125 Jahre Evangelische Obdachlosenhilfe
Grußwort in der Heilig Kreuz Kirche
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich weiß nicht, warum es in New York geschah. Vielleicht, weil man in der Fremde immer ein bisschen aufmerksamer ist. Vielleicht, weil mich meine Eltern bis dahin absichtlich nur auf ganz bestimmten, großen, breiten und bequemen Wegen im Wilmersdorf Westberlins hatten wandeln lassen. Für mich eröffneten sich jedenfalls erst in New York im Jahre 1977 nicht nur neue Perspektiven auf atemberaubende Wolkenkratzer und eine überwältigend Kultur, sondern ich nahm zum ersten Mal in meinem damals gerade mal zwölf Jahre währenden Leben Menschen wahr, die keine Wohnung hatten. Nie werde ich die Bilder vergessen: von der Frau, die auf einem Pappkarton in einem U-Bahn-Eingang schlief, und von dem Mann, der notdürftig zugedeckt, mitten auf dem Bürgersteig lag. Menschen ohne Dach über dem Kopf - dass es so etwas geben sollte, war für mich schier unglaublich. Und das ist es im Grunde bis heute.
Sie alle kennen diese Erfahrung, viele von Ihnen werden die Erinnerung an den ersten Blick auf oder die erste Begegnung mit obdachlosen Menschen, wo auch immer es gewesen sein mag, noch genauso gut im Gedächtnis haben wie ich. Nicht wenige von Ihnen werden diese erste Begegnung später mit ihren Kindern oder sogar Enkelkindern noch einmal aufs Neue erlebt haben. Das ist so, weil unsere Kinder und Kindeskinder den gleichen Skandal wahrnehmen müssen wie wir. Und das liegt daran, dass sich an den Verhältnissen nichts geändert hat, weil die Zahl der Wohnungslosen und Ausgegrenzten sogar noch ansteigt. Und aus diesem Grund sind wir heute hier.
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
als der Bevollmächtigte des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union danke ich Ihnen, hier und heute aus Anlass des 125-jährigen Jubiläums der Evangelischen Obdachlosenhilfe ein Grußwort sprechen zu können. Die Gratulation zu dieser wahrlich stolzen Jahreszahl, die ich auch im Namen der Evangelischen Kirche in Deutschland sehr herzlich ausspreche, ist natürlich mit einem schalen Beigeschmack verbunden. Denn 125 Jahre Evangelische Obdachlosenhilfe – das ist auch die traurige, reale Manifestation des Ihnen bestens bekannten Bibelwortes „Arme habt ihr allezeit“. Daher werden Sie es mir nachsehen, wenn ich beide Seiten der Medaille betone: Einerseits ist es ein Segen, dass es die Evangelische Obdachlosenhilfe gibt, und das schon so lange. Andererseits wäre es besser um unsere Gesellschaft bestellt, wenn es sie nicht gäbe, weil es sie nicht geben müsste.
Keine feste Bleibe zu haben, das ist unbestritten die extremste Form von Armut und Ausgrenzung in unserer Gesellschaft. Dass diese Armutssituation in den Gründerjahren der Evangelischen Obdachlosenhilfe, zu Kriegszeiten und vielleicht auch noch zu Zeiten der Weimarer Republik existierte, können wir rückblickend zumindest in Teilen nachvollziehen. Doch seit Jahrzehnten ist unser Land ein prosperierendes. Und mit jedem Jahr, das hinzukommt, wird der Skandal größer: Eins der reichsten Länder dieser Erde ist nicht in der Lage, jedem seiner Bürger ein Dach über dem Kopf zu bieten! Dies unseren Kindern und Kindeskindern zu erklären, ist kaum möglich.
Und als wäre es nicht schon beschämend genug, dass unsere Gesellschaft sich diesem Missstand nicht mit aller Kraft entgegenstemmt, kommt noch hinzu, dass gleichzeitig große Kräfte mobilisiert werden, um genau das Gegenteil zu erreichen: eine konsequente Ausgrenzung der Betroffenen. Nach dem Motto: „Nichts gegen die Menschen, denen es schlechter geht als uns. Aber ihr Anblick sollte uns doch erspart bleiben. Und sie sollten daher bitteschön ferngehalten werden von unseren großen, breiten, bequemen Wegen, von den Shopping-Centern, Bahnhofshallen, S- und U-Bahnen.“
Die neuste Steigerung dieser Kultur des Wegschauens und Wegscheuchens zeigte sich dieser Tage in Hamburg. Dort wurden inzwischen offenbar auch die Brücken der Stadt zu fein für Menschen ohne Obdach. Ende September hatte der zuständige Bezirksamtsleiter unter der Kersten Miles-Brücke einen Stahlzaun errichten lassen, damit dort künftig keine wohnungslosen Menschen mehr zu sehen und zu hören sind. Erst unter starkem Protest wurde der für viele tausend Euro aufgestellte Zaun wieder abgetragen.
