Mandat und Markt

11. Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik

Die evangelische Publizistik spiegelt den föderalen Aufbau der Evangelischen Kirche in Deutschland wider. Sie wird regional von den Presse- und Medienverbänden in den Landeskirchen wahrgenommen. Für die überregionalen publizistischen Aktivitäten und die Koordination ist das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP) zuständig. Es wurde im Juli 1973 gegründet und hat Anfang 1974 in Frankfurt a.M.seine Arbeit aufgenommen. Es war das Ziel dieser Gründung, "eine optimale Zusammenarbeit zwischen gesamtkirchlichen und gliedkirchlichen Interessen und Notwendigkeiten" herzustellen und "eine Koordination und damit zugleich eine Konzentration der bisherigen Arbeit zu erreichen".105

Das GEP hat die Rechtsform eines eingetragenen Vereins und ist als gemeinnützig anerkannt. Die Träger des GEP sind die Evangelische Kirche in Deutschland, deren Gliedkirchen und Werke, die Kirchenbünde und die evangelischen Freikirchen. Die Finanzierung des Gemeinschaftswerks erfolgt überwiegend aus dem EKD-Haushalt. Der Zuschuß betrug im Jahr 1996 insgesamt 14,1 Millionen DM.106

Die Organe des GEP sind die Mitgliederversammlung, die in der Regel einmal jährlich tagt, und der Vorstand, der vier Mal im Jahr zusammenkommt. Der Vorstand des GEP besteht derzeit aus 22 Mitgliedern. Drei Mitglieder werden vom Rat der EKD bestimmt, die Vorsitzenden der sieben Kuratorien und Fachausschüsse107 sind geborene Mitglieder, zwölf Mitglieder werden von der Mitgliederversammlung gewählt. Der Vorsitzende, seine beiden Stellvertreter und der Schatzmeister werden im Einvernehmen mit dem Rat der EKD vom Vorstand aus seiner Mitte gewählt. Die Geschäftsleitung des GEP besteht aus dem Direktor und seinen beiden Stellvertretern. Der Direktor führt die Aufsicht über die Arbeit der Abteilungen und Arbeitsstellen des GEP, achtet auf deren Zusammenarbeit und hat Weisungsrecht. Die presserechtliche Verantwortung der Redakteure bleibt davon unberührt.

Folgende Aufgaben werden vom Gemeinschaftswerk zentral für die evangelische Kirche wahrgenommen:

  1. Herausgabe, Herstellung und Vertrieb von überregional verbreiteten Publikationen: Nachrichtendienste; Fach- und Zielgruppenzeitschriften sowie Arbeitshilfen; medienkritische, -theoretische und -praktische Literatur;
         
  2. Ausbildung, Fort- und Weiterbildung für Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit;
         
  3. Koordination, Beratung, Planung und Förderung von publizistischen Initiativen in Zusammenarbeit mit publizistischen Einrichtungen der Landeskirchen und mit Presseverbänden, von Aktionen und Kampagnen der kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit für Werke, Verbände und Gemeinden;
         
  4. Bearbeitung von Konzeptions- und Grundsatzfragen von Publizistik, Öffentlichkeitsarbeit und Medienrecht sowie Pflege internationaler und ökumenischer Kontakte und Aktivitäten der Medienpolitik und Publizistik;
         
  5. Beteiligung am öffentlichen Diskurs über Medien und Publizistik durch Diskussionsangebote und medienpolitische Intervention;
         
  6. Förderung von Initiativen der Medienpädagogik und des kritischen Umgangs mit den Medien, z.B. in Kindergärten und Schulen, kirchlichen Gruppen und Gemeinden.

Im GEP existieren für diese Aufgaben folgende Arbeitsbereiche:

  • Nachrichtenagentur epd;
         
  • Evangelische Medienakademie (Frankfurt a.M.);
         
  • Evangelische Journalistenschule (Berlin);
         
  • Studiengang Öffentlichkeitsarbeit;
         
  • medienpädagogischer Arbeitsbereich;
         
  • Abteilungen zu den Arbeitsfeldern Hörfunk und Fernsehen, Film und AV-Medien, Buch und Zeitschriften sowie Öffentlichkeitsarbeit mit den Tätigkeiten: Koordination, Beratung, Planung und Förderung von publizistischen Initiativen und Bearbeitung von medienpolitischen Grundsatzfragen;
         
  • Arbeitsstelle Internet (Gemeinschaftsprojekt von EKD und GEP);
         
  • Referate für internationale publizistische Kontakte und Rechtsberatung;
         
  • Verlag und Verwaltung.

