Faktoren für sinkende Mitgliederzahlen

Mit der vorliegenden Studie des Forschungszentrums Generationenverträge liegt erstmals eine koordinierte Mitglieder- und Kirchensteuervorausberechnung für alle evangelischen Landeskirchen in Deutschland vor. Darin wird der gegenwärtige Mitgliederstand (Ausgangsbasis ist der 31.12.2017) Jahr für Jahr unter Berücksichtigung von Todesfällen, Taufen, evangelischen Wanderungsbewegungen, Austritten und Aufnahmen fortgeschrieben.

Grafik Annahmebasierte Mitglieder-Entwicklung

Die Ergebnisse dieser Berechnung werden in der Grafik sichtbar. Sie verdeutlicht, dass sich die Zahl der evangelischen Kirchenmitglieder unter den gegebenen Annahmen zwischen 2017 und 2060 in etwa halbieren wird.

Demografische Faktoren

Die zukünftig zu erwartenden evangelischen Sterbefälle überwiegen bei weitem die Zahl der evangelischen Zuwanderer aus dem Ausland sowie die Zahl der Kinder, die von evangelischen Müttern zur Welt gebracht werden. Dieser Überhang an Sterbefällen über Geburten und Zuwanderung führt dazu, dass sich die Mitgliederzahlen bis 2060 um 24 Prozentpunkte verringern werden. Die Folgen des demografischen Wandels sind jedoch nicht allein für den Mitgliederrückgang verantwortlich.

Kirchenspezifische Faktoren

Etwas mehr als die Hälfte des Mitgliederrückgangs basiert auf anderen Einflussfaktoren: dem Tauf-, Austritts- und Aufnahmeverhalten in die evangelische Kirche. Es werden nämlich nicht alle Kinder von evangelischen Müttern evangelisch getauft. Zusätzlich treten mehr Menschen aus der Kirche aus als in die Kirche ein. Setzt sich diese Entwicklung weiter fort, vergrößert sich der Mitgliederrückgang um weitere 28 Prozentpunkte. In der Summe bedeutet dies, dass die evangelische Kirche bis 2060 52 Prozent ihres Mitgliederstandes von 2017 verloren haben wird.

Kindertaufe

Die Wahrscheinlichkeit, ein Kind taufen zu lassen, hängt wesentlich von der Konfession der Eltern ab. Setzt man die Zahl der Kindertaufen mit der Zahl der Geburten von evangelischen Müttern ins Verhältnis, ergibt sich eine Quote von 80 Prozent. Diese hat sich in den letzten Jahren kaum verändert. Rückläufig ist allerdings der Anteil evangelischer Kindertaufen an allen Geburten in Deutschland. 2017 liegt dieser bei 20 Prozent – 2060 wird er der Projektion zufolge elf Prozent betragen, was sich mit der abnehmenden Zahl evangelischer Mütter insgesamt erklären lässt.

Austritte

Menschen, die aus der evangelischen Kirche austreten, sind vorwiegend zwischen 25 und 35 Jahre alt. Dabei treten mehr Männer als Frauen aus. Die Austritte dieser jungen Menschen stehen häufig im zeitlichen Zusammenhang mit dem Eintritt ins Erwerbsleben und damit auch mit der ersten Kirchensteuerzahlung. Gleichzeitig werden kirchliche Angebote in dieser Lebensphase nur selten in Anspruch genommen. Bis zum 31. Lebensjahr treten 30 Prozent der getauften Männer und 22 Prozent der getauften Frauen aus der evangelischen Kirche aus. Weil in dieser Lebensphase junge Familien Kinder bekommen, wirkt sich das auf die Taufzahlen aus.

Grafik: In welchem Alter traten im Jahr 2017 Menschen aus der evangelischen Kirche aus?
Lesehilfe zur Grafik: 3,6 Prozent der 25-29-jährigen evangelischen Männer traten 2017 aus der Kirche aus.

Eintritte

Jahr für Jahr treten mehr als 45.000 Menschen in die evangelische Kirche ein. Mit der Wiederaufnahme, der Aufnahme aus anderen Konfessionen und insbesondere durch die Erwachsenentaufe entscheiden sie sich bewusst für eine Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche. Diese Eintritte kompensieren zwar bei weitem nicht die Austrittszahlen, dennoch zeigen sie, dass auch der Weg in die Kirche statistisch relevant ist.

Erwachsenentaufe und Wiederaufnahme

Knapp die Hälfte der Eintritte in die evangelische Kirche sind Erwachsenentaufen. Darunter werden Taufen nach Vollendung des 14. Lebensjahres verstanden. Bei der anderen Hälfte der Eintritte überwiegen die Wiederaufnahmen – das sind Menschen, die zu einem früheren Zeitpunkt ausgetreten sind und wieder zur evangelischen Kirche dazugehören wollen. Diese sind häufig zwischen 25 und 45 Jahren alt. Insgesamt treten mehr Frauen als Männer in die Kirche ein. Die Zahl der Kircheneintritte liegt bundesweit und über die Landeskirchen hinweg relativ gleich verteilt bei circa 0,2 Prozent der Kirchenmitglieder. Auch hat sich diese Quote in den letzten zwanzig Jahren kaum verändert. Bei der Art der Kircheneintritte sind allerdings regionale Unterschiede festzustellen. So werden in den östlichen Landeskirchen relativ mehr Erwachsenentaufen gefeiert. In den westlichen Landeskirchen entschließen sich mehr Menschen für eine Wiederaufnahme in die evangelische Kirche.

Taufe anlässlich der Konfirmation

Im Rahmen der Vorbereitung zur Konfirmation bekennen sich viele zur Kirche, lassen sich taufen und treten damit in die Kirche ein. Rund neun Prozent aller Taufen im Zusammenhang mit der Konfirmation finden im Alter zwischen 13 und 16 Jahren statt. Im Jahr 2017 waren das circa 15.700 Taufen. Der Anteil der Konfirmandentaufen ist im Norden und Osten höher als in den südlichen und westlichen Landeskirchen. Auch im Zuge der Konfirmation wird offensichtlich, dass sich deutlich mehr weibliche als männliche Jugendliche für eine Taufe entscheiden. Während der Konfirmandenzeit vergrößern sich die evangelischen Jahrgänge um zehn Prozent.


Die Christen bilden auch im Jahr 2060 die größte Glaubensgemeinschaft in Deutschland.


 

Wissenschaftlicher Artikel zur Studie (auf Englisch)

German Churches in Times of Demographic Change and Declining Affiliation: A Projection to 2060 - David Gutmann, Fabian Peters

Hier finden Sie die wissenschaftliche Studie zur Projektion 2060. Bei den Ergebnissen handelt es sich nicht um Vorhersagen, sondern um Projektionen mit Hilfe von Trendanalysen und es werden fünf Szenarien gezeigt, wie sich veränderte Bedingungen auf die prognostische Entwicklung auswirken würden.