Engagiert gegen Kinderarmut

Die KiTa „Arche Noah“ in Lambrecht (Rheinland-Pfalz) reagiert auf den gesellschaftlichen Wandel.

KiTa Lambrecht - Außengelände

Im Pfälzerwald haben viele Fabriken geschlossen. Die wirtschaftlichen Folgen für viele Familien bekommt die „KiTa Arche Noah“ deutlich zu spüren. Zum einen wird sie mehr und mehr Anlaufstelle für Sorgen und Nöte der Familien; zum anderen wird ein reichhaltiges Essensangebot immer wichtiger. In enger Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirchengemeinde sorgt sie dafür, dass Kindern und Eltern christliche Werte vermittelt werden. „Wir pflegen einen wertschätzenden Umgang mit den Kindern, wir vermitteln ihnen die Individualität jedes Einzelnen und fördern einen christlichen sozialen Umgang miteinander“ heißt es im Leitbild. Sprachförderung und Waldpädagogik gehören zu den Schwerpunkten der KiTa.

Uschi Theis

„Wir fördern Kinder – und geben ihnen zu essen.“

Uschi Theis
Leiterin der KiTa „Arche Noah“


Lambrecht war einmal eine sehr wohlhabende Gemeinde. Mittlerweile sind viele Fabriken geschlossen. Die Folgen spüren wir auch in unserer KiTa. Täglich sind wir mit Kindern aus sozial benachteiligten Familien konfrontiert. Uns wurde klar: Darauf müssen wir reagieren. Wir wollen für Familien auch Anlaufstelle für ihre Sorgen und Nöte sein. Dies bedeutet für unsere Arbeit allerdings auch eine große zeitliche und oft auch emotionale Belastung. Oft müssen eigentliche Arbeiten vertagt oder unerledigt bleiben, weil die Not der Menschen so groß ist und keinen Aufschub duldet. Ich freue mich, dass wir uns ein großes Vertrauenspotential in der Elternschaft erarbeitet haben.

Gerne hören wir uns die Nöte der Eltern an und begleiten sie dabei, die richtige Anlaufstelle für ihre Sorgen zu finden: Sozial- und Lebensberatungsstelle, Schuldnerberatung, Kontakt zum Frauenhaus, Erziehungsberatungsstelle, Familienhilfe. Oft ist es nötig, den ersten Besuch zu begleiten, da die Scheu der Menschen zu groß ist und sie diesen Weg nicht alleine schaffen. Aus den Nöten der Eltern resultieren ja auch die Nöte der Kinder, die sich uns als Kinderarmut zeigt.

Die zeigt sich auch beim Thema Essen. Die Mahlzeiten im Kindergarten sind für einige Kinder oft das einzige warme Essen des Tages. Wir stellen immer wieder fest, dass Kinder riesige Portionen vertilgen. Durch das schnelle „Herunterschlingen“, scheint es, als hätten sie das Bedürfnis auf Vorrat zu essen und Angst davor zu haben, die Möglichkeit zu verpassen, sich noch einmal nachschöpfen zu können. Wir bieten den Kindern aus diesem Grund drei Mahlzeiten am Tag.

Viele Rückmeldungen zeigen mir: Dieser Weg ist der richtige für Lambrecht. Unser Engagement gegen Kinderarmut ist kein Projekt, sondern gehört zu unserem Gesamtkonzept.

Martin Groß

„Wir haben ein Herz für jedes einzelne Kind“

Martin Groß (38)
Pfarrer der Kirchengemeinde Lambrecht-Lindenberg

Die „Arche Noah“ ist ein Kristallisationspunkt dessen, was sich gesellschaftlich abspielt. Nicht nur im Bereich Armut. Oft sind wir auch bei anderen Fragestellungen erster Ansprechpartner. Es geht beispielsweise um familiäre Konflikte, um das Einhergehen von Arbeitswelt und Elternschaft oder um allgemeine Erziehungsfragen.

Die KiTa Arche Noah ist in bestem Sinn ein Begegnungsort. Hier kommen Menschen – Kinder und Eltern! - zusammen, die sich sonst vermutlich nie im Leben über den Weg laufen würden. Das Elterncafé, der Kleiderbasar, man begegnet sich. Auch in den Familiengottesdiensten, die zweimal im Jahr in der Kirche stattfinden und von der KiTa mit vorbereitet werden. Hier kommen auch wir als Kirchengemeinde mit Menschen in Kontakt, die wir sonst nicht erreichen. Auch mit Flüchtlingsfamilien.

Insofern ist die KiTa ein Segen für den Gemeindeaufbau. Wenn ich den KiTa-Kindern später im Religionsunterricht in der Grundschule begegne, sind sie auch als Konfirmanden noch da.

