"Welche Bedeutung hat die Religion für die Gesellschaft?"

Vortrag am Studieninstitut des Landes Niedersachsen

Sehr geehrte Damen und Herren,

welche Bedeutung hat die Religion für die Gesellschaft? Auf diese Frage soll ich heute antworten. Wer so fragt, geht davon aus, dass Religion eine Bedeutung in der Gesellschaft hat. Das sehen nicht wenige anders und verkünden deshalb mehr oder weniger lautstark, Religion sei Privatsache. Sie ahnen, dass ich dem widersprechen will.

„Mit jeder Religion verbindet sich ein umfassender Anspruch. Es gibt keine Religion, die ohne Konsequenzen für die Lebensführung bleibt. Insofern hat jede Religion auch eine politische Dimension. Sie betrifft nicht nur das private, sondern auch das öffentliche Leben.“ Dieser Feststellung des ehemaligen Ratsvorsitzenden der EKD, Wolfgang Huber, kann meines Erachtens kaum widersprochen werden. Was er abstrakt formuliert, drückt die ZEIT-Journalistin Evelyn Finger konkret aus. Im Blick auf den Glauben stellte sie vor zwei Jahren fest: „[Der Glaube] eignet sich dazu… Kriege zu entfachen und ganze Länder zu verheeren – wie in Syrien; eine Bevölkerung zu spalten und Gotteshäuser zu brandschatzen – wie in Ägypten; autokratische Regime zu stützen – wie in Russland und im Iran. Andererseits eignet sich der Glaube aber auch, politische Probleme mit einer Klarheit zu benennen, zu der die Politik schon lange nicht mehr fähig war: etwa die europäischen Flüchtlingsgesetze infrage zu stellen und eine weltweite Debatte über soziale Gerechtigkeit auszulösen – wie es der neue Papst getan hat“. (28.12.2013)

Man muss diese Analyse nicht vollständig teilen. Ich persönlich tue das weitgehend, wenngleich ich finde, man könnte die Rolle der Religionen noch deutlich positiver darstellen. Jedenfalls ist deutlich: Religion ist zwar eine höchst persönliche Angelegenheit, aber sie hat mannigfaltige Auswirkungen auf die Gesellschaften dieser Welt. Sie ist eben keine Privatsache.

Natürlich kann man mit Blick auf viele der von Evelyn Finger beschriebenen Ereignisse – und die neue Dynamik der Gewalt durch den IS gehört zweifellos dazu – sagen, dass Religion heute schlicht machtpolitisch missbraucht und instrumentalisiert wird. Diese Instrumentalisierung hat es nachweislich zu allen Zeiten gegeben. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Religionen – oder besser: ihre jeweiligen Repräsentanten - nicht auch mit verantwortlich wären für das, was im Namen ihres Glaubens geschieht. Und hier kommt der zweite Teil der Beobachtung von Evelyn Finger zum Tragen: das Potenzial des Religiösen im Blick auf politische Fragestellungen, der Beitrag der Religion zur Prävention oder Lösung von Konflikten.

Ich möchte mich heute – und ich vermute, das entspricht Ihren Erwartungen an meinen Beitrag – mit der Bedeutung von Religion nicht aus der weltpolitischen und auch nicht aus einer historischen Perspektive, sondern im Blick auf die heutigen Gegebenheiten in Deutschland und aus christlicher Perspektive befassen und meine Ausführungen wie folgt gliedern:

1. Die christlichen Kirchen als Stützen der Gesellschaft
2. Die christlichen Kirchen als Stützen der Demokratie
3. Die Herausforderungen durch die wachsende Zahl von Muslimen in Deutschland

