Coronavirus durch ein Mikroskop betrachtet

Zusammenhänge von Corona Krise, ökologischer Krise und Nachhaltigkeit

Einladung zu einer offenen Debatte

Wir sammeln Material, von dem wir meinen, dass es in dem breiten Spektrum der derzeitigen Debatte interessant ist, und möchten damit einen Beitrag zu einer offenen Debatte leisten. Wir weisen gleichzeitig darauf hin, dass die Verantwortung für die Aussagen in den Texten bei den jeweiligen Autoren liegt und nicht als Positionierung der EKD anzusehen sind.

Gedanken zur derzeitigen Lage der Diskussion

Seit Beginn des Jahres 2020 hält das Coronavirus die Welt in Atem. In nahezu allen Erdteilen breitet es sich rasant aus und hat bereits unzählige Menschen infiziert und viele Menschen das Leben gekostet.

Es scheint so, dass die Corona Krise alle anderen bisherigen Krisen in den letzten Jahrzehnten (Finanzkrise, Flüchtlingskrise, ökologische Krise) in den Schatten stellt. In der Tat ist die Lage sehr ernst. Solange es keinen Impfstoff und keine wirksamen Medikamente gibt, bedroht das Virus Leib und Leben sehr vieler Menschen- besonders das der Menschen mit schwächerem Immunsystem. Die Krise hat darüber hinaus unabsehbare Auswirkungen auf das wirtschaftliche Leben, die politischen Systeme und das gesellschaftliche Miteinander. Die Welt, wie wir sie kennen, löst sich auf. Niemand weiß genau, wie lange der jetzige Zustand noch dauern wird und was danach kommt. Ob wir zu unserem alten „normalen“ Leben zurückkehren werden, ist ungewiss. Zu fragen ist auch, ob das gut wäre.

Dieses hohe Maß an Unsicherheit und Ungewissheit weckt kollektive wie persönliche, ökonomische wie existentielle Ängste. Manche Menschen bewegen dabei ganz grundlegende und auch religiöse Fragen: Woher kommt dieses Virus? Warum trifft es uns jetzt? Gibt es einen Zusammenhang zu anderen Krisen?

„Die Natur schlägt zurück!“, „Das Virus weist uns in unsere Schranken“, „Es zwingt uns zur radikalen Umkehr“- solche Sätze aus persönlichen Gesprächen, Leserbriefen und Einträgen in Blogs zeigen, dass viele Menschen nach dem Sinn dieser Krise fragen und dabei auch Zusammenhänge mit anderen Krisen- vor allem der ökologischen Krise- vermuten. Es ist schon eine bittere Ironie, dass ausgerechnet Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus dazu führen, dass z.B. Deutschland seine Klimaziele für 2020 nun doch erreichen wird. Auch Stimmen aus den Naturwissenschaften, der Zukunftsforschung und den Politik-und Sozialwissenschaften stellen einen Zusammenhang zwischen der Corona Krise, der ökologischen Krise und der Nachhaltigkeit her, wenn auch keine einfachen monokausalen Ableitungen.

Dr. Ruth Gütter

Theologische und kirchliche Beiträge zum Umgang mit der Coronakrise

  • Das Coronavirus als Weckruf? - Dr. Ruth Gütter (EKD)

    Dr. Ruth Gütter, Die Corona Krise und die ökologische Krise als Anfrage an den christlichen Glauben und die Theologie,  EKD

    Seit Beginn des Jahres 2020 hält das Coronavirus die Welt in Atem. In nahezu allen Erdteilen breitet es sich rasant aus und hat bereits 1 Millionen Menschen infiziert und über 50 000 Menschen das Leben gekostet (Stand 3.4.2020).

    Zur Eindämmung einer zu schnellen Ausbreitung des Virus wurden von den meisten Regierungen der betroffenen Länder historische bis Anfang des Jahres noch völlig undenkbare Beschränkungen des alltäglichen Lebens und der sozialen Kontakte beschlossen. Schulen, Kindertagesstätten, Universitäten, Kirchen, Behörden, Restaurants, Cafés, Kinos, Theater und die Mehrheit der Geschäfte wurden geschlossen, die wirtschaftliche Produktion heruntergefahren und einschneidende Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen verhängt. Damit hofft man die Anstiegskurve der Infektionen so zu verlangsamen, dass die Gesundheitssysteme nicht völlig kollabieren, was in einigen Ländern leider bereits geschieht.

    Es scheint so, dass die Corona Krise alle anderen bisherigen Krisen in den letzten Jahrzehnten (Finanzkrise, Flüchtlingskrise, ökologische Krise) in den Schatten stellt. In der Tat ist die Lage sehr ernst. Solange es keinen Impfstoff und keine wirksamen Medikamente gibt, bedroht das Virus Leib und Leben sehr vieler Menschen- besonders das der Menschen mit schwächerem Immunsystem. Die Krise hat darüber hinaus unabsehbare Auswirkungen auf das wirtschaftliche Leben, die politischen Systeme und das gesellschaftliche Miteinander. Die Welt, wie wir sie kennen, löst sich auf. Niemand weiß genau, wie lange der jetzige Zustand noch dauern wird und was danach kommt. Ob wir zu unserem alten „normalen“ Leben zurückkehren werden, ist ungewiss. Zu fragen ist auch, ob das gut wäre.

    Woher kommt das Coronavirus?

    Dieses hohe Maß an Unsicherheit und Ungewissheit weckt kollektive wie persönliche, ökonomische wie existentielle Ängste. Manche Menschen bewegen dabei ganz grundlegende und auch religiöse Fragen: Woher kommt dieses Virus? Warum trifft es uns jetzt? Gibt es einen Zusammenhang zu anderen Krisen?

    „Die Natur schlägt zurück!“, „Das Virus weist uns in unsere Schranken“, „Es zwingt uns zur radikalen Umkehr“- solche Sätze aus persönlichen Gesprächen, Leserbriefen und Einträgen in Blogs zeigen, dass viele Menschen nach dem Sinn dieser Krise fragen und dabei auch Zusammenhänge mit anderen Krisen- vor allem der ökologischen Krise- vermuten. Es ist schon eine bittere Ironie, dass ausgerechnet Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus dazu führen, dass z.B. Deutschland seine Klimaziele für 2020 nun doch erreichen wird. Auch Stimmen aus den Naturwissenschaften und der Zukunftsforschung stellen einen Zusammenhang zwischen der ökologischen Krise und der Corona Krise her, wenn auch keine einfachen monokausalen Ableitungen.

    Allgemein bekannt ist als eine Ursache die Haltung und Schlachtpraxis von Wildtieren auf den „wet markets“ in China, bei denen das Virus von Tieren auf Menschen übergesprungen ist. Im Menschen verwandelten sich die für die Tiere ungefährlichen Mikroben in tödliche Krankheitserreger. Wie und warum eine solche gefährliche Mutation im Menschen erfolgt, ist noch nicht erforscht.

    Das Überspringen von Viren von Tieren auf den Menschen- sogenannte Zoonosen- hat es zwar nach Auskunft der Naturwissenschaftler in der Geschichte immer wieder gegeben. Tuberkulose und Masern z.B. wurden von Haustieren übertragen und waren tödlich bis man einen Impfstoff entwickelte. Solche Zoonosen nehmen jedoch in den letzten Jahren in bedenklicher Weise zu. Die große Mehrheit der für den Menschen gefährlichen Viren der letzten Jahrzehnte (HIV, Ebola, Zeka, SARS, Corona) sind von Wildtieren auf den Menschen übergesprungen. Das hängt wiederum mit den Expansionen menschlicher Lebensräume im Zuge der ökonomischen Globalisierung zusammen, die auch Ursache für viele andere ökologische Probleme sind. Je mehr der Lebensraum von Wildtieren durch den Menschen beschnitten wird- so die Beobachtung von Biologen und Epidemiologen-, umso mehr steigt die Gefahr solcher Übertragungen.[1] Insbesondere das Abholzen der Wälder, welches z.B. Fledermäuse als Virenträger in menschliche Siedlungen ausweichen lässt, hat dazu beigetragen und ist für das Ebolavirus bereits nachgewiesen.[2] Auch die Übertragung von Krankheitserregern durch Mücken, durch Vögel und durch Zecken, die durch das rasante Artensterben kaum noch natürliche Feinde haben, hat nachweislich zugenommen.[3]

    Ebenso führten eng zusammengepferchte Nutztiere in der Intensivlandwirtschaft zur Verbreitung von gefährlichen Viren wie der Vogelgrippe oder des Influenza -Q-Virus, H5N1.[4] Um letzteren zu stoppen, mussten z.B. 2014 in den USA Millionen Geflügel gekeult werden.

    Im Unterschied zu früheren Epidemien sind die heutigen auch deshalb so gefährlich, weil sie sich durch die vielfältigen globalen Verbindungen in Wirtschaft und Gesellschaft kaum noch regional begrenzen lassen. Diese Pandemie hat die Welt auch nicht so unerwartet getroffen, wie es gegenwärtig erscheint. Auch die Bundesregierung hat bereits 2012 im Rahmen einer Risikoanalyse Szenarien einer möglichen Pandemie durch die Verbreitung eines neuartigen Coronavirus und der dann zu treffenden Maßnahmen durchgespielt, die sich in nahezu beklemmender Weise als ein Drehbuch der jetzigen Situation lesen![5]

    Es gibt auch schon seit geraumer Zeit Programme der Weltgesundheitsorganisation, die sich für den Schutz des Lebensraums von Wildtieren einsetzen, damit Viren nicht so leicht auf den Menschen überspringen. Der Evolutionsbiologe Rob Wallace fordert als die wichtigsten Präventionsmaßnahmen Schutz der Lebensräume von Wildtieren, die Förderung der Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren, umfassende Maßnahmen zur Wiederaufforstung und die flächendeckende Einführung der ökologischen Landwirtschaft.[6]

    Der Zukunftsforscher Matthias Horx vermutet ebenfalls Zusammenhänge mit unserer globalen Lebensweise und stellt folgende These auf „Vielleicht war der Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt. Aber sie kann sich neu erfinden.“[7]

    Die Ökologische Krise und die Corona Krise – was unterscheidet sie und was verbindet sie?

    Kann man und darf man die Corona Krise und die ökologische Krise überhaupt in einem Atemzug benennen? Was unterscheidet sie und was verbindet sie? Fragt man danach, was die Krisen unterscheidet, so sind vor allem drei deutliche Unterschiede zu nennen:

    Das Wissen um die Ursachen

    Bei der ökologischen Krise-insbesondere bei der Klimakrise -wissen wir inzwischen, dass sie nach Meinung der ganz großen Mehrheit der Wissenschaftler vom Menschen verursacht ist. Wir wissen auch hinlänglich, welches die wirksamen Maßnahmen sind, um die Folgen der Krise einzudämmen. Mit den Beschlüssen des Pariser Klimaabkommen von 2015 und der Verabschiedung der Nachhaltigkeitsziele wurden dazu wichtige und weitreichende Beschlüsse gefasst. Allerdings mangelt es noch immer an der konsequenten Umsetzung. Bei der Corona Krise scheint es nach belastbaren Hinweisen von Wissenschaftlern vom Menschen verursachte Entwicklungen zu geben, die das Überspringen des Virus begünstigen. Die Gründe der Mutationen mit den tödlichen Wirkungen für den Menschen liegen aber noch im Dunkeln.