Mit der KiTa ist unsere Kirchengemeinde mittendrin im Netzwerk von Kommune, Landkreis und Kirche. Hier werden auch Visionen entwickelt, die Lambrecht guttun. Zuletzt die Idee eines Familienzentrums mit umfassenden Beratungsangeboten.

Aus diesen Gründen ist es gut, dass die KiTa ein Schwerpunkt meiner Arbeit als Pfarrer ist. Hier lässt Kirche das Evangelium Wirklichkeit werden. Wir hoffen, dass die Weite und Offenheit, die wir dort versuchen zu leben, ausstrahlt: Wir haben ein Herz für jedes einzelne Kind.

Bettina Seckler

Achtsam sein für einander und die Umwelt

Bettina Seckler (54)
Pädagogische Fachkraft

Mir liegt die Interkulturelle Arbeit mit den KiTa-Kindern sehr am Herzen. In unserer KiTa erleben die Kinder: Vielfalt ist nicht etwas Exotisches, sondern Teil des Alltags. Es wird nicht nur von anderen Kulturen und Religionen erzählt – die Kinder erleben sie täglich. Dass sie sich über diese Vielfalt austauschen, ist mir ein großes Anliegen. Wir sprechen auch über Vorurteile, die machen ja nicht vor den KiTa-Türen halt. Da ist es eine Herausforderung, nachzufragen und die Kinder zum Weiterdenken anzuregen. Etwa wenn es um die Frage geht, ob ein Kind türkisch oder deutsch ist. Dann hake ich nach: Was ist denn Deutschsein, was Türkischsein? Kinder denken sehr grundlegend darüber nach, haben oft eine größere Offenheit als Erwachsene. Kinder sind ja ständig dabei, ihr Weltbild zu konstruieren. Dabei unterstützen wir sie.

Auch die Sprachbildung- und förderung ist ein großes Thema. Zu uns kommen auch Kinder, die kein Deutsch sprechen. Alle machen dann die grundlegende Erfahrung: Man kann ja eine Sprache lernen! Sie erleben das Bemühen, das dahinter steht. Dann erleben sie: Vor einem halben Jahr konnte ich mich noch nicht unterhalten, jetzt beginnen wir uns beim Frühstück über unsere Wochenenderlebnisse auszutauschen.

Sehr gerne gehe ich mit den Kindern in den Wald. Wir möchten Kinder auf die Zukunft vorbereiten, die auch in ihrer natürlichen Umgebung anders sein wird als heute. Wir konfrontieren Kinder nicht gleich mit dem Thema Klimawandel , auch wenn Bildung für nachhaltige Entwicklung ein Teil unserer waldpädagogischen Arbeit ist. Es geht vielmehr zunächst darum, Achtsamkeit zu entwickeln, mit den eigenen Sinnen, mit dem Körper spüren, was Natur bedeutet. In Achtsamkeitsübungen hören wir beim Morgenkreis im Wald das Singen der Rotkehlchen - wir hören, riechen und schmecken die Natur.

Draußen findet noch mehr Verständigung als in den KiTa-Räumen statt. Die Kinder reden mehr miteinander, helfen sich gegenseitig zum Beispiel den Berg rauf. Es macht mir große Freude hier Impulse zu geben und Entwicklungen anzustoßen.

Mit den Kindern draußen zu sein, erlebe ich als eine sehr kostbare Zeit.

Kontakt:

Prot. Kindertagesstätte und Hort „Arche Noah“
Matthias-Erzberger-Str. 8
67466 Lambrecht (Pfalz)

Website: Prot. Kirchengemeinde Lambrecht-Lindenberg 
E-Mail: kita.lambrecht@evkirchepfalz.de

Trägerin: Protestantische Kirchengemeinde Lambrecht-Lindenberg
Landeskirche: Evangelische Kirche der Pfalz 

„Kinder in der Mitte. Evangelische Kindereinrichtungen: Bildung von Anfang an“: Mit dieser Handreichung ermutigt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) Verantwortliche in Kindertagesstätten, bei Trägern, im Sozialraum und in den Kirchengemeinden, ihre wichtige Rolle für die frühe Bildung und religiöse Sozialisation aktiv zu gestalten.

Cover: Kinder in die Mitte!

Evangelische Kindertageseinrichtungen: Bildung von Anfang an

Eine Handreichung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland
Hrsg. EKD, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 2020

In dieser Handreichung des Rates der EKD werden Kirchengemeinden und andere evangelische Träger früher Bildung ermutigt, die Qualität und Intensität ihrer frühen Bildungsangebote weiterzuentwickeln. Dazu gehören die Schärfung eines christlichen Profils, der Ausbau von Netzwerken sowie die Implementierung von Qualitäts- und Präventionskonzepten. In einem kurzen Praxisteil werden Anregungen zum Austausch und zur Ideenfindung rund um die evangelische Kindertagesstätte angeboten.

ISBN 978-3-374-06703-9
Preis 8,00 Euro

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