I. Die christlichen Kirchen als Stützen der Gesellschaft

Die christlichen Kirchen unterscheiden sich von vielen anderen gesellschaftlichen Kräften dadurch, dass sie Sinn stiften. Sie stützen, trösten und begleiten viele Millionen Menschen in unserem Land durch die Verkündigung des Evangeliums, und sie bieten ihnen eine geistliche und soziale Heimat in der Gemeinde. Das ist ihre erste und vornehmste Aufgabe. Aber das ist längst nicht alles: Das Christentum kann gar nicht anders, als in die Gesellschaft hinein wirken. Es kann sich nicht in eine weltentrückte Spiritualität zurückziehen und es kann sich nicht mit der Rolle des „persönlichen Glücksbringers“ zufrieden geben. Das Christentum stellt den Menschen nämlich als Beziehungswesen in den Mittelpunkt. Aus der Beziehung zu Gott werden wir Christen immer auf die Beziehung zu unserem Nächsten verwiesen. Als Jesus einmal gefragt wird, welches das höchste Gebot im jüdischen Gesetz sei, antwortet er: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Matth. 22, 37-40)

Das Evangelium ruft Christenmenschen also in aller Freiheit in die Verantwortung für Schöpfung und Mitmenschen; Christin oder Christ zu sein bedeutet für viele Gläubige, sich besonders für Schwache, Kranke, Alte – für Menschen am Rande der Gesellschaft einzusetzen. Der Beitrag, den Christen aufgrund ihres Glaubens für unsere Gesellschaft leisten, lässt sich nicht beziffern. Messbar ist allenfalls das, was in den Wirkungsbereich von Diakonie und Caritas fällt: Ich nenne hier nur die evangelische Seite: Den Dienst von etwa 465.000 hauptamtlich in diakonischen Einrichtungen Beschäftigten nehmen rund 10 Millionen Menschen in Anspruch. Von der karitativen Dimension der christlichen Religion zieht unser Gemeinwesen mehrfachen Gewinn: Es profitiert von der besonderen Kompetenz der Mitarbeitenden von Diakonie und Caritas, von dem finanziellen Eigenanteil, den die Kirche in verschiedenen Bereichen erbringt, und insbesondere von dem zusätzlichen Engagement der rund 700.000 Freiwilligen, die in den diakonischen Einrichtungen tätig sind . Hier stellen Kirche und Diakonie Ressourcen für alle Bürgerinnen und Bürgern zur Verfügung.

Einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag erbringen die Kirchen auch in Bildung und Kultur. Die verfasste Kirche engagiert sich als Trägerin von Schulen, Hochschulen, Akademien und Kindertagesstätten. Die Nachfrage nach diesem religiös geprägten Dienst an der Gesellschaft ist groß: Entgegen dem Trend wächst zum Beispiel die Zahl der evangelischen Kindertagesstätten und –horte. (auf nunmehr knapp 8606 Einrichtungen. Jeder sechste Platz einer Kita wird von der evangelischen Kirche getragen.) Kirche und Diakonie tragen darüber hinaus 1.134 evangelische Schulen aller Schulformen .

Im Kulturbereich bringen die katholische und die evangelische Kirche jährlich erhebliche Mittel auf, nämlich zwischen 3,5 und 4,8 Milliarden Euro . Das entspricht in etwa dem Betrag, den alle Bundesländer zusammen pro Jahr zur Verfügung stellen. Mit dem Denkmalschutz und der Musik seien hier nur zwei Bereiche genannt, in denen sich die Kirche besonders engagiert.

Das Eintreten der christlichen Kirchen und ihrer Mitglieder für soziale Belange erschöpft sich indes nicht in individueller oder organisierter Mildtätigkeit und Fürsorge. Immer geht es – wie schon im eingangs genannten Zitat von Evelyn Finger deutlich wurde - auch um gerechte Strukturen. „Wer Gott und seinen Nächsten lieben will, der kann die Politik nicht draußen lassen! Wenn jemand Not leidet, muss ich fragen, wie diese Not überwunden werden kann.“ Dies sagte der Vorsitzende des Rates der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, im evangelischen Magazin „chrismon“ (November 2013). Unsere Religion motiviert also auch zu sozialanwaltlichem, politischem Handeln in der Gesellschaft. Auch der Zusammenhang von christlicher Prägung und politischem Engagement lässt sich nicht in Zahlen fassen. Man kann jedoch fragen, ob  etwa der hohe Anteil evangelischer und katholischer Christen in der derzeitigen Bundesregierung Zufall ist. Ich glaube das nicht.

