe Pink schrieb: “Unsere Gebete gelten heute Nacht den Menschen in Paris. Wir beten für eure Sicherheit und dass ihr getröstet werdet.“ Thomas De Maiziere sagte einem Reporter gegenüber: „Wer mag, kann beten. Ich tue es.“ Und die Twittergruppe “#pray for Paris“ erreichte in kürzester Zeit unzählige Menschen auf der ganzen Welt. Wer in diesen Tagen betet,  bringt sein Erschrecken, seine Fassungslosigkeit zum Ausdruck. Wir teilen das alles mit unseren Mitmenschen. Aber eben nicht nur mit ihnen. Wir teilen es auch mit Gott. Wir bringen unsere Klage,  unser Erschrecken vor Gott, in dem Vertrauen, dass Gott das alles hört, dass es nicht verpufft.  In der Hoffnung, dass der Hass, der uns wieder seine Fratze zeigt, nicht auch von uns selbst Macht ergreift. Dass die Angst uns nicht überschwemmt. Dass wir all dem etwas entgegensetzen können.

Nicht alle halten den weltweiten Gebetsaufruf für eine gute Idee. Bald tauchte im Internet die handgeschriebene Nachricht eines der Zeichner von Charlie Hebdo auf, der Satirezeitschrift, die selbst in diesem Jahr Ziel eines Anschlags gewesen war. „Freunde in der ganzen Welt!“ – heißt es da – „Danke für #pray for Paris, aber wir brauchen nicht mehr Religion, sondern unser Glaube richtet sich auf Musik! Küsse! Leben! Champagner! Freude!“

Wenn das ein Gegensatz wäre, das Beten, das Gespräch mit Gott, das Innehalten auf der einen Seite und die Musik, die Küsse, die Lebensfreude auf der anderen Seite, dann müsste man dem Zeichner rechtgeben. Dann wäre es nachvollziehbar, dass an die Stelle des Gebets der demonstrative Hunger nach Leben träte, eine zur Schau getragene Lebensfreude – sozusagen als Protest gegen die scheinbare Übermacht des Todes in solchen Stunden des Erschreckens. „Wir brauchen nicht mehr Religion“ – im Aufruf des Charlie-Hebdo-Zeichners schwingt noch mehr mit. Eine Skepsis, vielleicht auch Ablehnung gegenüber der Religion, ja jedweder Art des Glaubens. Beten bringt nichts. Religion ist nutzlos. Vielleicht gefährlich. Quelle von Hass und Gewalt. Sie nimmt uns das Leben, anstatt es uns zu schenken.

Natürlich kann man den Glauben pervertieren! Man kann Gebete missbrauchen, man kann alles, was Menschen heilig ist, missbrauchen. Doch das ist eben ein Missbrauch! Eine Verkehrung, die nichts anderes ist als Gotteslästerung. Glücklicherweise erleben wir in unzähligen Biographien das Gegenteil: dass der Glaube das Schöne im Menschen hervorbringt, ihm zur Menschlichkeit verhilft, ihn davon abhält, das Böse zu tun. Ihm hilft, das Leben zu lieben und das Leben aller zu achten. Die vielleicht größte Kraft entfaltet der Glaube da, wo ein Mensch aus Lähmung und Verzweiflung zurück findet ins Leben - und das mag ja auch mit einer ganzen Stadt geschehen.
Einen solchen  inneren Weg von der Verzweiflung hin zum Vertrauen und zur Zuversicht beschreiben die Gebete der Bibel, wie sie etwa im Buch der Psalmen überliefert sind.

