Predigt beim Deutschen Evangelischen Posaunentag in Dresden

Margot Käßmann

05. Juni 2016

Predigttext: Joh. 20,1922

Liebe Bläsergemeinde hier in Dresden,

kennt Ihr Angst? Richtige Angst, die Euch die Kehle zuschnürt? Da bleibt Dir die Luft weg! Ich habe das einmal erlebt. Da war eine Situation, in der ich nicht ein noch aus wusste. Ich dachte, ich sollte joggen, um mir selbst die Angst im wahrsten Sinne des Wortes zu vertreiben. Aber es ging gar nichts. Kein Fuß wollte sich vor den anderen setzen. Ich habe mich hingesetzt und um Atem gerungen. Ein schreckliches Gefühl.

Viele Menschen, die mit Angststörungen leben müssen, kennen solche Beklemmungen sogar mehrfach. Sie spüren, wie es losgeht, können aber nichts dagegen tun. Auch das habe ich erlebt, dass du einem anderen nicht wirklich helfen kannst in seiner Not. Er ringt mit der Angst, sie kämpft mit der Panikattacke – und du kannst nur da sein, dabei bleiben. Und du kannst mit ihm oder mit ihr nur hoffen, dass es einen Weg nach vorn gibt durch diese Angst hindurch….

Wir hören den Predigttext für heute aus dem Johannesevangelium so leicht – sie versammeln sich hinter verschlossenen Türen, die Jünger. Männer und Frauen waren das, erwachsene gestandene Leute. Sie waren aufgebrochen aus ihrem Leben, um Jesus nachzufolgen. Alles haben sie hinter sich gelassen, wie manche Flüchtlinge heute, die heute in unserem Land ankommen. Zurückgeworfen auf Punkt null. Das Geschäft, die Schule, das Studium, das schöne Haus – alles ist Vergangenheit. Sie erlebten, dass der Ruf von Jesus genau in die richtige Richtung weist. Und dann scheint alles schief zu gehen. Er wird er brutal ermordet. Es wird gefragt: „Wer gehört denn dazu?“ Und schon verleugnen sie ihn. Sie bekommen Angst um ihr eigenes Leben.

„Angst vor den Juden“ schreibt Johannes. Oh weh! Ein Schuss Antijudaismus ist leider von Anfang an präsent im Christentum. Leider ja auch bei Martin Luther, so sehr wir ihn schätzen. Dabei waren es nicht die Juden, die Jesus ermordet haben. Es war römisches Recht, nach dem er verurteilt wurde. Er hatte die staatliche Ordnung gefährdet.

Die Angst seiner Schülerinnen und Schüler war wohl einerseits die Angst, selbst verfolgt, verhaftet, verurteilt zu werden, weil sie sich zu Jesus bekennen. Und das ist leider eine Angst, die es auch heute noch gibt. Menschen müssen sehr real um ihr Leben fürchten in vielen Ländern dieser Erde, wenn sie sich als Christen zeigen. Ja selbst in Flüchtlingsunterkünften hier in Deutschland sollen Christen wegen ihres Glaubens bedroht worden sein.

Aber da ist auch die Angst, dem Leben eine falsche Richtung gegeben zu haben. Wäre es vielleicht besser gewesen, in allem Frieden Fischer zu bleiben am See Genezareth, statt diesem Rabbi aus Nazareth zu folgen? Jetzt bin ich mit diesen Menschen zusammen. Gut, wir haben eine Gemeinschaft gebildet, Brot und Wein geteilt. Aber am liebsten wäre ich jetzt doch bei meiner realen Familie.

Ich denke, auch solche Angst können wir nachempfinden. Habe ich einen falschen Weg eingeschlagen? Hätte ich in diese Stadt ziehen sollen? War es richtig, sie zu heiraten? Wollte ich wirklich Kinder mit ihm? Hätte ich nicht studieren sollen, statt diesen Job anzunehmen? Ist da noch „Luft nach oben“ in meinem Leben?

So sitzen sie da eingesperrt mit ihren Ängsten und eingesperrt durch ihre Angst. Da kommt Jesus und sagt: „Friede sei mit euch!“ Das ist ja eigentlich eine echte Provokation: sehr lustig, „Friede sei mit euch“! Weißt du eigentlich, wie es uns geht? Kannst du das überhaupt verstehen? Hast du eine Ahnung, was wir durchmachen? Das ist nun das Besondere am christlichen Glauben. Die Antwort lautet: Ja, er kann und ja, er hat.