Kirchlicherseits ist das politische Engagement höchst vielfältig und, wie Sie vielleicht schon einmal festgestellt haben, bisweilen auch vielstimmig. „Gottes Wort schenkt uns – bis auf wenige Ausnahmen – keine eindeutigen ethisch-politischen Handlungsanweisungen. Das Evangelium wirkt wie ein Kompass, nicht wie ein Navi!“, so formulierte es der vormalige EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider. Diesen Kompass immer wieder das Blickfeld von Verantwortungsträgern in der Politik zu rücken, ist Aufgabe der von mir geleiteten Dienststellen in Berlin und Brüssel und der Dienststellen am Sitz der Landesregierungen. Ich pflege unseren Dienst als ein Engagement auf drei Ebenen zu beschreiben. Zum einen wollen wir Kirche in der Politik sein – mit Gottesdiensten, Andachten, Seelsorge, Bildungsveranstaltungen und anderem mehr. Zweitens wollen wir Einfluss auf die politische Meinungsbildung nehmen und bringen dabei konsequent die Perspektive der Schwachen und Schwächsten ins Spiel. Schließlich achten wir darauf, dass die institutionellen Interessen der Kirche gewahrt werden. Insbesondere melden wir uns zu Wort, wenn wir das Verhältnis von Staat und Kirche – nach dem Grundgesetz steht der weltanschaulich neutrale Staat den Kirchen in fördernder Neutralität gegenüber – missverstanden sehen. Wenn Sie es möchten, entfalte ich das noch näher in der anschließenden Aussprache.

II. Die christlichen Kirchen als Stützen der Demokratie

Der Beitrag der christlichen Religion zur Unterstützung unseres Gemeinwesens ist heute existenziell verwoben mit dessen demokratischem Charakter. Die freiheitliche demokratische Staatsform entspricht dem christlichen Menschenbild. Nach christlichem Verständnis hat Gott jedem Menschen, weil er Mensch ist, eine unverlierbare und unzerstörbare Würde verliehen. Diese Würde ist unabhängig von dem, was ein Mensch denkt, glaubt oder tut. Dies ist den Kirchen schmerzhaft spät deutlich geworden. Erstmals 1985, also erst vor dreißig Jahren, formuliert der Rat der EKD in der Denkschrift „Evangelische Kirche und freiheitliche Demokratie“ die Überzeugung, dass eine demokratische Verfassung auf der Grundlage einer klaren Unterscheidung von Staat und Religion am ehesten in der Lage ist, der Menschenwürde zu entsprechen . Konsequent ist es im Sozialwort der Kirchen von 1997 als zentrales Anliegen bezeichnet, „zu einer Verständigung über die Grundlagen und Perspektiven einer menschenwürdigen, freien, gerechten und solidarischen Ordnung von Staat und Gesellschaft beizutragen“ . Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität sind nach christlichem Verständnis wesentliche Prägekräfte einer „guten“ Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund ist es kein Zufall, dass die Kirchen bei der Friedlichen Revolution von 1989 eine zentrale Rolle gespielt haben.

