Mandat und Markt

8. Aus- und Fortbildung

Der Arbeitsmarkt für Journalisten und Medienschaffende hat sich seit der Etablierung des dualen Rundfunksystems und nach dem Ende der DDR deutlich verändert. Die Gründung einer Vielzahl von Radio- und Fernsehsendern, die Diversifizierung des Angebots im Zeitschriftenbereich, besonders von Special-Interest-Titeln, sowie der Strukturwandel im Medienmarkt Ostdeutschlands haben zu einem spürbaren Anstieg der Zahl der in den Medien Beschäftigen geführt. Die Entwicklung neuer Multimedia-Angebote (Internet/Online-Dienste/CD) schafft zusätzliche Tätigkeitsfelder. Die Zahl der Erwerbstätigen im Medien- und Kommunikationssektor ist von knapp 400.000 (alte Bundesrepublik 1984) auf rund 500.000 (Mitte der 90er Jahre in Gesamtdeutschland) gestiegen.89

Die Zahl der festangestellten und freien Journalistinnen und Journalisten in der Bundesrepublik Deutschland lag 1997 bei etwa 60.000, die Zahl der im Bereich der evangelischen Publizistik tätigen Journalistinnen und Journalisten liegt bei etwa 1.500.90 Der Medienbericht der Bundesregierung von 1994 weist 1985 bis 1992 eine Zunahme der hauptberuflich und tätigen Publizisten um 43 Prozent aus.91

Die technischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die verschärfte Konkurrenzsituation, die strukturellen und inhaltlichen Veränderungen im Medienmarkt wirken sich auch auf die redaktionellen und journalistischen Aufgaben aus. Der Beruf des Journalisten differenziert sich stärker aus. Die Grenzen zwischen redaktioneller Arbeit und Produktion sind unscharf geworden, da produktionstechnische Leistungen zunehmend zu den Redakteursaufgaben zählen (Ganzseiten-Umbruch am Bildschirm, digitaler Schnitt im Radio / im Fernsehstudio, Selbstfahrstudios etc.).

Die inhaltlichen Verschränkungen von Information und Unterhaltung (Infotainment) sowie die Kommerzialisierung der Rundfunkprogramme machen eine zweifelsfreie Bestimmung von journalistischen Leistungen zunehmend schwierig. Auch zwischen Öffentlichkeitsarbeit und Journalismus werden die Grenzen unscharf, zumal professionelle Öffentlichkeitsarbeit den Regeln des journalistischen Handwerks folgt. Die Informationstechnologien und der ausgeprägte Kosten- und Konkurrenzdruck führen zu einer verstärkten Auslagerung von redaktionellen Aufgaben, von Programm- und Produktionsleistungen; das verändert den Medienarbeitsmarkt zusätzlich.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung von Journalisten und Medienunternehmen. Die Kirche ist in besonderer Weise der Vermittlung ethischer, die journalistische Berufsrolle und das Mandat der Publizistik begründender Werte und Maßstäbe verpflichtet. Dementsprechend engagiert sie sich bei der Förderung journalistischer Kompetenz und Qualifikation. Das gilt gleichermaßen im Blick auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den kirchlichen wie in den säkularen Medien.

Der Zugang zum Journalistenberuf ist aufgrund des Verfassungsgebots von Artikel 5 des Grundgesetzes frei. Dieser Offenheit entsprechen unterschiedliche Wege in den Journalismus: Neben dem "klassischen" Zugang über ein in der Regel zweijähriges Volontariat bieten zehn, zum Teil verlagseigene Journalistenschulen und eine Vielzahl von universitären Studiengängen ein umfangreiches und heterogenes Ausbildungsprogramm an. Zusätzlich bestehen bei verschiedenen Bildungseinrichtungen studienbegleitende und überbetriebliche Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten; dazu gehören die Evangelische Medienakademie/cpa in Frankfurt a.M. sowie auf katholischer Seite das Institut zur Förderung des journalistischen Nachwuchses in München.