Er kennt solche Angst, weil er selbst im Garten Gethsemane gebetet hat, der Kelch möge an ihm vorüber gehen. Und er hat eine Ahnung, weil er am Ende elendiglich gestorben ist da am Kreuz, gefoltert, hilflos.

Angst essen Seele auf – so heißt ein Stück von Rainer Werner Fassbinder. Mit Brigitte Mira wurde es wunderbar verfilmt. Im Westdeutschland der 70er verlieben sich die Putzfrau Emmi und der 20 Jahre jüngere marokkanische Automechaniker Ali ineinander. Sie heiraten. Und sie werden der vollen Wucht von Hass, Anfeindung und Neid ausgesetzt. Sie haben Angst, ihnen wird Angst gemacht und Seelen werden verletzt.

Solchen Menschen in Angst ruft Jesus bis heute zu: „Friede sei mit euch!“ das ist sozusagen seine Visitenkarte. Schon, als er lebend unter ihnen war, hat er das gesagt. Aber er sagt es auch nach seinem Tod und wird offenbar genau an dieser Friedensbotschaft erkannt. Da gibt es gar kein Erschrecken im Johannesevangelium, sondern nur ein Erkennen über die Grenze des Todes hinweg. Das beeindruckt mich. Die Grenze des Todes wird durch die Liebe überschritten. Wenn du jemanden liebst, ist er durch den Tod nicht völlig entzogen. Du sprichst mit ihm, du hast den Eindruck, sie ist präsent. „In diesem Moment“, sang Roger Cicero, „fühl ich, dass du gerade da bist….“.

Am Ende des Textes bläst Jesus die Verängstigten an und übergibt ihnen gewissermaßen Geistkraft. Ruah heißt das hebräisch, es ist die Geistkraft, die beschwingt, lebendig macht und ermutigt. Oft wird dieser Geist, der heilig heißt, weil er zu Gott gehört, als Taube dargestellt. Sie schwebt, sie fliegt, und sie gibt uns Kraft, nicht nur auf den Boden zu starren, sondern nach oben zu schauen, manches in unserer Welt aus anderer Perspektive zu sehen, aus Gottes Perspektive.

Unter offenem Himmel feiern wir hier im Stadion in Dresden Gottesdienst. Die Luft, der Atem, sie spielen eine große Rolle in den Liedern, die wir miteinander gespielt und gesungen haben. Lasst uns Luft holen! Schauen wir in den Himmel. Es gibt auch diese Leichtigkeit des Geistes, der Taube, der Liebe, der Luft und des Glaubens.

Wir feiern diesen großartigen Deutschen Posaunentag auf dem Weg zum Reformationsjubiläum 2017. Wenn ich Botschafterin für dieses Jubiläum bin, dann sind Sie alle das auch! Posaunenchöre sind so richtig evangelisch, ja Kennzeichen unserer Kirche.

Ich erinnere mich gut an das Jahr 2000. Damals war ich Bischöfin der hannoverschen Landeskirche und die Weltausstellung fand in Hannover statt. Die Leiterin Birgit Breuel rief mich an und sagte: Frau Käßmann, die EXPO läuft so schleppend an. Könnte ihre Kirche nicht vielleicht am Pfingstsonntag versuchen, den zentralen Platz zu füllen? Solche Herausforderungen liebe ich! Und tatsächlich haben sich nach einer Umfrage ganz schnell etliche Posaunenchöre zusammengefunden. Gut, wir hatten auch noch Desmond Tutu als begnadeten Prediger, aber die Atmosphäre, die Posaunenchöre schaffen können, sie ist einzigartig. Und sie hat die EXPO-Plaza in Hannover zum lebendigen Ort werden lassen!

Ich habe das selbst als Jugendliche erlebt. Wir waren eine Familie gewissermaßen jenseits der Familie. Wir haben zusammen gespielt als Junge und Alte, haben tolle und langweilige Gottesdienste mitgestaltet, standen frierend am Volkstrauertag auf dem Friedhof und stolz beim Landesposaunentag in der großen Gemeinschaft. Ganze Familien in drei Generationen haben mitgespielt. Und ich erinnere mich sehr gern, wie sich da eine zarte Beziehung zwischen mir als Bass mit dem Quartventil und dem im Ansatz wesentlich geübteren Tenor da angebahnt hat. Und das soll ja bis heute so sein auf Kirchentagen und Posaunentagen ;)….

