Pflegende Angehörige unterstützen. Perspektiven aus Kirche, Politik und Wirtschaft

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Frau Riemann-Hanewinckel,
sehr geehrte Frau Lambert, sehr geehrte Frau Griese, sehr geehrte Frau Ehm,
sehr geehrter Herr von Schwanenflügel, sehr geehrter Herr Reuyß,

im Namen der Evangelischen Kirche in Deutschland, auch im Namen der Evangelischen Akademie zu Berlin und im Namen der Evangelischen Aktionsgemeinschaft für Familienfragen, heiße ich Sie herzlich willkommen hier im Haus der EKD am Gendarmenmarkt.

Ich freue mich, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind – das ist umso höher zu schätzen, als dass die Pflege alter Menschen, wie Sie alle wissen, leider kein Thema ist, das derzeit die gesellschaftliche Debatte bestimmt, das Hörsäle und Stadthallen füllt. Dabei wäre das nur angemessen: Alterspflege geht, wie die Zahlen zeigen, alle etwas an: 2,25 Millionen Pflegebedürftige gibt es derzeit in Deutschland, Tendenz steigend. Gut zwei Drittel dieser Menschen werden – Gott sei Dank - zu Hause gepflegt. Grund genug, das Thema Pflege noch mehr als bisher aus der Schattenecke der öffentlichen Wahrnehmung herauszuholen.

Der Rat der EKD hat vor wenigen Wochen eine Orientierungshilfe veröffentlicht mit dem Titel „Im Alter neu werden können. Evangelische Perspektiven für Individuum, Gesellschaft und Kirche“. Darin plädieren die Verfasser für ein differenziertes Bild vom Alter, das auch die großen Potenziale alter Menschen wahrnimmt. Gleichwohl werden auch die Verletzlichkeit und Angewiesenheit der Menschen in dieser Lebensphase thematisiert. Im Blick auf unseren Umgang mit dem Thema Pflege im Alter formuliert der Text zwei wichtige gesellschaftliche Aufgaben. Die erste ist die – ich zitiere: „von tiefem Respekt vor der Würde des Menschen bestimmte öffentliche Thematisierung der Verletzlichkeit als einer natürlichen Seite menschlichen Lebens“. Die zweite ist ebenso wichtig, nämlich „die Schaffung von Versorgungsstrukturen, die darauf zielen, den Menschen – wie auch dessen Angehörige – bei der inneren und äußeren Bewältigung dieser Verletzlichkeit zu unterstützen“. An beiden Aufgaben arbeiten viele Menschen schon sehr lange, auch von Seiten der Politik sind gute Schritte unternommen worden, ich nenne an dieser Stelle nur das Pflegezeitgesetz oder die jüngsten Überlegungen der Familienministerin zur „Familien-Pflegezeit“. Auch wir wollen mit der heutigen Veranstaltung das Unsere dazu tun, das Thema weiter voran zu bringen. Den Fokus legen wir heute Abend dabei auf diejenigen, die ihre Angehörigen zu Hause pflegen. Auch über ihre Situation muss umfassend gesprochen werden, auch sie brauchen dringend Versorgungsstrukturen zur Unterstützung ihres Pflegens.

Bevor wir uns mit den Rahmenbedingungen, die pflegende Angehörige benötigen, möglichst konkret und konstruktiv auseinandersetzen, möchte ich einen kurzen Blick werfen auf die Frage, was eigentlich passiert, wenn Menschen durch die Situation der Pflege miteinander verbunden werden. Denn Pflege ist mehr als die Summe der notwendigsten Verrichtungen, Pflege ist, wie der vormalige Ratsvorsitzende der EKD es ausdrückte, ein „Beziehungsgeschehen“, ja sogar Beziehungsarbeit. Mit „Arbeit“ meine ich hier: Pflege ist eine oft schwere und komplexe Aufgabe für alle Beteiligten. Die pflegebedürftigen Menschen selbst müssen ihren Alltag, ihre Gewohnheiten und Erwartungen verändern, die Angehörigen müssen die körperlichen und seelische Lasten tragen; im Idealfall werden sie von professionellen Kräfte unterstützt, die mit dafür Sorge tragen, dass ein pflegebedürftiger Mensch – möglichst in seiner gewohnten Umgebung – nicht nur am Leben bleibt, sondern – um mit dem Johannesevangelium zu sprechen – weiterhin auch Anteil an der Fülle des Lebens (Johannes 10,10) hat.

Ich bin sicher: Pflege verändert Menschen, und zwar sowohl die Pflegebedürftigen als auch die Pflegenden. Und je besser die Rahmenbedingungen, unter denen sie sich vollzieht, desto positiver kann die „Fülle des Lebens“ von beiden - dem Gepflegten und dem Pflegenden - erlebt werden.