Im Psalm 77 heißt es: „Ich rufe zu Gott und schreie um Hilfe, zu Gott rufe ich und er erhört mich. In der Zeit meiner Not suche ich den Herrn; / meine Hand ist des Nachts ausgereckt und lässt nicht ab; denn meine Seele will sich nicht trösten lassen. Ich denke an Gott – und bin betrübt; ich sinne nach – und mein Herz ist in Ängsten. Meine Augen hältst du, dass sie wachen müssen. Ich bin so voll Unruhe, dass ich nicht reden kann.“

Da bringt jemand seine ganze Not vor Gott. Das Einzige, was ihn davon abhält, ganz stumm zu werden, zu verzweifeln, ist, dass er mit Gott reden kann. Und er bringt in diesem Gespräch mit Gott, das immer wieder auch zum Selbstgespräch wird, auch seinen Zweifel am Handeln Gottes zum Ausdruck. Wir erleben einen Menschen, der an Gotte irre zu werden droht: “Wird denn der Herr auf ewig verstoßen und keine Gnade mehr erweisen? Ist's denn ganz und gar aus mit seiner Güte, und hat die Verheißung für immer ein Ende? Hat Gott vergessen, gnädig zu sein, oder sein Erbarmen im Zorn verschlossen?“

Aber es bleibt nicht bei diesen Fragen. Die Gefühle wenden sich. Das Vertrauen kommt wieder. Wie kommt das? Es sind die Geschichten die dem Beter mitgegeben worden sind. Eingeschrieben in seinem Gedächtnis, gespeichert in seiner Seele, tauchen sie auf und verändern ihn. Geschichten, die die Religion über Generationen hinweg tradiert und bewahrt hat: Geschichten von Rettung, und Heilung. Geschichten von Angst und Verzweiflung und von Bewahrung.

„Ich denke an die Taten des HERRN“, sagt der Beter, „ja, ich denke an deine früheren Wunder und sinne über alle deine Werke und denke deinen Taten nach.“ Und dann spricht er davon, wie Gott die Welt geschaffen hat, wie er sein Volk im Schilfmeer vor den Verfolgern errettet hat. Er lässt beim Nachsinnen all diese Geschichten der Errettung zu seinen eigenen Geschichten werden. Und spürt, wie sein Herz wieder frei wird, wie der Trost kommt. Wie die Dunkelheit weicht. Der Ton wechselt von einem Vers zum anderen, ganz plötzlich. Hier wird noch geklagt, im nächsten Vers schon Gott gelobt.

Wer mit den Psalmen betet, liebe Gemeinde, dem geht das oft zu schnell. Im echten Leben brauchen wir manchmal ein ganzes Jahr und noch mehr Zeit dafür. Doch das Ziel steht uns hier in den Psalmen immer vor Augen: Irgendwann soll der Beter  wieder Gott und das Leben loben können. Irgendwann soll er wieder Lobpsalmen singen können, die der Seele Sprache geben für etwas, was man nur als Lebensfreude pur bezeichnen kann: „Ich will dem HERRN singen mein Leben lang und meinen Gott loben, solange ich bin“ (Ps 104). „Lobe den HERRN, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“

Wer zu Gott betet, weiß, dass er seine überschäumende Freude wie auch seinen Kummer, seinen Schmerz, seine Verzweiflung vor Gott bringen kann. Er muss angesichts der Abgründigkeit von Hass und Gewalt nicht beschwörend und am Ende eben doch krampfhaft von Musik, Küssen, Leben und Freude reden, weil er gewiss ist und fest darauf vertraut, dass das finstere Tal keine Endstation ist, sondern der Weg sich wieder öffnen wird hin zum frischen Wasser und zur grünen Aue.

Und wer so fest gegründet ist in der Beziehung zu Gott, der kann vielleicht auch das tun, was von allem das Schwierigste ist: seiner eigenen Fehlbarkeit ins Auge sehen. Das Beten hilft uns in die Ehrlichkeit mit uns selbst. Wie viele Konflikte könnten entschärft, wie viel Zwietracht zwischen Menschen könnte überwunden werden, wenn wir es nur schaffen würden, ehrlich gegenüber uns selbst zu sein, unsere eigenen dunklen Punkte, unsere Fehler, ja, mit den alten Worten gesagt:  unsere Sünden  zu erkennen und wirklich den Balken im eigenen Auge zu sehen anstatt den Splitter im Auge des anderen anzuprangern. Deswegen ist es jedes Mal ein großer Friedensakt, wenn wir Buße tun, wenn wir wie heute am Buß- und Bettag ein Bußbekenntnis ablegen und damit den ersten großen Schritt in die Freiheit gehen und dann die Vergebung zugesprochen bekommen und spüren, wie sich die Freiheit in uns immer mehr ausbreitet.