    Die Unmittelbarkeit der Bedrohung

    Die Auswirkungen der ökologischen Krise werden zwar immer mehr spürbar, aber offenbar von den meisten Menschen noch nicht als bedrohlich genug empfunden, um unpopuläre Maßnahmen, wie wir sie jetzt gerade erleben, zu akzeptieren. Dagegen sind die Auswirkungen der Corona Krise so unabweisbar sichtbar und spürbar (Krankheitssymptome, überfüllte Krankenhäuser, der Tod vieler Menschen), dass sie zu einer sehr schnellen und erstaunlichen Akzeptanz von großen Einschränkungen geführt haben, die man angesichts der ökologischen Krise immer als nicht durchsetzbar und praktikabel gehalten hat. Es darf jedoch in der akuten Krise nicht vergessen werden, dass auch der Klimawandel heute schon heute vielen Menschen das Leben kostet und mittel und langfristig das Leben von Millionen Menschen bedroht!

    Der Zeitfaktor

    Die ökologische Krise entwickelt sich über lange Zeiträume. Bereits seit fast 50 Jahren wird vor ihren nicht minder dramatischen lebensbedrohlichen Folgen gewarnt.[8]Diese Auswirkungen bekamen als erstes die Menschen in den Ländern zu spüren, die am wenigsten dazu beigetragen haben. Erst in den letzten Jahren wurden sie auch für die Menschen in den reichen Ländern in Form von Hitzerekorden und Unwettern spürbar. Die Corona Krise entwickelte sich dagegen innerhalb weniger Wochen zu einer Pandemie, die nahezu alle Länder in allen Erdteilen betrifft.

    Und damit sind wir auch schon bei den Gemeinsamkeiten beider Krisen:

    Die Auswirkungen treffen alle, aber nachhaltige Gesellschaften sind resilienter

    Da es sich sowohl bei der ökologischen Krise als auch der Corona Krise um globale Krisen handelt, treffen sie zwar mittelfristig und langfristig Menschen in allen Ländern und in allen Gesellschaftsschichten, aber es sind eben nicht alle gleichermaßen durch ein gutes Gesundheitssystem, eine gute Daseinsvorsorge und eine verantwortlich handelnde Regierung geschützt. Es macht einen lebensentscheidenden Unterschied, ob ich diese Pandemie in einem Flüchtlingslager auf Lesbos, in einem Armenviertel in Rio de Janeiro, in Norditalien oder in Deutschland erlebe. Diese Faktoren erinnern an die hohe Relevanz der Sustainable Development Goals (SDG), die Ziele für nachhaltige Entwicklung, die die Staatengemeinschaft 2015 beschlossen haben. Einige davon erweisen sich jetzt als lebensentscheidend auch im Kampf gegen das Coronavirus: Schutz vor Armut und Hunger (SDG 1 und 2), Zugang zu einem guten und bezahlbaren Gesundheitssystem (SDG 4), Zugang zu Wasser und Hygienesystemen (SDG 6), Achtung der Menschenrechte, verantwortliche und demokratische Regierungsführung (SDG 16). Auch das Ziel 15, der Schutz der Artenvielfalt, hat hier im Hinblick auf die Ursachen für die Zunahme der Virenkrankheiten eine hohe Bedeutung.

    Für beide Krisen ist also der entschiedene Einsatz für die Umsetzung der Ziele für eine nachhaltige Entwicklung politisch wie auch gesellschaftlich dringend geboten. Das Engagement für Klimaschutz und der Einsatz für den Schutz vor der Corona- Epidemie sollten dabei nicht gegeneinander ausgespielt werden. Wer die Mittel und Maßnahmen zum Schutz vor dem Coronavirus in Frage stellt, gefährdet das Leben vieler Menschen. Wer die Mittel und Maßnahmen zum Klimaschutz in Frage stellt, riskiert Entwicklungen, die neue Pandemien oder andere Katastrophen auslösen. Nachhaltige Politik und nachhaltige Gesellschaften können sicher nicht alle Probleme lösen und alle Leben retten, aber sie wirken präventiv gegen gefährliche Krisen und geben die nötige Resilienz, um diese Krisen besser zu bewältigen.

    Licht und Schatten der globalen Abhängigkeiten

    Eine wichtige Erfahrung, die beide Krisen miteinander verbindet, ist die der großen Abhängigkeit voneinander- im Kleinen wie im Großen, im Guten wie im Schlechten. Auch wenn momentan die Grenzen geschlossen sind, wenn jedes Land versucht, seine Bevölkerung zuerst zu schützen. Es wird uns auf Dauer nichts nützen, wenn wir allein für uns sorgen. „Sowohl beim Klima als auch bei Corona… gilt …: der Schaden eines anderen gefährdet uns alle. Jede Neuinfektion birgt das Risiko einer weiteren Ausbreitung. Jeder Hamsterkauf führt zur Verknappung. Jeder Flug, jedes SUV, jedes Kohlekraftwerk macht die Anstrengungen Einzelner, klimabewusster zu handeln zunichte, genau wie jedes Land, das sich nicht darum schert. Beide Krisen sind nur durch radikale Solidarität und Kooperation zu lösen, nicht durch Einzelgängertum und Konkurrenz“.[9] Das ist eine zentrale Schlussfolgerung für den politischen und gesellschaftlichen Bereich. Doch es gibt auch noch eine Tiefendimension.

    Die Ökologische Krise und die Corona Krise als Anfrage an den christlichen Glauben und die Theologie

    In beiden Krisen zeigt sich auch die große Verwundbarkeit des Menschen, seine Ohnmacht und aber auch die Bedeutung seiner Verantwortung. Beide Krisen offenbaren zudem die Abhängigkeit der Menschen voneinander und von der nichtmenschlichen Schöpfung- im guten wie im schlechten Sinne. In beiden Krisen wächst die Sehnsucht nach Halt, nach Orientierung und nach Hoffnung.

    Für Christen stellen sich in der gegenwärtigen Corona Krise auch alte und neue Fragen nach Gott und seiner Schöpfung, nach Heilung und Erlösung und nach dem, was Hoffnung gibt für die Zukunft. Mit diesen Fragen befassen sich zurzeit nahezu alle, die im kirchlichen Verkündigungsdienst stehen. Jede Andacht, jede Predigt, jede Meditation versucht, in dieser besonderen Krisenzeit aus dem christlichen Glauben Trost und Orientierung zu geben. Ich finde es beeindruckend, was hier an christlicher Kernsubstanz in tröstlichen und zugleich eindringlichen Worten zur Sprache kommt und wie stark und unmittelbar biblische Texte in die gegenwärtige Situation sprechen. Das ist ein Kairos auch für die Kirche, in der ihre besondere Mission gefragt ist und in der ihr - ähnlich wie schon bei der Flüchtlingskrise - trotz aller äußeren Beschränkungen neue Kraft und Lebendigkeit zuwachsen. Aus der theologischen Wissenschaft gibt es verständlicherweise (angesichts der Kürze der Zeit) zu diesen Fragen bisher erst wenige Beiträge.

    Der Glaube an Gottes Schöpfermacht und Fürsorge

    Eine Frage, die in vielen Predigten und Andachten und auch in den theologischen Beiträgen häufig gestellt wird, ist die Frage nach dem Sinn der Corona Krise. Ist sie eine Strafe Gottes? Gehört sie zu den Kennzeichen einer „gefallenen Schöpfung“? Wie verträgt sie sich mit dem Glauben an Gottes Liebe und Fürsorge?

    Der Glaube an Gottes Schöpfermacht und Liebe kann in Zeiten wie diesen einen Riss bekommen, denn wir erleben, dass vieles, was gerade geschieht, nicht Gottes Willen entspricht. Glaube und Erfahrung treten hier schmerzhaft auseinander.

    In diesem Zusammenhang äußern aktuelle Beiträge aus der wissenschaftlichen Theologie mit Vehemenz kritische Anfragen an die ökologische Theologie, der sie eine naive Vorstellung von der guten Schöpfung und ein zu großes Vertrauen in die „Selbst- und Weltsanierungsfähigkeit“ des Menschen vorwerfen.[10] Vielmehr zeige sich nun in der Corona Krise, dass die Schöpfung abgründig und zwiespältig sei und auch lebensbedrohliches Potential beinhalte. „Die Schöpfung entfaltet sich mit einer nicht zuletzt abgründigen Freiheit, die sich auch in lebenszerstörerischen Mutationen der Viren manifestiert.“[11] Es sei ein Fehler, die Sünde nur als Defizit des Menschen zu sehen, Gewalt geschehe auch in den biologischen Prozessen.[12] Aufrufe zur Versöhnung mit der Natur wären deshalb fragwürdig, ein solcher „religiöser Schöpfungskitsch“ würde nicht weiterhelfen.[13]

    Ich halte diesen Vorwurf in der gegenwärtigen Krise für wenig hilfreich. Zum einen zeichnet er ein Zerrbild der ökologischen Theologie. Auch Jürgen Moltmann, der Begründer der ökologischen Schöpfungslehre, hält fest, dass die gegenwärtige Schöpfung nicht nur gut ist, sondern der Vergänglichkeit und Nichtigkeit unterworfen- jedoch ohne eigene Schuld. Deshalb sei es auch falsch von der „gefallenen Natur“ zu sprechen.[14] Zum anderen wird aus meiner Sicht in den aktuellen theologischen Beiträgen vorschnell auf die unheimlichen lebenszerstörerischen Kräfte der Natur und ebenso auf die Geheimnisse des verborgenen Gottes verwiesen, ohne die Verantwortung des Menschen für die Zerstörung von Lebensräumen ausreichend in Betracht zu ziehen. Natürlich gibt es auch unerklärliche Gewalt in der Schöpfung, es gibt Krankheiten und Leid, die ohne Sinn sind. Mir scheint jedoch die Corona Pandemie dafür nur bedingt ein passendes Beispiel zu sein. Für mich verschränken sich in ihr die Verantwortung des Menschen für gefährliche Überschreitungen der ökologischen Grenzen (konkret die Beschneidung der Lebensräume von Tieren und die Abholzung von Wälder) mit für den Menschen lebensbedrohliche biologische Entwicklungen (Mutationen), für die wir keine Erklärung haben.

    Die Corona Krise als ein Weckruf

    Wie viele meiner Kollegen im Pfarrdienst in ihren Andachten betonen, glaube auch ich nicht, dass die Corona Krise eine Strafe Gottes ist. Dass Gott weder Krankheit noch Tod will, zeigt sich schon in den neutestamentlichen Geschichten, in denen Jesus Menschen von ihren Krankheiten heilte und Tote auferweckte. In diesen Heilungsgeschichten weist Jesus einen kausalen Zusammenhang von Sünde und Krankheit unmissverständlich zurück. Aber dennoch gibt es Mächte, die das Leben in Frage stellen und zerstören können.

