FriedensPerspektive

FriedensPerspektiven

Der Frieden hat unzählige Facetten. Hier erzählen friedensbewegte Christinnen und Christen im Gespräch von ihrer Sicht auf den Frieden. Wir porträtieren Frauen und Männer, die sich in besonderer Weise für den Frieden engagiert haben. Und wir stellen Orte des Friedens vor. Die Beiträge können Sie über den EKD-Youtube-Kanal als Podcasts abonnieren.

  • Gespräch mit Agnes Abuom vom Ökumenischen Rat der Kirchen

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    Wasser und Frieden? Ja, doch beides hat miteinander zu tun. In der christlichen Tradition hat Wasser als Gabe Gottes spirituell große Bedeutung. Doch Millionen Menschen auf der Welt haben keinen Zugang zu Wasser. 
    Das Ökumenische Wassernetzwerk (ÖWN) des Ökumenischen Rats der Kirchen lud in der diesjährigen Fastenzeit dazu ein, sich mit dem Thema Wasser zu beschäftigen. Auch der diesjährige Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens stellt das Thema in den Mittelpunkt: als Pilgerweg der Wassergerechtigkeit in Asien. 

    Dr. Agnes Abuom vom Ökumenischen Rat der Kirche erklärt, was es damit auf sich hat. 

    (Originalstimme Agnes Aboum im Hintergrund, darüber jeweils deutsche Übersetzung (Frauenstimme)

    Die Fastenkampagne zum Thema Wasser lenkt unsere Aufmerksamkeit auf eine wichtige Ressource, die allen zugänglich sein soll. 

    (Trommeln)

    Die Fastenkampagne schärft das Bewusstsein und mobilisiert Menschen für diese lebensnotwendige Ressource, die die Existenzgrundlage eines jedes Menschen ist. Der Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens ist ein Austausch zwischen Gastgebern und Gästen. Er befasst sich mit Fragen der Gerechtigkeit und des Friedens und ist für das Zusammenleben von Menschen zentral. Hier treffen die Themen aufeinander: Es gibt keine Gerechtigkeit ohne Zugang zu Wasser. Es gibt keinen Frieden, wenn die Menschen kein Wasser haben. Beim Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens kommen Menschen zusammen und feiern zusammen, hören sich ihre Probleme an aber auch ihre Pläne und Hoffnungen für eine Änderung ihrer Situation. Auf unserer gemeinsamen Reise tauchen immer wieder die Themen um Wasser auf: als Grund für Gewalt, Entmenschlichung und Ungerechtigkeit.

    (Trommeln)

    Bei Besuchen hier und in Asien müssen wir feststellen, dass der fehlende Zugang zu sauberem Wasser für Milliarden von Menschen ein Skandal ist. Asien hat eigentlich genug Wasser. Das Problem liegt vielmehr bei der Vermarktung und der Kommerzialisierung. Sie haben dazu geführt, dass mindestens zwei Milliarden Menschen auf dem asiatischen Kontinent und im Pazifik Probleme mit dem Zugang zu sauberem Wasser haben. In diesem Sinne spiegelt die Wasserkrise in Asien die globale Wasserkrise wider. Für uns ist dies nicht nur ein Skandal sondern eine Sünde. Sünde bedeutet, dass es kriminell ist, den Menschen die Ware zu verweigern, die jedem Individuum und jeder Gesellschaft gehört. So wird vielen Menschen wirklich das Leben verweigert, weil es ihre Gesundheit und ihre Ernährungssicherheit beeinträchtigt und ihre Beziehungen beeinflusst. Und deshalb sagen wir: Das fehlende Wasser für Milliarden von Menschen in Asien ist ein Skandal. Es ist eine Sünde, ein Verbrechen, das einen globalen Aufschrei verursachen sollte.

    (Trommeln)