Dass wir genau darauf hoffen dürfen, wenn wir unsere Sünde bekennen, das haben schon die Psalmbeter zum Ausdruck gebracht.

„Denn meine Sünden gehen über mein Haupt;“ – heißt es im 38. Psalm – „wie eine schwere Last sind sie mir zu schwer geworden. Meine Wunden stinken und eitern um meiner Torheit willen. Ich gehe krumm und sehr gebückt; den ganzen Tag gehe ich traurig einher. Aber ich harre, HERR, auf dich; du, Herr, mein Gott, wirst erhören“ (Ps 38,5-7.16).

Der Buß- und Bettag ist der Tag der Ehrlichkeit gegenüber uns selbst. Es ist der Tag der Besinnung für jeden Einzelnen von uns. Aber es ist auch der Tag der Besinnung und des Gebets für unser Land. Ja, es gibt viel zu beten!

Ich klage heute Gott, dass wir das Leid anderer so schnell vergessen. Wir vergessen so schnell, dass alle Menschen Gottes Kinder sind, geschaffen zu seinem Bild – in Paris, in München, in Erbil oder in Damaskus – alle unendlich kostbar. Wir haben so lange weggeschaut, als in den Flüchtlingslagern des Nahen Ostens das Geld  für die Nahrung ausging. Und jetzt haben es viele nicht mehr ausgehalten und sind hierher geflüchtet. Und ich bitte Gott, er möge uns Kraft geben, dass wir ihnen beistehen.

Uns davor bewahren, wieder wegzuschauen. Und wenn die Sorge überhand zu nehmen droht, bitte ich um den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit! Dass diese Bitten in Erfüllung gehen, das, liebe Gemeinde, erleben wir. Der Heilige Geist, der Tröster und Bewahrer der Schwachen, hat so viele Helferinnen und Helfer in unserem Land! Wir dürfen Gott loben für die Revolution der Empathie, die unser Land erlebt hat und noch immer erlebt. Der Bogen vom Klagegebet über das Bußgebet bis hin zum Dank- und Lobgebet, den wir in den biblischen Psalmgebeten finden, der kann auch zu so etwas wie der Grundmelodie dem cantus firmus, unseres  eigenen Lebens werden. Und wenn wir für unser Land beten, wenn wir für die Welt beten, dann kann die Bewegung von der Klage über die Buße zum Dank und zur Hoffnung auch zur Grundmelodie für unser Land und für die Welt werden.

Wir folgen darin dem Weg, den Christus selbst gegangen ist. Zerbrechlich, verwundbar, von der Klage zum Lobgesang. Es ist der Weg, das Böse mit Guten zu überwinden.

Ich weiß, dass viele Menschen diesen Weg mit uns gehen. Menschen, die sonst gar nichts mehr haben, wovon sie leben können. Als ich im vergangenen Jahr im Nordirak war und mit den Menschen, die vom IS aus Mossul vertrieben worden waren, Gottesdienst gefeiert habe, da habe ich spüren können, wie die Kraft da war, die sie in all dem Fürchterlichen, was sie erlebt haben, trägt. Wir Kirchen sind mit unseren Gemeinden überall auf der Welt ein großes globales Netzwerk, ein „global player“. Wir sind auch ein großes globales Gebetsnetzwerk, ein „global prayer“.

Das Gebet ist eine universale Kraft. Es trägt in Freude, Kummer und Leid. Es verbindet uns über die Kontinente hinweg. Es ist eine große Kraft, die auch die Gräben zwischen den Religionen überwinden kann. Eine Kraft, die uns in Bewegung setzt, dass wir handeln. Eine Kraft, die wirkt, dass endlich Friede werde.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

AMEN