    Moltmann beschreibt die Schöpfung Gottes als einen Prozess, in dem Gott nicht nur am Anfang die Schöpfung aus dem Nichts erschafft, sondern sie auch unter Mühen gegen die Mächte der Lebensverneinung erhält und schließlich mit der Auferstehung Jesu damit beginnt, sie neu zu erschaffen.[15] Gott ist also nicht als der jenseitige Herrscher zu verstehen, der über irdischem Leid steht, sondern als einer, der aus Liebe zu seiner Schöpfung in Jesus Christus in die von Nichtigkeit bedrohte Schöpfung eingeht, mit ihr mitleidet, mit ihr gegen die Nichtigkeit ankämpft und durch Leid und Tod hindurch die Schöpfung neu erschafft.[16]

    Mir scheinen die Stimmen am überzeugendsten, die in der Corona Krise einen Weckruf zu einer gesamtgesellschaftlichen Umkehr sehen.[17] Ich glaube, dass Gott uns trotz der Erfahrung von Leid und Tod nicht zugrunde richten, sondern uns aufrichten und zu Recht bringen will.[18] In der Tat enthält die Krise neben der Erfahrung großen Leids auch Chancen. Zukunftsforscher und Soziologen zeigen in eindrücklichen Szenarien auf, wie sich die Welt nach der Corona Krise wirtschaftlich, gesellschaftlich, politisch und sozial zum Positiven verändern könnte, wie nachhaltige Entwicklung uns resilienter machen und präventiv gegen neue Krisen wirken könnte .[19] Schon jetzt spüren wir an einigen Punkten, wie uns die erzwungene Einkehr vieles neu entdecken und wertschätzen lässt, was wir vorher zu wenig wahrgenommen haben, wie z.B. die hohe Bedeutung von alltäglicher Nachbarschaftshilfe und gesellschaftlicher Solidarität. Systemrelevant sind nun nicht die großen Institutionen wie Banken oder Versicherungen, sondern Menschen, die in den Krankenhäusern, Lebensmittelgeschäften oder in der Daseinsfürsorge ihren wichtigen lebensdienlichen Dienst tun. Regionale Wirtschaftskreisläufe und kurze Lieferketten gewinnen angesichts der aktuellen Lieferengpässe wichtiger Güter viel mehr an Plausibilität als die nun fragilen globalisierten Wirtschaftsstrukturen und Lieferketten.

    Auch der Glaube an die neue Schöpfung Gottes, die mit der Auferstehung Jesu begonnen hat, kann uns die Kraft geben, die Hoffnung für die Zukunft nicht zu verlieren. Nicht weil wir Menschen diese neue Welt schaffen könnten und sollten. Sondern weil sie uns eine Vision von der Fülle des Lebens geben, die Gott für seine Schöpfung will. Für Moltmann ist die Eschatologie nichts anderes als in die Zukunft gewendeter Schöpfungsglaube. Wer aus apokalyptischer Angst die Vernichtung der Welt erwartet, verleugnet die Schöpferkraft Gottes. Denn der Glaube erwartet nicht den Untergang, sondern die Verwandlung der Welt.

    „Wer an Gott glaubt, der aus dem Nichts das Sein erschuf, der glaubt auch an den Gott, der Tote lebendig macht. Darum hofft er auf die neue Schöpfung von Himmel und Erde. Sein Glaube macht ihn bereit, der Vernichtung auch dort zu widerstehen, wo menschlich gesehen nichts mehr zu hoffen ist. Seine Hoffnung auf Gott verpflichtet ihn auf die Treue zur Erde“.[20]

    3.4.2020, OKRin Dr. Ruth Gütter, Referentin für Nachhaltigkeit der EKD

     

    [1] S. Shah, Woher kommt das Coronavirus?, Le Monde diplomatique, März 2020, S. 1-3,https://atlas-der-globalisierung.de/woher-kommt-das-coronavirus/

    Johannes Vogel, Direktor des Naturkundemuseums, in Berlin bestätigt ebenfalls diesen Zusammenhang:
    https://www.tagesspiegel.de/politik/artensterben-und-naturzerstoerung-dieses-virus-ist-auch-der-preis-unserer-ausbeutung-der-natur/25676216.html

    Ebenso Andrew Cunningham, Professor für Wildtier Epidemiologie der Zoologische Gesellschaft London
    https://science.orf.at/stories/3200448?fbclid=IwAR0MTFpGZBZiTUBSQ6JAHARjqm6Dp-MA9l1i-pHLfoEM1WyPN3xHFBiOJDI

    [2] Katarina Zimmer, Deforestation tied to changes in disease dynamics, The Scientist, New York 29, Januar 2019

    [3] Lyme and other tickborne diseases, Centers fir Diseases Control and Prevention, 22, April 2019, www.cdc.gov

    [4] S. Shah, Woher kommt das Coronavirus, S. 2

    [5] Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012, Deutscher Bundestag Drucksache 17/12051, 1.3.2013

    [6] Interview mit Rob Wallace von 21.3. 2020
    https://amerika21.de/analyse/238220/coronavirus-und-agrarindustrie

    [7] M. Horx, Die Welt nach Corona, S. 11

    [8] Club of Rome, Die Grenzen des Wachstums, 1972

    [9] Vivian Dittmar, Zwei Krisen. Acht Parallelen, https://ethik-heute.org/zwei-krisen-acht-parallelen/

    [10] Günter Thomas, Theologie im Schatten der Corona Krise, Bochum 18.3.2020, S. 1-12 https://zeitzeichen.net/node/8206

    Ralf Frisch, Gott, das Virus und wir, Zeitzeichen online, 24.3.2020

    [11] Günter Thomas S.1

    [12] G. Thomas S.4

    [13] G. Thomas S. 2

    [14] Jürgen Moltmann, Gott in der Schöpfung, ökologische Schöpfungslehre, 1985, S. 81

    [15] Jürgen Moltmann, S. 68

    [16] Jürgen Moltmann, S. 217

    [17] Ansprache von Pfarrer Baier am 2.4.2020 in Kassel, www.ekkw.de/kassel

    [18] Ansprache von Pfarrer Henning www.youtube.com Evangelische Gemeinde in Beirut

    [19] M. Horx, Die Welt nach Corona, www.horx.com/48-die-welt-nach-corona/

     Fiktive Kanzlerinnenrede https://taz.de/Fiktive-Kanzlerinnenrede/!5670925/

    [20] Jürgen Moltmann ; Gott in der Schöpfung S. 105

     

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  • Corona-Pandemie und Klimaschutz – einige Anregungen zur Diskussion. Volker Teichert, Hans Diefenbacher und Oliver Foltin (Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft)

     Corona-Pandemie und Klimaschutz – einige Anregungen zur Diskussion
    Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST), Heidelberg

  • Zehn Thesen zur Verbindung von Coronakrise und Umweltkrise für Gesellschaft und Kirche mit Handlungsoptionen  von Dr. Constantin Gröhn und Christian Seiberth, Diakonie & Bildung, Ev.-Luth. Kirchenkreis Hamburg-Ost

    Unter Einbeziehung der Impulse aus dem Zoom-Meeting der Kammer für nachhaltige Entwicklung der EKD unter Oberkirchenrätin Dr. Ruth Gütter vom 20.04.2020, Stand 28.04.2020 
     

    1. Es zeichnet sich immer deutlicher ein direkter Zusammenhang zwischen Gesundheitskrise und ökologischer Krise ab. 
       
    2. Corona schärft den Blick auf grundlegende Bedrohungen wie den Klimawandel und das Artensterben sowie der Notwendigkeit, hier nun endlich und entschieden zu handeln. 
       
    3. Eine wesentliche Ursache für den in den letzten Jahrzehnten beobachteten Anstieg von neuen, zwischen Mensch und Tier übertragenen Infektionskrankheiten, ist die rasant voranschreitende Zerstörung des Lebensraums von Wildtieren. Fragen der Ökologie bekommen durch Corona eine neue Dringlichkeit, vor allem das Mensch-Natur-Verhältnis. Theologie kann dazu einen wesentlichen Beitrag leisten. 
       
    4. Unser Lebensstil im globalen Norden hinterlässt teils irreversible Schäden im Ökosystem der Erde. Mit verantwortlich ist die Denkweise, der Mensch sei von Gott zum Mittelpunkt der Schöpfung gemacht. Kirche hat die Einheit der ganzen Schöpfung zu bezeugen (1. Kor 12). 
       
    5. Die jetzige Krise wird Unternehmen weltweit dazu zwingen, bessere Systeme aufzubauen, die Lieferengpässe auch in Krisenzeiten vermeiden. Das ist das Momentum, Lieferketten nicht nur ökonomisch mit Blick auf die Sicherheit nationaler Versorgung, sondern auch im Blick auf ökologische oder auch menschenrechtliche Risiken umzubauen. Kirche sollte in der aktuellen Krisenzeit Energien bündeln zur weiteren Unterstützung der Initiative Lieferkettengesetz.  
       
    6. Das Vorwärts nach Corona darf kein Rückwärts sein. Die Neuverpflichtung zu einem Wiederaufbau des wirtschaftlichen Lebens, die die Kirche einfordern sollte, lautet: Es geht nach Corona nicht mehr um ein „Business as usual“, sondern um eine „Umkehr zum Leben“.  
       
    7. Die Chance, dass Kirche mit anderen auf einen sozial-ökologischen Umbau der Wirtschaft drängt, ist nie so groß gewesen wie jetzt; nicht nachhaltige Konjunkturprogramme wie etwa die für die Autoindustrie auflagenfreie Abwrackprämie von 2009 können vermieden werden.  
       
    8. Der Mensch ist nach biblischer Vorstellung ein „Erdling“ (Gen 2), also Teil der Natur, aber die Natur ist auch eine Bedrohung für den Menschen. Eine verantwortliche kirchliche Schöpfungstheologie reduziert den Schöpfungsbegriff nicht auf naive Vorstellungen von reiner Güte.  
       
    9. In der Theologie vollzieht sich ein grundlegender Wandel zu einer integralen Theologie, weg vom Prinzip des Dualismus hin zum Prinzip der Verknüpfung. Ein anschauliches Bild aus dem ökumenischen Kontext ist dafür der Bezug auf das „gemeinsame Haus“. 
       
    10. Der „Krieg gegen Corona“ befördert Kontrolle und Abgrenzung. Wir aber wollen in diesen Zeiten die räumliche Entgrenzung der Nächstenliebe herausstellen: „Am ersten Tag deutete jeder auf sein Land. Am dritten oder vierten Tag zeigte jeder auf seinen Kontinent. Ab dem fünften Tag achteten wir auch nicht mehr auf die Kontinente. Wir sahen nur noch die Erde als den einen, ganzen Planeten.“ (Astronaut Sultan Ben Salman Al Saud) 
  • Der Gott der Hoffnung und das Lieferkettengesetz (Stand 20.4.2020), Dr. Constantin Gröhn, Pastor und theologischer Referent für Diakonie und Bildung im Ev.-Luth. Kirchenkreis Hamburg

    In letzter Zeit wurde viel von Hoffnung gesprochen. Wenn Gesundheitsschutz, Naturschutz und Klimaschutz aber eng beeinanderliegen, ist entsprechend eng auch Hoffnung mit dem Engagement für Nachhaltigkeit verbunden. Und trotzdem hat sich die Kirche während der Corona-Pandemie bislang nur wenig als Akteurin des sozial-ökologischen Wandels gezeigt.[1] Ein momentan gut anzupackendes Beispiel könnte das Lieferkettengesetz sein, das mit anderen zivilgesellschaftlichen Partnern von Brot für die Welt unterstützt und gefordert wird.

