Grußwort von OKR´in Katrin Hatzinger zu der Veranstaltung “Eigentlich sind wir alle Antisemitismusbeauftragte” – Erfahrungen als erster Beauftragter EKD für den Kampf gegen Antisemitismus im Haus der EKD am 24. März 2026

Sehr geehrte Mitglieder des Europäischen Parlaments,

sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Gäste,

ich freue mich sehr, Sie und Euch heute zu unserer Veranstaltung begrüßen zu dürfen und danke herzlich für Ihr Kommen.

Der Titel unserer Veranstaltung ist ein Zitat von Christian Staffa, der 2019 zum ersten Beauftragten der EKD für den Kampf gegen Antisemitismus ernannt worden ist. Heute Abend wollen wir das langjährige Engagement von Christian Staffa gegen Rassismus und Antisemitismus im Gespräch mit Prälatin Anne Gidion Revue passieren lassen. Schön, dass Du bei uns bist, lieber Christian und ich freue mich, liebe Anne, dass du gleich zugesagt hast, als es darum ging, die Gesprächsführung zu übernehmen. Ebenso freue ich mich, dass es uns gelungen ist, die Koordinatorin der Europäischen Kommission zur Bekämpfung von Antisemitismus und zur Förderung jüdischen Lebens Katharina von Schnurbein, für ein einleitendes Grußwort zu gewinnen. Auch an Dich ein herzliches Willkommen, liebe Katharina.

Leider ist die Antisemitismuskritik eine notwendige und anhaltende christliche Aufgabe, wie Christian Staffa in der neuesten Ausgabe des evangelischen Magazins “zeitzeichen” eindrücklich beschreibt. Antisemitismus ist keine Randerscheinung und kein Problem der Vergangenheit, im Gegenteil – gerade der israelbezogenen Antisemitismus ist -nicht nur in Deutschland- nach dem furchtbaren Terror des 7. Oktober 2023 stark angestiegen. Er begegnet uns in politischen Debatten, in sozialen Medien, an Universitäten und Schulen, auf der Straße, und er bedroht ganz konkret jüdisches Leben in Europa und der Welt existentiell. Aktuell wird uns das hier in Belgien nach dem Brandanschlag auf die Synagoge in Lüttich durch die öffentliche Präsenz bewaffneter Militärs vor jüdischen Einrichtungen sehr unmittelbar vor Augen geführt.

Eine Eurobarometer-Umfrage vom November 2025 belegt, dass mehr als die Hälfte der Europäer (55%) Antisemitismus als ein Problem in ihrem Land ansehen. In Deutschland nehmen 71% der Befragen Antisemitismus als ein Problem wahr.

Deshalb ist die Aussage „Eigentlich sind wir alle Antisemitismusbeauftragte“ mehr als ein nachdenklich stimmender Satz. Er ist ein Aufruf an Christinnen und Christen - zur Aufmerksamkeit, zur Selbstprüfung und zum klaren Widerspruch, wo immer jüdisches Leben verächtlich gemacht, bedroht oder ausgegrenzt wird.

Dass den Kirchen dabei eine besondere Verantwortung zukommt, kommt nicht von ungefähr. Der Antisemitismus hat nicht nur politische und gesellschaftliche, sondern auch christliche Traditionslinien. Christian Staffa hat mit seiner Arbeit eindrücklich gezeigt: Auch der moderne säkulare Antisemitismus greift immer wieder auf Bilder und Erzählmuster zurück, die aus dem christlichen Antijudaismus stammen. Wer in der Kirche heute glaubwürdig gegen Antisemitismus eintreten will, muss deshalb die eigene Geschichte mitreflektieren und die eigenen Prägungen kritisch befragen.

Das Amt des Antisemitismusbeauftragten der EKD war und ist deshalb ein wichtiges Zeichen: Es bündelt Verantwortung, aber es delegiert sie nicht weg. Es erinnert uns vielmehr daran, dass die Auseinandersetzung mit Antisemitismus eine Aufgabe für die Kirche und ihrer Mitglieder bleibt. Christian Staffa hat diesem noch jungen Amt in besonderer Weise Profil, Stimme und Orientierung gegeben. Dafür gebührt ihm großer Dank.

Zugleich ist klar: Der Kampf gegen Antisemitismus braucht nicht nur Verantwortung in Kirche und Zivilgesellschaft, sondern auch auf politischer Ebene - in Deutschland und in Europa. Die Europäische Kommission hat mit ihrer Strategie zur Bekämpfung von Antisemitismus und zur Förderung jüdischen Leben klare Ziele im Kampf formuliert und gerade auf Ebene der Mitgliedsstaaten viel erreicht. In ihrer Antirassismus-Strategie vom Januar dieses Jahres hat sie ihre Positionen zur Bekämpfung von Antisemitismus und zur Förderung jüdischen Lebens erneut bekräftigt und in einen holistischen Rahmen des Kampfes gegen Diskriminierung, auch gegen anti-muslimisch motivierten Rassismus und Antiziganismus, eingearbeitet.

Denn so wichtig Beschlüsse und Strategien auch sind: Entscheidend ist am Ende, ob daraus Schutz, Sichtbarkeit und Zukunft für jüdisches Leben in Europa erwachsen wird. Dies kann nur gelingen, wenn der Kampf gegen Antisemitismus als gesamtgesellschaftliche Aufgabe betrachtet und entsprechend gehandelt wird. Genau darüber wollen wir heute Abend sprechen: über Verantwortung, über Erfahrungen und über die Frage, wie aus Einsicht konkretes Handeln wird. 

Das ist eine wunderbare Überleitung zu Dir, liebe Katharina. Als Koordinatorin der Europäischen Kommission zur Bekämpfung von Antisemitismus und zur Förderung jüdischen Lebens engagierst Du Dich genau in diesem Sinne. Durch Deine Arbeit, insbesondere zur Strategie der EU zur Bekämpfung von Antisemitismus und zur Förderung jüdischen Leben und zum European Network on Monitoring Antisemitism (ENMA), hast Du viel dazu beigetragen, dass das öffentliche Bewusstsein für Antisemitismus in der EU gewachsen und neue Wege zum Schutz und Erhalt jüdischen Lebens in der EU gegangen worden sind. Gerade in diesen Zeiten ist Dein Einsatz wichtiger, denn je.  

Damit hast Du das Wort-

EKD