    Lassen Sie mich zunächst sagen, dass Wasser ein Menschenrecht ist. Wasser hilft, die Würde der Menschen zu wahren. Dies ist jetzt auch Teil der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung. Das bedeutet, dass wir bis 2030 sicherstellen sollten, dass die Menschen sauberes Wasser haben. Wenn sich der Ökumenische Rat der Kirchen als eine „blue community“ bezeichnet, soll die Aufmerksamkeit der Welt auf die Tatsache gelenkt werden, dass abgefülltes Wasser nicht die Antwort auf die Frage nach sauberem Trinkwasser ist. Tatsächlich wird immer deutlicher, dass abgefülltes Wasser nicht risikolos ist. Deshalb fordert dieses „blue community“ Konzept von uns, dass Wasser an Ort und Stelle und von jeder/jedem zu jeder Zeit überall getrunken werden kann. Es darf keine Zweiklassengesellschaft  geben beim Zugang zu Wasser: Die einen haben Zugang zu sauberem Wasser aus der Flasche und die anderen müssen kontaminiertes Wasser trinken. Ich denke, das ist die Botschaft, die der ÖRK als „blue community“ mitteilen will. Natürlich wird es in manchen Situationen schwierig, wenn es uninformierte Menschen gibt, die unsicher sind, ob man den lokalen Dorfgemeinschaften trauen darf und diese ihr Wasser abkochen, so dass es wirklich sauber ist. Deshalb haben wir versucht, diesen Ängsten entgegenzuwirken, wenn wir mit ihnen pilgern und reisen, um zu zeigen, warum es die „blue community“ gibt.

    (Trommeln)


    Dr. Agnes Abuom von der Anglikanischen Kirche von Kenia ist seit 2013 Vorsitzende des Zentralausschusses, also des höchsten Leitungsgremiums des Ökumenischen Rates der Kirchen. Sie ist die erste Frau und die erste Afrikanerin in der Geschichte des ÖRK, die diese Funktion ausübt.
    Agnes Abuom ist Beraterin für Entwicklungsfragen für kenianische und internationale Organisationen und koordiniert soziale Aktionsprogramme für die religiöse und die zivile Gesellschaft in ganz Afrika. Außerdem ist sie Ko-Vorsitzende der Bewegung „Religions for Peace“ und des Nationalen Kirchenrats von Kenia. Zu Abuoms Arbeitsschwerpunkten zählen Wirtschaftsgerechtigkeit, Frieden und Versöhnung.


    Das Interview wurde im März 2019 geführt. Es ist in englischer Sprache auf dem YouTube-Kanal des World Council of Churches zu sehen.    

  • Gespräch mit Hartwig von Schubert, ev. Militärdekan an der Führungsakademie der Bundeswehr Hamburg

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    Im Gespräch: Hartwig von Schubert, evangelischer Militärdekan an der Führungsakademie der Bundeswehr Hamburg. In seinem Buch Pflugscharen und Schwerter hält er ein Plädoyer für eine realistische Friedensethik. Wir wollten wissen: Was ist das? Und gibt es auch eine unrealistische Friedensethik?

    Ja, es gibt eine unrealistische Friedensethik, die eigentlich einem Fehlschluss unterliegt: Weil Krieg nach Gottes Willen nicht sein soll, geht sie davon aus, dass es auch keinen Krieg gibt. Was machen wir aber, wenn ein Konflikt die Schwelle zum bewaffneten Konflikt übersteigt und wenn das wirklich passiert? Lassen wir dann dem Geschehen freien Lauf und haben keine Antworten mehr oder wollen wir auch dann noch bereit und in der Lage sein, uns einer solchen Eskalation entgegenzustellen? Und welche Mittel sind dazu geeignet?

    Dazu gehören Instrumente, die wir mit dem Sammelbegriff Militär beschreiben – das muss nicht jedes Mal die Kampftruppe sein, das ist ja auch völlig verkürzt. Wenn man von Militär spricht, denkt man nicht nur an die sogenannten kinetischen Elemente, also die Zerstörungskraft militärischer Waffen.

    Aber natürlich, am Ende geht es um Abschreckung. Am Ende geht es auch um die Sanktionierung von schweren Massengewaltverbrechen, die eingedämmt werden müssen. Und wenn Sie in eine solche Situation kommen, dass sie so etwas haben, wie die Lord Resistance Army in Uganda oder dem Kongo, oder wenn Sie den IS haben im Nahen Osten oder Sie haben mexikanische Drogenkartelle, die vor nichts zurückschrecken, dann werden Sie dem nur beikommen, wenn Sie eine staatliche Antwort geben können. Und über deren Ausgestaltung müssen wir miteinander diskutieren und das tun wir und das nenne ich dann realistische Friedensethik. 

     

    Herr von Schubert, Sie möchten zum Frieden beitragen, aber Sie sprechen so viel von Gewalt, wie passt das denn zusammen?

