Bildung als Selbstbildung

Die KiTa „Arche Noah“ in Gardelegen (Sachsen-Anhalt) vermittelt Nächstenliebe, Verlässlichkeit und Vertrauen

Kinder im Freien spielen Kreisspiele

Die Integrative Kindertagesstätte Arche Noah entstand aus einer schon in DDR-Zeiten gegründeten heilpädagogischen Einrichtung. 1993 wurde sie zu einer integrativen Kindertagesstätte umgebaut. Heute begleitet sie Kinder auch mit erhöhtem Förderbedarf. Eines der pädagogischen Ziele: Bei den Kindern sollen Selbstbildungsprozesse angeregt werden. „Wir müssen Kinder da abholen, wo sie stehen, aber sie auch dahin führen, wo sie noch nicht waren.“ Zum pdäagogischen Konzept gehört auch eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Eltern. Die Bürgermeisterin freut, dass hier christliche Werte vermittelt werden.

Petra Müller

„Wir orientieren uns an der Entdeckerfreude der Kinder“

Petra Müller (58)
Leiterin der „Arche Noah“ seit 1999

Das pädagogische Team orientiert sich am sogenannten EEC-Ansatz. Eine der Säulen davon ist „Jedes Kind ist excellent.“  Das bedeutet: Wir haben Vertrauen, dass jedes Kind anhand seiner momentanen Bedürfnisse das tut, was es gerade braucht. Wir verstehen Bildung als Selbstbildung. Wir als pädagogische Fachkräfte stellen Raum, Material, Zeit und uns zur Verfügung. „Alles was wir mit Begeisterung tun, ist Dünger für unser Gehirn“, sagt der Neurobiologe Gerald Hüther. Selbstbestimmtes Lernen fördert positive Gefühle. Freudbetontes Lernen ist nachhaltiges Lernen. Wir orientieren uns konsequent an den Wünschen und an der Entdeckerfreude der Kinder.

Das ist eine Herausforderung an uns. Das Kind und sein Tun in respektvoller Distanz zu beobachten, ohne dass es für die pädagogische Fachkraft nachvollziehbar ist. Manchmal ertappen wir uns dabei, dass wir zu schnell sagen: „Machs mal so…!“ Aber wir möchten mehr beobachten, auch ohne gleich zu verstehen, was Kinder da gerade vorhaben.

Wir beteiligen die Kinder am Leben in der Arche Noah. Im Kinderparlament besprechen wir einmal im Monat wichtige Dinge gemeinsam. Manchmal werden da bestehende Regeln verändert, zum Beispiel dass mehr Kinder zum Spielen auf den Boden dürfen. Auch die Einrichtung unserer Bibliothek geht auf Kinderwünsche zurück.

Dieses Vorgehen fordert von uns intensive Kommunikation und Selbstreflektion, denn wir müssen manchmal bereit sein, eigene Vorstellungen abzugeben. Zum Beispiel bei der Auswahl der Farbe für die Bibliothek. Unsere Erfahrung: die Kinder gehen viel bewusster mit den Dingen um, die sie selbst entschieden haben.

Bei allem arbeiten wir auf christlicher Grundlage. Manche Menschen haben Unsicherheiten, weil sie wenig Berührung mit Kirche und christlichen Inhalten haben. Einige haben auch Sorge, dass die Kinder beten müssen oder die Zehn Gebote aufsagen. Bei uns werden die Kinder eingeladen und ihnen werden Angebote unterbreitet - auch im Bereich des Glaubens. Natürlich feiern wir Weihnachten und Ostern. Wir beten auch – wer nicht mitmachen möchte, nicht die Hände falten möchte, muss das nicht tun. Wir gehen auch mit den Kindern in die Kirche und beantworten Fragen nach den christlichen Symbolen. Ein Mädchen, das zum ersten Mal eine Kirche betrat, staunte: „Hier muss ein König wohnen!“ Dann haben wir ihr erklärt, was eine Kirche bedeutet.

Vor einiger Zeit war ein junger Mann im Freiwilligen Sozialen Jahr bei uns, der ebenfalls mit Kirche nichts anzufangen wusste. Von dem, wie wir hier den Glauben leben, war er so beeindruckt, dass er sich taufen ließ.  Das hat uns alle sehr berührt.

Mandy Schumacher

„Hier werden christliche Werte vermittelt“

Mandy Schumacher (43)
Bürgermeisterin von Gardelegen


Die Arche Noah ist ein wichtiger Teil unserer KiTa-Landschaft in Gardelegen. Zum einen, weil dort Integration gelebt wird: Kinder mit besonderem Bedarf werden in der KiTa gefördert und kommen mit anderen zusammen.

Und: In der Arche Noah werden christliche Werte vermittelt, das ist mir persönlich auch besonders wichtig. Das Team der Arche Noah leistet sehr gute Arbeit. Die Erzieherinnen und pädagogischen Fachkräfte setzen den Glauben um. Deswegen finde ich die Anbindung an die evangelische Kirchengemeinde auch richtig und wichtig.