    Sars-CoV-2 ist eine Zoonose.[2] Wie schon HIV, Mers oder Ebola wurde der Erreger von Wildtieren auf Menschen übertragen.[3] Die Voraussetzungen für Zoonosen schaffen wir Menschen selbst, indem wir Viren aus bislang isolierten Gebieten wie z. B. tropsichen Regenwäldern herausholen und die Viren mit neuen Wirten in Kontakt bringen, wie auf dem Wildtiermarkt in Wuhan. Doch nicht nur der illegale und legale Wildtierhandel bringt Zoonosen auf den Vormarsch, sondern auch die industrielle Massentierhaltung. Wenn natürliche Lebensräume zerstört werden, entstehen Kontakträume, in denen die Wahrscheinlichkeit der Übertragung von Tieren auf Menschen besonders groß ist. Dies geschieht derzeit etwa, wenn Wälder für den Anbau von Futtermitteln oder Palmöl gerodet werden. Millionen Tonnen Soja wachsen am Amazonas als Kraftfutter für europäische Schweine- und Geflügelhaltung. Die Lebensräume werden so zunehmend kleiner, und die Wildtiere kommen mit Menschen und Haustieren bedenklich in Berührung.

    Unsere Globalisierung tut das ihre: Sars-CoV-2 hat sich auf einen individuenreichen, hochmobilen und global gut vernetzten Wirt begeben; seitdem breitet es sich rund um den Globus aus.

    Seit längerem weisen Wissenschaftler darauf hin, dass auch der menschenverursachte Klimawandel die Wahrscheinlichkeit der Entstehung neuer, durch Mikrolebewesen und Viren verursachter Krankheiten begünstigt.[4]  In diesem Zusammenhang wird davon ausgegangen, dass sich neue Seuchen noch einmal verstärkt ausbreiten werden, falls die Permafrostböden durch den Klimawandel auftauen.[5]

    Gerade zu Beginn der Diskussion um das Coronavirus wurde „die Wirtschaft“ noch undifferenziert und einseitig als Opfer der Krise verstanden. Dabei müsste eine bestimmte Wirtschaftsweise auch als Ursache gelten. Und so ließe sich gerade jetzt auch auf die Bedeutung eines Lieferkettengesetzes hinweisen, dass deutsche Unternehmen nicht nur freiwillig dazu bringen wird, etwa die Abholzung des Regenwaldes durch vorsorgende Maßnahmen im Ausland zu vermeiden. Die Initiative Lieferkettengesetz ist ein breites, zivilgesellschaftliches Bündnis aus Menschenrechts-, Entwicklungs- und Umweltorganisationen, von Gewerkschaften und Kirchen. Gemeinsam ist ihnen die Forderung, einen gesetzlichen Rahmen zu schaffen für den Schutz von Umwelt und Menschenrechten in weltweiten Lieferketten. Bislang müssen Unternehmen für Schäden in globalen Lieferketten kaum Konsequenzen fürchten, während global verantwortliches Wirtschaften teilweise sogar Geschäftsnachteile bringt. Seit Beginn der Initiarive ist die Gruppe der Unterstützerinnen und Unterstützer eines Lieferkettengesetz immer breiter geworden. Auch große Unternehmen wie beispielsweise Nestlé, Ritter Sport, Tchibo oder Hapag-Lyod befürworten es.[6] Für die Initatoren selbst überraschend forderte sogar der Parteitag der CDU vom letzten November die Bundesregierung auf, gesetzliche Regelungen für die Wertschöpfungskette zu entwickeln.[7] Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) und Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) wollten daraufhin den Prozess voranbringen, ein Lieferkettengesetz auszuarbeiten.[8] Im März legten Kanzleramt und Wirtschaftsministerium die Pläne der ungewöhnlichen Koalitionäre aber vorerst auf Eis.[9] Unternehmen dürften in der derzeitigen Corona-Krise nicht zusätzlich belastet werden.

    Diese Entscheidung klingt aufgrund der hohen wirtschaftlichen Belastungen, die auf uns zukommen werden, vielleicht sogar verständlich. Und doch scheint sie nur kurzfristig gedacht. Die jetzige Krise wird Unternehmen weltweit dazu zwingen, bessere Systeme aufzubauen, die Lieferengpässe auch in Krisenzeiten vermeiden. Und das ist eine große Chance, Lieferketten nicht nur ökonomisch mit Blick auf die Sicherheit nationaler Versorgung, sondern auch im Blick auf ökologische oder auch menschenrechtliche Risiken umzubauen.

    Ein immer breiteres Bündnis aus Politik, Wirtschaft und NGOs in Europa fordert ohnehin die durch die Pandemie ausgelöste Zäsur zu nutzen und ein „neues Wohlstandsmodell“ unter grünem Vorzeichen zu entwickeln.[10] Mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren müssen sich daher auch die kirchlichen aus der Corona-Schockstarre befreien, um eine umweltfreundliche Politik einzufordern und freilich auch bei sich selbst voranzubringen.

    Zu untermauern wäre dieses durch eine ökotheologische Hermeneutik des Geschehens. Es scheint nicht weit hergeholt zu sein, Sars-CoV-2 als die biologische Manifestation einer viel allgemeineren ideellen Krise zu deuten und das Virus auf ein überhebliches Mensch-Natur-Verhältnis zurückzuführen.[11] Die Vorstellung einer „Rache des Schuppentiers“,[12] das zeitweilig als Zwischenwirt für das Corona-Virus vermutet wurde, drückt die Befürchtung vieler aus: „Menschen machten sich die Erde untertan und nahmen sich, was sie wollten. Jetzt wehrt sich die Natur und schlägt zurück.“ Viel Aufsehen erregte der brasilanische Befreiungstheologe Leonardo Boff, als dieser bereits am 14. März das Coronavirus als eine Reaktion von Mutter Erde auf den Raubbau des Menschen an der Natur bezeichnete.[13] Vielleicht auch aufgrund der darauf folgenden Kritik als „Heidentum pur“[14]  oder „abstruse Esoterik“[15] differenzierte sein deutscher Kollege Jürgen Moltmann zwischen der naturgemachten Katastrophe der Viren und der menschengemachten Umweltkatastrophe und sprach dem Gott der Hoffnung zu, uns auch in der Corona-Pandemie immer einen Anfang zu geben, wenn wir am Ende seien.[16] Bei aller Sympathie Moltmanns für die Umwelt- und Klimabewegung wirkt sein Statement inzwischen doch recht zahnlos im Engagement für eine grüner werdende Kirche. Denn auch wer die Natur nicht personaliseren oder religiös überhöhen will, dem hat das Virus mittlerweile ins Gedächtnis gerufen, was die polnische Literaturnobelpreisträgern Olga Tokarczuk zur Coronakrise so anschaulich formulierte: „Dass wir von der Welt nicht durch unser ‚Menschentum‘ und unsere Außergewöhnlichkeit geschieden sind, sondern dass die Welt eine Art großes Netz ist, in dem wir hängen, mit anderen Wesen durch unsichtbare Fäden von Abhängigkeit und Einfluss verknüpft“.[17]

    Und auch in der christlichen Religion bahnt sich nach und nach ein Wandel zu einer integralen Theologie und Glaubensvorstellung, vom Prinzip des Dualismus zum Prinzip der Verknüpfung, hin an.[18] Denn gefangen im Anthropozentrismus haben auch wir Theologinnen und Theologen und Aktive in der Kirche lange eines verdrängt: Gottes Bund gilt allen Lebewesen (1. Mose 9,16) – auch zum Schutz des Menschen.

    Informationen: lieferkettengesetz.de

    Zum kirchlichen Engagement: suedwind-institut.de/recht-und-gerechtigkeit.html


    [1] Die christlichen Kirchen haben auf globaler wie auch auf nationaler Ebene umfassend Wege zu Transformationsprozessen und zu einer transformativen Spiritualität immer wieder angemahnt und aufgezeigt. Vgl. z. B. das Impulspapier der Kammer für nachhaltige Entwicklung der EKD, Geliehen ist der Stern, auf dem wir leben, https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/ekd_texte_130_2018.pdf.

    [2] Vgl. Christoph Jähnert, Die Lehren aus Corona: Mehr Naturschutz, weniger Seuchen, https://www.tagesschau.de/inland/corona-pandemien-naturschutz-101.html, 2.4.2020.

    [3] Vgl. Matthias Lambrecht, Raubbau schadet der Gesundheit. Ein Interview zur Corona-Pandemie: Zoonosen auch Folgen der industriellen Tierhaltung, https://www.greenpeace.de/themen/umwelt-gesellschaft/raubbau-schadet-der-gesundheit, 7.4.2020.

    [4] Mikro- und Halblebewesen können sich mutativ und selektiv besser als Großlebewesen an die durch Klimawandel verönderte Umgebung anzupassen. Vgl. bereits die Studie von Dr. Günter Beckmann und Dr. Burkhard Klopreis von 1994, die keineswegs der sog. Ökoszene angehören, sondern als Wissenschaftler in der chemischen Industrie tätig waren, https://duepublico2.uni-due.de/servlets/MCRFileNodeServlet/duepublico_derivate_00011326/04-Beckmann.pdf. Zudem schafft der Klimawandel Voraussetzungen, dass Tiere sich in Regionen ausbreiten, in denen sie bisher nicht einheimisch waren. Sie bringen vormals „exotische“ Erreger mit, gegen die die Bevölkerung keinen etablierten Immunschutz aufweist.

    [5] Vgl. etwa https://www.merkur.de/welt/wetter-klimawandel-laesst-frostboeden-auftauen-enorme-gefahren-und-bedrohungen-moeglich-zr-12948525.html, 30.12.2019.

    [6] Vgl. https://www.business-humanrights.org/en/statement-f%C3%BCr-eine-gesetzliche-regelung-menschenrechtlicher-und-umweltbezogener-sorgfaltspflichten

    [7]https://www.cdu.de/system/tdf/media/images/leipzig2019/32._parteitag_2019_sonstige_beschluesse_2.pdf?file=1.

    [8] Vgl.Zacharias Zacharakis, Lieferkettengesetz: „Für die Wirtschaft derart schädlich“,  https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-12/lieferkettengesetz-arbeitsbedingungen-zulieferer-menschenrechte-arbeitgeberverband-kritik/komplettansicht, 11.12.2019.

    [9] Vgl. Dorothea Siems, Jetzt stoppt die Corona-Krise auch das Lieferkettengesetz, https://www.welt.de/wirtschaft/article206500449/Lieferkettengesetz-Kanzleramt-stoppt-Entwurf-wegen-Coronavirus.html, 12.3.2020.

    [10] Vgl. Suzanne Krause, Lehren aus der Coronakrise: Europaweiter Aufruf zum Umdenken, https://www.deutschlandfunk.de/lehren-aus-der-coronakrise-europaweiter-aufruf-zum.697.de.html?dram:article_id=474694, 15.4.2020. In Deutschland kommt zu diesem Schluss auch die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina in einer Stellungnahme vom 13. April, in der sie fordert, wirtschaftliche Impulse nachhaltig zu gestalten, vgl. Christoph Rosol, Jürgen Benn und Robert Schlögl, Der Schock hat System. Warum gerade jetzt die Zeit ist für verstärkten Klima- und Artenschutz. Ein Gast-Beitrag von Co-Autoren der Leopoldina-Stellungnahme, Süddeutsche Zeitung, 15. April 2020.

    [11] Vgl. Johannes Vogel, Dieses Virus ist auch der Preis unserer Ausbeutung der Natur, in: https://www.tagesspiegel.de/politik/artensterben-und-naturzerstoerung-dieses-virus-ist-auch-der-preis-unserer-ausbeutung-der-natur/25676216.html, 24.3.2020.

    [12] Vgl. Wufel Yu, Coronavirus: Revenge of the Pangloins, https://www.nytimes.com/2020/03/05/opinion/coronavirus-china-pangolins.html, 5.3.2020.