Die Arbeit des GEP stützt sich auf Fachgremien108, in denen Vertreter der jeweiligen Arbeitsgebiete der säkularen und kirchlichen Publizistik sowie Mitglieder der Kirchenleitungen einzelner Gliedkirchen versammelt sind. Diese Fachgremien sind als Beratungsgremien für die fachlichen Abteilungen, den GEP-Vorstand und die Geschäftsleitung gedacht. Die GEP-Satzung sieht aber über die Fachberatung hinaus einige wichtige Mitwirkungsmöglichkeiten vor, z.B. bei Personalentscheidungen. Dies kann zu langen Beratungs-, Abstimmungs- und Entscheidungsvorgängen führen. Hinzu kommt, daß auch Spezialinteressen einzelner Abteilungen und Gremien ein hohes Gewicht gegenüber dem Gesamtzusammenhang der publizistischen Arbeit des GEP erhalten können.

Nach seiner 1989 geänderten Satzung dient das GEP der unmittelbaren Wahrnehmung von "publizistischen Aufgaben der Evangelischen Kirche in Deutschland", sofern diese "nicht unmittelbar von kirchlichen Organen und Dienststellen erfüllt werden" (§ 2,2).109 Damit können dem GEP publizistische Aufgaben entzogen werden, wenn sie von anderen kirchlichen Organen wahrgenommen werden sollen.

In jüngster Zeit werden die Wahrnehmung der Gemeinschaftsaufgaben und die Koordination der publizistischen Arbeit für das GEP zunehmend schwierig. Konnte sich das GEP z.B. bislang darauf stützen, daß auch regionale Angebote nur über die zentralen Strukturen des GEP verbreitet werden konnten, so erlauben es neue technische Möglichkeiten, an den geschaffenen Koordinationsstrukturen vorbei zu operieren (z.B. epd-Bild, Internet). Auch unabhängig davon gibt es Bereiche, in denen sich ein zentrales Angebot des GEP nicht durchsetzen konnte und zugunsten regionaler Angebote eingestellt wurde (Evangelischer Hörfunkdienst, ehd). Der publizistischen Arbeit des GEP steht durch die regionalen kirchlichen Angebote eine wachsende Konkurrenz gegenüber.

Eine besonderes Problem ist darin zu sehen, daß die Vertreter dieser Konkurrenten gleichzeitig Träger des Gemeinschaftswerks oder Mitglieder im Vorstand sind und damit über die Handlungsmöglichkeiten des GEP mitentscheiden. Die unternehmerisch handelnden landeskirchlichen Einrichtungen können beim Aufgreifen von neuen Herausforderungen und Aufspüren neuer Chancen alle wirtschaftlich-organisatorischen Freiheiten nutzen. Das GEP ist demgegenüber durch die Satzung und die Beteiligung von Vertretern teilweise konkurrierender landeskirchlicher publizistischer Einrichtungen in seiner Flexibilität und Handlungsfähigkeit erheblich eingeschränkt. Die Struktur des GEP macht die Entscheidungswege lang und Abstimmungsprozesse schwierig. Im Fall von Konkurrenzsituationen zwischen dem GEP und der landeskirchlichen Publizistik können die Vertreter der Gliedkirchen kaum Interesse entwickeln, die zentrale Einrichtung der Publizistik gegenüber den publizistischen Einrichtungen in den Landeskirchen zu stärken. Hier ist das GEP strukturell im Nachteil und braucht mehr Bewegungsfreiheit.