Als die Idee einer evangelischen Grundschule entstand, habe ich gerne den Verein mitgegründet. Ich bin zwar nicht gläubig. Ich bin in der DDR aufgewachsen, da war Kirche nicht Teil unseres Lebens. Heute bezeichne ich mich als Agnostikerin. Dass ich nicht in der Kirche bin heißt ja nicht, dass ich den Wert von Werten nicht schätzen kann. Die Vermittlung christlicher Werte liegt mir am Herzen, sie sind ja auch allgemeine ethische Werte.

Zusätzlich ist mir als Bürgermeisterin die Vielfältigkeit im Bildungsbereich sehr wichtig, bei den KiTas wie bei den Schulen.

Lysann Jütte

Begegnungen auf Augenhöhe

Lysann Jütte (42)

Mutter

 

Als unser zweites Kind geboren wurde, standen wir vor einer besonderen Herausforderung. Denn unser Sohn ist nicht mit allen Annehmlichkeiten auf die Welt gekommen, die viele andere Kinder haben. Er hat einen Chromosomendefekt, außerdem eine Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte. Eine Folge davon ist „erhöhter Förderbedarf“, wie es in der Fachsprache heißt.

Wir entschieden uns sehr bewusst dafür, dass er die „Arche Noah“, eine integrative KiTA besucht. Dort wurden er und wir Eltern herzlich und vertrauensvoll aufgenommen. Es herrscht ein sehr respektvoller Umgang. Alle begegnen sich auf Augenhöhe. Das rührt und bewegt uns bis heute.

Es gibt einen festen Rahmen und Regeln – und trotzdem eine enorme Flexibilität. Die Kinder sind immer herzlich dazu eingeladen den Alltag selbstbestimmend und aktiv mitzugestalten. Die Pädagogen stellen sich gern auf spontane Ereignisse und auf die Ideen der Kinder ein.

Auf diese Weise hat unser Sohn sehr gute und bestärkende Erfahrungen machen können. Einmal hat er in der KiTa einen Milchzahn verloren – ein großes Ereignis! Sofort wurde dort das menschliche Gebiss zum Thema gemacht und den Kindern nähergebracht. Ein anderes Mal wollte er gerne den Kindern eine Bienenwabe zeigen, die hatte er von seinem Onkel, der Imker ist. Dankbar wurde diese Anregung in der Arche Noah aufgenommen. Und, das größte Ereignis: Mein Sohn hatte sich in den Kopf gesetzt, Modedesigner zu werden und wollte eine Modenschau veranstalten. Die KiTa hat sich von der Idee anstecken lassen und machte tatsächlich ein großes, tolles Event daraus. Eltern und Großeltern wurden eingeladen, die Zeitung berichtet. Als ich meinem Sohn den Artikel vorlas, war er sehr stolz. Durch solche Erfahrungen, Verlässlichkeit, eine tolle Zusammenarbeit zwischen Eltern und Pädagogen und eine individuelle Förderung sind seine Selbstständigkeit und sein Selbstbewusstsein enorm gewachsen. Es gelingt ihm sich individuellen Herausforderungen zu stellen und diese zu meistern. So auch den Übergang aus der KiTA in die Schule. Im Sommer dieses Jahres wurde er eingeschult, er besucht nun voller Freude die Evangelische Grundschule gleich nebenan.

Gott hat uns vor eine große Herausforderung gestellt, aber er stellt uns Menschen zur Seite, die uns auf unserem Weg unterstützen und begleiten und zeigt uns damit das wir nicht allein sind.

Wir sind begeistert von der Arbeit, die die Mitarbeiter der Arche Noah leisten und sehr dankbar für diese Begegnung.

Kontakt:

Integrative Kindertagesstätte Arche Noah
Holzmarkt 13
39638 Gardelegen
Website: www.kita-gardelegen-arche-noah.de
E-Mail: arche-noah-gardelegen@t-online.de

Trägerin: Evangelische Kirchengemeinde Gardelegen
Landeskirche: Evangelische Kirche Mitteldeutschlands 

„Kinder in der Mitte. Evangelische Kindereinrichtungen: Bildung von Anfang an“: Mit dieser Handreichung ermutigt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) Verantwortliche in Kindertagesstätten, bei Trägern, im Sozialraum und in den Kirchengemeinden, ihre wichtige Rolle für die frühe Bildung und religiöse Sozialisation aktiv zu gestalten.

Cover: Kinder in die Mitte!

Evangelische Kindertageseinrichtungen: Bildung von Anfang an

Eine Handreichung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland
Hrsg. EKD, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 2020

In dieser Handreichung des Rates der EKD werden Kirchengemeinden und andere evangelische Träger früher Bildung ermutigt, die Qualität und Intensität ihrer frühen Bildungsangebote weiterzuentwickeln. Dazu gehören die Schärfung eines christlichen Profils, der Ausbau von Netzwerken sowie die Implementierung von Qualitäts- und Präventionskonzepten. In einem kurzen Praxisteil werden Anregungen zum Austausch und zur Ideenfindung rund um die evangelische Kindertagesstätte angeboten.

ISBN 978-3-374-06703-9
Preis 8,00 Euro

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