    Wir kommen nicht darum herum, den Gewaltbegriff in seinen negativen wie in seinen positiven Bedeutungen und Konnotationen zu diskutieren. Im Grundgesetz Artikel 20 steht: Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sollen wir dem abschwören? Das muss man sich gut überlegen, ob die evangelische Kirche sagt, der Artikel 20 Grundgesetz ist staats- und rechts- und friedensethisch nicht mehr akzeptabel – das soll man sich sehr gut überlegen. Ich halte das für einen verheerenden Vorschlag.

    Wenn man das aber nicht tut, wenn man sagt, dieser Satz, da stehen wir mit dahinter, wir sind loyale Bürger dieses Staates und gerade die demokratische Kontrolle über diese Staatsgewalt ist ja teuer erkämpft. Ja dann muss ich aber nicht nur über ihre Konstitution, sondern auch über die Exekution dieser Staatsgewalt in die Diskussion einsteigen, sowohl im Strafrecht wie im Polizeirecht wie im Justizvollzug, wie auch im Militärischen. 

     

    Sie reden auch viel von der Sündhaftigkeit des Menschen. Was hat das denn zu tun mit Ihren Überlegungen, eine Ethik des Friedens zu entwickeln?

    Ja, schon das Wort ist doch irgendwie antiquiert, peinlich. Wieso immer so negativ? Warum geht man immer so zerknirscht aus dem Gottesdienst, warum kommt da keine Freude auf? Wieso ist die Abendmahlsliturgie mit Blut und mit Kreuz und mit Schuld? Und dann denke ich: Ja, das hat doch gute Gründe: Siehe, das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt. Und dann denke ich an die vielen geschundenen Menschen und die Kinder in den Kriegen und die Opfer von Gewaltstrukturen. Für die steht Jesus ein. Er sagt: Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Und: Was ihr nicht getan habt einem unter diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. Das heißt „Siehe, das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt“, ist ja nicht exklusiv auf nur den Jesus von Nazareth bezogen, das ist ja inklusiv gedacht. Das heißt, Jesus nimmt alle Opfer dieser Welt mit in diese Rolle des Lammes Gottes, das der Welt Sünde trägt.

     

    Wird die Sünde zu wenig gesehen, fantasieren wir uns in eine Welt des Friedens, die es gar nicht gibt?

    Also, ich bin doch mitverantwortlich für die Menschen, die als Sklaven für die Herstellung meines Handys gearbeitet haben. Das muss ich mir doch eingestehen; ich habe wahrscheinlich 20, 30 Sklaven auf dieser Erde, die für mich arbeiten, während ich Ihnen hier ein Interview gebe. Das ist so, das kann ich doch nicht leugnen. Was tue ich denn? Ja, ich kann natürlich versuchen, irgendwie fairen Handel zu unterstützen und so, aber ich hab‘s ja morgen noch nicht geändert. Das ist so, ja. Und da kann ich natürlich die Augen vor verschließen, aber ich muss mich doch damit auseinandersetzen und kann doch nicht einfach so tun, als wäre das alles nicht so. Vielleicht habe ich keine Antwort und ich kann es auch nicht schnell ändern und ich bin verstrickt. Aber vielleicht kann ich‘s ändern. Aber wir sollten uns in unserer privilegierten Lebenswelt hier als Menschen im zivilisierten Westen klarmachen, dass wir sehr viel von den dunklen Seiten des Lebens weit von uns weghalten und aus unserem Wahrnehmungskreis heraushalten. Das kann uns dazu verleiten, zu glauben, diese dunklen Dinge seien nicht mehr da. Aber die sind alle da. 

     

    Um weitere Passagen ergänzte Version des Podcasts.

     

    Buch: Hartwig von Schubert: Schwerter und Pflugscharen. Plädoyer für eine realistische Friedensethik, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig 2019

     

    EVA / Buchseite


    Interview und Produktion: BirnsteinsBüro

  • Gespräch mit Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der EKD und bayerischer Landesbischof

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    Wie meinte Jesus das mit dem Frieden stiften? Ein Gespräch mit dem bayerischen Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland. Von ihm wollten wir wissen: Welche Friedensbotschaft hat Jesus für die Welt?