Die christliche Religion kann ihre Wirkmacht am besten in demokratischen Strukturen entfalten; umgekehrt ist der freiheitliche demokratische Staat auf diese Wirkmacht der Religion angewiesen. In der Schrift „Demokratie braucht Tugenden“ aus dem Jahr 2006 heißt es: „Die Vorstellung, in einer Ordnung der Freiheit könne jeder ohne Rücksicht auf das Ganze seinen Interessen nachgehen, weil die Regeln aus eigener Kraft im Stande seinen, einen vernünftigen Ausgleich zu bewirken, ist zwar weit verbreitet… aber sie ist illusionär.“  Die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft hängt nicht nur von den Strukturen ab, die sie sich einmal gegeben hat. Es gilt, diese Strukturen zu erhalten, auszufüllen und, wo nötig, zu modifizieren. Die Kirchen bringen ihre religiösen Überzeugungen in den Prozess gesellschaftlicher Orientierung und Wertbildung en. Dadurch wirken sie mit an der Erneuerung und Fortbildung von Grundhaltungen, ohne die gerade die Demokratie nicht existieren kann. Als Quellen eines die Gesellschaft „verbindenden Ethos“ tragen sie zur Stabilität des Staates bei. Natürlich ist die christliche Religion nicht die einzige Quelle, die demokratiestützende Werte hervorbringt. Aber sie ist eine wesentliche. Hier möchte ich Bundestagspräsidenten Norbert Lammert zitieren, der so trefflich gefragt hat: „Aufgeklärte Religionen als herausragende Vermittler ethischer Standards – wer anderes als sie könnte für Prinzipien wie Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit, Gewaltlosigkeit oder Gleichberechtigung im eigentlichen Sinn des Wortes ‚glaubhaft’ einstehen?“ 
Die Verantwortung, den freiheitlichen Staat zu stützen und zu schützen, kommt allen Bürgerinnen und Bürgern unseres Gemeinwesens zu – unabhängig von ihrer Religionsgebundenheit. Das Bewusstsein für diese Verantwortung ist jedoch nicht angeboren, sondern muss erlernt werden. Elternhäuser, Kindergärten und Schulen haben die Aufgabe, die Einstellung der heranwachsenden Generationen zu unserer Gesellschaft entsprechend zu prägen. Auch bei diesem Bildungsauftrag kann der christlichen Religion und der Kirche als ihrem institutionellen Gewand eine Schlüsselrolle zukommen. Von der Vielzahl evangelisch getragener Kindertagesstätten und Schulen habe ich eben schon gesprochen. Besonders große Bedeutung hat in diesem Zusammenhang aber auch der Religionsunterricht. Dieser Unterricht kommt nicht allein evangelischen oder katholischen Schülerinnen und Schülern zugute. In Sachsen beispielsweise hat sich der Anteil derjenigen, die am Religionsunterricht teilnehmen, von 4 Prozent im Jahr 1992 auf fast 25 Prozent im Jahr 2012 gesteigert. Das bedeutet, dass in vielen Lerngruppen ein erheblicher Teil der Schüler nicht konfessionell gebunden ist. Auch in anderen Bundesländern erreichen die Kirchen im Religionsunterricht oftmals mehr Menschen als sie Mitglieder haben.

Gerade in einer Zeit unüberschaubarer Flüchtlingsbewegungen nach Deutschland und eines Erstarkens aggressiver Abwehrreflexe – „Pegida“ hat wieder deutlich Auftrieb bekommen! - wächst der Erziehung zu einem religiös toleranten, verständnisvollen und friedlichen Zusammenleben beinahe stündlich Gewicht zu. Auch und insbesondere an den Schulen sind Antworten nötig auf die Frage, wie die Pluralität der Herkünfte und Weltanschauungen in ein gemeinsames Lernen und Leben integriert werden kann. Der religiös motivierte und damit authentische Beitrag zu Sinnstiftung, Verständigungsfähigkeit und Toleranz, den Religionslehrerinnen und -lehrer leisten, wird immer wichtiger. Ebenso wichtig ist es, weiterhin Möglichkeiten und Wege zu finden, wie der Islam sich an dieser Herausforderung beteiligten kann. Deshalb:

III. Die Herausforderungen durch die wachsende Zahl von Muslimen in Deutschland

Die Diskussionen darüber, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht, sind vom Gang der Ereignisse überholt. Die allermeisten Flüchtlinge, die derzeit in Deutschland ankommen, sind Muslime. Viele von ihnen werden sich bei uns beheimaten, und so wird auch der Islam hierzulande noch stärker Raum greifen. Was bleibt, ist die Frage, wie genau die Rolle beschaffen sein wird, die der Islam in unserer Gesellschaft einnehmen kann.

