Die Sea-Watch 4 powered by United4Rescue auf ihrer finalen Testfahrt im Juli 2020.

Häufige Fragen

Rettungsschiffe fürs Mittelmeer

Die EKD unterstützt mit dem Bündnis United4Rescue die zivile Seenotrettung und schickt zwei zusätzliche Schiffe zur Rettung von Ertrinkenden ins Mittelmeer.

Das erste Seenotrettungsschiff, die Sea-Watch 4, lief im August 2020 zu seiner ersten Rettungsmission ins Mittelmeer aus. Aus einer Petition der größten kirchlichen Laienbewegung, dem evangelischen Kirchentag, wurde gut ein Jahr später Realität. 2021 hat United4Rescue mit der Sea-Eye 4 ein weiteres ziviles Rettungsschiff finanziert.

Die wichtigsten Informationen zu den Missionen, den Schiffen und zum Seenotrettungsbündnis finden Sie im Folgenden.

Letzte Aktualisierung: 1.9.2021

  • Besteht für die Sea-Watch 4 bei einem erneuten Anlanden mit Geflüchteten in Italien die Gefahr erneut festgesetzt zu werden?

    Das regionale Verwaltungsgericht Palermo hat entschieden, die Festsetzung der Sea-Watch 4 aufzuheben, solange der Europäische Gerichtshof die generelle Rechtmäßigkeit der Anwendung der europäischen Richtlinie zur Hafenstaatkontrolle auf humanitäre Schiffe prüft. Solange kann die Sea-Watch 4 nach ihrem nächsten Rettungseinsatz zumindest nicht mit derselben Begründung festgehalten werden. Der Blick auf die letzten Jahre zeigt, dass Rettungsschiffe mit immer neuen Mitteln und Begründungen behindert wurden. Das macht Prognosen kaum möglich.

  • Warum beteiligt sich die EKD an der Seenotrettung?

    Als Kirche und Diakonie sehen wir das Retten von Menschenleben als selbstverständliche Pflicht an. Es ist ein Gebot christlicher Nächstenliebe, Menschen, die aus ihren Heimatländern vor Krieg und Elend fliehen, nicht ihrem Elend zu überlassen. 

    Er antwortete und sprach: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst." (Lukas 10,27​​​​​​)​

  • In welcher Form setzt sich die evangelische Kirche für die Bekämpfung der Fluchtursachen ein?

    Die evangelische Kirche und ihre Hilfswerke setzen sich schon seit Jahrzehnten für faire Lebensbedingungen in der ganzen Welt ein.

    Menschen fliehen vor Folter und Verfolgung, vor Ausbeutung und Unterdrückung, vor gewaltsamen Konflikten und den Folgen des Klimawandels. Die Gründe, die Menschen zur Flucht zwingen, sind vielfältig, ihre Bearbeitung eine langfristige Aufgabe, der sich die internationale Gemeinschaft stellen muss. Gleichzeitig müssen wir Verantwortung für jene Menschen übernehmen, die nach Europa kommen.

    Das Hilfswerk Brot für die Welt hat eine Übersicht zusammengestellt: mit Forderungen und exemplarischen Projekten, in denen die Kirche ganz konkret hilft: https://www.brot-fuer-die-welt.de/themen/fluchtursachen/

    Bereits im Januar 2016 forderte der Rat der EKD in einer Stellungnahme zur Situation von Flüchtlingen, die Beseitigung von Fluchtursachen. Darin heißt es: „Lösungswege sind die Beseitigung der Fluchtursachen, die zugesagte Unterstützung der Nachbarländer in Krisenregionen, die Verbesserung der Bedingungen in den Flüchtlingslagern und geordnete Aufnahmeverfahren.“ (https://www.ekd.de/20160122_stellungnahme_fluechtlinge.htm). Das sehen wir auch heute noch so. Dafür bedarf es jedoch einer Gesamtstrategie. Dafür setzen wir uns als Kirche mit unseren internationalen Netzwerken ein.

  • Wer gehört zu dem breiten gesellschaftlichen Bündnis United4Rescue?

    Mittlerweile gehören dem Bündnis an die 800 Organisationen und Unternehmen an. Partner sind neben der EKD und Sea-Watch, andere Seenotrettungsorganisationen wie Mission Lifeline und Sea-Eye sowie weitere Nichtregierungsorganisationen wie „Ärzte ohne Grenzen“. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund, die Diakonie und die Popband Revolverheld sind dabei. Außerdem ist das Bündnis ökumenisch und interreligiös. Neben zahlreichen Kirchengemeinden und der katholischen Laienbewegung „Wir sind Kirche“ zählen auch muslimische Verbände wie der Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland zu den Partnern. Unterstützung kommt auch aus der Wirtschaft, etwa vom Eishersteller Ben & Jerry's.

    Auf den Seiten von United4Rescue finden Sie eine Übersicht über die Mitglieder des Bündnisses.

  • Warum betreibt das Bündnis United4Rescue die Schiffe nicht selbst?

