Für das Miteinander im Gemeinwesen

Wie Gemeinden mit politisch-kulturellen Herausforderungen umgehen

Wie gelangen politisch-kulturelle Herausforderungen, etwa Themen wie Migration und Klimawandel, in Kirchengemeinden? Wie gehen Gemeinden mit ihnen um? Welche Konflikte können dabei auftreten und welche Möglichkeiten gibt es, sie zu überwinden? Diese und weitere Fragen standen im Zentrum der dritten Teilstudie.

Rechte Demos vor den Kirchentoren

Für die Untersuchung wurden vier evangelische Kirchengemeinden in ganz Deutschland ausgewählt, die sich auf sowohl städtische als auch ländliche Räume und sowohl west- als auch ostdeutsche Regionen verteilen. Zudem wurden bewusst Gemeinden ausgewählt, die politisch und kulturell unterschiedlich geprägt sind. Was die Gemeinden verbindet: Sie alle setzen sich akut mit politisch-kulturellen Herausforderungen auseinander, müssen auf Debatten von außen reagieren oder geben selbst Anstoß für neues Engagement. Trotzdem erzählt jede Gemeinde ihre ganz eigene Geschichte.

Grafik: Die untersuchten Gemeinden

Die Gemeinden und ihre Herausforderungen im Detail:

  • Die traditionelle Gemeinde Ost

    Die Gemeinde befindet sich im traditionell geprägten Arbeitermilieu einer ostdeutschen Kleinstadt. Mit politischen Themen beschäftigten sich die rund 2.000 Gemeindemitglieder bisher selten aktiv. Das ändert sich, als sich die Gemeinde vor eine ganze Reihe von Herausforderungen gestellt sieht.

    Gerangel beim Erntedankfest

    Da ist das Coming-Out eines Mitarbeiters des Kirchenbezirks, dem ein Teil der Gemeinde fortan ablehnend begegnet. Zum Umgang mit den Corona-Maßnahmen gehen die Meinungen unter den Gläubigen auch auseinander. Und schließlich gibt es ein Gerangel und eine Verletzung bei einem Erntedankfest, bei dem auch Geflüchtete und Bedürftige eingeladen waren. Als das Geschehen von rechten Gruppierungen für Hetze und eine Kundgebung genutzt wird, sehen sich die politisch unerfahrenen kirchlichen Akteur*innen plötzlich gezwungen zu handeln.

    Der rechten Kundgebung begegnet die Gemeinde mit einem nicht konfrontativen Gottesdienst, der sich für ein friedliches Miteinander ausspricht. Gegenüber den Medien agieren die Gemeindevertreter*innen rein reaktiv und setzen auf unpolitische, theologische Argumente. Auch innerhalb der Gemeinde tun sich starke Konflikte zwischen Befürwortenden und Ablehnenden von Flüchtlingshilfe auf, die teilweise trotz Gesprächsangeboten nicht gelöst werden können. Gesellschaftliche Konflikte sind in kürzester Zeit in die Mitte einer Gemeinde gelangt, für die deren Austragung eine echte Herausforderung ist.
     

  • Die innovative Gemeinde Ost

    Die innovative Gemeinde liegt im Zentrum einer größeren ostdeutschen Stadt. Die Gemeinde steht in einer langen Tradition gesellschaftspolitischer Einmischung und war auch eine Mitgestalterin der friedlichen Revolution von 1989. Vor diesem Hintergrund führen einige Gemeindemitglieder, allen voran ein Pfarrer, heute das Engagement fort.

    Engagement für Nachhaltigkeit und interreligiösen Dialog

    Um etwa das Thema Nachhaltigkeit in der Gemeinde zu verankern, konnte der Pfarrer zuletzt die Finanzierung für eine Projektstelle für Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit sichern. Außerdem begründet er ein Begegnungsformat, das den interreligiösen Austausch in der Nachbarschaft fördert. Die Gemeinde öffnet sich stark nach außen, arbeitet mit anderen Institutionen zusammen und wird von dem Pfarrer auch im Stadtrat vertreten.

    Unter den anderen Gemeindemitgliedern findet dieses Engagement viel Zustimmung, doch fühlen sich einige auch nicht ausreichend eingebunden. Auch gibt es Debatten darüber, wie politisch eine Gemeinde auftreten sollte. Bemerkenswert für die innovative Gemeinde ist vor allem, wie Einzelpersonen das gesellschaftspolitische Handeln von Kirchengemeinden prägen können.
     

  • Die bürgerliche Gemeinde West

    Die bürgerliche Gemeinde liegt am Rand einer mittelgroßen westdeutschen Stadt. Schon in ihrer Geschichte hat sich die Gemeinde immer stark gegen Rechtsextremismus engagiert. Diese Haltung zeigt sich erneut, als ein Pfarrer während einer Demo rechter Gruppen die Kirchenglocken so lange läuten lässt, bis die Kundgebung wegen der Lautstärke abgebrochen werden muss.

    Nicht alle Gemeindemitglieder sind Teil des Engagements

    Im Anschluss gründet der Pfarrer ein Netzwerk gegen Rechtsextremismus, das bald stadtweit bekannt ist. Das Netzwerk bringt verschiedene Institutionen zusammen, betreibt Präventionsarbeit, ist auf Gegendemos präsent und wird in unzähligen Aktionen sichtbar.