     

    Also die größte Friedensbotschaft ist eine Botschaft der Hoffnung. Diese Welt geht nicht den Bach runter. Sie endet nicht in einem dunklen Loch, sondern diese Welt geht auf Gottes Reich zu, auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. Deswegen, trotz aller Gewalt in der Welt, dürfen wir ganz aus der Hoffnung leben. Und das gibt uns dann auch die Kraft, Botschafter des Friedens zu sein, also Prozesse der Gewalt nicht zu unterstützen, sie nicht eskalieren zu lassen, sondern Gewalt zu überwinden. Zeichen zu setzen für einen gewaltfreien Umgang mit Konflikten. Und vor allem auch immer wieder uns selbst darauf zu überprüfen, ob wir Hass verbreiten oder ob wir Frieden ausstrahlen. Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft: die radikale Liebe Jesu Christi selbst ausstrahlen. Das ist eine Aufgabe für uns als Kirche. Es ist aber auch eine Aufgabe für jeden einzelnen von uns. 

     

    „Selig sind die Friedensstifter“ sagte Jesus. Aber wie stiftet man heute Frieden?

    Das Wichtigste ist vielleicht, immer wieder Distanz zu sich selbst zu gewinnen. Also wahrzunehmen, wo wir selbst Frieden unmöglich machen, Frieden behindern, anstatt Frieden zu ermöglichen. Und das Zweite ist neben der persönlichen Perspektive immer auch die weitere Perspektive, die Perspektive der Welt in den Blick zu nehmen. Also mitzuhelfen, dass nicht Waffen sprechen, dass nicht Hassbotschaften in den jeweiligen Völkern gegeneinander aufgeputscht werden, sondern zur Stimme der Deeskalation, zur Stimme der Überwindung von Gewalt zu werden. Es heißt, sich zu engagieren gegen Waffenhandel, gegen die Verbreitung der Mittel, die Krieg überhaupt erst ermöglichen. Es heißt, sich einzusetzen für friedliche Konfliktlösungsmechanismen, für Diplomatie, für Deeskalation, für Konfliktlösungsmechanismen, die nicht auf Gewalt beruhen. Und es heißt, für die Menschenrechte einzutreten. Frieden kann es nie ohne Gerechtigkeit geben. Also dafür einzutreten, dass jeder Mensch auf dieser Welt in Würde leben kann.

     

    Was macht das Frieden stiften eigentlich so schwer?

    Es ist manchmal so schwer, weil wir selbst genauso wie die anderen manchmal sehr emotional reagieren und zwar so, dass Gewaltkonflikte eskaliert werden, anstatt dass sie deeskaliert werden. Und dann ist natürlich immer auch manches sehr kompliziert. Gerade, wenn es um den politischen Bereich geht, dann ist es sehr schwierig, in den komplizierten Konflikten, wo viel Macht, auch viel Geld im Spiel ist, den richtigen Weg zu finden, um Gegenkräfte zu mobilisieren. Ich glaube, dass eine der größten Kräfte christlicher Friedensarbeit die Hoffnung ist, dass wir jenseits aller Zeichen, die uns manchmal auch die Hoffnung verlieren lassen, wo die Gewalt sich durchsetzt, wissen, dass am Ende die Gewalt nicht das letzte Wort hat, der Tod nicht das letzte Wort hat. Christus ist auferstanden. Und das heißt, dass das letzte Wort Gottes das Leben ist. 

     

    Das Gebot der Feindesliebe wirkt heute reichlich naiv, oder?

    Ja, Jesu radikale Aufforderung, dem Unrecht zu widerstehen, also etwa dem, der einem auf die eine Backe schlägt, auch noch die andere Backe hinzuhalten, ist natürlich immer wieder als naiv verstanden worden, als naive Verkennung der Macht des Bösen verstanden worden. Aber ich glaube, dass man diese Passage gar nicht stärker missverstehen könnte, als wenn man sie so interpretiert, denn natürlich kennt Jesus die Abgründigkeit der menschlichen Existenz ganz genau. Und das ist genau der Grund, warum er sagt, wer Gewalt mit Gegengewalt beantwortet, vermag sie eben gerade nicht zu überwinden. Der das tut, ist letztlich der Träumer. Also derjenige, der auf Gegengewalt als Mittel vertraut, der ist der Träumer. Realistisch ist nur das Bemühen, Gewalt zu deeskalieren. Und wenn wir den Feind damit verblüffen können, dass wir uns eben nicht auf diese Spirale der Gewalt, der Entmenschlichung einlassen, sondern ihn selbst erst recht als Mensch sehen, ihn in seiner Menschlichkeit erstnehmen, dann ist das letztlich die einzig wirklich realistische Alternative, um Gewalt zu überwinden. Insofern sind Jesu Worte hochaktuell.

     

    Es gibt Menschen, die behaupten: Mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen. Was entgegnen Sie denen?