    [13] Vgl. Leonardo Boff, As origens do Coronavirus,https://aterraeredonda.com.br/coronavirus-uma-reacao-e-represalia-de-gaia/, 14.3.2020.

    [14] So der Macher von „katholisches.info“ Giuseppe Nardi, vgl. ders., https://katholisches.info/2020/03/18/das-coronavirus-ist-eine-strafe-dixit-leonardo-boff/, 18.3.2020.

    [15] Michael Meier, „Der gerechte Preis für unsere Grausamkeit“: Der Befreiungstheologe Leonardo Boff ist jetzt Esoteriker, https://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/der-gerechte-preis-fuer-unsere-grausamkeit/story/29234175, 22.3.2020.

    [16] Vgl. Jürgen Moltmann, Hoffnung in Zeiten der Corona-Pandemie, https://2komma42.ekir.de/blog/worauf-hoffen/, 26.3.2020.

    [17] Olga Tokarczuk, Jetzt kommen neue Zeiten!, https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/reihe-mein-fenster-zur-welt-jetzt-kommen-neue-zeiten-16703455.html, 1.4.2020.

    [18] So bereits 1991 die südkoreanischen Theologieprofessorin Chun Hyun Kyung auf der Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen in Cranberra, vgl. dies., Komm, Heiliger Geist – erneuere die ganze Schöpfung, in: Müller-Romheld, Walter (Hg.), Im Zeichen des Heiligen Geistes. Bericht aus Cranberra 1991, Frankfurt am Main 1991 ,47-56, S. 53. Auch sei an dieser Stelle noch einmal auf die Enzyklika von Papst Franzikus „Laudato si. Über die Sorge für das gemeinsame Haus“ verwiesen.

  • Zuhause – im Meer des Lebens, unserer „Mutter“, Fernando Enns

    Während ich diese Zeilen schreibe, sind wir alle noch im lock down des Frühjahres 2020 „gefangen“. Es ist eine ganz besondere Zeit. Alles ist anders: ich reise nicht, ich bleibe zuhause. Ich gehe nicht in die Universität, weder in Amsterdam, noch in Hamburg. Ich unterrichte meine Studierenden per Video-Konferenz. Auch die vielen Sitzungen finden online statt, ohne Hände schütteln, ohne Umarmung, ohne eine leichte Berührung, die manchmal so viel mehr Zuwendung und Trost ausdrücken können als viele Worte. Gottesdienste finden per live-stream statt. Das Treffen mit Familie und Freunden muss nicht gänzlich ausfallen – wir sehen uns, sprechen miteinander, können uns zusammenschalten aus weit entfernten Orten. Wir bleiben gemeinsam unterwegs auf dieser Erde, wandern nun virtuell durch die Zeiten.

    Sicherlich, die Nachrichten von der Freundin aus New York, deren Vater an COVID-19 gestorben ist, oder von dem Studenten, dessen Bruder in England verstarb, schockieren mich. Dieses Virus bringt wirklich Menschen um. Der Tod erlaubt nicht einmal einen rechten Ort der Trauer. Beerdigungen – mit maximal 10 Teilnehmenden, die Abstand zueinander wahren müssen – wirken hohl und leer. Bangende Sorge geht zu den geflohenen Menschen. Wenn 100 Menschen nur eine Toilette benutzen können und ein Wasserhahn 1.000 Personen versorgen muss, wie in den Flüchtlingslagern auf Lesbos, dann ist Schutz kaum möglich. Und die europäischen Staaten, wir, schützen jetzt nur uns selbst, jede Nation für sich. Die europäische Erde ist nur für zufällig Auserwählte ein Zuhause! Ohne den richtigen Pass hast Du hier kein Recht auf ein Zuhause! – Die Mystik nennt diese Erfahrung „via negativa“! Es ist die Karfreitagserfahrung – von Menschen ermordet, von Gott verlassen.

    Das macht mich wütend und traurig zugleich. Nicht meine eigene Gesundheit, nicht die Beschränkungen, nicht der (hoffentlich vorübergehende) Verzicht auf körperliche Nähe. Im Gegenteil! Wenn ich die Not und das Sterben verdränge, dann kann ich sagen: ich genieße diese andere Zeit! Seit vielen Jahren habe ich den Frühling nicht mehr so intensiv erlebt wie in diesem Jahr. Jeden Morgen laufe ich durch den frisch erwachten Tag, unter Bäumen, die jeden Tag mehr Grün tragen, vorbei am See, auf dem die Enten und Gänse schon miteinander schnattern, vielerlei Vögel begleiten mich mit ihrem frohen Singen, jeden Tag entdecke ich eine neue Blüte am Wegesrand. Ein Gefühl intensiven Lebens erfüllt mich, ein begeistertes Staunen über all diese Wunder, eine tiefe Verbundenheit mit der Natur – ich bin ein Teil dieser Erde, bin zuhause in diesem Netz des Lebens! In das Staunen mischt sich die Dankbarkeit und der Wunsch, das alles zu feiern. Ja, Dank der Pandemie erlebe ich diese „via positiva“ jetzt jeden Tag. Gesegnet mit der Ostersonntagserfahrung! – Das ist die andere Dimension des „Pilgerwegs der Gerechtigkeit und des Friedens“, zu dem wir uns im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) gegenseitig inspirieren.

    Der Fokus dieses ökumenischen Pilgerwegs liegt in diesem Jahr auf dem pazifischen Raum – dem „flüssigen Kontinent“. Als ich im Januar von der „Pilgerstation“ in Fiji zurückkehrte, da hatte ich mir fest vorgenommen: Bewahre diese Erfahrungen tief in deinem Herzen und rette einiges davon in deinen Alltag! Von keinem Ort kehrt der/die Pilgernde unverändert zurück! Als die Hektik der Termine mich wieder zu treiben begann, dann sagte ich mir leise „Fiji“ – und dann kehrte dieses völlig andere Bewusstsein von Zeit und In-Beziehung-Sein kurzfristig zurück. In den Dorfgemeinschaften wurden wir stets mit einer großen Zeremonie empfangen. Während dieser talanoas sitzen alle beieinander auf einer geflochtenen Matte (sie symbolisiert das Netz des Lebens). Wichtige Worte werden zu Beginn gesprochen – die Gastgeber bitten um Verzeihung für alle Unannehmlichkeiten der Reise und danken für das Kommen. Wir, die „Pilger“, bitten um Verzeihung für die Mühen, die dieser Besuch macht und bitten darum, die „Matte“ für kurze Zeit miteinander zu teilen. Wir trinken nach einer festgelegten Liturgie kawa aus einer Kokusnushchale, die herumgereicht wird. Erst danach beginnt allmählich das Gespräch über das „eigentliche“ Thema: die Folgen des Klimawandels. Die Gastgeber sind deutlich: ihre Inseln versinken bereits jetzt allmählich im Meer – dass sie ihre „Mutter“ nennen. Sie kennen die Ursachen genau: die Wirtschaftsweise, die auf der anderen Seite dieser Erde erdacht, angefeuert und weiter betrieben wird. Den Preis dafür bezahlen sie. Zwischendurch beten wir, manchmal singen wir ein Lied (wenn es eines der alten Missionslieder ist, dann kann ich mitsingen). Und sie erzählen uns von ihren politischen Aktionen. Es wird gelacht und geweint. – Ich staune über diese Weisheit: Das angestammte Wissen aus den vielen Generationen vor ihnen, der christliche Glaube und die politische Aktion sind für diese Menschen ein Ganzes. Und ich beginne zu verstehen: Für sie bedeutet die Beziehung mehr als das Individuum, der gemeinsame Bau eines neuen Kanus für ein Dorfmitglied mehr als die Renovierung des eigenen Hauses, das Nachdenken über Wege aus dieser Situation mehr als Schuldzuweisungen, der Schutz ihrer „Mutter“ (das Meer) mehr als der schnelle Profit, das Vertrauen in Gott mehr als das Zählen auf Politiker. Und sie nehmen sich sehr viel Zeit, für uns und miteinander, sitzend auf der Matte des gemeinsamen Lebens.

    Wie wir aus dieser Krise herauskommen, hängt sehr stark davon ab, wie wir in der krísis (griechisch „Beurteilung“, „Entscheidung“) leben – diese Weisheit übersetze ich in die jetzige Corona-Zeit. Nutzen wir sie als kairos (gr. „günstiger Zeitpunkt für eine Entscheidung“), um das Leben neu zu feiern, unsere Erde und das Meer (unsere „Mutter“) und unsere Teilhabe daran? Verstehen wir jetzt – da wir unsere eigene Verwundbarkeit hautnah spüren, wie verletzbar das gesamte ökologische System ist? Diese Erfahrung schenkt die Einsicht in die Einmaligkeit, den unermesslichen Wert dieses Geschenks des Lebens, das wir im Glauben „Gottes Schöpfung“ nennen. Wenn der politische Wille aufgebracht werden kann, die ganze Weltwirtschaft lahm zu legen, um das menschliche Leben einiger zu schützen, wieviel mehr sollte es dann möglich sein, gemeinsam die Kraft zu entfalten, unsere „Mutter“ vor der Zerstörung durch ihre eigenen Kinder zu retten! Noch leben wir in dieser Ostersamstag-Erfahrung, aber diese „via transformativa“ lässt uns hoffnungsvoll bekennen: „Eine andere Welt ist möglich!“

    Fernando Enns

    Weitere Informationen zu Fernando Enns

  • 10 Commandments for Responsible Pastoral Reactions to the Corona-Crisis - Prof. Dr. Dietrich Werner (Brot für die Welt)

    Grundsatzreferent von Prof. Dr. Dietrich Werner, Brot für die Welt

    10 Commandments for Responsible Pastoral Reactions to the Corona-Crisis

    1. Let not your heart be overcome by fear

    John 16,33: In the world you will have tribulation. But take heart; I have overcome the world.”

    The unprecedented global corona crisis is accompanied by many fears and anxieties which are an indication for how intensely this infectious disease is challenges all economic, financial, social and health related systems on each society.  While it is part of human life to have fear to realize dangers which can threaten the health and integrity of our life and biblical tradition knows of periods of tribulation Christian faith intends to overcome fatalism as well as any attitudes which lead to disempowerment and paralysation of human beings. The word from Jesus “Fear not; I have overcome the world” liberates us to strengthen sober and careful minds to develop integrated and responsible ways for dealing with the pandemic. What holds true to Christian life in general also applies in this emergency particularly: “Pray as if everything depends on God, act as if everything depends on us” (St. Augustine).

    2. Follow protective medical advice to stay clean and wash your hands

    James 4,8: Draw near to God, and he will draw near to you. Cleanse your hands, you sinners, and purify your hearts, you double-minded.

    The wisdom of medical doctors, of experts of immunology and epidemiology is a precious gift of God which he has grated to humankind in the history of growing medical research and insights.  To protect oneself and to protect the weakest in society for further spreading the virus is part of the fundamental tasks of Christians in this period of crisis. Biblical tradition has an ancient respect and deep appreciation for the rituals of washing one’s hands and to stay clean. While the ancient rituals of cleansing and purification in certain historical periods could be criticised if used only as an externalized automatic for achieving a healthy spiritual status before God, nobody should dismiss these regulations today as one of the essential and obligatory ways of halting or at least slowing down the spread of the virus.

    3. Do not encourage religious stigmatization: The virus is not a punishment from God, but God is suffering with those who encounter illness

    Ex 23:25: So you shall serve the Lord your God, and He will bless your bread and your water. And I will take sickness away from the midst of you.

