Die Sea-Watch 4 powered by United4Rescue auf ihrer finalen Testfahrt im Juli 2020.

Häufige Fragen

Rettungsschiff fürs Mittelmeer

Die EKD schickt mit dem Bündnis United4Rescue ein zusätzliches Schiff zur Rettung von Ertrinkenden ins Mittelmeer.

Das Seenotrettungsschiff lief im August 2020 zu seiner ersten Rettungsmission ins Mittelmeer aus. Aus einer Petition der größten kirchlichen Laienbewegung, dem evangelischen Kirchentag, wurde nun gut ein Jahr später Realität. Die wichtigsten Informationen zur Mission, zum Schiff und zum Seenotrettungsbündnis finden Sie im Folgenden.

  • Was für ein Schiff ist die „Sea-Watch 4“?

    Vor ihrem Einsatz als Seenotrettungsschiff war die „Sea-Watch 4“ ein Forschungsschiff und gehörte dem Land Schleswig-Holstein. Betrieben wurde die „Poseidon“ vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Das Schiff wurde 1976 gebaut, ist über 60 Meter lang und 11 Meter breit.

  • Wem gehört die „Sea-Watch 4“?

    Ermöglicht wurde der Kauf durch das zivilgesellschaftliche Bündnis „United4Rescue“. Betrieben wird es nun von der Seenotrettungsorganisation Sea-Watch, die Organisation ist seit der Schiffstaufe im Februar auch die Besitzerin. Das Schiff fährt unter deutscher Flagge.

  • Warum betreibt das Bündnis United4Rescue das Schiff nicht selbst?

    Weder das Bündnis United4Rescue noch der dazu gehörige Trägerverein haben die nötige Fachlichkeit. Das Bündnis United4Rescue verfolgt vier Ziele:
     

    1. Seenotrettung als humanitäre Nothilfe ermöglichen
    2. Kriminalisierung der Seenotrettung beenden
    3. Faire Asylverfahren für Geflüchtete
    4. Den “Sicheren Häfen” ihre angebotene Hilfe ermöglichen
       

    Das erste und das zentrale Projekt des Bündnisses heißt #wirschickeneinschiff – “von uns, von euch, von allen”, wie es in der Resolution beim Kirchentag in Dortmund heißt. Das geht am besten, wenn erfahrene Fachleute an die Arbeit gehen.

     

    Das zusätzliche Rettungsschiff muss mit großer Professionalität und Effizienz funktionieren, es geht immerhin um Menschenleben. Der Trägerverein Gemeinsam Retten e.V. ist froh, mit Sea Watch eine Partnerorganisation zu haben, die genau das leisten kann.

  • Wie viele Menschen kann das Schiff an Bord aufnehmen?

    Die „Sea-Watch 4“ kann etwa 300 Flüchtlinge an Bord unterbringen. Bei akuten Notfällen können es für kurze Zeit aber auch bis zu 900 sein. Es wird auf dem Schiff einen Schutzbereich speziell für Frauen und Kinder geben und eine Krankenstation, die zwei Behandlungsplätze umfasst.

  • Wer ist der/die Kapitän/in?

    Sea-Watch allein ist für das Crewing verantwortlich. Die Kapitäne wechseln regelmäßig, um Erholungszeiten zwischen den anstrengenden Rettungseinsätzen sicherzustellen.

  • Wird der Ratsvorsitzende beim ersten Einsatz dabei sein?

    Nein, der Ratsvorsitzende wird nicht bei Rettungseinsätzen dabei sein. Auf dem Schiff arbeiten nur Ehrenamtliche, die z.B. durch ihre medizinische oder nautische Ausbildung effektiv und sicher Menschen aus Seenotrettung bergen können.

  • Was hat das Schiff gekostet?

    Das Schiff hat im Bieterverfahren rund 1,3 Millionen Euro gekostet. Hinzu kommen die Kosten des Umbaus zum Rettungsschiff.

  • Wurde der Schiffskauf mit Spendenmitteln finanziert?

    Das Bündnis United4Rescue hat die Spenden für das Schiff eingeworben. Alle, die den Schiffskauf und die zivile Seenotrettung unterstützen wollen, können dafür spenden – ob nur einmal oder auch als Dauerspende.

    Der Betrag für den Kauf des Schiffes wird vor allem über Spenden finanziert. Kirchensteuern gehen von der EKD nur in den Aufbau des Bündnisses United4Rescue, nicht aber unmittelbar in das Schiff.

  • Ist gegenwärtig oder zukünftig ausgeschlossen, dass die Seenotretter neben einem europäischen Hafen auch einen nordafrikanischen Hafen ansteuern? Was spricht gegen Tunesien?

    Tunesien kann – wie auch Marokko – kein sicherer Hafen sein, weil es dort kein Asylsystem gibt. Amnesty International und andere Organisationen weisen auf staatliche Menschenrechtsverletzungen gegen Schutzsuchende hin. Das erste Gerichtsurteil zum Fall der Sea-Watch 3 und der Kapitänin Rackete bestätigt dies: Das italienische Gericht bestätigte, dass die Entscheidung eines Kapitäns, das libysche SAR-Gebiet in Richtung Italien zu verlassen, legitim ist, weil in Libyen und Tunesien keine „sicheren Häfen“ existieren. Vielmehr ist die Anlandung an einem Ort notwendig, an dem die Menschenrechte garantiert sind, angefangen beim Asylrecht. Tunesien bietet das nicht, auch wenn der UNHCR und lokale NGOs dort insgesamt gute Arbeit leisten und auch staatliche Behörden Fortschritte machen.

