Vielfalt bereichert!

Das Penzberger „Evangelisches Haus für Kinder“ fördert und begleitet Kinder aus unterschiedlichsten Herkünften. Kinder werden nach ihren individuellen Begabungen gefördert – zum Erzieherinnenteam gehört auch ein Hund.

Angelika Mügge mit Hund Nelly

Die Kleinstadt Penzberg, 50 Kilometer südlich von München, wirkt wie eine bayerische Idylle. Hier scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Mitten in der Stadt eine schmucke alte Villa. Einst lebte hier der Direktor des Bergwerks. Inzwischen ist sie vertrauter Ort für 75 Kinder, die täglich hier Ein und Aus gehen. Im „Evangelischen Haus für Kinder“ wird deutlich: Auch in der bayerischen Idylle lebt die Vielfalt. „Dieser Begriff bedeutet uns sehr viel“, erklärt KiTa-Leiterin Susanne Teubner (45), „denn Vielfalt ist bereichernd. Deshalb orientiert sich unsere Pädagogik an der Vielfalt der Kinder, die uns anvertraut werden.“ Und die kommen aus sehr unterschiedlichen Familien und Lebensverhältnissen. Manche wurden hier geboren, manche in anderen Ländern, teilweise sehr weit entfernt: China und Russland, Kroatien, Kosovo, aus der Türkei, auch aus Syrien geflüchtete Kinder sind dabei. Die Kinder kommen auch aus unterschiedlichen Familiensystemen: Manche leben bei den Großeltern, andere bei einem Elternteil, andere in klassischen Familien. „Wir begleiten auch Kinder mit Behinderungen, Beeinträchtigungen und Erkrankungen“, fügt KiTa-Leiterin Teubner hinzu und nennt noch einen weiteren Bereich, in dem hier Vielfalt gelebt wird: den Glauben. „Christliche Kinder aus verschiedenen Konfessionen besuchen unser Haus: evangelische, katholische und griechisch-orthodoxe, auch muslimische Kinder, und viele, die keiner Religion angehören.“ Ist diese Vielfalt für die Kinder nicht schwierig? „Nein“, meint Teubner, „die beglückende Erfahrung ist: Kinder nehmen diese Unterschiede gar nicht so wahr wie wir Erwachsene. Kinder leben das Miteinander, egal, wie das andere Kind ist.“

Für die Erzieherinnen ist die Vielfalt, so wertvoll sie auch ist, eine große Herausforderung, sie müssen feinfühlig und sensibel auf jedes einzelne Kind eingehen. Im „Evangelischen Haus für Kinder“ wird nach dem sogenannten offenen Konzept gearbeitet. Jedes Kind wird in seiner Einzigartigkeit und nach seinen Bedürfnissen gefördert. Jedes Kind kann seinen eigenen Tagesablauf gestalten, kann seine Nische finden, in der es sich wohl fühlt und Vertrauen fasst.

Nicht nur im Namen der KiTa wird das Christliche in der Arbeit des Hauses deutlich. „Wenn Du ein Kind siehst, hast Du Gott auf frischer Tat ertappt“: Dieses Zitat Martin Luthers steht als Leitspruch über der pädagogischen Arbeit des Hauses. Was das bedeutet? „Wir nehmen jedes Kind so an, wie es ist“, erklärt Teubner, „weil auch Gott alle Menschen annimmt und weil wir uns bei Gott geborgen fühlen.“

Geborgen fühlen können sich die Kinder auch unter den 200 Jahre alten Bäumen, die den Garten überschatten. Eine riesige Buddellandschaft und hölzerne Spielgeräte machen den kleinen Park zu einem Spielparadies. Gleich daneben steht die evangelische Martin-Luther-Kirche. Auf der Weise davor spielt Nelly, eine knuffige Rhodesian-Ridgeback-Hündin. Auch sie muss gleich zur Arbeit: Nelly ist geprüfte tierische „Co-Pädagogin“ im Haus für Kinder. Ihr Frauchen, Erzieherin Angelika Mügge (47), ist „Fachberaterin für tiergestützte Intervention“. Einmal in der Woche bringt sie Nelly mit ins Haus für Kinder. „Die Kinder lieben sie sehr. Im Zusammensein mit ihr lernen sie viel!“, sagt sich Angelika Mügge. Denn die Erfahrung hat sich in der Pädagogik herumgesprochen: Hunde unterstützen die Entwicklung von Kindern auf vielfältige Weise. Sie wirken beruhigend und schaffen eine positive Atmosphäre. Sie unterstützen die Wahrnehmung sozialer Kompetenzen und das Selbstbewusstsein. Und mit einigen Übungen helfen sie auch bei der Herausbildung der Feinmotorik. Einige Eltern haben ihre Kinder hier angemeldet, um die Angst vor Hunden abzubauen. „Bei Nelly teilen Kinder ihre Hundeliebe, die sonst nicht miteinander spielen“, so eine Erfahrung von Angelika Mügge, „Nelly wirkt hier auch als Brückenbauerin.“

