Weihnachtspredigt

Johannes Friedrich

(St. Matthäus, München, 1. Johannes 3,1-6)

1 Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen - und wir sind es auch! Darum kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht.
2 Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.
3 Und ein jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist.
4 Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht.
5 Und ihr wisst, dass er erschienen ist, damit er die Sünden wegnehme, und in ihm ist keine Sünde.
6 Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt.


Liebe Gemeinde,

heute vor einer Woche war ich in Bethlehem. Ich sah die acht Meter hohe Mauer rings um die Stadt herum. Wir fuhren mit dem Auto durch eine Grenzkontrollanlage, die mich fatal daran erinnert, so etwas schon mal gesehen zu haben, und blieb darin stecken. Der kontrollierende Soldat hatte versehentlich gemeint, ich dürfe noch nicht weiterfahren. Aus dem Boden schossen scharfe Metallspitzen, die meinen Auspufftopf absägten, von oben fiel eine Schranke auf unser Auto.

Auf dem Rückweg – das Auto mussten wir in Bethlehem lassen – gingen wir dann zu Fuß durch die Kontrollen, wie es jeder Palästinenser, der in Jerusalem arbeitet, jeden Morgen tun muss: wie durch einen langen Löwenkäfig mit fünf Drehkreuzen, ohne einen einzigen Menschen zu sehen – gespenstisch.

Warum ist das so?
Nun, die Israelis haben Angst vor Selbstmordattentätern und tun alles, was Ihnen vernünftig zu sein scheint, um sich vor ihnen zu schützen. Ich kann das verstehen, auch wenn ich menschenunwürdig finde, was da passiert. Immerhin scheint es zu helfen.

Das Miteinanderleben zweier Nachbarvölker, zweier Brudervölker, scheint augenblicklich nicht anders möglich zu sein als mit Hilfe solcher „Sperranlagen“, wie man sie dort euphemistisch nennt.

Brudervölker?
Muslime, Juden und auch Christen, die dort leben, beanspruchen alle, Kinder Gottes zu sein. Sind sie alle Gottes Kinder? Ist es ein normaler Zwist unter Geschwistern, was dort abläuft?

Der 1. Johannesbrief will etwas anderes sagen. Seine Aussage: wir sind schon Gottes Kinder  soll nicht eine Aussage über die Menschen und ihre Verbundenheit untereinander skizzieren, sondern eine Aussage über Gott. Gott liebt uns so, wie ein Vater, eine Mutter sein, ihr Kind liebt. Das ist eine Aussage, deren Wahrheitsgehalt wir an Weihnachten hören und feiern. Und es ist eine Aussage, die unser Handeln und Leben bestimmen muss. Gottes Liebe zu uns verändert unser Leben.

Der 1. Johannesbrief ist dabei nicht unrealistisch – visionär.
Er weiß, wie wir Menschen sind. Er wendet sich an Christen, die sich selbst für Heilige halten. Vor unserem Predigttext heißt es z.B.:

9 Wer sagt, er sei im Licht, und hasst seinen Bruder, der ist noch in der Finsternis.
10 Wer seinen Bruder liebt, der bleibt im Licht, und durch ihn kommt niemand zu Fall.
11 Wer aber seinen Bruder hasst, der ist in der Finsternis und wandelt in der Finsternis und weiß nicht, wo er hingeht; denn die Finsternis hat seine Augen verblendet.

Nachdem wir in Bethlehem schließlich doch noch durch die Kontrolle gekommen waren, überquerten wir den weihnachtlich geschmückten Marktplatz zur Geburtskirche. Ich bückte mich tief, um durch die niedrige Tür in die Kirche zu gelangen. Viele Menschen drängten sich dort, um diesen Ort zu besuchen, an dem die Geburt Jesu angebetet wird. Dort gab es orthodoxe Mönche und armenische Mönche, die versuchten, die  Besucher jeweils in ihren Teil der Kirche zu ziehen: brüderliche Liebe unter Christen? Sie ist offensichtlich nicht das Normale.

