Mandat und Markt

Einleitung

Die dynamische Entwicklung der Medien, deren Vernetzung viele fasziniert, deren Wirkungen aber auch manche beunruhigen, stellt die evangelische Publizistik vor veränderte und neue Aufgaben.

Zum Wesen der Kirche gehören Kommunikation und Öffentlichkeit, die Publizistik ist eine Dimension ihres Handelns. Die sich wandelnde Medien- und Informationsgesellschaft ändert nichts an der Verpflichtung der Kirche, die ihr anvertraute gute Nachricht als eine öffentliche, an die ganze Gesellschaft gerichtete Botschaft zu verkünden und sich in ihrem Licht für Wahrheit und Freiheit in lebendiger Kommunikation einzusetzen. Es ist für sie eine besondere Herausforderung, daß die Möglichkeiten der sozialen Kommunikation durch Medien wachsen, die öffentliche Präsenz der Kirche aber an Gewicht verliert, daß Religiosität zunimmt, die Kirchlichkeit in der Gesellschaft aber abnimmt.

Das im Evangelium begründete Mandat der evangelischen Publizistik gibt ihr den Auftrag und die Freiheit, die vielfältigen alten und neuen Chancen auf dem publizistischen Markt der Möglichkeiten zu ergreifen. Ihre Erfahrungen und Ressourcen bieten die Voraussetzung zu einer notwendigen Erneuerung von Strukturen und Strategien der evangelischen Publizistik. Damit kann sie neue Wege finden, Menschen in der pluralistischen und säkularen Gesellschaft zu erreichen. Weil die Medien eine Schlüsselfunktion für die individuelle Wahrnehmung, für den Aufbau von Lebensorientierungen und Weltbildern haben, muß die evangelische Publizistik alles daran setzen, ihre Kräfte zu konzentrieren und die Aufgaben mit neuen Ideen in gezielter Vielfalt zu verwirklichen.

Das Ziel einer verbesserten Marktfähigkeit steht dabei nicht im Gegensatz zu den inhaltlichen Ansprüchen. Es gehört zum Mandat der evangelischen Publizistik, daß sie die journalistische Arbeit an Wort und Tradition des biblischen Glaubens ausrichtet und die Interessen sowie die Lebenssituation der Menschen ernst nimmt. Sie kann publizistisch nur erfolgreich handeln, wenn sie ihr Mandat auf den Markt bezieht.

Es hat sich herausgestellt, daß der erste publizistische Gesamtplan der EKD von 1979 bereits nach gut einem Jahrzehnt neu konzipiert werden mußte. Die EKD-Synode hat es deshalb in ihrer Kundgebung zur Kirche in der Mediengesellschaft 1992 in Suhl für "dringend geboten" gehalten, "ein neues publizistisches Gesamtkonzept in Fortführung des Publizistischen Gesamtplans der EKD von 1979 und unter Berücksichtigung der landeskirchlichen Gesamtpläne zu entwickeln. Dabei sollen Vorschläge gemacht werden, wie die Medienarbeit der evangelischen Kirche publizistisch verbessert, personell gefördert und - soweit erforderlich - wirtschaftlich konsolidiert werden kann".1 Es geht um ein Gesamtkonzept für die evangelische Publizistik unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen.

Bis in die 70er Jahre wurde der Öffentlichkeitsauftrag der Kirche als ein gesellschaftliches "Wächteramt" verstanden, das auch von der evangelischen Publizistik nach innen wie nach außen wahrgenommen wurde. In der Vision von einer "verantwortlichen Gesellschaft"2 wurden die publizistischen Aktivitäten der evangelischen Kirche volkskirchlich ausgerichtet und Kirche und Gesellschaft als weitgehend kongruent gedacht. In den 80er Jahren hat sich diese Konstellation verschoben. Christliche Publizistik entfaltet sich mehr und mehr in einem Spannungsfeld zwischen Kirche und Gesellschaft. Die Volkskirche hat ihre Sache in einer sich ausdifferenzierenden pluralistischen Kultur zu vertreten. Sie muß ihre Botschaft verdeutlichen. Sie muß den Sinn kirchlicher Gemeinschaft durch Orientierungsangebote zur Geltung bringen und Fürsprache einlegen für eine Gemeinschaft von Menschen, deren Leben von individualistischen und pluralistischen Zügen sowie von fundamentalistischen Sehnsüchten geprägt ist.