Wir sind Gesandte. Wie Jesus sich vom Vater gesendet weiß, so sendet er uns, heißt es im Text. Was kann das anderes heißen, als dass wir heute und hier für unseren Glauben einstehen sollen? Es mag ja sein, dass wir Angst haben. Christsein ist heute nicht mehr selbstverständlich. Manche belächeln uns. Du meine Güte, in einer technologisierten Welt der Raumfahrt und der sozialen Netzwerke an Gott glauben – das ist doch lachhaft. Da bekommen wir Angst. Ist es vielleicht falsch, an Jesus Christus zu glauben?

Ich kann nur sagen: Zweifeln ist erlaubt! Martin Luther ist nun gerade dafür eingetreten, dass jeder Mensch selbst denken darf und in Glaubens und Gewissensfragen frei ist. Wir müssen unseren Verstand nicht an der Kirchentür abgeben. Das ist mir wichtig in einer Zeit, in der Fundamentalismus um sich greift: Wir sollen, dürfen, können selbst lesen, selbst denken, Fragen stellen zum Glauben. Fundamentalismus sagt – in welcher Religion auch immer : Glaub oder stirb. Reformatorischer Glaube sagt: Lass uns diskutieren, ringen, reden.

Für den Glauben einstehen, kann aber auch ziemlich politisch sein. Wenn hier in Dresden die sogenannte PegidaBewegung immer wieder erklärt, sie verteidige das christliche Abendland, dann müssen wir klar sagen: Nein, ihr nicht! Und das können die Posaunen ruhig mal im Ton klar unterstreichen wie damals in Jericho. Die Mauern des Rassismus, der Ausgrenzung und des Fremdenhasses, sie werden nicht im Namen des christlichen Glaubens errichtet. Nein! Der christliche Glaube bringt solche Mauern zum Einstürzen, weil er etwas weiß von Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Weil Jesus sagt, im Jüngsten Gericht werden wir erkennen, dass wir ihn beherbergt haben, wo wir Mensch in Not, Fremde und Flüchtlingen beistehen.

Martin Luther sagte über die Musik: „Nichts auf Erden ist wirksamer, sie macht die Traurigen fröhlich und die Fröhlichen traurig, die Verzagten herzhaft, reizt die Hochmütigen zur Demut, stillt und dämpft die hitzige und übermäßige Liebe, mindert Hass und Neid.“[1] Das ist doch eine großartige Aufgabe auch für Posaunenchöre! Die Reformation war auch eine Beteiligungsbewegung. Oft demonstrierten Gemeinden, dass sie zum reformatorischen Glauben übergetreten sind, indem die Gemeinde begann, mitzusingen. Solche Beteiligungskultur brauchen wir ganz aktuell wieder. Dass Menschen mitmusizieren, mitsingen, den Gottesdienst mitgestalten. Ich bin überzeugt, es würde auch heute reformatorisch wirken, wenn sich Gottesdienst so erneuert.

Lasst uns das Jubiläumsjahr 2017 nutzen zur Erinnerung, zum Beatmen durch den Heiligen Geist, zur Erneuerung. Wir können die Luft nach oben ja spüren, wenn wir begeistert sind‚ wenn wir uns anhauchen lassen von diesem Geist. Sage mir jetzt niemand, das sei ein schräges Bild. Es wird sich zeigen, welcher Geist die Europameisterschaft ab nächste Woche regiert, der von Geld und Korruption oder der von sportlichem Weltbewerb der europäischen Völkergemeinschaft? Was ist mit dem Geist einer Firma – geht es um Gier oder um Solidarität? Was ist mit dem Geist eines Hauses – kommt der eiskalt rüber oder ist da eine Seele spürbar?

Der Geist des christlichen Glaubens kann spürbar sein in unserer Gesellschaft, davon bin ich überzeugt. Und er hängt nicht an Zahlen oder Geld. Er hängt an der Frage, ob wir die Türen aufmachen und das „Friede sei mit euch“ wirken lassen. Denn wenn wir solchen Frieden in unserem Leben spüren, können wir die Welt verändern. Und ich meine nicht weniger als das!

Ja, der Geist, den Jesus uns mitgegeben hat, das ist der Geist der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit. Es ist der Geist, der uns Mut macht, auch in der Minderheit, ja selbst in Angst zu unserem Glauben zu stehen. Es ist ein Geist, der rebellisch macht gegen Rassismus und Fremdenhass. Ein Geist, der uns zu Trompete, Posaune und Horn greifen lässt: We shall overcome, wir können und werden überwinden, was da ist an Angst, Ausgrenzung und Verzagtheit in unserem Leben, unserem Glauben und in unserer Welt. Denn wir haben „Luft nach oben“.

Amen.


Fußnoten:
1 Zitiert nach: Margot Käßmann (Hg.), Schlag nach bei Luther, Frankfurt 2012, S. 87.