Predigt im Abendgottesdienst im politischen Buß- und Bettag im Berliner Dom

Prälatin Anne Gidion, Bevollmächtigte des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union

Anne Gidion

Prälatin Anne Gidion, Bevollmächtigte des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union

Es gilt das gesprochene Wort

„Komm in unsre kalte Welt“

Wird es kalt in der Kirche, wenn die Kirche kalt ist?

1.

Liebe Gemeinde,

langsam legt sich die Kälte über das Land. Erster Raureif am Morgen. Nebelschwaden über den Wiesen. Schnee ist angesagt. Höchste Zeit, den Garten zu bestellen und die welken Blumen zurückzuschneiden. Ein letztes Mal den Rasen mähen. Diesen fruchtigen Duft vom Herbstlaub genießen, die Erdigkeit der Herbsttage, bevor der Winter kommt. Das Laub auf den Straßen zur S-Bahn. Langsam legt sich Kälte über das Land.

Endlich die Wollpullover rausholen. Sehen, was die Motten von den Handschuhen übriggelassen haben. Schon mal den Adventskranz suchen und erste Blicke auf die neuen Keksbackzeitschriften werfen. Ich liebe denn Advent. Das Spiel mit Licht und Dunkelheit. Kälte und Wärme. Innerlichkeit und Äußerlichkeit. Glühweinduft. In den Sommer passt mir das nicht so recht. Aber nun legen sich kalte Tage über das Land.

Kälte legt sich über das Land. Der November ist beinahe noch zu warm. Es braucht die Winterkälte. Nichts kann wachsen, wenn nichts vergeht im Kreislauf der Jahreszeiten.

Kälte legt sich über das Land. Bei meinen Antrittsbesuchen im politischen verbreitet sich noch ein anderes Gefühl von Kälte. Der Ton wird härter und kälter – die Herausforderungen groß, zu groß.

2.

Das liebe ich an der Aktion #wärmewinter: Evangelische Kirche und Diakonie wollen in diesem Herbst und Winter Kirchen und Herzen öffnen, wie sie selber sagen. Sie errichten neue und wärmende Orte in ganz Deutschland. Ein Zeichen gegen soziale Kälte und für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wir sind da, sagen Kirche und Diakonie. Mitten in der sozialen und der realen Kälte sind wir da. Gegen rechtspopulistische Spaltungserzählungen wie sie unter dem Hashtag #wutwinter propagiert werden. Mitmachen beim #wärmewinter kann jeder. Und es muss noch nicht einmal etwas ganz Neues, Anderes passieren. Sondern, wo es jetzt schon warm ist – die geheizte Kirche, die Backstube, der Jugendkeller – das wird bekannt gemacht, weitererzählt. Damit Menschen, die frieren, einfach kommen können – egal ob Kirchenmitglieder oder nicht. Kirche als Wärmestube: in diesem Winter ganz besonders.

3.

Liebe Gemeinde,

Wärme im physikalischen Sinn ist keine Zustandsgröße, sondern eine Prozessgröße. Wärme wird aufgenommen oder abgegeben. Wenn unsere Welt sich kalt anfühlt, dann ist das kein Zustand, sie ist nicht objektiv kalt. Aber sie erzeugt Kälte. Unsere Welt lässt manchmal das Blut in den Adern gefrieren.

Wärme ist ein Prozess – auch, wenn sie zwischen Menschen passiert. Du hast warme Augen, das wärmt mir das Herz, der warmherzige Blick und Händedruck, ein aufblitzendes Vertrauen zwischen Tür und Angel – solche Momente wirken gegen die Kaltschnäuzigkeit des „Ich-Ich-Ich“, gegen Ellbogengerangel mit Worten und in Abstimmungen.

Wärme – das ist Temperatur und geschützter Raum im Café und Gemeindehaus, aber Wärme ist auch da, wo etwas von Angesicht zu Angesicht passiert. Du siehst mich – und das wärmt mir das Herz. Gott sieht mich an – das ist die Urwärme. Ich werde gesehen, deshalb kann ich andere sehen. Segen – Gott sieht dich, lässt das Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig – so heißt es im Segen am Schluss des Gottesdienstes.