    God is not a cruel “master of the universe” sending waves of punishments to his beloved people. This kind of thinking leads to attitudes which express condemnation and additional religious stigmatization for those who have to struggle with the disease. St. Paul has seen his own disease as a “thorn in the flesh” (2 Cor 12,7), a burden to cope with, not a personal punishment by God but as something to strengthen his faith. God on the contrary wants to take away sickness from the people. The core of the Gospel is not condemnation or punishment, but salvation and healing of all: “God did not send his Son into the world to condemn the world, but to save/heal the world through him”(John 3:17). The early church did not condemn the sick but rather developed rituals of accompaniment by which the closeness of God to these people could be assured: “Is anyone among you sick? Let them call the elders of the church to pray over them and anoint them with oil in the name of the Lord.”(James 5,14)

    4. Be aware of God’s own suffering with the unfinished creation

    Rom 8,22: We know that the whole creation has been groaning as in the pains of childbirth right up to the present time. 

    The whole of creation is in an unfinished stage, God is suffering with his suffering creation. The church should give witness both to the beauty as well as to the groaning of creation.  What human civilization has done to creation destabilizes some of the inner balances and complex regulatory frameworks imbedded in nature.  As human civilization has transgressed planetary boundaries in several dimensions this affects also carefully maintained balances of micro-biotic milieus and the relationship between humankind and the world of animals and bio-organisms. The rigorous deforestation and expansion of industrialized zones of agriculture have pushed back the areas in which wild life can unfold without too close interaction with the milieus in which humankind can grow and survive. The phenomenon of zoonosis, the springing over of viruses from the animal realm to the human realm is also a result of the protracted human violation of creation, the destruction of natural habitats and the excessive overuse of animals for human consumption and industrialized exploitation. We will have to rethink our model of relating to natural resources and to animal life.

    5. Protect churches and societies from false prophets and charlatans

    Mathew 7, 15: "Beware of false prophets, who come to you in sheep's clothing but inwardly are ravenous wolves.

    Any crisis like this will be exploited by religious charlatans and false prophets which spread a religion of fear or encourage attitudes of ignorance trivializing and belittling the extent of the current crisis and use it to create their own fortune.  Those who say that in coming to the church buildings despite public warnings to avoid mass gatherings you provide a witness of the strength of your personal faith are utterly wrong and provide dangerous distortions of proper Christian ethics. Those who say that all this is a result of a secret conspiracy or the virus is fabricated in some laboratories in whatever country are utterly wrong. We should not spread fake news, rumours and vague labelling. We should not lead each other into temptation nor put God to test. Rather we should strengthen each other to follow medically advised measures of caution and physical distancing. Those who stay sober-minded give a proper witness of faith: “Be sober-minded; be watchful. Your adversary the devil prowls around like a roaring lion, seeking someone to devour”( 1 Peter 5,8).

    6. The true test of faith is not to defy public orders and measures of constraint but the endurance of mutual love and support

    James 1,2-4: Consider it all joy, my brethren, when you encounter various trials, knowing that the testing of your faith produces endurance. And let endurance have its perfect result, so that you may be perfect and complete, lacking in nothing.

    The true test of faith is not provided by ignorance over against medical advice but by the endurance in the service of loving support, respect and resistance over against any religious discrimination of those affected. Endurance can imply that we accept the precautionary measures of applying physical distancing so as to avoid the risk of infection, while this does not imply spiritual distancing from each other- as individuals, as communities, as churches in different parts of the world. On the contrary churches all around the world have been very creative to develop new ways of expressing spiritual support, togetherness and the endurance of channels of hope in and between their communities. In all this it is our clear biblical mandate: “do not merely look out for your own personal interests, but also for the interests of others”( Philippians 2:4).

    7. Provide support to all who work in front-line ministries of medical assistance, psycho-social care and direct social or material help

    Rom 12,1-2 I urge you, brothers and sisters, in view of God’s mercy, to offer your bodies as a living sacrifice, holy and pleasing to God—this is your true and proper worship. 2 Do not conform to the pattern of this world, but be transformed by the renewing of your mind. Then you will be able to test and approve what God’s will is—his good, pleasing and perfect will.

    The corona crisis is a huge challenge to the medical and care giving systems and staff in our societies. To provide our lives as living sacrifice for the service of the most vulnerable is a deep obligation and ancient virtue of Christian faith.  Mobilize support in ways possible for you to support those who stand in the front-line ministry of the medical and care-giving professions! Keep them in your daily prayers!  Try to do your own best in following the biblical advice: “Bear one another's burdens, and thereby fulfill the law of Christ”. ( Gal 6,2:). This includes providing support for those who can become easy victims of high levels of domestic violence in a context where people are forced to stay together in limited spaces although they have difficulties in living with tensions. A policy of zero-tolerance should be applied to those who exploit the situation of vulnerable people, women and children and the elderly in current home isolation situations, while not being able to control their potential for violence and aggression.

    8. Do not allow for xenophobic stereotypes to creep in and instigate hatred and discrimination

    Ephesians 2,14-16: For he himself is our peace, who has made the two groups one and has destroyed the barrier, the dividing wall of hostility, 15 by setting aside in his flesh the law with its commands and regulations. His purpose was to create in himself one new humanity out of the two, thus making peace, 16 and in one body to reconcile both of them to God through the cross, by which he put to death their hostility.

    Based on false language and terminologies (even used by heads of state!) which speak of the “Wuhan virus” or the “Chinese virus” insinuating that the virus has a nationality or a priority regional affiliation, new cases of violence and xenophobia are happening in several places. The coronavirus crisis is a global one and teaches us on the contrary how vulnerable we are all as global humanity and how much we need each other to solve the most urgent problems of humankind together.

    9. Promote a closer interaction of faith communities and social and developmental agencies: Towards new structural approaches to ecumenical diaconia

    Luk 10, 34-35: He went to him and bandaged his wounds, pouring on oil and wine. Then he put the man on his own donkey, brought him to an inn and took care of him.  The next day he took out two denarii[a] and gave them to the innkeeper. ‘Look after him,’ he said, ‘and when I return, I will reimburse you for any extra expense you may have.’

    A global crisis like this demands for a very close interaction and good collaboration between the local churches and the institutional agencies of development collaboration and emergency relief. Local faith actors have a key role to play in education, psycho-social care and networking for immediate help. Agencies have to play a crucial role in providing material, financial and logistic resources. It was not necessary only for the Samaritan to take care of the wounded as an individual, but in a second stage of his intervention he asked an institution of diaconical assistance, to provide long-term support of care and medical help.  This is the hour where the language of the localization of actors in emergency relief and support is put to its life test. WCC and ACT Alliance, the NCCs and the national ACT Forums have a crucial task of working closely together.

    10. Do not lose hope and new visions for a period even beyond the Corona-Crisis

    Isaiah 41:10: "So do not fear, for I am with you; do not be dismayed, for I am your God. I will strengthen you and help you; I will uphold you with my righteous right hand."
    Revelations 21:4: "He will wipe every tear from their eyes. There will be no more death or mourning or crying or pain, for the old order of things has passed away."

    The pandemic underlines both the positive and negative side of our current models of globalization, showing our immense vulnerability through interconnectivity, but also indicating possibilities for rapid response mechanisms and nurturing a new political determination to collaborate together as a global community of nations. In view of the pandemic we will have to ask some profound questions on the way we have organized life, economies and medical systems until now. We will need to modify the way of globalization and to strengthen resilience of those who are suffering most. It is a scandal that some nations have refused to provide appropriate financial support for WHO and health related systems in the global South which now is now having dramatic and visible consequences. We need visionary political leadership and we need proper ethical leadership of churches as well as scientists to prepare visions of how to re-organize our life in order to strengthen the ability of humanity to act together, to overcoming narrowminded nationalism as well as ethnocentrism and to face together the huge tasks which we have in front of us to curb the destruction of our planetary systems as otherwise humanity  cannot survive. We are encouraged that this new common ethical thinking and envisioning of an alternative model of globalization and strengthening of an ecological and responsible civilization in living within the given planetary boundaries is inspired by biblical faith which tells us that God wants us not to sink in fatalism and fear, but to be inspired by his love to the whole of his beautiful earth.

  • Glaube in den Zeiten der Corona - Juliane Assmann (Diplomtheologin)

    Ein Text von Juliane Assmann, Diplomtheologin

    Ἀποκάλυψις - Apokalypsis: Enthüllung, Offenbarung. 
    ἀποκαλυπτεω - apokalypteo: enthüllen, entblößen.

    Das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes, wurde in Zeiten großer Bedrängnis geschrieben. Nicht in Zeiten einer Pandemie, soweit wir wissen, aber in Zeiten politischer Unterdrückung und großen Einschränkungen des religiösen und privaten Lebens zugunsten des römischen Kaiserkultes.

    Der Brief, der an viele Gemeinden verschickt und dort vor der gesamten Gemeinde verlesen wurde, sollte vor allem trösten. Er ermahnt auch zur Umkehr, aber unter den Vorzeichen, dass Gott in Jesus eine Welt ohne Schmerzen, eine Welt voller Schönheit vorbereitet hat, und diese nicht mehr weit entfernt ist.

    Auch wir erleben eine Zeit der Apokalypse. Aber nicht im umgangssprachlichen Sinne eine Zeit des Weltuntergangs, sondern eine Zeit der Enthüllung. Es wird offen gelegt, was vorher schon da war. Und es wird aufgedeckt, was möglich ist.

    Es wird offenbar, dass ein rein individualistisches Denken nicht kongruent ist mit der Realität der Interdependenz zwischen uns Menschen und unserer Mitwelt: mein Schicksal hängt von deinem ab. Und nicht nur von deinem, sondern von den Verwundbarsten in unserer Mitte. 
    Wenn du aus dem Skiurlaub aus Ischgl zurückkehrst und vielleicht selbst keine Symptome zeigst, kannst du trotzdem andere Menschen anstecken, die den Virus wiederum weitergeben und zur Ausbreitung beitragen. Ein buchstäblicher Reissack, der in China umfällt, hat sehr wohl Auswirkungen auf unseren Alltag hier in Dresden. Corona verdeutlicht, dass globale Verstrickungen nicht einfach nur gut, aber auch nicht einfach nur schlecht sind. Dass wir auf internationale Zusammenarbeit beim Erforschen eines Impfstoffs angewiesen sind. 
    Diese Interdependenz zeigt sich an komplexen Abläufen, die die monatelangen Waldbrände in Australien befeuert haben, oder an der Versauerung der Meere, die Ökosysteme dominoartig zusammenfallen lassen, genauso wie im sozialen Bereich: „Ich bin nicht frei, solange noch eine einzige Frau unfrei ist, auch wenn sie ganz andere Fesseln trägt als ich.“ sagte schon Audre Lourde. Die positive Seite der Medaille: Planetare Solidarität ist möglich.