Vor diesem Hintergrund hat die vom Rat der EKD berufene "Ad-hoc-Kommission" seit Frühjahr 1994 eine Neubestimmung der aktuellen Situation und der Ziele der evangelischen Publizistik vorgenommen. Sie hat ihre Recherchen durch Anhörungen von Repräsentanten und Vertreterinnen der verschiedenen Arbeitsbereiche der evangelischen Publizistik ergänzt und vertieft. Sie konnte eine Reihe von Vorarbeiten einbeziehen, darunter publizistische Gesamtpläne der Landeskirchen, das Konsultationspapier des Runden Tisches konnte eine Reihe von Vorarbeiten einbeziehen, darunter publizistische Gesamtpläne der Landeskirchen, das Konsultationspapier des Runden Tisches zur Printpublizistik Perspektiven der Evangelischen Presse, einige Leser- und Marktanalysen, sowie die Ergebnisse einer Konsultation zur Öffentlichkeitsarbeit als kirchliche Leitungsaufgabe. Parallel zur Arbeit am Publizistischen Gesamtkonzept wurde von einer evangelisch-katholischen Kommission die gemeinsame Erklärung Chancen und Risiken der Mediengesellschaft erstellt. Beide Dokumente stehen in einem engen inhaltlichen Zusammenhang und ergänzen sich. Während sich die gemeinsame Erklärung auf die gesellschaftlichen, kulturellen und ethischen Fragen der Mediengesellschaft konzentriert, beschreibt das Publizistische Gesamtkonzept vor diesem Hintergrund die praktisch-publizistischen Herausforderungen für die eigene Medienarbeit der Kirche.

Die ersten drei Kapitel konturieren Auftrag und Mandat, Situation und Ziele der Evangelischen Publizistik unter den aktuellen Bedingungen der Mediengesellschaft und der Medienmärkte. Die Kapitel vier bis zwölf beleuchten die einzelnen Arbeitsfelder der gedruckten und der elektronischen Publizistik, analysieren die Lage und die Entwicklungstendenzen, beschreiben die Strategien und Methoden, nicht zuletzt das Verhältnis zwischen Mandat und Markt. In jedem Kapitel wird eine aktuelle Situationsbeschreibung geliefert, die nicht immer auf Vollständigkeit angelegt ist, sondern die wesentlichen Publikationen und Einrichtungen benennt. Es werden die publizistischen Ziele formuliert und Handlungsempfehlungen angeschlossen. Das Schlußkapitel zieht eine Bilanz und entwirft im Rahmen eines Gesamtkonzepts Zukunftsperspektiven für die evangelische Publizistik. Dabei werden die Potentiale und Chancen, aber auch die gravierenden Defizite deutlich gemacht und zur Diskussion gestellt.

Die Studie wendet sich an die für die Medienarbeit Verantwortlichen und Entscheider in der EKD, ihren Gliedkirchen und Werken. Sie appelliert an die evangelischen Medienmacher in den Verlagen, Presseverbänden, Agenturen, Redaktionen und Gemeinden sowie im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik, an die kirchlichen Beauftragten und freien Produzenten. An alle in der evangelischen Publizistik Engagierten richtet sie sich mit der Erwartung, daß aus den hier vorgetragenen Überlegungen und Empfehlungen in Kritik und Aktion praktische Folgerungen gezogen werden.

Der Entwurf eines publizistischen Gesamtkonzepts der EKD macht deutlich, was getan werden muß, um in der Medien- und Informationsgesellschaft das Ziel einer vom Evangelium inspirierten Publizistik zu erreichen. Diese will die Gemeinschaft der Christen und aller Menschen guten Willens stärken und die Elemente einer Kommunikation mit Gott und den Mitmenschen, also Kommunion, Kommunikation und Kommunität zueinander in eine lebensdienliche Beziehung bringen. Sie soll Gott die Ehre geben und durch Information und verkündigende Orientierung der Wahrheit, der Würde und der Freiheit der Menschen dienen.

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