Gott lässt das Angesicht leuchten, meines und Ihres. Dabei wird es erstmal hell und man sieht auch all das Scheußliche an mir, was nicht gelingt, auch meine Fehler – schließlich ist Buß- und Bettag. Aber ich kann in den Spiegel gucken, weil ich mich warm angesehen und voller Wohlwollen wahrgenommen fühle von Gott.

4.

Sollten wir also nur fester glauben, und dann wird es nicht so kalt? Nur enger zusammenstehen? Nur inbrünstiger singen? Feuriger bekennen, beten, büßen?

Hilft auf jeden Fall. Schadet gar nichts. Tut gut. Ist evangelisch unersetzbar. Kein „aber“ also. Schon gar nicht heute.

Zum Tag heute eine Erinnerung an die allererste der 95 Thesen, die Martin Luther mit wuchtigen Schlägen im Ton seiner Zeit an die Tür gehämmert haben soll. In unseren Herzen klingen sie nach, bußtäglich:

„Unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: „Tut Buße“ usw. (Matth. 4,17), [damit] hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“

In einer der folgenden Thesen heißt es: Der Aufruf „Tut Buße!“ bezieht nicht nur „auf eine innere Buße“, sondern auch auf „nach außen mancherlei Werke“.

Buße geht nach innen, ist ein Nachsinnen, auch ein Bereuen, Bedauern, Rückgängig machen wollen. Aber mit Luther ist sie vor allem ein Tun – etwas, was nach außen spürbar ist. Ein Handeln nach vorne aus einer Haltung heraus.

5.

Wärme ist etwas, das aufgegeben und abgegeben wird - nach dem ersten thermodynamischen Hauptsatz. Wärme ist etwas, was sich verströmt - Wärme ist thermische Energie.
Wärme ist etwas, was passiert.

Autokraten und Energie-Entzieher fürchten genau das: den Zusammenhalt einer Gesellschaft. Netzwerke der Wärme.
Vielleicht könnte unsere Gesellschaft es schaffen, mitten in der Energiekrise und nicht beendeter Pandemie real etwas zu verändern. Und unsere Kirche kann dazu beitragen, Einsamkeit zu bekämpfen und sich gegenseitig mehr wahrzunehmen, vor Ort tragende Netze der Achtsamkeit zu entwickeln.
Warmschnäuzig zu werden.

6.

Warum über Wärme nachdenken am Buß- und Bettag? Weil sie zusammenfallen – die dunkle Jahreszeit, die kürzeren Tage und längeren Nächte, der Abschied vom Herbst, die dunkle Seelenzeit für manche und die Bußzeit, die Blueszeit in der Kirche. Volkstrauertag, Bußtag, Totensonntag – und erst dann Advent als Fastenzeit. Diesmal besonders. Wenig Weihnachtsbeleuchtung, weniger Deko wird es geben. Laden Sie andere zu sich nach Hause. Rücken Sie zusammen.

Denn Begegnung von Angesicht zu Angesicht fördert das Leben. Erst wer angesehen wird, fühlt sich angenommen, geliebt und gebunden.

Am Anfang ist die Bezogenheit - aus der entsteht Wärme. Und die macht uns überhaupt erst zu Menschen. Nur so können wir Wärme weitergeben. Aus der Wärme des Gesehenwerdens – mutig und mit gewärmten Herzen jetzt in dieser Welt etwas ändern.

Erst Buße – ja, aber dann wieder: Adventskerzen, erst eins, dann zwei… und dann – absehbar! – das Fest mit dem Kind in der Krippe. Mit dieser kompliziertesten Weise, die Gott gewählt hat, um den Menschen nah zu sein: selbst Mensch zu werden.

„Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt. Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt.“ So haben wir gerade mit den Worten von Jochen Klepper gesungen.

Und ja – Gott, bitte komm in unsre kalte Welt, Herr mit Deines Lichtes Fülle – und bringt in die Nacht und die Kälte und die Erschöpfung und die müden Herzen Deine Wärme.

Amen.

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