    Aufdecken, dessen was ist

    Es zeigt sich gerade besonders scharf, welche Menschen oder welche Berufe „systemrelevant“ sind und wie heftig der Kontrast zur gesellschaftlichen Wertschätzung ist. Müllfahrer*innen, Pflegepersonal, Kassierer*innen, Kindergärtner*innen — all dies sind Berufe, die das Leben, wie wir es gewohnt sind, aufrecht erhalten. Und trotzdem ist die finanzielle Entschädigung (in der sich Wertschätzung in unserer durchökonomisierten Gesellschaft nun mal ausdrückt) alles andere als angemessen.
    Corona deckt auf, dass unser Wirtschaftssystem, das auf ständiges Wachstum ausgerichtet ist, keinen Krisen standhalten kann. Warum müssen Krankenhäuser eigentlich Umsatz machen, wenn sie so nicht in der Lage sind eine humane, menschengerechte Versorgung zu gewährleisten? Es reicht eine flächendeckende Krankheitswelle und „die Wirtschaft“ muss „gerettet“ werden: also Milliarden an Unterstützung erhalten. Wo ist diese Unterstützung, wenn es um echte Menschen geht, und nicht um juristische Personen und Institutionen wie Banken oder Aktien? Momentan stehen viele Freischaffende, Künstler*innen und Selbstständige am Rande ihrer Existenz.
    Inzwischen ist offenbar, dass die Kürzungen im Sozialsystem der Vergangenheit nicht haltbar sind. Dass der Markt nicht alles regelt, sonst wär Toilettenpapier bei Real für 38€ nichts weiter als ein schlechter Witz. Es zeigt sich, dass unter Krisen vor allem jene leiden, die sowieso schon von uns und der staatlichen Versorgung abhängig sind. Dass die Verletzlichsten unter uns keinerlei Schutzmöglichkeiten haben außer unserem guten Willen. Ein schwaches Sicherheitsnetz.
    Wir sehen jedoch nicht nur das, was schief läuft, sondern Corona öffnet uns auch die Augen für das, was möglich ist: Hunderte von Nachbarschaftsnetzen sprießen aus dem Boden, Musiker*innen und Autor*innen stellen ihre Werke zum freien Genuss ins Netz, und Kontakte, die sonst eingeschlafen wären, werden nun wiederbelebt.

    Entdecken dessen, was möglich ist

    Erst vor zwei Wochen haben wir Mitarbeitenden der Ev. Gemeinde Frieden und Hoffnung in Dresden überlegt: „Was wäre, wenn…?“. Wir haben rumgesponnen: „Was wäre, wenn wir Kinder entscheiden lassen, wie sie Kirche haben wollen?“  „Was wäre, wenn wir schauen, auf wessen Kosten wir gerade leben und dann versuchen daran was zu ändern?“  „Was wäre, wenn, wenn wir besonders viel zu tun haben, besonders viel beten würden?“
    Unter anderem haben wir auch darüber nachgedacht, was wäre, wenn „wir alle kirchlichen Aktivitäten auf 0 setzen würden und dann alle Gemeindeglieder sagen würden, dass will ich im nächsten halben Jahr machen?“
    Dieser Zeitpunkt ist nun sehr viel früher und radikaler eingebrochen als es irgendjemand von uns vermutet oder gar gehofft hätte. Alle Gottesdienste und gemeinschaftlichen Aktivitäten wurden eingestellt und Dienstberatungen finden größtenteils über Telefonkonferenzen statt. „Sei vorsichtig, wofür du betest“ ist eins der geflügelten Kirchenwörter, das immer mal wieder so rumschwirrt.

    Auf 0 gesetzt. Fast

    „Was wäre, wenn wir bekommen, was wir brauchen?“ Wir haben für diesen Reboot der Gemeinde oder der Gesellschaft nicht gebetet. Aber was, wenn wir einen solchen Einschnitt brauchen, um unser Denken ganz radikal, von der Wurzel auf, umzulenken? Eine andere Art des Lebens und des Miteinanders vorzustellen. Einen neuen Weg einzuschlagen. 
    In Venedig, wo seit dem 08. März die Quarantäne ausgerufen ist, kehrt wieder eine gewisse Ruhe und Klarheit in die Natur zurück. Das Wasser, das von den Kreuzfahrtschiffen und tausenden Motorbooten verdreckt war, ist wieder glasklar und man sieht Fische durchs Wasser flitzen.

    Die Fragen, die mich beschäftigen, und die uns immer schon in den „anders wachsen“-Gemeinden umtreiben — für die jetzt genau der richtige Zeitpunkt ist — sind: Was brauchen wir und was wollen wir? Wie möchten wir, dass unsere Welt aussieht, wie wollen wir miteinander umgehen? In was für einer Welt wollen wir leben? Und was glauben wir, sind unsere gottgegebenen Kräfte, Talente und Stärken, die wir dafür einbringen können?

    Verschwenderisches Leben

    Und noch viel wichtiger: Was für ein Leben hat Gott für uns in petto? 
    Wenn wir uns an der Schöpfung orientieren, sehen wir Leben im Überfluss. Es wächst mehr, als Lebewesen jemals essen können. Tiere und Pflanzen haben Zeit im Übermaß. Jesus gönnt sich ein Wüstenretreat von 40 Tagen! Das ist mehr als die meisten von uns Jahresurlaub haben.
    Auch wenn ich persönlich nicht viel von der Rhetorik von „Gottes Plan“ halte, bin ich der tiefsten Überzeugung, dass Gottes Reich ein Leben in Fülle für alle verheißt. So wie Gott sich in der Schönheit und im Reichtum seiner Schöpfung verschwendet, so wie sich Jesus in Liebe zu den Menschen verschwendet und so wie z.B. die Frau ihr kostbares Öl für Jesus verschwendet, so verschwenderisch stelle ich mir ein Leben aus Gottes Segen heraus vor! 
    „Gönn dir!“ im wahrsten Sinne des Wortes.
    Die Lüge (und dieses Wort verwende ich nicht leichtfertig), unter der wir leben, ist das Gefühl des Mangels. Wir haben nicht genug. Wir leisten nicht genug. Wir sind nicht genug. Angeblich.

    Die Urbotschaft des Evangeliums ist das gebrochene Gegenteil: Ganz am Anfang der Schöpfungsgeschichte spricht Gott allen Geschöpfen zu, dass sie gut seien, sogar sehr gut. In vielen Erzählungen wird dann klar, dass wir Menschen aber trotzdem auch viel Mist verursachen und „von Grund auf böse“ sind (Noah, Gen 9). Die Lebens-, Sterbens-, und Auferstehungsgeschichten Jesu führen uns vor Augen, dass die Sünde und der Tod in und um uns jedoch nicht das letzte Wort haben werden. Gott, die Liebe, die Hoffnung ist stärker. In jeder Situation, in der Menschen verschwenderisch umgehen, anfangen von den Balkonen zu singen, mit Kreide auf der Straße malen, einfach weil sie es können, bei jedem Fest, das wir feiern, leuchtet diese göttliche Verschwendung auf und zeigt, wie ein Leben in Fülle aussehen kann.

    Mit diesem Diktum der Fülle, der Verschwendung, des Rechts auf Luxus liegt dem christlichen Glauben ein zutiefst antikapitalistischer Gedanke inne: wir haben nicht zu wenig, sondern mehr als genug, um ein gutes Leben zu führen. Du bist es wert geliebt zu werden. Mit all deinen Fehlern, mit all deinen Schwächen. Mit all deinen Stärken. Nicht wegen dem, was du leistest, bist du liebenswert und gut, sondern weil Gott jedes Geschöpf mit Liebe geschaffen hat und jedem Leben ein Wert innewohnt, der unhintergehbar ist. Weil Leben unverfügbar ist und wir diesem mit Ehrfurcht begegnen sollten.

    Apokalyptische Hoffnung

    Die Chance, die uns diese apokalyptische, enthüllende Quarantäne-Situation bietet, ist unseren Blick auf das zu lenken, was uns trägt und was uns erdet. Was macht unser Leben lebenswert und wie können wir das auch nach Corona anwenden?
    Wie kriegen wir ein Miteinander in den Gemeinden hin, sodass Kirche nicht nur der Sonntagsgottesdienst ist, sondern dass wir als Gemeinschaft Kirche bilden? Wie können wir auch nach Corona die „systemrelevanten“ Pfeiler unserer Gesellschaft ausbauen und stützen? Und nicht nur auf politischer Ebene mit gerechter Bezahlung und sozialer Absicherung (die auf jeden Fall auch erfolgen muss), sondern auch auf Gemeindeebene?
    Wenn wir keine Gottesdienste mehr auf YouTube halten müssen, lohnt es sich diese trotzdem weiterzuführen, um auch mit denen in Kontakt zu bleiben, die Sonntag morgens nicht zur Kirche gehen können? Wenn wir nicht mehr aufs Nachbarschaftsnetz angewiesen sind, wollen wir trotzdem in Verbindung bleiben, um auch weiterhin in Krankheitsfällen helfen zu können oder im Notfall die Kinder zu betreuen? Wenn wir wieder ganz geregelt im Supermarkt einkaufen gehen können, wollen wir trotzdem das Wissen unserer Groß- und Urgroßeltern zu Selbstversorgung wieder entdecken, um uns von globalen Lieferketten und deren intrinsischen Ungerechtigkeiten loszusagen? Wenn wir wieder im Alltag der Lohnarbeit angekommen sind, wollen und können wir trotzdem Zeit einplanen, um Bücher zu lesen, stricken zu lernen oder einen Online-Kurs zu einem Thema zu besuchen, das uns schon immer interessiert hat? Wenn wir die Illusion der Kontrolle und absoluten Sicherheit wiedererlangen, werden wir uns trotzdem Zeit zum Gebet nehmen, uns für fünf Minuten aus dem Alltag zurückziehen, um Gott zu lauschen?

  • Frieden - Detlev Besier (Arbeitsstelle Frieden und Umwelt der ev. Kirche der Pfalz)

    Beitrag von Detlev Besier, Arbeitsstelle Frieden und Umwelt der Evangelischen Kirche der Pfalz

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    Frieden


    Vor ein paar Tagen verband die Losung der „Herrnhuter Brüdergemeine“ Worte aus Philipper 4, 7:
    „Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren“ mit einem Gedanken aus 3. Mose 26, 6:
     „Ich will Frieden geben in eurem Lande, dass ihr schlaft und euch niemand aufschrecke.“ 
     
    Ein schöne Verheißung und Zusage in schwierigen Zeiten. Ermutigend ist es, zu spüren, dass noch andere Worte uns berühren können als all die Nachrichten, Szenarien und Schreckensmeldungen dieser Tage. 
     
    Das bringt mich zumindest auf drei Fragen: 

    1. Wird denn in Syrien noch gekämpft, gestorben, geflüchtet und hat unsere Rüstungsindustrie auch Kurzarbeit angemeldet oder gar geschlossen?
       
    2. Sind alle Geflüchteten jetzt entweder so untergebracht, dass ihr Recht auf Asyl von aufnehmenden Staaten geachtet wird oder wurde ihnen in ihrem ehemaligen Heimatland ein angst- und gewaltfreies Leben ermöglicht?
       
    3. Sind endlich alle Anstrengungen zur Erreichung des 1,5 Grad-Zieles (Pariser Klimaabkommen) und dem Zurückfahren von CO2–Emissionen erfolgreich umgesetzt, damit Natur, Artenvielfalt, Menschen auf diesem Planeten überleben? 

     
    „Der Friede Gottes, höher als alle menschliche Vernunft ...“
    Bei geschlossenen Kirchen machen sich unendlich Viele, sehr gute, tragende, tröstende, ermutigende Gedanken, die jetzt in Wort, Bild und Musik gestreamt werden, um Menschen zu erreichen.
    Milliardenschwere Hilfspakete werden geschnürt, um einen wirtschaftlichen Kollaps zu verhindert. Soziale Kommunikation sucht sich ihren Weg über Briefe, Rufe von Balkon zu Balkon, Stand-Up–Konzerte bei offenem Fenster für die Nachbarschaft. Einer kauft für den anderen ein, eine liest per Telefon einer anderen etwas vor. Es wird geskypt und per Videokonferenz getagt. 
     