Ich bin jedes Mal von neuem berührt von der Geburtskirche. Und am meisten hat mich in Bethlehem immer die niedrige Tür zur Geburtskirche beeindruckt. Wir können den Ort, an dem Jesu Geburt verehrt wird, nicht betreten, wenn wir nicht klein, wenn wir nicht demütig werden. Denn in Jesu Geburt zeigt sich uns, dass der unfassbar große Gott ganz klein, ganz Mensch wurde. Das kleine Kind in der Krippe von Bethlehem konnte zum Retter der Welt werden, weil Gottes Liebe so groß ist, dass sie alle tödlichen Gewalten überwunden hat. Mit der kleinen Tür inmitten der dunkel aufragenden Mauern öffnet sich für uns ein Tor, hinter dem das Geheimnis der Menschwerdung Gottes aufstrahlt.

Mit dieser Menschwerdung sind aber eben die Konflikte in dieser Welt noch nicht vorbei – nicht die Konflikte zwischen den Völkern und Religionen, nicht die Konflikte unter Christen, schon gar nicht die unter den Christen in Bethlehem, und nicht die Konflikte in der eigenen Gemeinde. Mit der Menschwerdung Gottes sind die Menschen nicht plötzlich alle Heilige geworden. Mit der Menschwerdung Gottes sind nicht einmal die Menschen, die an diesen Gott und an seinen in Bethlehem Mensch gewordenen Sohn Jesus glauben, Heilige, Menschen ohne Fehler. Dafür hielten sich wohl die Christen, an die der 1. Johannesbrief geschrieben wurde. Jedenfalls scheinen sie sich nicht besonders darum bemüht zu haben, auch als Glaubende ein entsprechendes Leben zu führen. Insbesondere die Bruderliebe haben sie offenbar nicht sehr ernst genommen.

Wie steht es damit bei uns? Hat Weihnachten, dieses Fest, das wir alle so gern und so intensiv und gefühlsselig feiern, irgendeine Auswirkung auf unser Leben? Hat die Geburt Jesu etwas zu tun mit unserer Verantwortung für diese Welt? Ist unser Handeln bestimmt von der Bruderliebe, das heißt von der Liebe zu allen Menschenkindern?

Daran muss ich immer wieder zweifeln, wenn ich höre, wie die Armut in unserem reichen Deutschland immer größer wird. Gerade Familien mit mehreren Kindern und geringem Einkommen, ja Familien mit mehreren Kindern überhaupt  gehen ein Armutsrisiko ein. Eine Gesellschaft jedoch, die Ja zur Familie und Ja zu Kindern sagt, muss diese auch stärken, darf es jedenfalls nicht geschehen lassen, dass Kinder zum Armutsrisiko werden. Zudem ging vor wenigen Tagen durch die Presse, dass jedes Kind, das geboren wird, für den Staat unter dem Strich, rein ökonomisch betrachtet, 77.000 Euro Gewinn bedeutet. Es ist also sowohl familienpolitisch hoch problematisch wie auch ökonomisch kleinkariert, gerade diesen Bereich restriktiv zu behandeln. Ich kann hier nur wiederholen, was ich auch in meinem Bischofsbericht vor der Landessynode gesagt habe: Kinder und Jugendliche sind eine Zukunftsinvestition. Geld ausgegeben wird vom Staat allemal. Es kommt darauf an, wofür. Die Bruderliebe, von der in unserem Predigttext die Rede ist, erlaubt jedenfalls nicht, an den Schwachen so zu sparen, dass sie in die Armut abdriften. Und Kinder sind nun einmal die Schwächsten, weil sie sich noch nicht selbst helfen können, sondern auf die Eltern und die Gesellschaft angewiesen sind.

Wenn wir am Ausgang nach dem heutigen Gottesdienst für evangelische Schulen sammeln, fördern wir damit einen wichtigen Beitrag unserer Kirche, die Situation von Kindern und Jugendlichen zu verbessern. Bildung und Ausbildung und vor allem die Schulgemeinschaft als soziale Voraussetzung erhöhen die Zukunftschancen von Kindern und Jugendlichen. Auch dies ist ein Aspekt des Themas „Bruderliebe“.

