Kirchen und der Zweite Weltkrieg

Fragen und Antworten

  • Hat die evangelische Kirche den Beginn des Zweiten Weltkriegs genauso euphorisch begangen wie den des Ersten Weltkriegs?

    Die Kriegsbegeisterung war nicht ganz so ausgeprägt wie 1914. Das ist an den Predigten vom Sonntag nach Kriegsbeginn, dem 3. September 1939, abzulesen. Es herrschten große Loyalität und ein großer Patriotismus, unter Nazi-Anhängern wie unter Kritikern – aber nicht so eine große Euphorie und kritiklose Unterstützung des Staates wie 1914. Adolf Hitler hatte verfügt, angesichts des Krieges eine Art „Burgfrieden“ mit den Kirchen zu schließen; das Verhältnis von Staat und Kirche sollte nicht weiter belastet werden. Der „Geistliche Vertrauensrat“ der evangelischen Kirche sicherte Hitler die Unterstützung im Krieg zu, ebenfalls die Innere Mission. Bischöfe riefen die Christen zum „opferwilligen Einsatz für Führer und Vaterland“ auf. 

    Die Kirchen und der Erste Weltkrieg 

  • In welchem Verhältnis standen die Kirchen 1939 zum Staat?

    Seit 1933 versuchten die Nationalsozialisten, sich die Kirchen gefügig zu machen und ihrer Ideologie gleichzuschalten. Erklärtes Ziel war es, kirchliche Strukturen zu zerschlagen und eine folgsame Reichskirche zu installieren. Die Mehrheit der evangelischen Kirchenverantwortlichen fügte sich oder ging leidenschaftlich mit. Über Kirchenwahlen erlangten die Nationalsozialisten Einfluss auch in Kirchengemeinden. Ein Reichsminister für kirchliche Angelegenheiten war nun staatlicherseits für die Kirchen zuständig. Von den sogenannten „Deutschen Christen“, die die nationalsozialistische Politik unterstützen, grenzten sich aber auch Gruppen ab. Sie fanden sich in der „Bekennenden Kirche“ zusammen und protestierten gegen die totalitäre, quasi-religiöse Anmaßung des Staates. In der „Barmer Theologischen Erklärung“ – während einer „Bekenntnissynode“ maßgeblich von dem Theologen Karl Barth verfasst – brachten sie ihre Kritik zum Ausdruck. Wer sich hier engagierte, musste mit Verfolgung und Todesstrafe rechnen. Führende Persönlichkeiten der Bekennenden Kirche wurden festgenommen und hingerichtet.

    Martin Engels: Wider die Gleichschaltung, in: EKD-Magazin Reformation und Politik, S. 84 f.
     

  • Haben Pfarrer auch am Krieg teilgenommen?

    Ja. Die meisten empfanden es als Pflicht dem Vaterland gegenüber – da gab es keinen Unterschied zwischen Anhängern der „Deutschen Christen“ und der „Bekennenden Kirche“. Die meisten dienten als Sanitätssoldaten. Etwa 680 wurden „Kriegspfarrer“. Sie nahmen im Heer den Offiziersrang ein und waren in der „Evangelischen Wehrmachtseelsorge“ organisiert. Sie hielten Feldgottesdienste und standen den Soldaten seelsorgerlich und mit Amtshandlungen zur Seite. Verpflichtend war in den Gottesdiensten das „Gebet für Führer, Volk und Wehrmacht“, in dem es u. a. hieß: „Lass uns ein heldenhaftes Geschlecht sein und unserer Ahnen würdig werden [...] Segne die deutsche Wehrmacht, welche dazu berufen ist, den Frieden zu wahren und den heimischen Herd zu beschützen, und gib ihren Angehörigen die Kraft zum höchsten Opfer für Führer, Volk und Vaterland. Segne besonders unseren Führer und Obersten Befehlshaber in allen Aufgaben, die ihm gestellt sind.“

    Ein Kriegspfarrer, so war die Meinung, müsse „auch in seiner Predigt kämpferisch sein“. Außerdem hieß es: „Er muss die soldatischen Tugenden des Mutes, der Tapferkeit und der Einsatzbereitschaft als von der göttlichen Weltordnung gewollt predigen. Er muss diesen Krieg um den deutschen Lebensraum als einen vor Gott gerechten und zu belohnenden Kampf und den Führer als einen von Gott begnadeten Menschen hinstellen“. Mit besonderer Leidenschaft begleiteten die Kriegspfarrer das Heer auf dem Russlandfeldzug ab 1940. Hier kam der in christlichen Kreisen verbreitete Anti-Bolschewismus, der die Menschen Russlands zu seelenlosen Wesen erklärte, mit der nationalsozialistischen Kriegspolitik zusammen.

    Bei Kriegsbeginn hoffte das NS-Regime, die Kriegspfarrer würden den Kampfgeist der Soldaten stärken, indem sie auf das Leben nach dem Tode verwiesen. „Gläubige Soldaten sind die wertvollsten“, meinte Adolf Hitler, „Sie setzen alles ein!“ Diese Einstellung wich im Kriegsverlauf der Erkenntnis, dass der Glaube die Kampflust der Soldaten nicht stärkte.  


    Dieter Beese, Die Rolle der Evangelischen Wehrmachtpfarrer im Zweiten Weltkrieg, Vortragsmanuskript 1999

     


    Dagmar Pöpping: Kriegspfarrer an der Ostfront. Evangelische und katholische Wehrmachtseelsorge im Vernichtungskrieg 1941–1945, Göttingen 2016

     

  • Gab es in der evangelischen Kirche Wehrdienstverweigerer?