Auf einem Baumstumpf im Garten wartet eine Mutter mit ihrer einjährigen Tochter Johanna auf dem Arm. „Als wir nach Penzberg zogen und eine KiTa für unseren Sohn suchten, fiel unsere Wahl auf das Evangelische Haus für Kinder“, erzählt Ursula Steiniger-Möhnle (42). Das ist neun Jahre her – inzwischen besucht der Sohn die Grundschule. Nach dem Unterricht kommt er in den Hort der vertrauten KiTa – und trifft dort seinen kleinen Bruder. Nächstes Jahr wird die kleine Schwester in die Krippe kommen, dann sind die drei Geschwister komplett, freut sich die Mutter: „Die Kinder lernen hier, Rücksicht auf andere zu nehmen. Die Kinder kümmern sich um einander. Wenn Fragen entstehen, werden sie so besprochen, dass die Kinder verstehen.“ Weil Ursula Steininger-Möhnle die Arbeit so schätzt, engagiert sie sich von Anfang an im Elternbeirat.

Sie und ihre Familie ist katholisch – „das war kein Problem, denn die religiöse Zugehörigkeit spielt hier keine Rolle. Hier wird Vielfalt gelebt. Die Kinder lernen biblische Geschichten und christliche Feste kennen. Letztendlich ist jeder und jede frei, wie man den Glauben ausübt oder woran man hängt.“

Sichtbares Zeichen für diese religiöse Offenheit ist Sabreen Alawee. In ihrer Heimat Syrien hat sie als Lehrerin gearbeitet. Dann floh sie mit ihrem Mann und vier Kindern vor Krieg und Gewalt nach Deutschland. Sie landete in Penzberg; die evangelische Kirchengemeinde unterstütze die Familie. Als Lehrerin hier weiter zu arbeiten, ging nicht – so lernte sie Deutsch und lässt sich nun zur Erzieherin ausbilden. Im „Haus für Kinder“ fand sie eine Stelle.

„Die Kinder erkennen an meinem Kopftuch, dass ich etwas anders bin“, erzählt die 42-Jährige, „wenn sie fragen, antworte ich, dass ich aus einem anderen Land komme und Muslima bin. Das ist kein Problem.“ Religiöse Toleranz wird in ganz Penzberg gelebt. Die muslimische, evangelische und katholische Gemeinde machen vieles gemeinsam, viele muslimische Kinder besuchen den christlichen Kindergarten. Sabreen Alawee: „Wir sind Menschen, egal was wir glauben, das ist wichtig. Und dass Menschen, ob Kind oder erwachsen, ein großes Herz haben.“  

Es ist eine wohltuende und beglückende Vielfalt, die in die alte Penzberger Bergwerks-Villa eingezogen ist. Die Folgen der Corona-Pandemie konnten ihr nichts anhaben. Fantasievoll hielt das Team weiter Kontakt zu den Kindern, veranstaltete zum Beispiel eine große Schatzsuche quer durch Penzberg. Am Ende wartete eine große Schatztruhe vor dem „Evangelischen Haus für Kinder“, aus der jedes Kind etwas nehmen konnte. Die Vielfalt, die hier gelebt wird, scheint für die gesamte Stadt ein Schatz zu sein.      

Kontakt:

Evangelisches Haus für Kinder
Am Schloßbichl 3
82377 Penzberg

Website:www.ev-kinderhaus-penzberg.de
E-Mail: haus-fuer-inder.penzberg@elkb
Trägerin: Ev.-Luth. Kirchengemeinde Penzberg https://penzberg-evangelisch.de
Landeskirche: Ev.-luth. Kirche in Bayern  www.bayern-evangelisch
 



„Kinder in der Mitte. Evangelische Kindereinrichtungen: Bildung von Anfang an“: Mit dieser Handreichung ermutigt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) Verantwortliche in Kindertagesstätten, bei Trägern, im Sozialraum und in den Kirchengemeinden, ihre wichtige Rolle für die frühe Bildung und religiöse Sozialisation aktiv zu gestalten.

Cover: Kinder in die Mitte!

Evangelische Kindertageseinrichtungen: Bildung von Anfang an

Eine Handreichung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland
Hrsg. EKD, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 2020

In dieser Handreichung des Rates der EKD werden Kirchengemeinden und andere evangelische Träger früher Bildung ermutigt, die Qualität und Intensität ihrer frühen Bildungsangebote weiterzuentwickeln. Dazu gehören die Schärfung eines christlichen Profils, der Ausbau von Netzwerken sowie die Implementierung von Qualitäts- und Präventionskonzepten. In einem kurzen Praxisteil werden Anregungen zum Austausch und zur Ideenfindung rund um die evangelische Kindertagesstätte angeboten.

ISBN 978-3-374-06703-9
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