In der evangelischen Kirche gibt es folgende Möglichkeiten der journalistischen Aus- und Weiterbildung:

  • Seit Mitte der 50er Jahre bietet die Evangelische Medienakademie/cpa (früher Christliche Presseakademie) ein umfangreiches Fort- und Weiterbildungsprogramm für den journalistischen Nachwuchs, das seit den Anfängen von etwa 4.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern genutzt wurde. Eine besondere Bedeutung für den persönlichen und professionellen Kontakt von evangelischen Journalistinnen und Journalisten hat der "Freundeskreis der Christlichen Presseakademie e.V." Dieser Verein mit etwa 200 Mitgliedern bildet ein Netzwerk von Verbindungen zu einer Vielzahl von Journalisten, die in den verschiedensten Medien im deutschsprachigen Raum arbeiten.
  • Im Jahr 1995 wurde vom Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik als Teil der Evangelischen Medienakademie/cpa die Evangelische Journalistenschule in Berlin gegründet. Sie bietet im Zwei-Jahres-Rhythmus für 16 Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine praxisorientierte, volontariatsgleiche Ausbildung (mit Lehrredaktionen, Kursen und Praktika) an. Die Schülerinnen und Schüler werden während der Ausbildungszeit von profilierten Journalisten als Mentor/Mentorin begleitet.
         
  • An der Theologischen Fakultät der Universität Erlangen ist neben einer studienbegleitenden Zusatzausbildung in Christlicher Publizistik und Journalistik ein Ergänzungsstudiengang Journalistik / Evangelische Publizistik (drei Semester) mit dem Schwerpunkt Fach- und Wissenschaftsjournalismus eingerichtet worden.
         
  • Einige theologische Fakultäten bieten Lehrveranstaltungen zum Thema an. An der Universität Kiel gibt es ein Ausbildungscurriculum "Christliche Publizistik" in Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Presseverband Nord. Einer der praktisch-theologischen Lehrstühle an der Theologischen Fakultät München wurde 1996 mit dem Auftrag versehen, ein Lehrangebot in "Christlicher Publizistik" für Theologinnen und Theologen zu machen.
         
  • Die Evangelische Medienakademie/cpa bietet alle zwei Jahre eine halbjährige publizistische Zusatzausbildung für Pfarrerinnen und Pfarrer an.     
  • In einigen Landeskirchen wird Pfarrerinnen und Pfarrern eine Zusatzqualifikation in der publizistischen Arbeit ermöglicht.
         
  • Im Rahmen der Konferenz Evangelikaler Publizistik (kep) führt die Christliche Medienakademie (cma) in Wetzlar ein journalistisches Fortbildungsprogramm für die verschiedenen journalistischen Arbeitsfelder durch.

Diese vielgestaltigen Angebote sind bisher ohne ausreichende inhaltliche Koordination und Kooperation der verschiedenen Träger. Für die publizistischen Aufgaben und Arbeitsbereiche in den Landeskirchen gibt es bislang noch keine systematische Personalplanung.

Publizistisches Ziel

Die evangelische Kirche will dabei mitwirken, Grundlagen für einen professionellen, sozial verantwortungsbewußten Journalismus zu legen. Sie erwartet von der evangelischen Publizistik, daß journalistisch professionell und im Blick auf die Belange der Kirche kenntnisreich in den Medien gearbeitet wird. Sie weiß sich besonders der Förderung der Aus- und Fortbildung von Journalistinnen und Journalisten verpflichtet, die über Glauben und Leben der Christen sowie über Positionen, Themen und Lebensäußerungen der Kirche Bericht erstatten.

Empfehlungen:

  1. Die Aus- und Fortbildung von qualifizierten, für christliche und kirchliche Themen und Positionen kompetente Journalistinnen und Journalisten soll gesichert und gestärkt werden.
         
  2. Für die Vielzahl kirchlicher Verkündigungssendungen in den verschiedenartigen Programmen von Hörfunk- und Fernsehanbietern muß die Notwendigkeit einer rundfunkpublizistischen Professionalisierung von Autoren und Sprechern gesehen werden.
         
  3. Das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik soll eine wirkungsvolle, inhaltlich begründete Koordination und Kooperation der landeskirchlichen, EKD-weiten und universitären Aus- und Fortbildungsangebote erreichen.
         
  4. Der Auftrag der Evangelischen Medienakademie/cpa, die Kommunikation zwischen Medien, Kirche und Theologie auf journalistisch professioneller Basis zu organisieren, muß gestärkt und deren Kapazitäten sollen ausgebaut werden.
         
  5. Die verschiedenartigen Arbeitsfelder der evangelischen Publizistik, von Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit, erfordern eine systematische Personalplanung der Landeskirchen und eine Abstimmung mit den entsprechenden Organen der EKD. Es sollte in den Kirchen dafür gesorgt werden, daß sich geeignete Theologinnen und Theologen auch journalistisch qualifizieren können.
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