Die publizistischen Einrichtungen in den Landeskirchen besetzen bei neuen publizistischen Initiativen konsequenterweise Felder, die Erträge bzw. gute Kostendeckungsbeiträge versprechen. Dem GEP bleiben demgegenüber als Gemeinschaftsaufgaben die Arbeitsbereiche mit dem höheren ideellen bzw. betriebswirtschaftlichen Risiko. So wird es z.B. dem GEP einerseits verwehrt, den Artikeldienst epd-KP (Ausgabe für die kirchliche Presse) als allgemeinen Feature-Dienst des epd anzubieten, weil er exklusiv für die Kirchengebietspresse verstanden wird. Mit dem Hinweis auf die kirchliche Gesamtfinanzierung des GEP wird andererseits verhindert, für epd-KP kostendeckende Preise bei der Kirchengebietspresse zu berechnen.

Der Ausbau der evangelischen information (ei) zu einer Wochenzeitschrift mußte abgebrochen werden, weil in mehreren Kirchengebieten wegen der befürchteten Konkurrenz zur Kirchengebietspresse keine Zustimmung zum Vertrieb zu erreichen war. Das vergleichbare Produkt aus dem evangelikalen Raum (idea-Spektrum) konnte ohne diese Rücksichtnahme konsequent zu einer christlichen Wochenzeitschrift ausgebaut werden.

Die Arbeitsstruktur des GEP ist auf die Herausforderungen der Mediengesellschaft, die u.a. durch ein Zusammenwachsen der Medien gekennzeichnet ist, nur unzureichend eingerichtet.

Die Segmentierung der Arbeit, die besondere Rolle der Fachgremien und die durch die Satzung vorgegebene Binnenstruktur, die nicht an den Erfordernissen eines Medienunternehmens ausgerichtet ist, erlauben der Geschäftsleitung kein schnelles, der Situation angemessenes Handeln. Vielfältige Abhängigkeiten und notwendige Rücksichtnahmen erschweren dem GEP, auf neue Herausforderungen zu reagieren oder Arbeitsfelder aufzugeben, die an Bedeutung verloren haben. An der Lösung dieses Struktur- und Handlungsproblems entscheidet sich die Zukunftsfähigkeit des GEP.

Angesichts der zurückgehenden finanziellen Möglichkeiten der Kirchen besteht die Gefahr, daß in den publizistischen Einrichtungen der Landeskirchen die Mittel für die Arbeit reduziert und damit sinnvolle Angebote eingeschränkt werden, ohne daß ein gemeinsames Vorgehen und Kooperationen gesucht werden.

In einer durch Medien geprägten Gesellschaft ist eine funktions- und leistungsfähige zentrale publizistische Einrichtung für die evangelische Kirche unverzichtbar. Es ist geboten, die publizistischen Gemeinschaftsaufgaben zu stärken und die vorhandenen Kräfte zu konzentrieren. Dies setzt ein deutlicher unternehmerisch organisiertes Gemeinschaftswerk voraus.

Die übergeordneten publizistischen Interessen der evangelischen Kirche müssen auch im Vorstand, in Satzung und Organisation zur Geltung kommen.

Das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik braucht ein klares Unternehmens- und Dienstleistungsprofil. Innerhalb des GEP können dabei grundsätzlich zwei Arbeitsbereiche unterschieden werden:

  • ein publizistisch produzierender Arbeitsbereich und
  • ein beratender, planender, medienpolitischer und in Aus- und Fortbildung tätiger Arbeitsbereich.

Der produzierende Arbeitsbereich erfordert wirtschaftliche Freiheiten für die aktive Medienproduktion und soll sich weitgehend durch eigene Einnahmen finanzieren. Dafür ist eine spezifische Organisationsstruktur innerhalb des Gemeinschaftswerks notwendig.

Der beratende, planende und koordinierende Bereich mit den Arbeitsfeldern medienpolitische Planung, Beobachtung und Bewertung, medienrechtliche Beratung, Medienpädagogik sowie Aus- und Fortbildung ist in großem Umfang auf die Finanzierung durch die Kirche angewiesen.

Die Arbeit des/der Rundfunkbeauftragten des Rates der EKD (s.o., Kapitel 6.6) ist aufgrund der immer umfangreicher gewordenen Aufgaben zu einer eigenen Arbeitsstelle ausgebaut worden. Die bisherige Personalunion mit dem GEP-Direktor ist dabei aufgelöst worden. Zwischen dem Büro des/der Rundfunkbeauftragten und dem beratenden Arbeitsbereich des GEP muß es enge Arbeitsverbindungen und Absprachen über eine Aufgabenverteilung geben.

