„Luther ist aktuell, Luther ist relevant“

Reformationsbotschafter Nico Hofmann im Interview

Nico Hofmann
Regisseur Nico Hofmann produziert für das ZDF einen Luther-Film.

Die evangelische Kirche feiert 500 Jahre Reformation – und der Regisseur und Produzent Nico Hofmann feiert mit. Weil ihm die Reformation viel bedeutet – als Ursprung einer streitbaren evangelischen Kirche und als prägende Kraft für eine offene, freiheitliche Gesellschaft.

Herr Hofmann, die evangelische Kirche feiert 500 Jahre Reformation. Warum feiern Sie mit?

Nico Hofmann: Weil mir die Reformation sehr viel bedeutet. Viele Themen der Reformation haben mit uns heute fundamental zu tun: Es geht um Dialog und Offenheit, um das Gegenteil von Abschottung gegenüber dem Rest der Welt. Deshalb bin ich evangelisch. Evangelisch zu sein ist für mich die einzige Glaubensform, die mir diese Gesprächskultur, diese Streitkultur, die Neugierde und die Freiheit von jeglichem Fundamentalismus zusichert. Ich könnte keine Religion leben, die die Homo-Ehe verbietet oder Frauen schlechter stellt. Ich bin ein sehr überzeugter Protestant.

Sie produzieren für das ZDF einen großen Luther-Film. Eine Herzensangelegenheit?

Hofmann: Für den Film habe ich mich lange und intensiv mit Martin Luther beschäftigt. Je länger ich das tat, desto mehr aktuelle Zeitbezüge haben sich ergeben. Wenn Sie zum Beispiel sehen, welche Rolle der religiöse Fundamentalismus in der Welt spielt. Oder wenn Sie sich die Wähler von Donald Trump oder der AfD anschauen, die ihre Länder am liebsten abschotten wollen. Natürlich wird der Luther-Film sehr stark historisch angelegt sein – aber wer ihn sieht, wird auch merken: Luther ist aktuell, Luther ist relevant.

Wofür steht er?

Hofmann: Für Offenheit in der Begegnung mit Themen und Menschen. Er hat die damalige fundamentalistische Auslegung von Religion infrage gestellt – und alle Lebensmodelle, die damit zusammenhingen. Das war hochriskant, dazu gehörte enorm viel Mut. Die Folgen waren nicht nur religiöser Natur: Die Reformation hat auch geprägt, wie wir in dieser Gesellschaft zusammenleben, welche Diskussionskultur wir pflegen. Solche Themen sind auch im Drehbuch des Luther-Films enthalten.

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Was wünschen Sie sich für den Film?

Hofmann: Ich wünsche mir und meinen Mitproduzenten Benjamin Benedict und Joachim Kosack, dass er nicht nur religiöse Menschen erreicht, sondern auch ein Publikum, das mit Religion kaum Berührungspunkte hat, vielleicht bislang sogar einen großen Bogen darum gemacht hat. Schwierige historische Themen so aufzubereiten, dass sie Diskussionen anregen, ist uns schon bei „Unsere Mütter, unsere Väter“ gelungen – der Film erzählt die Geschichte von fünf jungen Menschen im Zweiten Weltkrieg. Kriegserlebnisse waren danach auf einmal Thema zwischen den Generationen. Oder nehmen Sie „Die Flucht" mit Maria Furtwängler. Der Film hat Millionen von Menschen dazu gebracht, erstmals über das Tabuthema ihrer eigenen Vertreibung, ihrer eigenen Flucht zu sprechen. Mit diesen großen Produktionen – das gilt auch für den Luther-Film – verbinde ich eine bestimmte politische Haltung und möchte ein bestimmtes Menschenbild fördern: Ein Menschenbild der Begegnung und des offenen Dialogs. Dazu stehe ich. Das hat mit Wahrhaftigkeit zu tun. Die schätze ich auch an Luther.

Wahrhaftigkeit?