Genauso bin ich immer wieder entsetzt darüber, wie die Bruderliebe in unserer Kirche gehandhabt wird. Da ärgert sich jemand über seinen Pfarrer – und beschwert sich beim Bischof – anstatt den Bruder Pfarrer selbst anzusprechen. Da ist jemand mit einer Aktion von Jugendlichen, die er nur aus der Zeitung kennt, nicht einverstanden – und tritt aus der Kirche aus.

In der Gemeinde, an die der Brief damals gerichtet war, schien es ähnlich gewesen zu sein. Der Verfasser des 1. Johannesbriefs erinnert sie darum daran, dass sie Kinder Gottes sind. Das ist nun doch nicht einfach nur eine theologische Feststellung, es ist auch eine Aufforderung an uns. Und zwar eine deutlichere Aufforderung, als wenn uns hier mit einem Imperativ etwas befohlen würde.

Nein, dieser Indikativ von Gottes väterlicher Liebe zu uns hat eine hohe Verbindlichkeit: „Wer in ihm bleibt, sündigt nicht!“ Der reißt die Mauern zwischen sich und seinem Bruder, seiner Schwester, ein, dem ist das Schicksal der Kinder in unserem Land nicht gleichgültig, die unsere Liebe brauchen.

Mein Besuch in Bethlehem letzte Woche hat mir die Mauern zwischen den Menschen deutlich vor Augen geführt, die realen und die mentalen – auf beiden Seiten des Konflikts. Und diese Mauern gibt es überall auf der Welt – auch bei uns.

Haben wir keine Chancen, sie abzureißen? Die palästinensischen Christen haben wenig Hoffnung, dass die Mauer verschwindet. Müssen wir  im Hinblick der Mauern zwischen den Menschen genauso depressiv sein?

Nein, denn hier macht uns unser Predigttext Mut:
An Weihnachten, liebe Gemeinde, feiern wir ja gerade die Gotteskindschaft eines besonderen Kindes. Ein Kind, das noch ganz anders als wir alle Kind, Sohn Gottes, ist: Jesus, der im Stall von Bethlehem in großer Armut geboren wurde. 

Wir alle kennen die Geschichte seiner Geburt von Kindesbeinen an. Ja, wir kennen sie vielleicht sogar besser als unsere eigene. Als kleines Kind ist uns dieser Jesus nahe, weil er uns auf eine besondere Weise an unsere eigenen Kinder – und auch an unsere eigene Kindheit erinnert.

Aber dieser Jesus ist nicht nur Kind und Mensch. Er ist auch Gottes Sohn. Als solcher gehört er zu Gott dem Vater und Gott dem Heiligen Geist. Als solcher gehört er zu dem Geheimnis, das wir den dreieinigen Gott nennen. Und der ist uns - anders als das Kind in der Krippe - fern und unfasslich – trotz seiner großen Liebe zu uns. Zwischen ihm und uns besteht eben ein unendlich großer Unterschied. Genau dieser Unterschied macht es uns auch so schwer, seine Liebe zu spüren und  unser Leben davon bestimmt sein zu lassen. Doch dieser Unterschied zwischen Gott und Mensch, dieser Unterschied zwischen Jesus als dem Sohn Gottes und uns als den Kindern Gottes wird eines fernen Tages aufgehoben werden.

Ganz kühn formuliert Johannes: Wir werden ihm gleich sein. Denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Das ist die Zukunft, auf die wir zugehen, liebe Gemeinde.

Am Weihnachtsfest werden wir daran erinnert, dass wir nicht  für immer an einen unsichtbaren Gott glauben müssen. In der Geburt Jesu ist dieser Unterschied schon einmal aufgehoben worden. Und es wird die Zeit kommen, da werden wir ihn sehen, von Angesicht zu Angesicht, wie die Hirten das Kind in der Krippe gesehen haben. Es wird die Zeit kommen, da werden wir zu ihm treten wie die Weisen aus dem Morgenland zu ihm an seine Krippe getreten sind, um ihn anzubeten. Es wird die Zeit kommen, da werden wir bei ihm sein als Gleiche unter Gleichen: Gottes Sohn mitten unter Gottes Kindern. Darum: Seht schon heute, welche Liebe uns der Vater erwiesen hat!
Amen.