Mandat und Markt

5. Printpublizistik

Die Printpublizistik hat innerhalb des publizistischen Angebotes in der Bundesrepublik Deutschland eine erhebliche Bedeutung. In Deutschland erscheinen 381 Tageszeitungen in über 1.600 Ausgaben. Die Abonnementszeitungen, Kaufzeitungen und Wochenzeitungen erreichen eine verkaufte Auflage von 32,5 Millionen Exemplaren pro Ausgabe.9 Vom bundesdeutschen Zeitschriftenmarkt wurde im Jahr 1996 ein Auflagenrekord bei den Publikumszeitschriften gemeldet. Im ersten Quartal wurden 127,6 Millionen Exemplare pro Ausgabe verkauft. Der intensive Wettbewerb führt zu einer stärkeren Segmentierung des Marktes mit immer mehr Titeln. Dabei geht die Bedeutung der sogenannten General-Interest-Titel mit einem breit gefächerten Themenangebot zurück zugunsten von Special-Interest-Zeitschriften, die genauer die einzelnen Interessengebiete der Leser abdecken. So gab es 1996 insgesamt 543 Publikumszeitschriften mit einer durchschnittlichen Auflage von 234.000 Exemplaren. Außerdem erscheinen knapp 4.000 Fachzeitschriften mit einer verkauften Auflage von 40 Millionen Exemplaren pro Ausgabe. Die Kunden- und Mitgliederzeitschriften erreichen eine Auflage von etwa 20 Millionen Exemplaren. Schließlich gibt es eine Vielzahl wöchentlicher Anzeigenblätter; im Jahr 1996 waren es 1.325 mit einer Auflage von 77,6 Millionen Exemplaren.10 Bedeutung haben auch die 6 Millionen Schülerzeitungen, die von etwa 5.000 Redaktionen erstellt werden. Sie erzielen im Jahr 67 Millionen DM an Werbeeinnahmen.11

Die evangelische Printpublizistik bietet mit ihrem umfangreichen Angebot ebenfalls ein vielfältiges, facettenreiches Bild. Die Wochenzeitungen (Kirchengebietspresse), die Gemeindebriefe, die Monatszeitschriften, die Gruppen- und Verbandspublizistik beteiligen sich auf jeweils unterschiedliche Weise am öffentlichen Zeitgespräch. Trotz und auch wegen dieses breiten, z.T. unüberschaubaren Spektrums befindet sich die evangelische Publizistik in einer schwierigen Marktsituation. Sie steht in unmittelbarem Wettbewerb zum Gesamt der säkularen Medien. Sie muß sich mit Strukturproblemen auseinandersetzen, die sich aus der veränderten Rolle der Kirche und des Protestantismus in einer pluralistischen Gesellschaft ergeben. Ihr Auftrag und ihr Selbstverständnis geben zudem einen Rahmen vor, der einem gewinnorientierten marktwirtschaftlichen Handeln auch Grenzen setzt.

Unverkennbar ist, daß sich die evangelische Presse in einer grundsätzlichen und ernsten Krise befindet. Die kirchlichen Printmedien teilen dabei die für jede Art Verbandspresse derzeit bestehenden Probleme. Eine politischen Zielen und Institutionen (Partei- und Gewerkschaftspresse) oder religiösen Überzeugungen verpflichtete Publizistik hat erhebliche Schwierigkeiten, sich am Markt zu behaupten. Die Gruppen- und Verbandspublizistik leidet generell an einer diffusen Zielgruppen-Bestimmung.

Während die säkularen Medien im Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt sich dynamisch entwickeln,12 ihre lokale, regionale Kompetenz hervorheben, differenzierte Zielgruppenkonzepte umsetzen, hat die evangelische Printpublizistik an dieser Marktentwicklung kaum Anteil und fällt im Wettbewerb immer deutlicher zurück.

Vor diesem Hintergrund ist die Kirche gefordert, sich mit innovativen Konzepten den Herausforderungen einer verschärften Wettbewerbssituation zu stellen, strukturelle Probleme mit eindeutigen Entscheidungen zu beheben, zugleich aber auch Treue zu ihrem publizistischen Auftrag zu bewahren.

Die Kirchen müssen der Entwicklung ihrer Printpublizistik erhöhte Aufmerksamkeit widmen. Sie sind "in der Verantwortung für die Tradition einer ,Buchreligion' ... in besonderer Weise der Wortkultur verpflichtet. Das Verhältnis von Buchstabe und Geist, von Wort und Bild bedarf angesichts der enormen Ausweitung der elektronischen Medien einer intensiven Aufmerksamkeit und Pflege."13

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