Hofmann: Für etwas einstehen, Haltung zeigen – das wird mir permanent abverlangt. Als Regisseur und Produzent muss ich zu einer klaren eigenen Haltung kommen, wie wir mit Filmstoffen, mit Figuren, umgehen: Warum produzieren wir diesen Film? Welche Idee steckt dahinter? Es geht mir dabei um guten Journalismus. Der braucht eine klare Haltung. Es geht aber auch um persönliche Wahrhaftigkeit im Umgang mit Kollegen, mit Studenten. Als Intendant der Wormser Nibelungen-Festspiele arbeite ich mit jungen Menschen aus sieben verschiedenen Ländern zusammen. Wir spielen die Nibelungen-Saga, den deutschen Urstoff. Und jeder der Schauspieler bringt seine eigene Haltung dazu mit. Der Austausch darüber ist eine hochinteressante Erfahrung.

Sie haben einige Filme produziert, in denen Religion eine Rolle spielt. Absicht oder Zufall?

Hofmann: Das ist eher Zufall. Ich picke mir nicht bewusst Stoffe heraus, die sich mit Religion beschäftigen. Den Film „Jesus liebt mich“ etwa fand ich großartig, weil das Buch viel, viel Humor hatte. Ich habe es geliebt. Der Film war sehr erfolgreich im Kino. Das war die Leistung von Florian David Fitz, der auch sehr religiös ist. Wir haben uns am Rande des Films übrigens sehr intensiv damit auseinandergesetzt, was der Jesus-Begriff in der heutigen Zeit bedeuten kann.

Wie sind Sie zu dem „überzeugten Protestanten“ geworden, als den Sie sich bezeichnen?

Hofmann: Das hat mit meinen Eltern und deren Scheidung zu tun. Beide waren sehr gläubige Menschen. Beide haben als Journalisten gearbeitet, beide mit einer klaren Haltung, einem klaren Menschenbild. Meine Mutter hat sich damals zur evangelischen Kirche hingewendet und dadurch viel Kraft bekommen. Diese Erfahrung verbindet auch mich immer wieder an entscheidenden Punkten in meinem Leben mit dem Glauben. Ich lebe ihn und bete regelmäßig – das gibt mir eine große innere Ruhe. Daneben habe ich als Jugendlicher in Mannheim eine sehr lebendige Kirchengemeinde kennengelernt. Ich habe dort meine Heimat gefunden, habe viele Jugendgottesdienste mitgemacht. Es gab auch eine sehr lebendige Streitkultur. Das alles hat mich fest in der evangelischen Kirche verwurzelt.

„Gnade ist die höchste Form des Verzeihen-Könnens.“

Nico Hofmann
Nico Hofmann Reformationsbotschafter, Regisseur und Produzent

Für Luthers Glauben waren Gnade und Freiheit wichtig. Was bedeutet Gnade für Sie?

Hofmann: Gnade ist die höchste Form des Verzeihen-Könnens. Nehmen wir beispielsweise eine gescheiterte Ehe: Wenn Lebensentwürfe sich gegenseitig beschädigt haben, dann leiden Menschen. Sie werfen sich vor, ihr Leben behindert oder zerstört zu haben. Können sie sich verzeihen? Ich würde mir diesen Akt der Gnade wünschen.

Und Freiheit?

Hofmann: Freiheit entsteht aus Gnade. Sie entspricht der inneren Haltung, sich mit Lust streiten zu können. Ein freier Mensch muss nicht der Angst nachgeben. So wie all die Wutbürger, die dauernd sagen „Es ist alles ganz schlimm“, aber kein Lebensmodell anbieten, das sie attraktiv finden würden. Freiheit ist das Gegenteil von Abschottung. Deshalb finde ich die Debatten, die wir momentan über Flüchtlinge führen, so wichtig. Diese Themen würden auch Martin Luther bewegen, wenn er heute leben würde.

Von ihm stammt der Spruch: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Was würden Sie machen?

Hofmann: Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich dennoch versuchen, einen letzten Film zu drehen.

Wie würde der aussehen?

Hofmann: Hoffentlich humorvoll. Mit gewisser Gelassenheit.

EKD/GEP