Mandat und Markt

6. Elektronische Medien: Hörfunk, Fernsehen und Neue Medien ((45))

Die elektronischen Medien nehmen im Bereich von Information, Bildung und Unterhaltung eine herausragende Stellung ein. Auf sie entfällt der größte Anteil der durchschnittlichen täglichen Mediennutzung.46 In den letzten drei Jahrzehnten haben sie ökonomisch und soziokulturell erheblich an Bedeutung gewonnen. Ihr Stellenwert in der Gesellschaft wird noch weiter steigen, "wenn Generationen nachgewachsen sind, die in ihrer Kindheits- und Jugendphase von den elektronischen Medien maßgeblich geprägt wurden."47

Über fast vier Jahrzehnte war der Rundfunk in Deutschland allein in öffentlich-rechtlicher Trägerschaft organisiert. Durch die Zulassung privater Rundfunkveranstalter veränderte sich die bislang relativ homogene Rundfunklandschaft zu einem konkurrierenden Marktgeschehen, und die Zahl der in einem durchschnittlichen Haushalt empfangbaren Hörfunk- und Fernsehprogramme vervielfachte sich.48 Während in den 70er Jahren im Hörfunk bereits eine Ausdifferenzierung nach Programmtypen und Zielgruppen begonnen hatte, orientieren sich heute werbefinanzierte Programme fast ausschließlich an Zielgruppen. Der Charakter des Hörfunks veränderte sich von einem vorwiegend durch das Wort zu einem von der Musik bestimmten Medium, das nebenbei, also in Begleitung anderer Tätigkeiten, gehört wird.

Die Mitte der 80er Jahre einsetzende Programmvermehrung im Fernsehen führte zu vergleichbaren Veränderungen. Das Fernsehen gewann eine neue Attraktivität vor allem bei jüngeren Altersgruppen, die ihm bislang distanziert gegenübergestanden hatten. Die Bedeutung des Fernsehens für die Unterhaltung ist deutlich stärker geworden. Die Zuschauer gehen flexibler mit dem Fernsehen um, viele beschäftigen sich nebenbei auch mit anderen Dingen, Bindungen gegenüber einzelnen Programmen und Sendungen haben sich gelockert. Die Langzeitstudie Massenkommunikation resümiert, "daß die Einführung des Privatfernsehens dauerhafte Veränderungen im Fernsehverhalten" ausgelöst hat.49

Die neuen digitalen Übertragungstechniken werden zu weiteren Veränderungen und zu einem immer größeren Programmangebot führen. Die Tendenz zu Spartenprogrammen wird sich weiter verstärken bis hin zu hoch spezialisierten Angeboten für kleine Zielgruppen. Diese neuen Programme werden zum größten Teil für den Zuschauer nur gegen Entgelt zu empfangen sein (Pay-Radio/Pay-TV/Pay Per View), so daß die bisherige Unterscheidung zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunkanbietern gegenüber der Unterscheidung zwischen frei empfangbaren und verschlüsselten Programmen an Bedeutung verliert. Nur noch international operierende Konzerne, die alle Stufen der Produktion und Verwertung einbeziehen, werden künftig den entstehenden Programmbedarf decken können. Durch die Konzentration auf wenige große Programmanbieter dürften nationale, kulturelle und auch religiöse Unterschiede an Bedeutung verlieren. Entscheidend wird die breite Verwertbarkeit der Programme sein.

Nach wie vor behaupten die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten mit ihrem Grundversorgungsauftrag ihre starke Stellung neben den Sendern der privaten Unternehmensgruppen wie zum Beispiel Bertelsmann/CLT, Kirch und Holtzbrinck. Wenn jedoch Programme und Senderechte für Ereignisse vom Markt weggekauft werden, so daß sie nur noch in den privaten und in den Pay-Programmen zu empfangen sind, verliert der öffentlich-rechtliche Rundfunk wichtige Programmsegmente und die Grundversorgung steht damit auf dem Spiel. Durch die Satellitenausstrahlung besteht die Gefahr, daß die für die bisherige Ordnung maßgebliche Rundfunkhoheit der Bundesländer ausgehöhlt wird. Programmveranstalter, die eine Lizenz außerhalb Deutschlands erhalten, können in der Bundesrepublik empfangen werden und in den Rundfunkmarkt eingreifen.

Eine weitere Veränderung kündigt sich durch die Verbindung zwischen Fernseher und Computer zu einem Multimediagerät an. Damit entstehen neue massenattraktive Angebotsformen, wie sie sich derzeit im Internet, bei der Multimedia-CD und den Online-Diensten entwickeln.

Die evangelische Kirche ist herausgefordert, im Rahmen ihres gesellschaftsdiakonischen Auftrags für eine gerechte, gesellschaftsverträgliche und demokratiefördernde Medienordnung einzutreten und die elektronischen Medien und interaktiven Kommunikationsformen zur Vermittlung der christlichen Botschaft zu nutzen. Medienfragen werden zu wichtigen Themen für die Leitungsgremien der Evangelischen Kirche in Deutschland und ihrer Gliedkirchen. Der Rat der EKD, die Synode und die Kirchenkonferenz sollen sich regelmäßig über aktuelle Entwicklungen unterrichten lassen und eine einheitliche Rundfunkpolitik und publizistische Praxis abstimmen. Für ihre Präsenz in den elektronischen Medien müssen die EKD und ihre Gliedkirchen die notwendigen finanziellen und personellen Voraussetzungen schaffen.

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