Was ist das für eine Gesellschaft, die lieber einen Zaun bezahlt, als sich um die zu kümmern, die dieser ausschließen soll. Der renommierte Journalist Heribert Prantl zieht in diesem Zusammenhang eine sehr bittere Bilanz (ich zitiere): „Der Staat betrachtet soziale Gerechtigkeit mehr und mehr nicht mehr als Gebot, sondern als Zugabe, die man sich nur in besseren Zeiten leisten könne, und die Zeiten seien nun einmal leider nicht so.“
Ist das so? Herrn Prantl kann ich nur bedingt zustimmen. Denn nicht nur „der Staat“ ist hier in der Pflicht. Ich bin überzeugt, dass es nur Aufgabe aller zivilgesellschaftlichen Kräfte gemeinsam sein kann, diesen Missstand zu ändern. Und den Kirchen und ihren diakonischen Einrichtungen kommt dabei eine Schlüsselfunktion zu.
An dieser Stelle trage ich natürlich Eulen nach Athen. Denn Sie alle, die Sie heute hier zusammengekommen sind, erfüllen diese Aufgabe mit und in der Evangelischen Obdachlosenhilfe vorbildlich. Sie geben den Armen Stimme und Hoffnung. Unbeirrt benennen Sie die Probleme und Nöte von Wohnungslosen und treten damit in die Öffentlichkeit. Sie kämpfen gegen das allgemeine Wegschauen. Und Sie begleiten die Menschen, die zu Ihnen kommen, mit Rat und Tat und häufig auch mit handfester juristischer Unterstützung bei der Durchsetzung von Ansprüchen. Diesem tagtäglichen und sicher oft mühevollen Wirken gebührt mein ganzer Respekt.
Sie leisten mit Ihrem vielfältigen Engagement eine Lobbyarbeit, die in mancherlei Hinsicht dem entspricht, was der Bevollmächtigte des Rates der EKD zur Aufgabe hat.
Meine Berufungsurkunde ist überschrieben mit dem Ihnen bekannten biblischen Auftrag: „Tu deinen Mund auf für die Stummen“. Meine Mitarbeiter und ich befolgen diese Weisung nach besten Kräften. Unser Reden und Schreiben richtet sich auftragsgemäß in erster Linie an die politisch Verantwortlichen in Berlin und Brüssel, und die Bandbreite der Themen, die wir im Sinne der Evangelischen Kirche in Deutschland in die politischen Räume einbringen, ist so groß wie die Zahl derjenigen gesellschaftlichen Gruppen, die sich selbst nur unzureichend Gehör verschaffen können. Ob im Blick auf Gesundheit, Familie oder Arbeit - die Armen und sozial Benachteiligten stehen für uns immer im Focus.
Gern arbeiten wir dabei mit unseren katholischen Brüdern und Schwestern zusammen, und selbstverständlich mindestens genauso gern mit dem Diakonischen Werk der EKD. Im vergangenen Jahr, im insgesamt leider relativ erfolglosem „Europäischen Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung“, haben mein katholischer Kollege und ich zusammen mit den Präsidenten von Diakonischem Werk und Caritasverband die damalige Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen aufgefordert, sich für eine konkrete Zielvorgabe zur Armutsbekämpfung in Europa einzusetzen. Erfreulicherweise hat die Bundesministerin dieses Anliegen aufgenommen. Im Juni hat der Europäische Rat entsprechend beschlossen, dass bis zum Jahr 2020 mindestens 20 Millionen Menschen in der EU vor dem Risiko der Armut oder Ausgrenzung bewahrt werden sollen. - Ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, dem noch so viele andere Schritte folgen müssen --- Sie kennen diese Mühen der Ebene.
Und Sie werden mir zustimmen, wenn ich behaupte: So durchsetzungsstark unser Wirken für die jeweilige Sache einerseits sein muss, so viel Fingerspitzengefühl erfordert es gleichzeitig. Das gilt für den Bevollmächtigten ebenso wie für die Evangelische Obdachlosenhilfe. Denn Vorurteile abzubauen und in der Gesellschaft die Bereitschaft zu wecken, sich nicht abzuwenden, wenn es um Wohnungslose geht, das funktioniert nicht, indem man auf Gesetzesbücher pocht und mit Paragraphen wedelt.
