Predigt im ARD-Fernsehgottesdienst zum 8. Mai 2020 im Berliner Dom

Hier können Sie die Aufzeichnung des Gottesdienstes aus dem Berliner Dom in der ARD-Mediathek sehen. 

Es gilt das gesprochene Wort

Predigt von Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, im ökumenischen Gottesdienst aus Anlass des 75. Jahrestags des Endes des Zweiten Weltkriegs 

Gen 4,8-10

Die Geschichte von Kain und Abel- wir haben sie eben eindrucksvoll gelesen und gesungen gehört von Kantorin Avital Gerstetter – ist für mich jedes Mal wieder von Neuem eine erschreckende, eine beunruhigende, eine verstörende Geschichte. Sie handelt von der Sinnlosigkeit der Gewalt, sie spricht über ihre destruktive Kraft. Über das Leid, das sie für die Opfer bedeutet. Sie handelt auch von dem Unheil, das der Täter damit über sich selbst bringt. Es ist kein Zufall, dass die Geschichte von Kain und Abel direkt nach dem Sündenfall kommt. Gewalt ist so etwas wie die Ursünde. Sie ist Ausdruck von Gottesferne.

Der Satz, der mich am heutigen 75. Gedenktag des Endes des Zweiten Weltkrieges am meisten umtreibt, ist dieser: „Was hast du getan?“ – so fragt Gott Kain - „Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.“ Wir verstehen sofort, was damit gemeint ist.

Wieviel Blut ist in diesem unsäglichen Krieg vergossen worden? Wieviel Leid hat Deutschland über zig Millionen Menschen gebracht – in ganz Europa und in der ganzen Welt? Wie viele verzweifelte Schreie wurden geschrien, bevor sie für immer verstummt sind? Auch in diesem Bild von der aufgerissenen Kuppel dieses Domes, dieser klaffenden Wunde der Zerstörung, schwingt dieser Schrei, schwingt diese Frage mit: „Mensch, was hast Du getan?“

Es gibt Stimmen – und sie werden auch in Deutschland wieder lauter – die sagen: Lasst uns endlich mit dem Gedenken aufhören und ein neues Kapitel aufschlagen. Es ist genug.

Aber wie könnten wir das tun? Selbst, wenn wir es wollten, wir könnten es nicht. Denn: Die Stimme des Blutes schreit ja weiter!

Das Blut schreit zu Gott. Und Gott hört. Er fragt nach den Opfern. Er nennt sie beim Namen. Er fragt nicht nur: „Wo ist dein Bruder?“ Er fragt: „Wo ist dein Bruder Abel?“ Und Kain versucht sich feige aus der Situation herauszureden. „Keine Ahnung, wo mein Bruder ist. Soll ich etwa sein Hüter sein?“

So wie diejenigen in Deutschland, die heute die bleibende deutsche Verantwortung für die unzähligen Toten des Zweiten Weltkriegs wegschieben wollen, als ginge uns das nichts mehr an.

Doch auch, wenn wir verdrängen, die Geschichte verdrehen, die Opfer schmähen: Die Schuld bleibt. Sie schreit zu Gott. Und Gott hört. Obwohl die Opfer doch zum Schweigen gebracht wurden. Gott vergisst nicht. Unsere jüdischen Geschwister haben uns das gelehrt. Wir gedenken all der Toten, weil auch Gott ewig gedenkt.

Gedenkorte schreien. Gedenktage schreien. Stellvertretend für die Opfer.

Ja, ich glaube auch heute hört Gott die Schreie all der Abels, das Klagen, das Weinen, die ohnmächtige Verzweiflung über alle Menschenverachtung. Darum ist und bleibt Gedenken sinnvoll: weil Gott immer noch hört.

Kain verweigert die Antwort. Eigentlich müsste seine Geschichte damit zu Ende sein. Der Mord kann nicht ungeschehen gemacht werden.

Aber: So erstaunlich das auch sein mag: Trotz der unfassbaren Schuld, die Kain auf sich geladen hat, darf es für ihn weitergehen. Seine Geschichte ist noch nicht zu Ende geschrieben. Gott vergisst nicht, aber er vergibt! Er eröffnet neue Wege. Neuanfang. Stunde Null.

Kain bleibt gezeichnet von seiner Schuld. Es bleibt ihm auf die Stirn geschrieben.  Aber niemand darf ihn töten. Damit die Gewalt aufhört. Damit nicht noch mehr Blut vergossen wird.

Deutschland bleibt auch 75 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges von der Schuld gezeichnet. Gegen das Vergessen und gegen alle Relativierung sagen wir: Ja, wir sind schuldig geworden. Wir haben ganz Europa und weite Teile der Welt ins Elend gestürzt. Und dankbar fügen wir hinzu: Aber unsere Geschichte ist weitergegangen. Das Kainsmal auf dem Angesicht unseres Volkes hat nicht zu ewiger Verwerfung geführt. Unsere ehemaligen Feinde sind wieder auf uns zugegangen. Wir durften ihnen wieder in die Augen sehen. Sie sind uns zu Freunden geworden.

Welch ein Geschenk, dass manche unserer jüdischen Geschwister geblieben, viele zurückgekommen sind in das Land, das ihnen so Unfassbares angetan hat. Und die Hand der Versöhnung ausgestreckt haben. Nie mehr werden wir zulassen, dass sich der Ungeist wieder ausbreitet, aus dem millionenfacher Mord entstanden ist.

