Theologie und Glaube können Nährboden sein

Welche Rolle spielen religiöse Motive in Online-Hasskommentaren?

Teilstudie 2 unserer Untersuchung von Religiosität und Vorurteilen hat gezeigt: Christlicher Glaube schützt nicht automatisch vor Rassismus und anderen menschenfeindlichen Einstellungen. Aber spielen christliche Motive und Narrative auch eine bedeutende Rolle in vorurteilsbezogener Kommunikation – insbesondere in sogenannten Hasskommentaren auf Facebook & Co.? Diese Frage bildet den Mittelpunkt der zweiten Teilstudie unserer umfassenden Untersuchung zum Zusammenhang von Religiosität und politischer Kultur.

Stimmungsmache gegen evangelisches Seenotrettungs-Engagement

Der Untersuchungsgegenstand von Teilstudie 2 waren knapp 30.000 Online-Texte, die sich auf die Gründung des Seenotrettungs-Bündnisses united4rescue bezogen. Das Bündnis wurde 2019 unter anderem durch die EKD ins Leben gerufen und schickte 2020 mit der Sea-Watch 4 erstmals ein Schiff zu einer Rettungsmission auf das Mittelmeer. Als Reaktion auf die Gründung sah sich die EKD mit massiver Kritik in Posts in den sozialen Medien, journalistischen Beiträgen, Online-Kommentaren und persönlichen Zuschriften konfrontiert. Häufig bedienten diese Beiträge rechtspopulistische und menschenfeindliche Narrative, nutzten aber auch immer wieder religiöse und theologische Argumentationen. Die Beteiligung der EKD an dem Bündnis wurde allein durch Spenden finanziert, in den Zuschriften wurde aber häufig fälschlicherweise angenommen, diese Finanzierung stamme aus Kirchensteuergeldern.

Grafik: Seenotrettungs-Engagement

Die wichtigsten Ergebnisse von Teilstudie 2 im Überblick:

  1. Religiosität kann mit rechtspopulistischen Einstellungen einhergehen

Theologie und Glaube sind grundsätzlich deutungsoffen und können somit auch den Nährboden für rechts- und linksgerichtete Einstellungen bilden. Das bedeutet auch, dass Menschen rechtspopulistische und rechtsextreme Einstellungen selbstverständlich mit christlichen und religiösen Vorstellungen verbinden können.

Eine Antwort auf das Heranziehen biblischer Texte für menschenfeindliche Aussagen muss darum sein, in den Kirchen stärker ein „gemeinsames Theologisieren“ einzuüben und zu pflegen. Hier muss nachvollziehbar gemacht werden, warum man bei biblischen Texten zu einer bestimmten Interpretation kommt. Es gibt einen theologischen Bildungs- und Diskussionsbedarf, der von der Kirche ermöglicht und unterstützt werden sollte.

  1. Sprache wird als politische Waffe benutzt

Die vielen Kommentare auf den united4rescue-Einsatz zeigen: Sprache kann verdrängen, übertreiben oder abwerten. Sie kann so eingesetzt werden, dass sie nicht mehr der Verständigung dient, sondern andere „treffen“ soll. Dabei zeigt die Untersuchung dieser „Grammatik sprachlicher Diskriminierung“ verschiedene Elemente: Sie unterscheidet und trennt in „Wir“ und „Die“, sie stereotypisiert und kategorisiert und schließlich wertet sie ab.

Sprachliche Gewalt kann indirekt oder direkt sein, verdeckt oder offen, sie kann von Macht und Autorität getragen sein, von körperlicher Gewalt begleitet werden oder nicht und sie kann mehr oder weniger stark und intensiv sein. Genau wie für jedes Verstehen von Sprache und Sprachhandlungen gilt auch für sprachliche Gewalt, dass sie immer nur kontextgebunden gelesen und verstanden werden kann.

Je weiter rechts Beiträge zu verorten waren, desto stärker beobachtete die Studie außerdem Filter Bubble-Effekte: Gleichgesinnte bestärken sich in Gruppen und anderen teils geschlossenen Online-Orten gegenseitig und nutzen ähnliche Inhalte und Formen der Sprache. Diese Beiträge zeigten auch die größte Gewalttätigkeit.

Grafik: Sprache als politische Waffe
  1. Die Auseinandersetzung mit populistischen Äußerungen kann einen Gewinn für die Kirche bedeuten

Für den Umgang mit menschenfeindlichen Äußerungen muss zunächst unterschieden werden, in welcher Absicht sie getätigt werden:

  • In strategisch-politischer Absicht, also um rechte Ideologien zu stützen,
  • mit der Absicht, eigene theologische Deutungen in der öffentlichen Diskussion zu normalisieren
  • oder aus „aufrichtiger Sorge“?

Ein genauer Blick darauf, wer Interaktionspartner*innen sind und welche Intentionen und Ursachen ihre Sprache hat, legt offen, welche Spielräume es für eine gemeinsame Verständigung geben kann. Solange noch die Möglichkeit zum Austausch besteht, gilt: Die Auseinandersetzung mit populistischen Äußerungen bedeutet auch einen Gewinn für Theologie und Kirche, weil sie es notwendig macht, die eigenen Positionen und Argumente kritisch zu prüfen und zu belegen.

Cover: Zwischen Nächstenliebe und Abgrenzung. Eine interdisziplinäre Studie zu Kirche und politische Kultur

Zwischen Nächstenliebe und Abgrenzung

Eine interdisziplinäre Studie zu Kirche und politischer Kultur

Gibt es auch in der Evangelischen Kirche Distanz zum gesellschaftlichen Grundkonsens zu Freiheit und Gleichheit aller Menschen oder Distanz zu demokratischen Werten? Um das herauszufinden, wurde von der  EKD eine groß angelegte Studie gefördert, welche die Beziehungen zwischen Religiosität und politischer Kultur, im besonderen menschenfeindliche Weltansichten, ergründen soll. Die Studie erhebt Statistiken zu gruppenbezogenen Vorurteilen, analysiert Online-Kommunikation und betrachtet, wie Kirchengemeinden mit gesellschaftspolitischen Herausforderungen umgehen.

Anhänge zu Teilprojekt 1 und Teilprojekt 2 der Studie Zwischen Nächstenliebe und Abgrenzung

ISBN 978-3-374-07141-8
Preis 29,00 Euro

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