Der „Morgenstern der Reformation“

Der englische Theloge John Wyclif war ein Vorbild für spätere Reformatoren

Wir werfen einen Blick zurück auf die Reformatoren, die den Protestantismus ab dem 16. Jahrhundert mitgestaltet und geprägt haben. Auch wenn in Deutschland Martin Luther viel Aufmerksamkeit erhält – er war nicht der einzige große Kopf seiner Zeit. In diesem Teil der Reformatoren-Reihe dreht sich alles um das Leben von John Wyclif.

John-Wyclif-Denkmal
Das John-Wyclif-Denkmal in Worms.

Seiner Zeit war John Wyclif weit voraus. Rund 150 Jahre, bevor Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche geschlagen haben soll, setzte sich der nordenglische Theologe kritisch mit dem Papsttum auseinander und übersetzte die Bibel aus dem Lateinischen ins Mittelenglische. In die Kirchengeschichte ging John Wyclif daher als „Morgenstern der Reformation“ ein.

Über die Kindheit und Jugend des Oxforder Theologen ist wenig bekannt. Er kam wohl vor 1330 in der englischen Grafschaft Yorkshire auf die Welt. Wyclif studierte in Oxford Theologie, wo er später auch als Dozent tätig war. Von 1368 an wirkte er als Pfarrer zunächst in Ludgershall, später dann in der reichen Gemeinde Lutterworth. Als Doktor der Theologie lehrte er ab 1372 zudem an der Universität.

Ein begnadeter Prediger und Schriftsteller

John Wyclif nahm auf die Politik Einfluss. Als Gesandter des englischen Königs Eduard III. reiste er 1374 zusammen mit anderen Geistlichen nach Brügge, um dem päpstlichen Nuntius „Beschwerden gegen den Heiligen Stuhl“ vorzutragen. Konkret ging es um finanzielle Forderungen des Papstes, die die englische Krone strikt ablehnte. Im Auftrag des Königs kritisierte Wyclif den Verkauf kirchlicher Ämter und wandte sich gegen den Machtanspruch des Papstes, der zu dieser Zeit seinen Papstsitz in Avignon hat.

Wyclif war ein begnadeter Prediger und Schriftsteller. Intensiv setzte sich der Doktor der Theologie mit der Bibel auseinander, was ihm schon zu Lebzeiten den Beinamen „Doctor Evangelicus“ einbrachte.

Allein 245 lateinische Predigten sind von ihm erhalten. Außerdem hat er einen achtteiligen Kommentar zur Bibel geschrieben. Mit seinem Verständnis der Bibel als alleinige Autorität wird Wyclif zum Vorläufer der Reformation. Sein Traktat „De Veritate Sacrae Scripturae“ (1378) nimmt in gewisser Weise Luthers Bibelverständnis voraus.

Radikale Kirchenkritik

Sein Bibelverständnis machte John Wyclif schließlich zum radikalen Kirchenreformer. Die Reliquienverehrung war ihm ebenso ein Dorn im Auge wie der Zölibat. Heftig kritisierte er auch die Abendmahlslehre der katholischen Kirche als unbiblisch und lehnte die Transsubstantiationslehre, nach der sich Brot und Wein in Christus verwandeln, ab. Die Feier der Eucharistie war für Wyclif einzig ein Gedenkmahl.

Immer wieder kritisierte Wyclif mit Verweis auf die Bibel aber auch den Besitzanspruch der Kirche scharf. Sah er doch in weltlichem Besitz das Grundübel der Kirche und forderte die Enteignung von Kirchengütern – sehr zum Ärger des Weltklerus und der besitzenden Mönche. Niedergeschrieben hat er diese radikale Kirchenkritik vor allem in seinen beiden Traktaten „De civili dominio“ (deutsch: „Über die bürgerliche Herrschaft“ sowie in „De divino dominio“ (deutsch: „Über die göttliche Herrschaft“). Die Reaktion der Kirche ließ nicht lange auf sich warten: 1377 verurteilt Papst Gregor XI. einige seiner Lehrsätze als häretisch.

Ein Vorbild für andere Reformatoren

Ein paar Jahre später verwarf eine englische Synode einen Teil seiner Lehren. Wyclif zog sich von der Universität und aus der Politik zurück. In seiner Pfarrei in Lutterworth arbeitete er bis zu seinem Tod an einer Bibelübersetzung aus dem Lateinischen ins Englische.

Am 31. Dezember 1384 starb John Wyclif an den Folgen eines Schlaganfalls. Seine Lehren wirkten jedoch weiter: Die Lollarden – eine Gruppe von Laien und Klerikern aus den unteren sozialen Schichten, die Wyclif zum Teil noch zu Lebzeiten als Prediger ausgesandt hatte – griffen sein Gedankengut auf.

Auch der böhmische Reformer Jan Hus nahm sich seine Schriften zum Vorbild. Zusammen mit Hus wurden die Schriften Wyclifs auf dem Konstanzer Konzil 1415 verurteilt. Wylcif selbst war da schon rund 30 Jahre tot. Infolge des Konzils wurde sein Leichnam exhumiert und verbrannt. Die Asche wurde in einem Fluss verstreut.

Barbara Schneider