Innovative Ideen für Kirche (auf dem Land)

Jahrestagung des Fresh-X-Netzwerks in Magdeburg

Plenum der Fresh-X-Jahrestagung 2020 in Magdeburg

Rund 135 Menschen haben sich im Gemeindehaus der St.-Michael-Gemeinde in Magdeburg versammelt, um auf der Fresh-X-Jahrestagung über „Fresh Expressions of Church“ zu reden.

Innovation wird getrieben von Koffein – zumindest könnte man das glauben, wenn man die vielen Menschen sieht, die an der Kaffee-Bar Schlange stehen. Ungefähr 135 Menschen sind im Gemeindehaus der St. Michael Gemeinde in Magdeburg zusammengekommen, um auf der Jahrestagung der Fresh-X-Initiative über neue, innovative Formen von Kirche und Gemeinde zu sprechen und sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen. „Wir hatten dieses Mal sogar noch mehr Anmeldungen als im vergangenen Jahr“, erzählt Birgit Dierks, die Geschäftsführerin von Fresh X. Und dabei mussten die Veranstalter der Jahrestagung bereits im vergangenen Jahr zusätzliche Plätze schaffen, weil der Andrang größer war als vorhergesehen.

Die Teilnehmerschaft ist bunt gemischt – ältere und jüngere, hauptamtliche und ehrenamtliche, Männer und Frauen halten sich ungefähr die Waage. „90 Prozent der Teilnehmer und Teilnehmerinnen engagieren sich bereits in der Fresh-X-Bewegung und die anderen zehn Prozent sind neugierig. Die wollen gucken, ob das nicht auch was für sie ist“, so Dierks Einschätzung. Da das Fresh-X-Netzwerk überkonfessionell aufgestellt ist, finden sich sowohl unter den Teilnehmern als auch unter den Workshop-Gebern Protestanten, Mitglieder von Freikirchen und Katholiken gleichermaßen.

Zu den Neugierigen zählt auch Beate Bergmann aus Bad Schwartau in Schleswig-Holstein. Ihr Mann Klaus ist dort Pfarrer in einer SELK-Gemeinde (Selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche) und sie ist ehrenamtlich aktiv. Auf dem Kirchentag habe sie in einem Workshop von Fresh X gehört und das habe sie fasziniert. „Ich freue mich auf ganz viele Anregungen und Impulse für unsere Gemeindearbeit. Mich interessiert besonders, wie man neues wagen kann, ohne dabei alles Alte über Bord zu werfen“, erzählt Bergmann. Deswegen habe sie sich auch einen Workshop über die sogenannte „Mixed Economy“ ausgesucht, der genau das thematisiert.

Den leitet Martin Brändl. Er war lange Zeit in der Evangelischen Kirche in Württemberg mit der Projektpfarrstelle „Neue Aufbrüche“ betraut. Sein wichtigstes Anliegen: „Den Menschen klar machen, dass wir beides brauchen – die bewährte Form der Ortsgemeinde und frische Ideen für die Kirche.“ Neue Formen von Kirche und Gemeinde – seien es nun Fresh-X-Initiativen oder auch andere – müssen laut Brändl nicht als Gefahr wahrgenommen werden, sondern als Ergänzung.

Kirche in vielfacher Gestalt

Das Problem dabei: „In der deutschen Kultur des „Entweder Oder“ wird oft gegeneinander gestellt, was neben- und miteinander gedacht werden muss.“ Währenddessen sei das Denken der Engländer, die Fresh X entwickelt haben, weniger alternativ und eher komplementär. Dort werde Altes gepflegt und Neues gefördert. Ein Ansatz, der auch in Deutschland gut täte, wo sich „Neues“ durchsetzen oder „Altes“ rechtfertigen muss.