Das heißt natürlich nicht, dass es immer eine leichte Übung wäre, sich um einen alten, kranken Menschen zu kümmern. Die eine oder der andere von uns macht möglicherweise gerade diese Erfahrung oder hat sie bereits gemacht: Die Entscheidung, in einer anderen Verbindlichkeit als zuvor für einen anderen Menschen da zu sein, ihn zu pflegen und seine letzte Lebenszeit gemeinsam zu gestalten, hat große Auswirkung auf das eigene Leben. Es erfordert ein Zurücknehmen der eigenen Person und die harte Begrenzung der eigenen Lebensgestaltung. Wer sich entschließt, einen anderen Menschen zu pflegen, der wählt freiwillig eine Verbindlichkeit, aus der er sich nicht zwei Wochen später einfach wieder herauslösen kann.

Auch die Bibel berichtet vielfach von dieser Verbindlichkeit zwischen jungen und alten, gesunden und kranken, pflegebedürftigen Menschen – und davon, dass es auch immer eine Frage des sozialen Umfeldes ist, ob und wie Pflege gelingendes Beziehungsgeschehen ist. (Ich erinnere an den Klassiker unter den Barmherzigen, den Samariter: Er selber kann die Pflege des von ihm aufgefundenen Verletzten nicht dauerhaft leisten; er findet aber einen „Profi“, der diese Pflege in seiner Abwesenheit gegen Entgelt übernimmt.) Anders die Geschichte aus der hebräischen Bibel über eine junge Frau aus Moab, die ihre Schwiegermutter Noomi nicht allein lässt, als diese sich auf den ungewissen letzten Abschnitt ihres Lebensweges macht. Diese junge Frau - ihr Name ist Rut - bekräftigt ihren Entschluss mit den Worten: „Wo du hingehst, da will auch ich hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, dein Gott ist mein Gott.“ (Rut 1,16f)

Rut gibt ihr Pflege-Versprechen sogar unter besonders schweren Bedingungen: Die Schwiegermutter und ihre Schwiegertochter haben ihre Männer verloren. Für beide Frauen bedeutet das den Verlust ihres Platzes in der Gesellschaft, und für Noomi den Verlust ihrer Altersversorgung. So arbeitet Rut tagsüber auf dem Feld – vielleicht war es ihr möglich, nur einen Teil des Tages zu arbeiten - und kümmert sich anschließend um ihre Schwiegermutter. Doch beide Frauen wissen, dass sie dauerhaft nicht ohne Hilfe von außen leben können, und sie wissen sich zu helfen. Es gelingt ihnen, einen Verwandten dazu zu bewegen, Rut zur Frau zu nehmen. Die Frauen finden so zurück in das Haus einer Familie und damit in ein größeres Netzwerk, das beiden neue Möglichkeiten eröffnet.

Wir alle wissen, dass eine Hochzeit nur in den seltensten Fällen die durchschlagende Hilfe darstellt, die für gelingende Pflege nötig ist. Aber wir alle wissen, was damit gemeint ist: Allein hätten die Frauen es auf Dauer nicht geschafft. Allein wäre es Rut nicht dauerhaft möglich gewesen, für ihre Schwiegermutter ökonomisch, pflegerisch, emotional zu sorgen. Es braucht immer beides, um Pflege zu einem guten Beziehungsgeschehen werden zu lassen: gelebte Nächstenliebe und gute institutionelle Rahmenbedingungen.

Und darum geht es uns auch heute. Es geht darum, diese Rahmenbedingungen für eine gute Pflege zu Hause zu formulieren und so zu gestalten, dass Beziehungen bleiben, sich neu entwickeln, aber nicht zerbrechen. Selbstverständlich können wir heute Abend nur erste Schritte miteinander gehen. Wir haben uns daher auch bewusst dafür entschieden, heute auf dem Podium darauf zu verzichten, einzelne Betroffene zu Wort kommen zu lassen. Wir tun dies zugunsten eines möglichst breiten Blicks auf die unterschiedlichsten Bedingungen, unter denen Angehörige pflegen. Diesen Blick erhoffen wir uns von Stefan Reuyß; er ist Diplom-Soziologe am Berliner Forschungs-Institut für Sozialwissenschaftlichen Transfer, und er wird jetzt den Einführungsvortrag halten. Im Anschluss wird unser Podiumsgespräch beginnen, das von Simone Ehm, Studienleiterin an der Evangelischen Akademie, moderiert wird. Und damit dies alles nun endlich beginnen kann, räume ich das Rednerpult in großer Erwartung auf einen guten, informativen und fruchtbaren Abend. Vielen Dank.