    Weder das Bündnis United4Rescue noch der dazu gehörige Trägerverein haben die nötige Fachlichkeit. Das Bündnis United4Rescue verfolgt vier Ziele:
     

    1. Seenotrettung als humanitäre Nothilfe ermöglichen
    2. Kriminalisierung der Seenotrettung beenden
    3. Faire Asylverfahren für Geflüchtete
    4. Den “Sicheren Häfen” ihre angebotene Hilfe ermöglichen
       

    Das erste und das zentrale Projekt des Bündnisses war #wirschickeneinschiff – “von uns, von euch, von allen”, wie es in der Resolution beim Kirchentag in Dortmund hieß. Das geht am besten, wenn erfahrene Fachleute an die Arbeit gehen.

     

    Die mittlerweile 2 zusätzlichen Rettungsschiffe müssen mit großer Professionalität und Effizienz funktionieren, es geht immerhin um Menschenleben.

  • Wurde der Schiffskauf mit Spendenmitteln finanziert?

    Das Bündnis United4Rescue hat die Spenden für das Schiff eingeworben. Alle, die den Schiffskauf und die zivile Seenotrettung unterstützen wollen, können dafür spenden – ob nur einmal oder auch als Dauerspende.

    Der Betrag für den Kauf des Schiffes wird vor allem über Spenden finanziert. Kirchensteuern gehen von der EKD nur in den Aufbau des Bündnisses United4Rescue, nicht aber unmittelbar in das Schiff.

  • Ist gegenwärtig oder zukünftig ausgeschlossen, dass die Seenotretter neben einem europäischen Hafen auch einen nordafrikanischen Hafen ansteuern? Was spricht gegen Tunesien?

    Tunesien kann – wie auch Marokko – kein sicherer Hafen sein, weil es dort kein Asylsystem gibt. Amnesty International und andere Organisationen weisen auf staatliche Menschenrechtsverletzungen gegen Schutzsuchende hin. Das erste Gerichtsurteil zum Fall der Sea-Watch 3 und der Kapitänin Rackete bestätigt dies: Das italienische Gericht bestätigte, dass die Entscheidung eines Kapitäns, das libysche SAR-Gebiet in Richtung Italien zu verlassen, legitim ist, weil in Libyen und Tunesien keine „sicheren Häfen“ existieren. Vielmehr ist die Anlandung an einem Ort notwendig, an dem die Menschenrechte garantiert sind, angefangen beim Asylrecht. Tunesien bietet das nicht, auch wenn der UNHCR und lokale NGOs dort insgesamt gute Arbeit leisten und auch staatliche Behörden Fortschritte machen.

  • Ist es Aufgabe der EKD, sich in die höchst kontroversen politischen Einschätzungen, etwa über die Beurteilung Tunesiens, hineinzubegeben und auf der Basis solcher höchst kontroverser Einschätzungen politisch tätig zu werden?

    Menschen müssen in Sicherheit gebracht werden. So sieht es das internationale Seerecht vor! In den vergangenen Monaten wurde politisch alles daran gesetzt, die Rettung von Menschenleben zu verhindern und die zivile Seenotrettung zu kriminalisieren. Da darf Kirche nicht tatenlos zusehen. Vielmehr erinnert die EKD mit ihrem Handeln an Mitmenschlichkeit, Barmherzigkeit, an Solidarität mit Menschen in Not. Das eigentliche Signal der Initiative ist doch: Aufmerksam zu machen auf die Situation im Mittelmeer, das anhaltende Sterben tausender Menschen, die weitgehend tatenlose Politik, die auf europäischer Ebene immer noch keinen Verteilmechanismus finden konnte. Und auf die vielen Städte und Kommunen, die sich bereiterklärt haben, Bootsflüchtlinge aufzunehmen.

  • Gibt es einen sogenannten Pull-Effekt?

    Nein, die Behauptung dass sich Menschen nur auf den Weg über das Mittelmeer begeben würden, weil es zivile Rettungsschiffe gibt (sog. "Pull-Effekt"), stimmt schlicht nicht:

    1. Die zivilen Rettungsorganisationen haben sich in Reaktion auf die zunehmende Zahl von Ertrunkenen gegründet.
       
    2. Auch mehrere Studien haben untersucht, ob sich eine Korrelation zwischen der Zahl der Schlauchboote und der Präsenz von Rettungsschiffen feststellen lässt - und konnten keinen Zusammenhang feststellen. So wurde der Pull-Effekt zum Beispiel wissenschaftlich in einer Studie vom Robert Schuman Centre for Advanced Studies aus Florenz widerlegt. 
      Einer der führenden Autoren weiterer Studien, Matteo Villa - wissenschaftlicher Mitarbeiter am Italian Institute for International Political Studies (ISPI) -  hat auch einen Beitrag auf Deutsch in der ZEIT veröffentlicht.
    3. Auch in den vergangenen Wochen dieses Sommers 2020 war wochenlang kein ziviles Rettungsschiff im Einsatz, während so viele Schutzsuchende wie lange nicht die gefährliche Überfahrt wagten und oft genug zum Beispiel Lampedusa erreichten. Würde es den Pull-Effekt geben, wäre dies nicht der Fall.
  • Weitere Fragen zur Seenotrettung im Mittelmeer beantwortet auch die Seite „Fragen und Antworten“ des Bündnisses United4Rescue.