Denn, so Brändls These, in einer ausdifferenzierten Gesellschaft brauche es eine „Kirche in vielfacher Gestalt“. Er verweist dafür auf die Erkenntnis des ehemaligen anglikanischen Bischofs Graham Cray. Der schreibt in „Mission bringt Gemeinde in Form“, dass „dieses parochiale System allein nicht länger in der Lage ist, auf die Art und Weise missionarisch zu sein, die dem Auftrag der Kirche entspricht. Wir müssen uns der Realität stellen, dass heute viele verschiedene missionarische Ansätze nötig sind“. Orts- und Netwerkgemeinden müssten innerhalb eines größeren Gebiets partnerschaftlich zusammenarbeiten.

Und das geht Brändl zufolge, weil beide Gemeindearten unterschiedliche Vorteile mit sich bringen. „Die Stärke der Ortsgemeinde liegt darin, dass sie eine konkrete, sichtbare und verlässliche Gestalt der Kirche ist. Sie steht für Erreichbarkeit, Zugehörigkeit, Zuständigkeit und für ihre diakonische Arbeit, von der gerade die Menschen, die nicht mobil sind, profitieren“, sagt Brändl. Außerdem sei die Ortsgemeinde durch Ereignisse wie Taufe, Kindergottesdienst, Konfirmation oder Hochzeit Ausgangspunkt und Heimatort des persönlichen Glaubens für viele Menschen.

Ausprobieren und auf der Suche sein

Die lebenswelt-orientierten Formen machen laut Brändl deutlich, „dass Kirche mehr ist als ein Gebäude, ein Funktionsträger und eine zu erwartende Dienstleistung.“ Da diese Bewegungen selten auf Bestehendes zurückgreifen können, ist die Motivation große, auf Menschen zuzugehen. „Solche Initiativen sind getragen von der Sehnsucht, Menschen für sich zu gewinnen“, erklärt Brändl. Außerdem hätten sie in der Regel eine konkrete Zielgruppe, auf die sie ihr Angebot ausrichten. Diese Ausdifferenzierung helfe dabei, Menschen in Milieus zu erreichen, die nur schwer Zugang zur traditionellen Ortsgemeinde bekommen.

„Wie sich so ein neuer Aufbruch in der Kirche gestaltet, muss nicht überall gleich sein“, sagt Brändl. Es ginge im ersten Schritt vor allem darum, Dinge gemeinsam auszuprobieren und zusammen auf der Suche zu sein. „Es ist ein komplexes Terrain und ich finde es wichtig zu betonen, dass man dabei auch scheitern darf.“ In solchen Phasen sei es nicht die Pfarrperson, die vorangehe – stattdessen sei Begleiter, Ermunterer und Rückenfreihalter. Die Pfarrperson schaffe Bewegungsfreiräume, müsse sie aber nicht gestalten. „Und das ist auch gut so“, findet Brändl, „denn auch Pfarrerinnen und Pfarrer stoßen an Milieugrenzen und neue Formen sollen ja Menschen ansprechen, die mit Kirche nichts zu tun haben.“

Während so eines Prozesses müsse man viel miteinander sprechen, ein Problembewusstsein entwickeln, aber auch Vertrauen haben. „Wenn Menschen in Ihrer Gemeinde Angst haben, dass jetzt die verbleibenden Ressourcen – sei es personell oder finanziell – ins Neue gesteckt werden, dann sollten Sie mit Beispielen argumentieren, weil das besser auf die Menschen wirkt“, erklärt Martin Brändl.

Er ist der festen Überzeugung, dass Kirche die Stärken der Parochie (Ortsgemeinde) und der nicht-parochialen Formen braucht. Der Haken in der Umsetzung: „In den Landeskirchen ist die Finanzverteilung immer noch beherrschend und wenn's ums Geld geht, entstehen die meisten Konflikte.“ Trotzdem glaubt Brändl fest daran, dass neue Aufbrüche überall funktionieren können, solange Menschen die Sehnsucht nach Gott im Herzen tragen.