  • Ist es Aufgabe der EKD, sich in die höchst kontroversen politischen Einschätzungen, etwa über die Beurteilung Tunesiens, hineinzubegeben und auf der Basis solcher höchst kontroverser Einschätzungen politisch tätig zu werden?

    Menschen müssen in Sicherheit gebracht werden. So sieht es das internationale Seerecht vor! In den vergangenen Monaten wurde politisch alles daran gesetzt, die Rettung von Menschenleben zu verhindern und die zivile Seenotrettung zu kriminalisieren. Da darf Kirche nicht tatenlos zusehen. Vielmehr erinnert die EKD mit ihrem Handeln an Mitmenschlichkeit, Barmherzigkeit, an Solidarität mit Menschen in Not. Das eigentliche Signal der Initiative ist doch: Aufmerksam zu machen auf die Situation im Mittelmeer, das anhaltende Sterben tausender Menschen, die weitgehend tatenlose Politik, die auf europäischer Ebene immer noch keinen Verteilmechanismus finden konnte. Und auf die vielen Städte und Kommunen, die sich bereiterklärt haben, Bootsflüchtlinge aufzunehmen.

  • Wer gehört zu dem breiten gesellschaftlichen Bündnis?

    Mittlerweile gehören dem Bündnis mehr als 500 Organisationen und Unternehmen an. Partner sind neben der EKD und Sea-Watch, andere Seenotrettungsorganisationen wie Mission Lifeline und Sea-Eye sowie weitere Nichtregierungsorganisationen wie „Ärzte ohne Grenzen“. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund, die Diakonie und die Popband Revolverheld sind dabei. Außerdem ist das Bündnis ökumenisch und interreligiös. Neben zahlreichen Kirchengemeinden und der katholischen Laienbewegung „Wir sind Kirche“ zählen auch muslimische Verbände wie der Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland zu den Partnern. Unterstützung kommt auch aus der Wirtschaft, etwa vom Eishersteller Ben & Jerry's.

    Auf den Seiten von United4Rescue finden Sie eine Übersicht über die Mitglieder des Bündnisses.

  • Warum beteiligt sich die EKD an der Seenotrettung?

    Als Kirche und Diakonie sehen wir das Retten von Menschenleben als selbstverständliche Pflicht an. Es ist ein Gebot christlicher Nächstenliebe, Menschen, die aus ihren Heimatländern vor Krieg und Elend fliehen, nicht ihrem Elend zu überlassen. 

    Er antwortete und sprach: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst." (Lukas 10,27​​​​​​)​

  • Gibt es einen sogenannten Pull-Effekt?

    Nein, die Behauptung dass sich Menschen nur auf den Weg über das Mittelmeer begeben würden, weil es zivile Rettungsschiffe gibt (sog. "Pull-Effekt"), stimmt schlicht nicht:

    1. Die zivilen Rettungsorganisationen haben sich in Reaktion auf die zunehmende Zahl von Ertrunkenen gegründet.
       
    2. Auch mehrere Studien haben untersucht, ob sich eine Korrelation zwischen der Zahl der Schlauchboote und der Präsenz von Rettungsschiffen feststellen lässt - und konnten keinen Zusammenhang feststellen. So wurde der Pull-Effekt zum Beispiel wissenschaftlich in einer Studie vom Robert Schuman Centre for Advanced Studies aus Florenz widerlegt.
       
    3. Auch in den vergangenen Wochen dieses Sommers 2020 war wochenlang kein ziviles Rettungsschiff im Einsatz, während so viele Schutzsuchende wie lange nicht die gefährliche Überfahrt wagten und oft genug zum Beispiel Lampedusa erreichten. Würde es den Pull-Effekt geben, wäre dies nicht der Fall.
  • In welcher Form setzt sich die evangelische Kirche für die Bekämpfung der Fluchtursachen ein?

    Die evangelische Kirche und ihre Hilfswerke setzen sich schon seit Jahrzehnten für faire Lebensbedingungen in der ganzen Welt ein.

    Menschen fliehen vor Folter und Verfolgung, vor Ausbeutung und Unterdrückung, vor gewaltsamen Konflikten und den Folgen des Klimawandels. Die Gründe, die Menschen zur Flucht zwingen, sind vielfältig, ihre Bearbeitung eine langfristige Aufgabe, der sich die internationale Gemeinschaft stellen muss. Gleichzeitig müssen wir Verantwortung für jene Menschen übernehmen, die nach Europa kommen.

    Das Hilfswerk Brot für die Welt hat eine Übersicht zusammengestellt: mit Forderungen und exemplarischen Projekten, in denen die Kirche ganz konkret hilft: https://www.brot-fuer-die-welt.de/themen/fluchtursachen/

    Bereits im Januar 2016 forderte der Rat der EKD in einer Stellungnahme zur Situation von Flüchtlingen, die Beseitigung von Fluchtursachen. Darin heißt es: „Lösungswege sind die Beseitigung der Fluchtursachen, die zugesagte Unterstützung der Nachbarländer in Krisenregionen, die Verbesserung der Bedingungen in den Flüchtlingslagern und geordnete Aufnahmeverfahren.“ (https://www.ekd.de/20160122_stellungnahme_fluechtlinge.htm). Das sehen wir auch heute noch so. Dafür bedarf es jedoch einer Gesamtstrategie. Dafür setzen wir uns als Kirche mit unseren internationalen Netzwerken ein.