Die Evangelische Obdachlosenhilfe geht daher in vielerlei Hinsicht kreative Wege. Sehr gefallen hat mir das Projekt „Kunst trotz(t) Armut“. Nichts stellt sich der allgemeinen Tendenz des Wegschauens so listig entgegen wie eine interessante Ausstellung, die Aufforderung zum Hinschauen par excellence. Mit dieser Ausstellung wurde aber noch mehr geübt als das Hinschauen: Die Zusammenstellung von Kunstwerken namhafter Künstler mit Exponaten von unbekannten Menschen ohne festen Wohnsitz erforderte auch die Kooperation zwischen den „ungleichen“ Beteiligten. Und nicht zuletzt haben sich für die Präsentation auch unterschiedliche Institutionen aus Kirche und Diakonie zusammen gefunden. Auch dies ist weniger selbstverständlich als beispielhaft.
Meine Damen und Herren,
seit den Anfängen ihres Bestehens hat sich die Kirche im Sinne der von Christus geforderten Nächstenliebe für die Armen und Ausgegrenzten eingesetzt. Erst im Laufe der Jahrzehnte wandelte sich diese Armenfürsorge hin zur heutigen Form des wohlfahrtsstaatlichen Engagements, das mit Rechtsansprüchen verbunden ist und bei dem die Verwirklichung und Durchsetzung von Rechtsansprüchen zum Markenzeichen der Evangelischen Obdachlosenhilfe als Fachverband des Diakonischen Werkes der EKD wurde.
Dieser Entwicklung zum Trotz ist es heute nicht weniger wichtig als gestern, dass sich Diakonie und verfasste Kirche der Obdachlosen annehmen, so wie sich Diakonie und verfasste Kirche für eine Gemeinwesensorientierung stark machen müssen: Solche Orientierung am Gemeinwohl zeigt sich sowohl konkret in der Integration von Ausgegrenzten auf der Ebene der Gemeinde, als auch in der auf soziale Gerechtigkeit ausgerichteten Struktur der gesamten Gesellschaft.
In diesem Zusammenhang ist in die von Diakonie, Caritas, von den Evangelischen und Katholischen Akademien in Deutschland gemeinsam mit dem Kirchenamt der EKD und dem Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz im Januar dieses Jahres initiierte Kooperation „Kirche findet Stadt“ große Hoffnungen zu setzen. Das im Rahmen der Nationalen Stadtentwicklungspolitik im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung geförderte Projekt soll eine bundesweite Diskursplattform für das kirchliche Handeln in Stadt und Land bieten. Es will gute Praxis für die zivilgesellschaftliche Bedeutung von Kirche und deren Beiträge zur sozialen und kulturellen Ausgestaltung der Wohn- und Lebensverhältnisse von Menschen in der Stadt identifizieren und in Diskurs bringen. Anhand von kirchlichen Initiativen werden an Referenzstandorten die Potenziale lokaler Entwicklungspartnerschaften von Kirche, Zivilgesellschaft, Kommune und anderen örtlichen Akteuren aufgezeigt. Ziel ist es, bundesweit neue Formen der Zusammenarbeit auszuloten und neue Bündnisse zu schmieden.
„Kirche findet Stadt“: Vieles wird die Kirche mit ihren Projektpartnern finden in der Stadt, das der Diskussion und Behandlung bedarf: Kulturstätten, Arbeitslosenzentren, Sammelunterkünfte für Flüchtlinge – Tafeln und Suppenküchen als Notversorgung und Tor zu einer strukturierten Hilfe für Obdachlose zum Beispiel. Ich wünsche mir und uns, dass alle diese Fundsachen sorgfältig begutachtet und in jeder Hinsicht gut behandelt werden. Dass zahlreiche neue Bündnisse entstehen, von denen alle Beteiligten etwas haben, dass viele sinnstiftende Projekte gefördert werden und Schule machen. Ich freue mich wenn die Evangelischen Obdachlosenhilfe bereits Kooperationspartner ist, mache den Akteuren vor Ort Mut, sich auf diesen Prozess einzulassen und bin gespannt auf die großen und kleinen Früchte, die das gemeinsame Vorhaben tragen wird.
Heute soll aber erst einmal gefeiert werden. Ich hoffe, dass Sie dies ganz unprotestantisch, also von Herzen ausgiebig tun werden und wünsche Ihnen einen fröhlichen und erfolgreichen weiteren Verlauf Ihres Jubiläums. Vielen Dank.