    Ja, dieser Satz kam ja mal von Helmut Schmidt, mit der Bergpredigt, mit dem Evangelium könne man keine Politik machen. Es hat gute Gründe gegeben, dass Reinhard Höppner, damals Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, auf einem Kirchentag mal gesagt hat: „Ohne die Bergpredigt könnte ich gar keine Politik machen!“ Denn die Bergpredigt heißt ja nicht eins zu eins die Ratschläge Jesu in die heutige Zeit zu übertragen, sondern sie heißt ja, den Geist der Bergpredigt heute wirksam werden zu lassen. Und wenn Jesus in der Bergpredigt sagt: Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch, dann ist das Gesetz und eine hochrealistische und hochrelevante Aussage für die heutige Zeit. Denn das Wichtigste, was wir heute auch im politischen Leben brauchen, ist die Fähigkeit, sich in den anderen hineinzuversetzen, die Fähigkeit zur Empathie, die Fähigkeit Lösungen so zu finden, dass wir die Perspektive der anderen verstehen und nicht nur unsere eigene Perspektive sehen. Das ist der Geist der Bergpredigt, das ist der Geist der Feindesliebe. Und ich könnte mir nichts Wichtigeres vorstellen für die heutige Zeit als genau das.

     


    Interview und Produktion: BirnsteinsBüro

     

  • Porträt Dietrich Bonhoeffer

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    Von guten Mächten wunderbar geborgen,
    erwarten wir getrost, was kommen mag.
    Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
    und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

     

    Dies sind die bekanntesten Zeilen Dietrich Bonhoeffers. Sie gehen zu Herzen, sie drücken Geborgenheit und Trost aus. Ihre Kraft geht auch auf die Situation zurück, in der Dietrich Bonhoeffer sie aufschrieb. Der Theologe hatte sich am Widerstand gegen die Nazis beteiligt. Mit schweren Folgen. Im April 1943 wurde er inhaftiert. Die Anklage lautete „Wehrkraftzersetzung“.

    Kurz vor Weihnachten 1944 schrieb er aus seiner Berliner Gefängniszelle einen Brief an seine Verlobte und fügte dieses Gedicht bei: Von guten Mächten wunderbar geborgen.

    Bonhoeffer rechnete mit seiner baldigen Hinrichtung. Trotzdem – oder gerade deswegen – fühlte er sich von guten Mächten und von Gott umgeben.

    Als persönlicher Gefangener Adolf Hitlers wurde ihm schließlich im April 1945 der kurze Prozess gemacht. Er wurde im KZ Flossenbürg mit anderen Widerständlern hingerichtet. 39 Jahre alt war er.

    Seinen Tod im Blick, hatte er kurz vorher glaubensgewiss geschrieben:

    Das ist das Ende. Für mich der Beginn des Lebens.

     

    In seinem kurzen Leben hatte der lutherische Theologe Bonhoeffer außergewöhnlichen Mut bewiesen. Schon 1933 hatte er sich öffentlich gegen die nationalsozialistische Judenverfolgung geäußert. Er schloss sich der sogenannten Bekennenden Kirche an, die der religiösen Selbstüberhöhung der Nazis die Stirn bot.

    Auch die drohende Gefahr eines Krieges sah Bonhoeffer schon früh. Er wusste, wie viele Christen sich am Beginn des Ersten Weltkriegs vom Kriegstaumel begeistern lassen hatten. Als frommem Menschen galt ihm die Friedensbotschaft Jesu mehr als der Gehorsam gegenüber der so offensichtlich widerchristlichen Obrigkeit.

    Friede auf Erden« (Lukas 1, 14), das ist kein Problem, sondern ein mit der Erscheinung Christi selbst gegebenes Gebot.

     

    … und einem Gebot gegenüber muss man gehorsam sein. Eigentlich.
    Dass trotzdem auch Christen den Krieg gut hießen, erklärte Bonhoeffer einmal damit, dass sie der Versuchung erliegen. So wie damals im Paradies die Schlange Eva versuchte, so würden Christen vor folgenden Fragen kapitulieren:

     

    Sollte Gott nicht gemeint haben, wir sollten wohl von Frieden reden, aber so wörtlich sei das nicht in die Tat umzusetzen?

