Abenteuer statt Askese

Gedanken zur Passions- und Fastenzeit

Ein Teller mit einem Salatkopf und Besteck daneben
Fasten ist keine Pflicht, aber ein lohnenswerter Verzicht – auch wenn es sich nicht um Fleisch oder Süßigkeiten handelt.

Ehe die letzten Krümel aus den Weihnachtskeksdosen verschwunden sind, unterbreiten die einschlägigen Gesundheits- und Schönheitsmagazine schon ihre Diätempfehlungen. Und wenn der letzte Faschingsumzug um die Ecke verschwunden ist, dann wird es richtig ernst: mit Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. – Fasten, das klingt nach Entbehrungen. Die gute Nachricht: Für evangelische Christen gibt es keine verpflichtenden Fastenregeln. Die noch bessere Nachricht: Es darf trotzdem gefastet werden.

Den Himmel milde stimmen

War das Kirchenjahr früher durchgetaktet nach Tagen und Wochen des Fastens, so knüpft heute kaum mehr jemand sein Seelenheil an den Verzicht auf Fleisch oder süße Genüsse. Etwa im Mittelalter aber waren gutes Essen und Musik, der Spaß an Spiel, Tanz und am Feiern nur erlaubt nach Fristen und Geboten. So ging es mehr und mehr darum, beim Fasten nur nichts falsch zu machen. Und andersherum betrachtet: mit regelmäßiger Askese Gott zu gefallen – oder dem Papst, dem Pfarrer oder auch dem Nachbarn. Enthaltsamkeit schien ein probates Mittel, den Himmel milde zu stimmen.

Mit der Reformation wurden diese strengen Regeln infrage gestellt. Martin Luther lehnte die Vorstellung ab, dass Verzicht und Askese als gute Werke vor der Hölle bewahren. Gefastet hat er wohl, doch nicht als religiöse Pflicht. Im Kleinen Katechismus empfiehlt er das Fasten „als eine feine äußerliche Zucht“ – aber eben nicht als Weg zum Heil. Wer in der Fastenzeit auf etwas verzichtet, darf daher nach protestantischem Verständnis selbst entscheiden, was ihm und anderen gut tut.

Am Sonntag ist Fastenpause

Seit Jesu Tod erinnern sich Christen in den Wochen vor Karfreitag an das Leiden und Sterben Jesu Christi und bereiten sich vor auf Ostern, auf die Botschaft von der Auferstehung, vom Leben nach dem Tod. Diese sogenannte Fasten- oder Passionszeit beginnt mit dem Aschermittwoch und endet am Karsamstag. Christliche Fastentraditionen für diese Zeit erinnern an die 40 Tage und Nächte, die Jesus nach seiner Taufe in der Wüste verbrachte. Kalendarisch dauert die Passionszeit allerdings länger als 40 Tage, weil man die Sonntage als Feiertage vom Fasten und Büßen ausgenommen hat.

Diese sieben Wochen im Frühjahr, die Christen seit dem zweiten Jahrhundert als Vorbereitung auf Ostern gestalten, haben auch für Protestanten nach wie vor Bedeutung. Sie gelten als Zeit der Einkehr, der Umkehr und Besinnung. Auch wenn der Bruch zur – katholisch gefeierten – Karnevalszeit nicht so augenfällig ist, ist auch für Protestanten laut Evangelischem Gottesdienstbuch am Aschermittwoch ein Bußgottesdienst vorgesehen. „Bekehrt euch zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, mit Weinen, mit Klagen!“ heißt es streng in der alttestamentlichen Lesung nach Joel (2,12-18 f). Der Evangelientext dazu aber atmet protestantische Freiheit: „Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer dreinsehen wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Gesicht, um sich vor den Leuten zu zeigen mit ihrem Fasten.“ (Mt 6,16ff)

Keine Wurst auf dem Index

Entsprechend ruft auch die Fastenaktion „7 Wochen Ohne“ der evangelischen Kirche durchaus zum Verzicht auf, doch ohne Regeln und Verbote auszugeben für die Passionszeit. Weder wird hier die gewohnte Ernährung rationiert, noch steht die Wurst auf dem Index. Vielmehr kann sich jeder und jede Fastende selbst entscheiden, auf eine liebgewonnene oder auch lästige Gewohnheit eine Weile zu verzichten. So kann das Fasten aufrütteln aus dem Trott und Raum schaffen für etwas Neues.

Indem sie auf die innere Haltung des Fastenden zielt, knüpft die Aktion auch an bei der alten Bedeutung des Fastens. Im Alten Testament begegnen Menschen mit Fasten den Übergängen zwischen unterschiedlichen Phasen und Sphären. An der Grenze von Leben und Tod, beim Trauern oder in Lebensgefahr wird gefastet – vornehmlich in Sack und Asche. Aber auch zu Gerichtsprozessen, wo Recht und Unrecht geschieden werden, enthält man sich der gewohnten Speisen. Und wer sich an Gott wenden will, bereitet sich mitunter in einer Fastenzeit darauf vor.

Leben in Bewegung bringen

Wer sich in der Fastenzeit von einer Gewohnheit verabschiedet, selbstverständliche Gesten des Alltags variiert, kann damit gewohnte Ordnungen durchkreuzen und sein Leben in Bewegung bringen. Darin liegt die Chance zur Lebendigkeit, wo vorher Routine war. Wer dieses Abenteuer in Begleitung eingehen möchte, findet auf 7wochenohne.de oder auf Facebook Anregung und Mitfastende zum Erfahrungsaustausch. Das Motto ist jedes Jahr ein anderes. Aber in jedem Jahr handelt es sich um einen lohnenden Verzicht!