    Der Einsatz gegen Rechts nimmt also in der Gemeinde seinen Anfang und wird von ihren Mitgliedern befürwortet, allerdings haben viele Mitglieder nicht direkt mit dem Netzwerk zu tun. Die Kirchengemeinde beweist sich damit als Ausgangspunkt von politisch-kulturellem Engagement, doch reichen die Verflechtungen nicht unbedingt bis in die Mitte der Gemeinde.
     

  • Die liberale Gemeinde West

    Diese lebendige und linksliberal orientierte Gemeinde liegt in einer großen westdeutschen Stadt. Die Auseinandersetzung mit politisch-kulturellen Themen hat hier eine lange Tradition und Themen wie Solidarität in der Corona-Pandemie, die Seenotrettung im Mittelmeer und die Verankerung von Nachhaltigkeit und Umweltschutz werden selbstverständlich in die Gemeinde eingebracht und diskutiert. 

    Im Untersuchungszeitraum stehen besonders zwei Prozesse im Blickfeld: Unumstritten ist das Engagement eines Pfarrers für die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus – ein neues Denkmal an jüdisches Leben im Stadtteil soll entstehen – sowie der Einsatz für Geflüchtete und Migrant*innen in Form eines neuen Begegnungscafés. Rege diskutiert wird hingegen der Protest gegen ein örtliches Infrastrukturprojekt, das einigen Gemeindemitgliedern ein Dorn im Auge ist. Teilweise unterstützt die Gemeinde offiziell den Protest, zieht aber auch Grenzen. Inwiefern sich die Gemeinde in Prozesse wie diesen einmischen sollte, wird weiterhin ausgehandelt.
     

Die qualitative Untersuchung der vier Gemeinden ergab die folgenden Kernergebnisse:

  1. Kirchen sind eine Ressource für eine vielfältige, offene und vernetzte Gesellschaft.


Kirchliche Gemeinden bringen Menschen zusammen. Sie verbinden Menschen unterschiedlicher Erfahrungswelten und Generationen und ermöglichen ein Miteinander verschiedener theologischer und gesellschaftspolitischer Haltungen. Damit verfügen sie über ein großes integrierendes Potenzial. Die Herausforderung für kirchliche Akteur*innen ist es, dieses Potenzial auch zu realisieren.

Das passiert, wenn Kirchengemeinden zu Plattformen für Kontakt und Austausch werden. Wenn die zur Verfügung stehenden räumlichen und menschlichen Ressourcen dafür genutzt werden, gesellschaftliche Diskussionen aktiv in der Gemeinde zu führen. So kann neues Engagement in ihren Strukturen seinen Anfang nehmen und letztendlich ein Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt geleistet werden.
 

Grafik: 2. Kirchengemeinden können ein Ort demokratischer Beteiligung und gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse sein.
  1. Kirchengemeinden können ein Ort demokratischer Beteiligung und gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse sein.

Ob und auf welche Weise sich Kirchengemeinden mit politisch-kulturellen Themen auseinandersetzen, hängt unter anderem von ihrem Profil und ihrer Geschichte ab. Ausschlaggebend sind aber immer wieder auch aktive Einzelpersonen, die Themen auf die Tagesordnung setzen.

Wenn Gemeinden sich engagieren, kommt häufig die Frage nach dem Selbstverständnis und der Rolle der Kirche im öffentlichen Leben auf. Diese Fragen müssen in den Gemeinden geklärt werden, wobei deutlich gemacht werden sollte, dass die Auseinandersetzung mit politisch-kulturellen Herausforderungen zum Auftrag der Kirche und zum kirchlichen Engagement und Handeln wesentlich dazugehört.

Wo ihre Mitglieder sich nicht scheuen, gesellschaftspolitische Themen anzupacken, kann eine Gemeinde eine erhebliche Leistung für das Miteinander im Gemeinwesen erbringen und zur Sichtbarkeit von Kirche im öffentlichen Raum beitragen. Gemeinden können gesellschaftliche Impulse setzen und neue Initiativen auf den Weg bringen.
 

Cover: Zwischen Nächstenliebe und Abgrenzung. Eine interdisziplinäre Studie zu Kirche und politische Kultur

Zwischen Nächstenliebe und Abgrenzung

Eine interdisziplinäre Studie zu Kirche und politischer Kultur

Gibt es auch in der Evangelischen Kirche Distanz zum gesellschaftlichen Grundkonsens zu Freiheit und Gleichheit aller Menschen oder Distanz zu demokratischen Werten? Um das herauszufinden, wurde von der  EKD eine groß angelegte Studie gefördert, welche die Beziehungen zwischen Religiosität und politischer Kultur, im besonderen menschenfeindliche Weltansichten, ergründen soll. Die Studie erhebt Statistiken zu gruppenbezogenen Vorurteilen, analysiert Online-Kommunikation und betrachtet, wie Kirchengemeinden mit gesellschaftspolitischen Herausforderungen umgehen.

Anhänge zu Teilprojekt 1 und Teilprojekt 2 der Studie Zwischen Nächstenliebe und Abgrenzung

ISBN 978-3-374-07141-8
Preis 29,00 Euro

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