    Sollte Gott nicht doch gesagt haben, wir sollten wohl für den Frieden arbeiten, aber zur Sicherung sollten wir doch Tanks und Giftgase bereitstellen?
    Und dann das scheinbar Ernsteste: Sollte Gott gesagt haben, Du sollst dein Volk nicht schützen?
    Sollte Gott gesagt haben, Du sollst deinen Nächsten dem Feind preisgeben?
    Nein, das alles hat Gott nicht gesagt, sondern gesagt hat er, dass Frieden sein soll unter den Menschen, dass wir ihm vor allen weiteren Fragen gehorchen sollen, das hat er gemeint.

    Scheinheiligkeit jeder Art lehnte Bonhoeffer ab. Frömmigkeit ohne das Tun des Gerechten könne sich nicht auf Jesus berufen. Eindeutigkeit und Ehrlichkeit sich selbst und anderen gegenüber: Diese Werte bedeuteten ihm viel. Es gelte, Gottes Geboten gehorsam zu sein – und zwar mit friedlichen Mitteln, war Bonhoeffer überzeugt. Lebt ein Christ nach Gottes Gebot, könne das auch ins Leiden führen.

    Nicht der religiöse Akt macht den Christen, sondern das Teilnehmen am Leiden Gottes im weltlichen Leben.

    Auf beeindruckende Weise hat Bonhoeffer seine Erkenntnisse in die mutige Tat umgesetzt. Während andere Kirchenverantwortliche sich wegduckten oder mit den Nazis zusammenarbeiteten, sah Bonhoeffer es als seine Gewissenspflicht an, am Sturz des Nazi-Regimes mitzuwirken. Dass er dafür sterben könnte, war ihm klar. Sein Glaube war so stark, dass er keine Angst davor hatte. Die Zeit im Gefängnis nutzte er, um seine Gedanken zu Papier zu bringen. Unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ sind sie für viele Christen noch immer ein großer Schatz.
    Genauso wie das Gedicht von den guten Mächten, das in seiner Vertonung von Siegfried Fietz zu den beliebtesten christlichen Liedern gehört.

     

    Von guten Mächten wunderbar geborgen,
    erwarten wir getrost, was kommen mag.
    Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
    und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

     

    Zum Gedicht „Von guten Mächten“

  • Gespräch mit Renke Brahms, Friedensbeauftragter der EKD

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    Von ihm wollten wir wissen: Wozu braucht die evangelische Kirche überhaupt einen Friedensbeauftragten? Eigentlich sollte doch jeder Christenmensch ein Friedensbeauftragter oder eine Friedensstifterin sein?

    Das finde ich auch. Jeder Christ ist ein Friedensstifter oder eine Friedensstifterin – jedenfalls vom Auftrag her. Und natürlich ist auch eigentlich jede Pastorin und jeder Pastor ein Friedenspfarrer oder -pfarrerin. Die Friedensbeauftragung der EKD hat die Aufgabe, die Friedensarbeit in der EKD zu bündeln und zu stärken. Also Menschen, Gruppen, Institutionen zusammenzubringen, die sich für Frieden engagieren, um das Friedensthema stark zu machen. Das ist die Aufgabe. 

     

    Wie kann die Kirche heute Frieden stiften?

    Einerseits, glaube ich, indem sie selbst erst einmal überlegt, wie können wir friedvoll miteinander umgehen, denn wir haben ja auch Veränderungsprozesse und bestimmte Prozesse innerhalb der Kirche. Wie gehen wir damit eigentlich um? Machen wir das friedlich oder streiten wir uns? Also die Frage von Frieden innerhalb unserer eigenen Kirche und Gemeinden.

    Das Zweite ist, dass wir natürlich friedensethisch unterwegs sind, also immer die Frage stellen: Welche ethischen Fragestellungen ergeben sich daraus? Wie können wir zum Beispiel umgehen mit neuen Entwicklungen in der Waffentechnologie, mit der Frage nach autonomen Waffen oder vollautomatisierten Waffen? Was haben wir als Christen und als Kirchen dazu zu sagen? Wie schätzen wir das ethisch ein? Und, ja, es gibt viele kirchliche Organisationen, die ganz praktische Friedensarbeit machen, die über internationale Fachkräfte, Friedensfachkräfte in Afrika, in Südamerika arbeiten und dort versuchen, mit Friedensjournalismus, mit Mediation, mit ziviler Konfliktbearbeitung einen Beitrag zu leisten. Das ist eine Gruppe von Friedensstifterinnen und Friedensstiftern, die auch stark gewachsen ist, die sehr konkrete Arbeit machen.

     

    Ist diese Art von Friedensarbeit auch eine Folge davon, dass die Kirchen im Ersten und Zweiten Weltkrieg dem Kriegstaumel verfallen sind?