    Wir haben viele neue Wege gefunden, in Kontakt zu bleiben. 
     
     „... dass ihr schlaft und euch niemand erschrecke ...“
    Tatsächlich erschreckt es mich nicht mehr, dass nach wie vor Menschen vor Bomben fliehen müssen, Kinder in Flüchtlingslagern elend dahin vegetieren und sterben, kaum ein Insekt in diesen sonniger werdenden Tagen unterwegs ist. Ich sehe die „Corona-Sondersendungen“. Mich übermannen die Zahlen aus Italien, Spanien, Deutschland ... und ich höre, dass an Impfstoffen gearbeitet wird. 
     
    Allmählich bekomme ich Angst, nicht vor dem Virus, sondern vor uns Menschen mit unserer Hysterie und dem immer noch funktionierenden Mechanismus auszublenden. 
     
    Wie sehr habe ich mir gewünscht, dass nach der Aufnahme vieler Geflüchteter 2015 nicht der Populismus, völkischer Nationalismus und der mit Faschismus gepaarte Rassismus die Oberhand gewinnen. Ich hoffte so sehr auf Menschlichkeit, Solidarität, Teilhabe und den Willen, ein gutes Leben für alle zu ermöglichen.  
    Ja, wir hätten viel Geld in die Hand nehmen, wir hätten Ideen entwickeln, unser Wirtschaftssystem dem 21. Jahrhundert anpassen müssen. Wir hätten ... müssen:

    • Konsequent Waffenexporte kontrollieren und die Verbote durchsetzen
    • Eine emissionsarme, menschenfreundliche Mobilität entwickeln
    • Wirtschaften um des Menschen willen erlernen, das die natürlichen Ressourcen entlastet
    • Gerechte Teilhabe und Solidarität als schulische und gesellschaftliche Lernfelder etablieren
    • Nicht nur beten und hoffen, sondern als Kirchen schöpfungsgemäß handeln 

     
    „...wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren...“
    Aus diesem Gefühl des Bewahrt-Werdens erwächst ganz bestimmt die Energie, dass wir aus der Bewältigung der Corona-Pandemie lernen, auch für andere Krisen beherzt Veränderungen anzugehen.   
     
    Ja, ich trauere um jeden Toten dieser Epidemie und fühle mit denen, die Angehörige nicht beerdigen können. Ich habe unendlich großen Respekt vor all jenen, die jetzt die Versorgung auf allen Ebenen ermöglichen. 
     
    Gleichzeitig beschleicht mich ein ungutes Gefühl, dass wir über das eigene Betroffen-Sein die Welt mit ihren Problemen einfach vergessen. Und wenn dereinst die Epidemie eingedämmt ist, uns noch viel größere Scherbenhaufen gegenüber stehen:

    • Wenn das Virus in den Favelas, Armenvierteln und Ghettos gewütet hat
    • Wenn Obdachlose, Straßenkinder irgendwo tot verscharrt wurden
    • Der Regenwald fast abgeholzt ist
    • Ethnische Volksgruppen in Grenzgebieten vertrieben oder ermordet wurden
    • Wirtschaftlich nötige Ressourcen unter Weltkonzernen und bestimmten Staaten aufgeteilt sind
    • Die klimatischen Bedingungen irreversibel zerstört, viele Arten unwiederbringbar ausgestorben sind 

     Ich mache mir große Sorgen, dass der berechtigte Krisenmodus unserer Tage die dahinterliegenden Fragestellungen und Probleme einfach wegschiebt. In diesem Sinne möchte ich nicht einfach beruhigt einschlafen, weil mich das Virus nicht trifft, das Krisenmanagement der Virolog*innen und Politiker*innen zu greifen scheint. 
     
    Wer bis hierher gelesen hat, den und die bitte ich, wachsam und offen zu bleiben für das, was sich neben dem Virus noch entwickelt. Haltet eure Kontakte z.B. nach Übersee, in andere Länder, zu anderen Gruppen außerhalb der beliebten Wohlfühlblase. Lest und studiert die vielfältigen Nachrichten, damit ihr nicht Opfer von Verschwörungstheorien und Fake-News werdet.  Verliert eure menschliche Vernunft nicht. Bleibt und werdet solidarisch. 
     
    Die Menschen der so genannten Risikogruppen brauchen uns ebenso wie das Klima, unsere Natur, damit wir in ihr weiterleben können.  Die Menschen am Rande unserer Gesellschaft brauchen uns und vor allem diejenigen, die durch unsere Wirtschaftsweise aus ihrer eigenen Gesellschaft herauskatapultiert wurden. 
     
    Wenn wir uns darauf einlassen können, so solidarisch zu sein, ist ein gesundes und gerechtes Leben für alle in dieser Welt möglich. Darauf ruht dieser göttliche Friede, diesem Zustand ist er verheißen. 
     
    Ich wünsche mir so sehr, dass dieser Virus uns das lehrt. Bleibt behütet und gesegnet und vor allem, bleibt gesund. 
     
    Detlev Besier * Pfarrer in der Arbeitsstelle Frieden und Umwelt der Ev. Kirche der Pfalz 26.03.2020 detlev.besier@evkirchepfalz.de 

  • Blind und taub - Sibylle Wiesemann (Umweltbeauftragte der ev. Kirche der Pfalz)

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    Ein Beitrag von Sibylle Wiesemann, Umweltbeauftragte der Ev. Kirche der Pfalz

    Die freiheitseinschränkenden Regeln, um CoVid-19 einzudämmen, hätte vor ein paar Wochen niemand für möglich gehalten. Dennoch spricht kaum jemand von „Corona-Diktatur“. Der Begriff wäre auch unangebracht, denn die Maßnahmen wurden durch unsere demokratischen Organe angeordnet. Die persönlichen Freiheiten werden massiv eingeschränkt, ganze Wirtschaftsbereiche machen dicht, Schulen und Kitas sind geschlossen. Einige Auswirkungen dieses Shut-Down entlasten die Umwelt: Der Autoverkehr geht drastisch zurück, der Konsum beschränkt sich – bis auf absurde Ausnahmen – auf das Lebensnotwendige, die Freizeit wird im nahen Wald verbracht. Wir können hören, wie angenehm Stille ist und wie blau der Himmel eigentlich sein kann.

    Um die multiple Umweltkrise einzudämmen, strampeln sich Umweltverbände, Parteien, die FridaysFor-Future-Bewegung, Mediziner*innen, Entwicklungshilfeorganisationen und viele in ihrem privaten und beruflichen Umfeld teilweise schon seit Jahrzehnten ab. Im Gegensatz zur aktuellen Situation wurde bisher wenig unternommen, was tatsächlich an den Ursachen der weltweiten Umweltkrise arbeitet und eine ausreichende Entlastung bringt. Wahnsinnig traurig mutlos ist die Umweltpolitik und das, obwohl die Auswirkungen viel dramatischer sind als bei der Corona-Krise. Die Klimaerhitzung, die Zerstörung von Lebensräumen, das unwiederbringliche Aussterben von Arten, die Vergiftung und Vermüllung unserer Lebensgrundlagen greifen massiv in die Überlebensfähigkeit der Menschheit ein, über Jahrtausende. Selbst kleine Maßnahmen, die niemandem wehtun, werden als „demokratisch nicht tragbar“ bezeichnet, als „Ökodiktatur“.

    Als Grund, weshalb für unsere Lebensgrundlagen zu wenig politisch und individuell getan wird, höre ich oft: Der Klimawandel sei zu weit weg, das betrifft die Leute nicht. Der Virus würde die Leute unmittelbar gefährden, deshalb tragen sie die Maßnahmen mit. Aber, wie blind und taub kann man sein? Wenn ich im Autoverkehr der Vor-Corona-Zeit Fahrradfahre, bin ich immer absprungbereit, weil ich jeden Augenblick von einem abgelenkten Autofahrer angefahren werden kann. Wenn ich an der Ampel hinter einem stinkenden Diesel stehe, schaden die Stickoxide meiner Lunge. Nach Berechnungen der Europäischen Umweltagentur sterben in Europa jährlich 430.000 Menschen vorzeitig wegen Luftverschmutzung. Wenn meine Kinder mit dem Fahrrad zur Schule fahren, weiß ich, dass auch sie gefährdet sind. Wenn ich Hauptverkehrsstraßen entlanglaufe, denke ich an die Anwohner*innen, die eine um Jahre geringere Lebenserwartung haben, weil sie dem Lärm ausgesetzt sind. Wenn ich Kleidung kaufe, weiß ich, dass weltweit jährlich 200.000 Menschen an Pestiziden sterben, viele davon beim Baumwollanbau. Wenn ich durch eine leergeräumte Agrarlandschaft laufe, vermisse ich Insekten und Vögel. Wenn ich Kinder mit Haltungsschäden und Übergewicht sehe, die nicht draußen spielen können, sehe ich schon die Langzeitfolgen einer von der Natur entkoppelten Lebensweise. Ich vermisse den Schnee im Winter, sah in den vergangenen heißen Sommern ältere Menschen mit Kreislaufproblemen und habe im Hinterkopf, dass Hitzesommer wie 2003, durch den in Europa 70.000 Menschen gestorben sind, in Zukunft kühle Sommer sind, so die Berechnungen der Klimaforscher*innen. Badeseen trocknen aus, der geliebte Wald ist selbst in Mitteleuropa substantiell gefährdet.

    Die Umweltzerstörung ist nicht in ferner Zukunft, sie betrifft uns selbst jetzt und direkt. Unsere Kinder, Enkel und die Menschen in 300 Jahren werden die Auswirkungen in einem gravierenden Ausmaß spüren. Ich wünsche mir keine Ökodiktatur, aber eine mutige, demokratische und handelnde Politik. Die aktuelle Politik zeigt schließlich: Es ist möglich zu handeln! Und uns als Bürger*innen, die gemeinsam und solidarisch (das Wort habe ich in den letzten Tagen so oft gehört wie nie) für das Leben eintreten, wünsche ich, dass wir diese Solidarität in gleicher Intensität auch in der Umweltkrise zeigen. Es kommt auf uns an, Leben zu retten. Dass wir das können, haben wir jetzt bewiesen.  
      
    Sibylle Wiesemann, 2. April 2020 Umweltbeauftragte der Ev. Kirche der Pfalz Mobil: 0151 40122671; E-Mail: wiesemann@frieden-umwelt-pfalz.de  

  • Stellungnahme „Zukunftsfähiger Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft nach dem Lock Down“

    EKD-News: Menschenwürdiges Leben für alle gewährleisten (30. April 2020)

    Angesichts der aktuellen Corona-Pandemie haben Prof. Hans Diefenbacher, Umweltbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Ruth Gütter, Referentin für Fragen der Nachhaltigkeit im Kirchenamt der EKD, sowie Oliver Foltin und Volker Teichert von der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft e. V. (FEST) eine Stellungnahme verfasst, die sich mit der Frage beschäftigt, wie jetzt der Klimaschutz gestärkt und die umfangreichen staatlichen Hilfen für einen nachhaltigen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft beim Neustart nach dem Lock down genutzt werden können.

Naturwissenschaftliche Zusammenhänge: Woher kommt das Virus

Verhältnis Klimakrise und Coronakrise

Wie kann/soll es nach der Coronakrise weitergehen? Was werden wir aus der Coronakrise gelernt haben?