Publizistisches Ziel

Die Präsenz der Kirche in der Öffentlichkeit und die Wahrnehmung ihrer medienpolitischen Aufgabe verlangen eine zentrale publizistische Einrichtung der evangelischen Kirche, die

  • übergreifende publizistische Angebote effektiv, innovationsorientiert und kostengünstig anbietet;
  • die publizistischen Kräfte im Protestantismus bündelt, Synergien nutzt und das Zusammenwirken von zentralen und regionalen Aktivitäten koordiniert;
  • das zentrale medienpolitische Mandat der evangelischen Kirche wahrnimmt und
  • Beratung, Planung und Förderung in allen Medienfragen anbietet.

Empfehlungen:

  1. Die Struktur und die Arbeit des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik müssen stärker auf die Herausforderungen der Mediengesellschaft ausgerichtet werden. Das Gemeinschaftswerk muß sich als die zentrale Einrichtung der evangelischen Kirche für Publizistik und Öffentlichkeitsarbeit profilieren. Dazu bedarf es einer Satzungsreform, die die bisherigen strukturellen Schwächen des GEP überwindet und die Entwicklung eines klaren Unternehmens- und Dienstleistungsprofils ermöglicht.
          
    Klare Leitungsstrukturen müssen die Handlungsfähigkeit des Gemeinschaftswerks verbessern. Die Satzung muß die Freiheit der Geschäftsleitung des GEP und ihre Verantwortlichkeit für den wirtschaftlichen Erfolg stärken. Der Vorstand soll zuständig sein für die grundlegende Orientierung und Zielsetzung der publizistischen Arbeit und die Kontrolle des Erfolgs. Innerhalb der Zielvorstellungen erhält die Geschäftsleitung die volle verlegerische Freiheit. Die Zahl der beratenden Gremien des GEP soll verringert werden.
         
  2. Innerhalb des GEP müssen die Arbeitsbereiche "Medienproduktion" (alle publizistisch produzierenden Arbeitsbereiche), "Medienpolitik" (Beobachtung, Intervention, Beratung und Programmpolitik) sowie "Medienbildung" (Aus-, Fort- und Weiterbildung für Journalismus, Öffentlichkeitsarbeit und Medienpädagogik) entsprechend ihren Erfordernissen organisiert werden. Ziel soll es sein, im publizistisch produzierenden Bereich Kooperationen zu erleichtern, Freiräume für Innovationen auszubauen und marktorientiertes Handeln zu ermöglichen und im übrigen die konsultative, medienpolitische und medienrechtliche Arbeit zu stärken.
         
  3. Das Gemeinschaftswerk soll sich vermehrt zur Sicherung seiner Arbeit um Einnahmen aus dem Verkauf seiner Produkte bemühen und entsprechende Strukturen für eine stärker unternehmerische Verantwortung in den einzelnen Arbeitsbereichen aufbauen. Allerdings kann die Arbeit des Gemeinschaftswerks nicht allein unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten und ihrer Verkäuflichkeit geschehen.     
  4. Multimedia-Angebote sind eine besondere Herausforderung für die evangelische Publizistik. Mit ihnen können vor allem jüngere Zielgruppen erreicht werden. Die Entwicklungskosten sind in diesem Bereich allerdings besonders hoch, während eine regionale Anbindung keine Rolle spielt. Damit gehört die Entwicklung von Multimedia-Produkten zum unmittelbaren Aufgabenbereich des GEP, das sich hierfür qualifizieren und Kooperationen mit kirchlichen wie mit säkularen Medienunternehmen suchen muß.     
  5. Das GEP soll zusammen mit den publizistischen Einrichtungen in den Landeskirchen und den Medien- und Presseverbänden Modelle für Kooperationen entwickeln, die auf eine arbeitsteilige Wahrnehmung publizistischer Aufgaben zielen. Im Interesse einer effektiven Organisation muß das Gemeinschaftswerk steuernde Funktionen wahrnehmen können.
Nächstes Kapitel