    Für nahezu alle Christen war es selbstverständlich, den Wehrdienst zu leisten. Aus der Bibel oder aus Jesu Verkündigung eine christlich-pazifistische Haltung abzuleiten, war den meisten fremd. Wehrdienstverweigerung gehörte deshalb zur absoluten Ausnahme. 
    Der Widerstandskämpfer Hermann Stöhr war einer derjenigen, der den Dienst verweigerte: Er arbeitete im Internationalen Versöhnungsbund und hatte sich der Bekennenden Kirche angeschlossen. 1939 wurde er zur Kriegsmarine einberufen und verweigerte aus Gewissensgründen den Kriegsdienst. Wegen Fahnenflucht, Wehrkraftzersetzung und außerdem wegen Eidesverweigerung wurde er 1940 verurteilt und hingerichtet. 

    Quelle: evangelisch.de

  • Gab es Widerständler in der evangelischen Kirche?

    Ja, und die Forschung fördert immer mehr Details über die Lebensgeschichten dieser Menschen zutage. Hervorzuheben sind hier zwei Persönlichkeiten:
    • Der Theologe Dietrich Bonhoeffer, der 1942 wegen „Wehrkraftzersetzung“ inhaftiert und am 9. April 1945 hingerichtet wurde. Bonhoeffer reflektierte während seiner Haft seinen Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime theologisch; seine „Ethik“ und seine unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ veröffentlichten Texte sind bis heute Wegweiser für Christen, die über Krieg und Frieden nachdenken. Bonhoeffer hatte schon 1934 auf einer Konferenz in Fanö/Dänemark alle Kirchen dazu aufgerufen, auf einem Ökumenischen Konzil den Krieg zu ächten.
    Pfarrer Martin Niemöller sympathisierte zunächst mit den Nationalsozialisten, erkannte dann aber die Unvereinbarkeit ihrer Lehre mit dem christlichen Glauben. 1937 wurde er gefangengenommen und verbrachte die Zeit bis zum Ende des Krieges im Konzentrationslager. An Martin Niemöllers Einstellung zum Krieg wird die Ambivalenz, in der viele Christen standen, deutlich: Nach Kriegsbeginn meldete er sich aus der Haft zur Marine – mit der Begründung, dass er zwar theologisch gegen die nationalsozialistische Idee sei, als Lutheraner aber für sein Vaterland kämpfen wolle. Nach dem Krieg prägte er den Aufbau der „Evangelischen Kirche in Deutschland“ (EKD) und engagierte sich in der Friedensbewegung. 

    Forschungsstelle für Kirchliche Zeitgeschichte und der Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte: Widerstand!? Evangelische Christinnen und Christen im Nationalsozialismus. 
     

  • Wie entwickelte sich während des Krieges das Verhältnis der Kirche zum Staat?

    Mit Dankgottesdiensten feierten evangelische Kirchen auch Siege oder Gebietseroberungen. Die Pfälzische Kirche gliederte die evangelischen Christen der eroberten Gebiete in Elsaß-Lothringen wieder ein. Die evangelischen Kirchen im, besetzten Polen protestierten gegen eine Abtrennung ihrer deutschen Mutterkirche. An ihnen wollten die Nationalsozialisten ein Exempel statuieren: Staatlich kontrollierbare kirchliche Vereine sollten eine verfasste Kirche ersetzen. Die deutsche evangelische Kirche protestierte gegen diesen Eingriff in die kirchliche Selbstbestimmung. 
    Von 1940 an agierte der Staat wieder offen gegen die Kirchen, unter anderem durch die Schließung kirchlicher Bildungseinrichtungen und Konfiszierung kirchlicher Gebäude. Von 1941 wurden kirchliche Kindergärten geschlossen. Auch die evangelische Presse wurde massiv behindert; Kirchenzeitungen und Gemeindeblätter durften nicht mehr veröffentlicht werden.

  • Hätte die Kirche mehr Widerstand leisten müssen?

    Ja. Wobei geklärt werden müsste, was Widerstand bedeutet. Denn das wird in der neueren Geschichtswissenschaft sehr differenziert gesehen. Der Kirchenhistoriker Christoph Strohm etwa unterscheidet sechs „Grade“ des Widerstands: von der Verweigerung, sich der allgemeinen nationalsozialistischen Indoktrination zu fügen über kleine konkrete Akte des Ungehorsams bis zum aktiv widerständigen Handeln, wie etwa der Unterstützung politischer Verschwörer. 

    Christoph Strohm, Die Kirchen im Dritten Reich, München ²2017 


    Vor allem gegen die Euthanasie (Tötung „unwerten Lebens, also zum Beispiel geistlich behinderter Menschen) und gegen Verfolgung und die millionenfache Ermordung von Juden war wenig Protest von Seiten der evangelischen Kirchen zu hören. Mahnende Worte wie die Dietrich Bonhoeffers verhallten; er mahnte 1940, die Kirche „hätte schreien müssen, weil das Blut der Unschuldigen zum Himmel schrie“, zwei Jahre später klagte er, die Kirche habe „als weltgestaltende Macht“ versagt. Im Oktober 1945 bekannte die evangelische Kirche in der sogenannten „Stuttgarter Schulderklärung“ selbstkritisch: „Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Noch deutlicher formuliert das „Darmstädter Wort“, das der Bruderrat der EKD 1947 veröffentlichte: „Wir sind in die Irre gegangen, als wir begannen, den Traum einer besonderen deutschen Sendung zu träumen, als ob am deutschen Wesen die Welt genesen könne. Dadurch haben wir dem schrankenlosen Gebrauch der politischen Macht den Weg bereitet und unsere Nation auf den Thron Gottes gesetzt.“

    Wolfgang Benz: Im Widerstand. Größe und Scheitern der Opposition gegen Hitler, München 2019