Kirchliche Erprobungsräume

Überall – gilt das auch für die Dörfer auf dem Land, weit ab von den Großstädten? Für den eher säkulären Osten der Republik? „Wir werden oft mit dem Vorurteil konfrontiert, dass Fresh X nur in westlichen Großstädten funktioniert und auch nur was für junge Akademikerinnen und Akademiker ist. Und das stimmt schlicht und ergreifend nicht“, sagt Birgit Dierks.

Fresh X und innovative Gemeindeformen im Osten, im ländlichen Raum, seien absolut nicht unmöglich. Das zeigen zum Beispiel die sogenannten „Erprobungsräume“ in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). 54 Projekte mit rund 800 Ehrenamtlichen sind anerkannt: Dazu gehören die „Villa Wertvoll“ in Magdeburg, die „Escolar Popular“ in Weimar, „Wir sind Nachbarn“ in Nöbdenitz, das „Jesus-Projekt“ in Erfurt oder auch die „Region Langesalza“.  

Thomas Schlegel leitet das Referat Gemeinde und Seelsorge im Landeskirchenamt der EKM, ist Projektleiter der „Erprobungsräume“ und Experte für das Thema „Kirche in ländlichen Räumen“. Er gesteht den Städten aufgrund verschiedener Kriterien großes Innovationspotential zu: So sei dort der Pool an Qualifizierten größer, es herrsche eine gedankliche Weite und Vielfalt, die Vernetzung der Akteure falle leichter, die Kopplung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft funktioniere und noch einiges mehr spreche für Städte als Innovationshub. „Aber in den Städten gibt es oft auch stärkere Machtverkrustungen, die allen Innovationsgedanken den Freiraum nehmen“, so Schlegel. Die Kirche habe sich in der Vergangenheit immer von den Rändern her erneuert – Martin Luther habe auch nicht in Rom, sondern in Wittenberg gelehrt.

Thomas Schlegel über Fresh X im ländlichen Raum

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Was man in Landeskirchenämtern von der Peripherie hört, sind traurige Geschichten: überarbeitete Pfarrer, sinkende Gottesdienstfrequenz, größere Pfarrbereiche, überalterte Gemeinden. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Es gibt auch die Erfolgsgeschichten – aus der Notwendigkeit heraus geborene, überraschend neue Ansätze kirchlicher und diakonischer Arbeit, Gemeinden, die sich gegen den Trend aufbäumen und Menschen, die auch in den leeren Dörfern neu zu Gott finden. Thomas Schlegel erzählt, er hätte schon Pfarrerin und Pfarrer erlebt, die auf Wunsch auf eine Stelle auf dem Land versetzt wurden, die alle anderen schon aufgegeben hatten: Ohne eine Erwartungshaltung von außen konnte sie dort Neues und sogar „vollkommen Beklopptes“ ausprobieren, was großen Erfolg hatte. „Kreativität und Innovation brauchen Freiheit.“

Ein zweischneidiges Schwert sei der Druck: In der Stadt gebe es bisher noch keinen so großen Innovationsdruck wie auf dem Land. „In der Stadt sind die Menschen noch nicht dazu gezwungen, sich Neues zu überlegen, weil das Alte trotz der Sparzwänge noch halbwegs funktioniert. Sie können träge bleiben und sich weiterhin Veränderungen verweigern.“ Diesen Luxus können sich viele Dörfer nicht mehr erlauben: Bei ihnen geht es angesichts von Pfarrstellenstreichungen und Einsparungen um das Überleben der Kirche im Dorf.

Im Auftrag der EKD untersuchte ein Team um Thomas Schlegel am „Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung“ ab 2013 in der Studie „Landaufwärts“, welche Faktoren zum Gelingen von innovativer Gemeindearbeit auf dem Dorf beitragen. Sein Fazit: „Ressourcen machen keine Innovation. Das Schielen auf Finanzierungen ist kontraproduktiv, dadurch versuch man oft eher nur, den Status Quo zu halten, statt etwas Neues zu entwickeln. Man muss erst eine Idee haben, etwas machen, und dann kommt das Geld.“ Selbstverständlich käme bei den Projekten irgendwann der Punkt, an dem Finanzierung elementar sei, aber von Anfang an Geld zu haben, sei nett, aber nicht ausschlaggebend.