Ausgehend von den drei Grundsätzen: Religionsfreiheit, weltanschauliche Neutralität des Staates und Selbstbestimmung der Religionsgemeinschaften garantiert unser Grundgesetz die Freiheit und Gleichberechtigung aller Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften gegenüber dem säkularen Staat. Die staatliche Neutralität gegenüber den Religionsgemeinschaften, die das Bundesverfassungsgericht eine „fördernde“ nennt, beinhaltet im Sinne einer Kooperation im Interesse der Bürgerinnen und Bürger zahlreiche „Schnittstellen“ zwischen Kirche und Staat. Ich nenne exemplarisch den Kirchensteuereinzug durch den Staat, den Religionsunterricht und die Theologischen Fakultäten an staatlichen Hochschulen sowie die Seelsorge in der Bundeswehr und in Justizvollzugsanstalten. Dieses gewachsene Verhältnis muss nun auf seine Integrationsfähigkeit im Blick auf den Islam (oder auf die Integrationsfähigkeit des Islam im Blick auf die bewährten Strukturen) überprüft und neu begründet werden. Wer darf beim Einzug seiner Mitgliedsbeiträge die Hilfe des Staates in Anspruch nehmen? Wie groß darf die Unabhängigkeit einer Religionsgemeinschaft bei der Ausbildung von Geistlichen sein? Wer darf Religionsunterricht an öffentlichen Schulen erteilen und wer ist zur Seelsorge in staatlichen Institutionen wie der Bundeswehr oder dem Justizvollzug berechtigt?

Selbstverständlich können für nicht-christliche Religionsgemeinschaften keine anderen Maßstäbe gelten als für die christlichen Kirchen. Die Unterstützung, die der Staat letzteren zukommen lässt, ist an bestimmte Grundvoraussetzungen gebunden. So ist etwa der Einzug der Kirchensteuer durch den Staat vom Status der Körperschaft des öffentlichen Rechts abhängig – den im Übrigen schon heute beispielsweise auch die jüdischen Kultusgemeinden, die Zeugen Jehovas, die muslimische Ahmadiyya-Gemeinde  und der Humanistische Verband Niedersachsen haben, der nach dem Mittagessen hier auf dem Podium vertreten sein wird. Das ist wichtig, weil das Verfahren, Mitgliedsbeiträge als Kirchensteuer einzuziehen, ein öffentlich-rechtliches ist. Ebenso wichtig ist es, dass die Ausbildung von Geistlichen und Religionslehrern in verlässlicher Kooperation der staatlichen Seite mit Vertretern von Religionsgemeinschaften erfolgt, die eine gewisse Verfasstheit haben und einen Großteil der Gläubigen – und damit auch deren Glaubensrichtung – repräsentieren.

Die Fragen nach einer angemessenen Aufnahme des Islam in die vorhandenen Strukturen werden uns noch lange beschäftigen. Aus Sicht der Evangelischen Kirche ist es für den Zusammenhalt unseres Gemeinwesens unerlässlich, zu einer praktikablen und für alle Seiten sinnvollen Lösung zu kommen. Gern beteiligen wir uns daher an allen Debatten und der Suche nach Antworten zu diesem Thema.

Die mit der Frage nach der Integration des Islam verbundene erneute Betrachtung und Bewertung des bestehenden Staats-Kirche-Verhältnisses in Deutschland bestätigt meiner Ansicht nach dessen Güte. Hier weiß ich mich in guter Gesellschaft: Im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung meiner Dienststelle hat Bundespräsident Norbert Lammert vor drei Wochen gesagt, dass das Verhältnis von Kirche und Staat nie „souveräner und besser“ war als heute. Allein dieses Zusammenspiel zu analysieren und zu würdigen, wäre einen gesonderten Vortrag wert.

Lassen Sie mich zum Schluss kommen. Ich hoffe, vermittelt zu haben, dass unsere Gesellschaft die Religionen braucht. Sie braucht ihre Wirkkräfte und sie braucht religiöse Toleranz. Es entspricht dem Kern des christlichen Glaubens, dass Menschenwürde, Menschenrechte und damit Religionsfreiheit den Gläubigen aller Religionen zustehen. Gegenseitiger Respekt und die Absage an jegliche Form von Gewalt zum Erreichen religiöser Zwecke sind Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben in unserer zunehmend pluralen Gesellschaft und - und jetzt richte ich den Blick doch über den nationalen Tellerrand hinaus - für den Frieden zwischen Völkern, Kulturen und Religionen. Diese Voraussetzungen zu erhalten ist Aufgabe aller, gerade auch der Religionen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.