Die Geschichte des Gesangbuchs

Gesangbücher aus 500 Jahren in Karlsruher Ausstellung

Ohne Lieder hätten sich Martin Luthers reformatorische Gedanken nicht so unter den Leuten verbreiten lassen und manche konfessionelle Ausprägung und damit die Vielfalt unserer Gottesdienste würde es ohne Lieder und Musik nicht geben.

Bereits 1524 erschienen die ersten charakteristischen Liederbücher. Einzelne Lieddrucke wurden im Achtliederbuch in Nürnberg zusammengefasst. Das Erfurter Enchiridion sammelt den kleine, wachsenden auswendige gesungenen lutherischen Liederstamm. Im gleichen Jahr entstand auch schon eine erste Chorsammlung für fünf Stimmen in fünf Büchern. Die Vorlage für die weitere Entwicklung von Gesangbüchern war ein Gesangbuch von Valentin Babst, ein Prachtexemplar aus Leipzig von 1545. Hier waren bereits Lieder aus den verschiedensten Regionen gesammelt. Von da an gibt es eine reiche Geschichte regionaler Bücher. Für die reformierte Geschichte war der Genfer Psalter von 1562 prägend. Er wurde 1573 von Ambrosius Lobwasser übersetzt. Eine wesentliche Veränderung in der reformierten Tradition entstand erst mit einer Neudichtung des Psalters von Matthias Jorrissen 1798.

Viele Lieder aus den Sammlungen des 16. Jahrhunderts finden sich bis heute im Evangelischen Gesangbuch und prägen die evangelische Frömmigkeit.

Dies gilt auch für die Liedersammlungen des 17. Jahrhunderts, die die Werke von Johann Crüger und Paul Gerhardt beinhalten. Crügers Hauptwerk, ein Gesangbuch mit dem Titel „Praxis pietatis melica“ war das wichtigste Gesangbuch des 17. Jahrhunderts und erlebte auch damals beeindruckende 44 Auflagen.

Im Freylinhausen‘schen Gesangbuch von 1704/14 in Halle wird deutlich, dass die Sprache wichtiger als die Melodien geworden ist: Zu 683 Texten gibt es 174 Melodien. Es sind Melodien, die den Geist der Barockzeit atmen und nicht allen zu ihrer Zeit gefielen.

Die Vielfalt ist groß geworden und so bemüht sich Nikolaus Graf von Zinzendorf, Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine und selbst Dichter zahlreicher Lieder, um ein konfessionsverbindendes Liederbuch. In London gelang ihm sogar eine Sammlung von 2168 Liedern. 1837 schafft Albert Knapp eine Sammlung mit ca. 3500 Liedern.

Hier werden Sie zur Bayerischen StaatsBibliothek digital geführt:
Evangelischer Liederschatz für Kirche, Schule und Haus. Eine Sammlung geistlicher Lieder aus allen christlichen Jahrhunderten.

Bei so viel Auswahl gelang es der Eisenacher Konferenz (Konferenz der evangelischen Kirchenleitungen) 1854 eine Kernliederliste mit 150 Liedern zu erstellen. Eine Vielzahl dieser Lieder stammt von Martin Luther und Paul Gerhardt, daneben ist aber eine Vielzahl von Komponisten und Autoren vertreten.

Immerhin sieben dieser Lieder gehören auch noch zu einer Kernliederliste von 2006, im Evangelischen Gesangbuch finden sich noch viel mehr (z.B. „Dies ist der Tag, den Gott gemacht“, oder „Gelobet seist du Jesu Christ“).

Anfang des 20. Jahrhunderts gab es eine aktive Liturgie- und Singbewegung, die viele neue Liederbücher hervorbrachte.

Auch die Gesangbuchgeschichte erlebte ein dunkles Kapitel zur Zeit des Nationalsozialismus, als die Deutschen Christen versuchten, ihre Inhalte in ein eigenes Kirchengesangbuch hineinzuschreiben. Bis heute werden manche Textveränderungen dieser Zeit diskutiert.

Nach dem Krieg wurde ein neues Gesangbuchkapitel aufgeschlagen: Die Evangelische Kirche in Deutschland schaffte 1950 erstmals ein Einheitsgesangbuch mit unterschiedlichen Regionalanhängen. Die neuen Musikbewegungen der 60er Jahre, das katholische Gotteslob von 1975 (ebenfalls ein Einheitsgesangbuch), ökumenische Weiterarbeit und viele theologische Gespräche führten zu dem jetzt vertrauten Evangelischen Gesangbuch, das zwischen 1993-1996 in allen Evangelisches Landeskirchen in Deutschland und zum Teil in den deutschsprachigen Gemeinden im europäischen Ausland eingeführt wurde.

Mehrere 1000 neue Lieder in den letzten 30 Jahren, viele davon in den Kirchentagsliederheften erschienen, dazu die vielen neuen technischen Selbstverständlichkeiten führten nicht nur 2013 zur Einführung eines neuen Gotteslobs auf katholischer Seite, sondern regten auch die evangelische Diskussion an. Die meisten Gesangbuchprozesse im letzten Jahrhundert haben 10 und mehr Jahre gedauert. Insofern wird auch das jetzige EG noch eine Weile die Gemeinden begleiten. Und sicher ist: es gibt auch nach fast 30 Jahren noch Neues zu entdecken!