Ein starkes „Wir-Gefühl“

Was es braucht, damit so eine Idee gelingt, haben die Wissenschaftler um Thomas Schlegel auch untersucht. Im Zentrum der Initiative stehen meistens Schlüsselpersonen, bei denen die Fäden zusammenlaufen und die als kooperative Typen sehr viel „netzwerken“. Um sie herum hat sich ein Team von Ehrenamtlichen gebildet, die durch ein starkes „Wir-Gefühl“ verbunden sind. „Diese Ehrenamtlichen werden nicht „an der kurzen Leine“ gehalten, sondern können selbstständig und eigenverantwortlich arbeiten“, betont Schlegel. All diese Menschen zeichnet eine besondere Offenheit aus, sie geben Acht auf das soziale Umfeld, schauen und hören hin, was vor Ort gebraucht wird.

Der Anlass dafür, dass Ehrenamtliche in Aktion treten, kann sehr unterschiedlich sein: „Es ist nicht verwunderlich, dass oft Krisen oder der Handlungsdruck von außen in Form einer Strukturreform oder einer möglichen Förderung ausschlaggeben sind. Aber auch institutionelle Anlässe wie zum Beispiel das Reformationsjubiläum haben schon Gruppen motiviert.“ Meist haben die Menschen einen großen Freiraum, in dem sie agieren können, weil vor Ort nichts oder nur noch wenig strukturell vorhanden ist. Alles in allem sei auch die Haltung wichtig. „Die Formate sollten sich aus einer Sehnsucht heraus entwickeln“, rät Thomas Schlegel.

Auf der Ebene der Landeskirchen geht es für Schlegel darum, wie man professionell die Infrastruktur zurückbaut, aber gleichzeitig in die Zukunft investiert. Die Argumentation „wir werden alle weniger, also müssen alle gleichmäßig darunter leiden“ hält er für schwierig. Sie ist zwar auf den ersten Blick gerecht, auf dem zweiten Blick aber gefährlich, weil bei gleichmäßigen Kürzungen auch erfolgreiche Projekte mit Zukunftspotential beschnitten werden. Etwas, was nicht im Sinne der Landeskirchen sein kann.

Den Mut haben, Sachen sterben zu lassen

Das sieht auch Corinna Dahlgrün so. Die Professorin Professorin für Praktische Theologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena fordert alle auf, den Mut zu haben, Sachen sterben zu lassen, deren Zeit gekommen ist. „Gemeinden sollten regelmäßig evaluieren was gut läuft und was eben nicht.“ Und sie betont, dass wirkliche Fresh-X-Initiativen eben nicht für den Erhalt existierender Gemeinden gedacht sind, sondern Kirche für die Menschen sein soll, die von der traditionellen Kirche nicht erreicht werden. „Fresh-X-Initiativen sind Kirchen eigenen Rechts – kein Ersatz und keine Konkurrenz“, argumentiert Dahlgrün.

Und dass sie die konfessionellen Grenzen überschreiten, sei eine sehr gute Sache. „Die Streitigkeiten sind für Außenstehende sowieso nicht vermittelbar“, sagt sie lapidar. Und statt auf Kompetenzgerangel sollte man sich besser auf Spiritualität und Inhalte konzentrieren. Gleiches gilt aus ihrer Sicht für binnenkirchlichen Verteilungsfragen, die vor allem Hauptamtliche umtreibt. „Wir bauen alle zusammen am Reich Gottes, da spielt der Erhalt kirchlicher Institutionen keine Rolle.“

Lena Ohm (für evangelisch.de)

Was genau ist eigentlich Fresh X? Antworten auf häufig gestellte Fragen

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