    Ja, unbedingt! Wenn man sich mal anguckt, was da an Kriegspredigten noch vor und während des Ersten Weltkriegs gepredigt worden ist, wie sich auch Kirche noch im Zweiten Weltkrieg verhalten hat, dann ist der Wandel heute zu einem Leitbild des gerechten Friedens, wie wir in der EKD sagen, schon enorm. Man muss sich ja immer vorstellen: Als zum Beispiel die Weltgemeinschaft im Ökumenischen Rat der Kirchen die deutsche Kirche wieder aufgenommen hat, das war schon ein Wunder an Versöhnung und an Entgegenkommen. Und seitdem hat sich viel getan. Ich glaube, deswegen ist auch die Friedensfrage in der Evangelischen Kirche in Deutschland immer eine große und wichtige Frage gewesen, um aus dieser Geschichte auch zu lernen und sich heute anders zu verhalten.

     

    Das klingt wie eine sehr gelungene Lerngeschichte.

    Absolut. Ich glaube, das ist schon eine Friedenslerngeschichte der Kirche, heute nicht mehr sozusagen den Krieg zu verherrlichen, sondern wirklich zu sagen, wir treten ein für den Frieden. Und: wie vermeiden wir möglichst jede militärische Intervention? Welche Alternativen entwickeln wir an dieser Stelle dazu? Das Augenmerk darauf zu legen, ist, glaube ich, eine große Lerngeschichte. 

     

    In der Kirche gibt es ja eine breite Palette an Standpunkten zum Frieden: Vom strikten über den gemäßigten Pazifismus bis zu eifrigen Befürwortern militärischer Gewalt, wenn es um die Wahrung der Menschenrechte geht. Wie kriegt man die alle zusammen unters Kirchendach oder unter einen Hut?

    Der Hut muss schon relativ groß sein, das ist das eine. Das bildet zum Beispiel auch meine Beauftragung ab. Wir haben eine Konferenz der Friedensarbeit, wo pazifistische Gruppen und Institutionen genauso vertreten sind wie die Seelsorge in der Bundeswehr. Die ist ja keine Militärorganisation in dem Sinne, sondern soll Seelsorge betreiben an den Soldatinnen und Soldaten, aber muss sich natürlich immer wieder mit diesen friedensethischen Fragen auseinandersetzen. Und insofern haben wir eine breite Palette. Das Wichtigste ist, miteinander im Gespräch zu bleiben und im konstruktiven, friedlichen Gespräch miteinander auch auszuhalten, dass es so unterschiedliche Meinungen gibt.

     

    Was erhoffen Sie sich als Friedensbeauftragter von der Herbstsynode der EKD, bei der es um die Kirche auf dem Weg zu Gerechtigkeit und Frieden geht?

    Die EKD hat 2007 eine Friedensdenkschrift herausgegeben. Wir merken, dass sich die ganzen politischen Kontexte in den letzten zwölf Jahren schon wieder verändert haben. Neue Fragestellungen sind aufgetaucht: Wie gehen wir heute zum Beispiel mit der Frage nach vollautomatisierten Waffen um, wie ist die Nuklearwaffenfrage heute zu beantworten? Wie müssen wir umgehen mit dem, was wir an ziviler Konfliktbearbeitung gelernt haben, wie können wir das verstärken? Es hat sich also in der weltpolitischen Situation wieder etwas neu entwickelt und da erhoffe ich mir, dass wir auch auf der Synode einige klare Aussagen machen, um da einen Schritt weiterzukommen. Auf der anderen Seite ist klar, wir bewegen uns mit dieser Synode auch auf dem Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens, den die weltweite Kirche ausgerufen hat. Insofern ist es auch ein Schritt auf diesem Weg.

     

    Interview und Produktion: BirnsteinsBüro

     

  • Stephan Krawczyk - Innerer Frieden

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    Zu DDR-Zeiten war Liedermacher Stephan Krawczyk einer der mutigsten und lautesten Widerständler gegen das Regime, oft trat er in Kirchen auf. Heute lebt er in Berlin Neukölln und liebt die leisen Töne. Wir wollten wissen: Welchen Bezug hat er zum inneren Frieden?

