Ehrenamtliche Seelsorge im Altenheim

„Ich bin da und habe Zeit“

Zu sehen ist die Ehrenamtliche Renate Fiedler-Schöler . Sie trägt weiß-graue, kurze Haare und eine Blicke. Sie blickt freundlich in die Kamera und trägt eine helle gestreifte Bluse.
Renate Fiedler-Schöler arbeitet ehrenamtlich als Seelsorgerin im Altenheim.

Seit mehr als 15 Jahren engagiert sich Renate Fiedler-Schöler ehrenamtlich in der Seelsorge. Drei Mal pro Woche verbringt sie jeweils einen halben Tag im Altenheim St. Josephshaus in Bockenheim. Eine Aufgabe, die inzwischen fast einer halben Stelle entspricht. Im Haus ist sie eine feste Ansprechpartnerin und hält Andachten. Doch vor allem besucht sie die Bewohner, nimmt sich Zeit, die sonst kaum jemand hat.

Bei ihren Besuchen geht Renate Fiedler-Schöler immer ähnlich vor: „Ich gehe offen hinein und frage: Wie geht es Ihnen heute?“, erzählt sie. Mit diesem leichten Einstieg beginne oft ein Gespräch. Manchmal bleiben die Gespräche an der Oberfläche, manchmal gehen sie in die Tiefe. Renate Fiedler-Schöler lässt den Bewohnerinnen und Bewohnern Raum, selbst zu entscheiden, wie viel sie erzählen möchten. „Vertrauen wächst mit der Zeit“, sagt sie. Es sei wichtig, niemanden zu drängen. „Man muss sich mir nicht offenbaren“, unterstreicht sie und fügt hinzu: „Wenn jemand nicht reden möchte, ist das auch in Ordnung“.

Zuhören, was das Leben erzählt

Ein zentraler Bestandteil ihrer Arbeit ist das Zuhören. Viele Bewohner blicken im Gespräch auf ihr Leben zurück: auf Kindheit und Krieg, auf Beziehungen, Verluste und prägende Erfahrungen. Dieses biografische Erzählen geschieht nicht nach einem festen Konzept, sondern entwickelt sich aus der Situation heraus. „Ich stelle auch Fragen, aber ich lasse vor allem erzählen und wahre dabei Grenzen“, beschreibt sie. Sie kam bereits in die Situation, dass sie nach dem Ehepartner gefragt habe, die Bewohnerin wollte jedoch nicht über ihn sprechen. „Das ist dann so, da frage ich nicht weiter nach und wir sprechen über etwas anderes“, erklärt sie.

Gerade in der letzten Lebensphase besucht Renate Fiedler-Schöler Menschen teilweise mehrmals pro Woche. Manche sprechen über Ängste, andere erinnern sich an gute Zeiten.

„Wichtig ist, dass die Menschen am Ende zufrieden aus dem Gespräch gehen. “

Renate Fiedler-Schöler
Zeit als kostbares Gut

In einem durchgetakteten Pflegealltag ist Zeit oft knapp. Genau hier sieht Renate Fiedler-Schöler ihre besondere Rolle: „Ich bin der einzige Mensch im Haus, der einfach Zeit hat“, unterstreicht sie. Während Pflegekräfte und Betreuungspersonal an feste Abläufe gebunden sind, kann sie sich ganz auf die Bewohner einlassen.

Das zeigt sich auch in kleinen Gesten: Wenn sich jemand eine bestimmte Blutwurst von einem Lieblingsmetzger wünscht, versucht sie, diesen Wunsch zu erfüllen. So entstehen Beziehungen, die über reine Gespräche hinausgehen. „ Freundschaft wäre das falsche Wort, aber es entsteht schon eine Beziehung zu den Menschen“, sagt sie. Wenn ein Bewohner, den sie häufig besuchte, dann verstirbt, sei auch sie traurig und brauche ein paar Tage, um das zu verarbeiten.

Nähe und Grenzen

Die Arbeit als ehrenamtliche Seelsorgerin erfordert ein feines Gespür. Manche Geschichten, die die Bewohner ihr erzählen begleiten sie auch nach Hause. „Ich nehme sie dann mit ins Gebet“, erzählt sie. Mehrmals im Jahr hat sie Supervisions-Gespräche. Diese helfen, auch schwierige Eindrücke und Geschichten einzuordnen und damit umzugehen.

Weiterhin betont Renate Fiedler-Schöler: „Ich bin keine Therapeutin“. Seelsorge sei keine Therapie und ersetze diese auch nicht. Wenn sie merkt, dass jemand therapeutische Unterstützung braucht und ihre Grenzen erreicht sind, dann spricht sie sich mit dem Pflegeteam ab und unterstützt bei Bedarf auch bei der Suche nach einem Therapeuten.

Seelsorge bis zuletzt

Besonders herausfordernd wird es für die erfahrene ehrenamtliche Seelsorgerin, wenn Menschen nicht mehr richtig sprechen können, gerade am Lebensende. „Viele können nicht mehr sprechen oder sich bewegen, aber sie hören noch“, berichtet die Seelsorgerin. Dann stelle sich die Frage: Was sage ich dem Menschen jetzt? „Das fällt mir manchmal schwer“, gesteht sie. Denn in einem solchen Moment könne sie nur vermuten, was der Mensch gerne hören möchte.

Religiöse Wünsche wie der Wunsch nach einem Gebet, äußern die Bewohner selten. „Das kommt kaum vor. Gebetet wird eher in der Andacht“, erklärt die Ehrenamtlerin. Doch es kam auch schon vor, dass sich eine Frau gewünscht hat, von Renate Fiedler-Schöler gesegnet zu werden.

Für Renate Fiedler-Schöler ist ihr Engagement mehr als ein Ehrenamt. Es hat ihren Blick auf das Leben verändert: „Ich sage immer, das ist wie eine Arche Noah mit ganz vielen verschiedenen Tierchen“.