Die Botschaft von Schuld und Vergebung weitertragen durch die Generationen

Deutsch-polnischer Friedensgottesdienst in Warschau erinnert an deutschen Überfall auf Polen 1939

Hochrangige Repräsentanten deutscher und polnischer Kirchen beim Friedensgottesdienst in Warschau. Die stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus erteilt den Abschlusssegen.

Die stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende, Präses Annette Kurschus (M.) und der polnischen Bischof Jerzy Samiec (re. neben Kurschus)

Warschau (epd). Viele Besucher der Warschauer Trinitatiskirche sind Polen, die das Grauen durch die deutschen Nationalsozialisten noch selbst erlebt haben. Neben ihnen sitzen Gäste aus Deutschland, die sich in Versöhnungsprojekten engagieren. Vor einem Kreuz stehen Präses Annette Kurschus, die stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und Bischof Jerzy Samiec, Präsident des Polnischen Ökumenischen Rates. 80 Jahre nach dem Überfall des nationalsozialistischen Deutschlands auf Polen geht es in dem Friedensgottesdienst am 31. August um Schuld und Vergebung, aber auch um einen gemeinsamen Weg in die Zukunft.

„Offen und aufrichtig bekennen wir uns zu dieser Geschichte und zu der Verantwortung, die uns daraus zuwächst: für die Versöhnung mit unseren polnischen Nachbarn und den Frieden in Europa“, sagt die westfälische Präses, die bei der EKD Beauftragte für die deutsch-polnischen Beziehungen ist. Wichtig sei ein gemeinsames Erinnern von Deutschen und Polen. Sie würdigt zugleich „Schritte der Versöhnung, die wir aufeinander zu und gemeinsam mit unseren polnischen Nachbarn gehen durften“.

Mit Hoffnung in die Zukunft blicken

Auch der polnische Bischof Samiec erklärt, dass neben der Erinnerung ein Blick auf das Engagement zur Versöhnung gerichtet werden müsse. Zusammenarbeit, gegenseitiges Lernen und Freundschaften zwischen den jungen Generationen beider Länder „ermöglicht es uns, mit Hoffnung in die Zukunft zu blicken und ein gemeinsames Bauen des künftigen Europas zu erwarten“.

Der Friedens- und Gedenkgottesdienst von EKD und dem Polnischen Ökumenischen Rat lässt auch Menschen zu Wort kommen, die für das Leid, aber auch für Vergebung und Versöhnung stehen. „In meinem Unterbewusstsein kann ich immer noch ihre Schreie hören“, erzählt Stanislaw Zalewski, der in KZ-Jacke und -Mütze in der Kirche steht. Als Gefangener im KZ Auschwitz-Birkenau musste er zusehen, wie Frauen des Lagers auf Lastwagen geschoben und zum Krematorium gefahren wurden, wo sie vergast wurden.

Aus einer anderen Perspektive erzählt der 81-jährige Theologe Hans-Henning Neß, wie seine Familie aus dem Kreis Breslau im Jahr 1946 vertrieben wurde. Der heute in Göttingen lebende Theologe engagiert sich in zahlreichen deutsch-polnischen Initiativen, wie der „Gemeinschaft evangelischer Schlesier“. Aus der Erfahrung der Vertreibung wuchs sein Engagement, Kontakte zu den Menschen in den ehemaligen Ostgebieten zu knüpfen und sich für ein friedliches Zusammenleben der Menschen einzusetzen, wie er berichtet.

Prozess der Aussöhnung seit den 60er Jahren

Die Versöhnung zwischen Deutschen und Polen ist Kurschus auch persönlich ein Anliegen. „Deutsch-polnische Geschichte zieht sich durch meine Familie“, erzählt die westfälische Präses. Ihr aus Königsberg (Kaliningrad) stammender Vater war mit seiner Familie nach Masuren im heutigen Polen gezogen. Von dort flüchtete die Familie im Januar 1945 über Dänemark nach Hessen. Die Familie pflegte intensive Kontakte zur ehemaligen Heimat und den inzwischen dort lebenden Menschen.

Von den Kirchen beider Länder ging bereits in den 60er Jahren ein Prozess der Aussöhnung aus, der sich später auch in der Politik der beiden Staaten niederschlagen sollte: 1965 schrieben polnische Bischöfe der katholischen Kirche an die deutschen Bischöfe, dass sie Vergebung gewähren und selbst um Vergebung baten. Im gleichen Jahr beklagte die EKD in ihrer Ostdenkschrift das Unrecht gegenüber deutschen Vertriebenen, empfahl jedoch zugleich, das Heimatrecht der polnischen Bevölkerung in den Gebieten jenseits der Oder-Neiße-Linie anzuerkennen.

„Die Geschichte weitergeben ohne Hass“

Dass Versöhnung möglich ist, dafür stehen die 96-jährige Warschauerin Alina Dabrowska und die 18-jährige Hannah Westphal. Dabrowska hat fünf KZs überlebt, wie sie bei einem Treffen vor dem Gottesdienst erzählt. „Die Zeit im KZ Auschwitz hat noch immer einen besonderen Platz in meinem Gedächtnis“, sagt sie. Heute erzählt sie Schülern in Deutschland von dieser Zeit. „Mir ist wichtig, die Geschichte weiterzugeben ohne Hass“, sagt sie.

Im Rahmen der Frankfurter Versöhnungs- und Begegnungsinitiative „Zeichen der Hoffnung“ hat die 18-jährige Hannah Westphal als Freiwillige bei der evangelischen Gemeinde in Krakau begonnen. Sie lernt die polnische Sprache und freut sich auf die Begegnungen. Auch wenn sie keine persönliche Schuld für die Verbrechen des Nationalsozialismus fühle, empfinde sie jedoch als Deutsche eine Verantwortung, unterstreicht sie.

Holger Spierig (epd)