    Innerer Frieden, ganz wichtig. Innerer Frieden ist die Voraussetzung, um zu sein. Wenn kein innerer Frieden herrscht, dann herrscht ja demzufolge innerer Krieg und das kann sich jeder selbst ausmalen, wo das hinführt. Zu einem entspannten Sein jedenfalls nicht. Aber ein entspanntes Sein wünschen wir uns doch alle, um die Dinge genießen zu können. Das Leben als solches wahrzunehmen und genießen zu können. Dafür ist innerer Frieden eine Grundvoraussetzung. Außerdem gibt mir der innere Frieden überhaupt erstmal ein Gefühl dafür, wie man sich das Äußere vorstellen kann. Natürlich soll es auch ein friedliches sein. Aber, wenn in mir Krieg herrschen würde, wie kann ich dann dafür sorgen, dass es draußen friedlich zugeht? Aber das ist doch eine meiner Aufgaben als Künstler, den Frieden in der Gesellschaft zu befördern!

    Gibt es Methoden, den inneren Frieden zu erlangen?

    Die wichtigste Methode ist zweifelsohne, den Knopf zum Ausschalten zu benutzen. Und zwar an diesen Geräten, die uns permanent Ansichten, Meinungen und so weiter auf die Ohren blasen. Und dann dieser inneren Ruhe zuzuhören. Das ist auf alle Fälle eine schöne Übung, um sich zu entspannen und den inneren Frieden zu verstärken. Sich mehr auf sich selbst zu verlassen, die innere Stimme zu hören, ihr mal zuzuhören und nicht davor zu erschrecken und gleich wieder irgendeinen Sender anzumachen, um die innere Stimme zu unterdrücken. Also Ruhe ist die erste Bürgerpflicht, um inneren Frieden zu erreichen.

    Spielen Alter und Lebenserfahrung eine Rolle, den inneren Frieden zu spüren?

    Na das spielt vielleicht in der Hinsicht eine Rolle, dass man sich als junger Mensch über solche Sachen noch gar keine Gedanken macht. Also, wenn ich als Kind ruhig in meinem Zimmer oder auf dem Fensterstock saß und Gitarre geübt habe, dann habe ich mir nicht die Frage gestellt, ob es jetzt in mir friedlich zugeht oder nicht, sondern ich habe das getan mit einer großen Ausgeglichenheit und Ruhe. Aber wenn man so lange gelebt hat, ist es natürlich klar; man war in so vielen Situationen, die einen aus dieser Ruhe gebracht haben. Und plötzlich kriegt der innere Frieden einen Begriff, dessen man sich erinnert, wenn man ihn spürt oder wenn man ihn vermisst.

    Wie verhalten sich beide zueinander, der innere und der äußere Friede? Bedingen sich beide?

    Es ist schwer, wenn draußen Krieg herrscht, da inneren Frieden zu bewahren. Ich war einmal im Krieg gewesen, 1992 in Somalia. Da waren die Hungersnot und der Bürgerkrieg. Wenn die Kugeln durch die Luft pfeifen, wird man ganz klein innerlich. Nur noch ein Kern. Und in dem herrscht Angst und Unruhe, aber kein innerer Frieden. Das bedingt sich natürlich. Innen und außen stehen zweifelsohne in einem Wechselverhältnis. Ich kann natürlich auch viel besser eine Konfliktsituation entschärfen, wenn ich selbst ruhig und ausgeglichen bin. Und es ist vielleicht sogar manchmal die Voraussetzung, um bestimmte Dinge richtig einschätzen zu können. Diese Aufgeregtheit, die sich unserer Gesellschaft bemächtigt hat, ist in keinem Falle gut, weder für den äußeren noch für den inneren Frieden.

    Martin Luther inspirierte Sie zu Ihrer CD „Erdverbunden, luftvermählt“. Darauf ist ein Lied zu hören, „Verboten“ heißt es, in dem empfehlen Sie, die „innere Ruh“ zuzulassen, „und das schöne Gefühl, wenn die guten Mächte in Dich einziehen“. Wie fühlt sich das an?

    Es fühlt sich sehr ruhig an. Jeder kann das ausprobieren. Wir stellen uns einem Baum gegenüber, schauen in seine Krone hinauf und verweilen dort für drei Minuten. Und dann hören wir in uns hinein. Und wenn Stille herrscht, ist die Übung geglückt. Und wenn dann womöglich noch Bezauberung herrscht durch die Schönheit der Baumkrone, dann sind die guten Mächte in uns eingezogen. Die guten Mächte, die viel häufiger in uns einzögen, wenn wir ein Interesse daran hätten.


    Interview und Produktion: BirnsteinsBüro