Das Kainsmal hat uns vor Rache geschützt. Jetzt ist daraus eine Verpflichtung geworden: uns für eine Welt einzusetzen, in der alle Menschen in Würde leben können und in der Gewalt endlich überwunden wird.

Nicht verleugnen, nicht verschweigen wollen wir. Und anders als Kain damals Gott antworten: „Ja, wir sollen, wir müssen, wir wollen Hüter unserer Geschwister sein!“

AMEN
 



Predigt  von Bischof Dr. Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, im ökumenischen Gottesdienst aus Anlass des 75. Jahrestags des Endes des Zweiten Weltkriegs 

Joh 14,26f.
 
 Kurz vor seinem Leiden und Tod – in seiner Abschiedsrede vor den Jüngern – sagt Jesus jene Sätze, die im Johannesevangelium überliefert sind und die wir eben gehört haben: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch, nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch. Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht.“  
 
Was ist das für ein merkwürdiger Frieden, von dem Jesus da spricht?  
 
Ein Sonderfrieden für die Christinnen und Christen, der uns innerlich immunisiert gegen Krieg und Gewalt, gegen das maßlose Leid, das Menschen anderen Menschen zufügen? Ein Friede des Herzens, der sich abschirmt gegen den Unfrieden der Welt? Sicher nicht. Denn Empfindungslosigkeit gegenüber dem Leiden ist es ja gerade nicht, was Jesus und seine Botschaft auszeichnen. Jesus geht nicht am Leiden der anderen vorbei. Sein eigener Weg ist der Weg des Leidens. Sein Weg führt ihn zum Kreuz. Dort, am Kreuz, geschieht die Erlösung der Menschen. Das ist die Botschaft Jesu, das ist die Botschaft des Christentums. Und das heißt: Der Friede, den Jesus uns schenkt und hinterlässt, führt auch uns, die wir ihm nachfolgen, nicht am Leiden vorbei – er führt uns mitten hindurch.  
 
Mit dem 8. Mai 1945 endete das bislang düsterste Kapitel der europäischen Geschichte. 50 Millionen Tote, Unzählige, die der Krieg an Leib und Seele schwer verwundet hatte. Millionen Menschen, die in den Konzentrations- und Vernichtungslagern der Nationalsozialisten ermordet worden waren: Juden, Sinti und Roma, politische Gegner. Ein totaler moralischer Bankrott Deutschlands. Konnte es da überhaupt in einem guten Sinne weitergehen? 

Bestand auch nur die geringste Chance auf einen echten Neuanfang im Verhältnis der Völker und Staaten? 
 
Tatsächlich haben wir in großen Teilen Europas seit nunmehr 75 Jahren Frieden erlebt. Und mehr noch: Die Völker haben sich einander zugewandt – und wir Deutschen haben das Wunder erlebt, dass sie sich auch uns zugewandt haben. Vieles spielte hier zusammen: die Erschöpfung nach dem furchtbaren Krieg; belastbare Institutionen, die den Frieden – manchmal mehr schlecht als recht – sicherten; ein kluges politisches Management.  
 
All das – und doch auch noch mehr. Denn Frieden lässt sich nicht einfach herbeiorganisieren. Er braucht Menschen, die eine Hoffnung in sich tragen, weil sie überzeugt sind, nicht allein zu sein, sondern dass Gott selbst, sein Geist, sie begleitet. Menschen, die daran glauben, dass der Friede uns geschenkt ist – und deshalb eine Aufgabe ist, der wir uns stellen dürfen. Die langen Wege der Versöhnung, die die europäischen Völker nach 1945 gegangen sind, waren von solchen Menschen und solcher Hoffnung mitbestimmt. Viele von ihnen waren Christen. 
 
Aus den Erfahrungen dieser Versöhnungswege können wir heute lernen: Nur wer bereit ist, sich den eigenen Abgründen zu stellen, kann zu tragfähigen neuen Beziehungen gelangen. Nur wer bereit ist, sich selbst aufrichtig und ehrlich zu betrachten, wird in der Lage sein, den Anderen zu begegnen und zu neuer Gemeinschaft beizutragen. Nur wer auf die Opfer schaut, dient der Versöhnung. Kurz gesagt: Nur wer durch das Leiden des Kreuzes hindurchgeht, lebt aus dem Frieden, den Gott uns schenken will.  
 
Wir Christen sind überzeugt: Gott nimmt uns in die Verantwortung für den Frieden. Das gilt auch heute. Die Kriege in Syrien und in zahlreichen anderen Ländern des Nahen Ostens, der Krieg in der Ukraine, die Gewalt an so vielen Orten der Welt, die Toten im Mittelmeer – all die Schrecken unserer Zeit fordern uns heraus. Wir neigen – quasi instinktiv – dazu, den Blick abzuwenden. Aber der Friede Jesu und die uns geschenkte Hoffnung erlauben uns keine Kleinmütigkeit und ängstliche Selbstbezogenheit. Wir sind in die Welt gesandt.  
 
Der katholische Schriftsteller Reinhold Schneider, der in der jungen Bundesrepublik wichtige Impulse für die Friedensbewegung gegeben hat, schrieb im Sommer 1945, direkt nach dem Ende des Krieges: „Friedfertigkeit ist nicht die Haltung solcher, die auf der Flucht sind vor den Schrecken der Erde. Sie ist vielmehr ein Zeichen großer Stärke, festen Vertrauens, christlicher Zuversicht.“ 

Download der Predigt von Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der EKD

Download der Predigt von Bischof Dr. Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz