"Jesus Christus spricht: Ich lebe und ihr sollt auch leben.“

Der Ratsvorsitzende zur Jahreslosung 2008

Die Jahreslosung 2008 „Jesus Christus spricht: Ich lebe und ihr sollt auch leben“ sei die entscheidende Überschrift für das kommende Jahr, so der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber. In einer Auslegung dieser Jahreslosung aus dem Johannesevangelium für die „Kindernothilfe“ erinnert der Ratsvorsitzende auch an die Tsunamikatastrope am zweiten Weihnachtsfeiertag vor drei Jahren. Wie ein Halt auf schwankendem Grund, wie ein Schifffahrtszeichen auf offenem Meer, begegne mitten in den Fragen und Klagen die Zusage aus Gottes Wort: „Jesus Christus spricht: Ich lebe und ihr sollt auch leben,“ so der Ratsvorsitzende.

Die Jahreslosung ist alljährlich ein Vers aus der Bibel. Dieser Vers wird von der „Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen“ (ÖAB) bestimmt. Jahreslosungen werden seit 1934 veröffentlicht. Die erste Jahreslosung war schon 1930 von dem württembergischen Pfarrer Otto Riethmüller, dem damaligen Vorsitzenden des Reichsverbandes weiblicher Jugend, in Absprache mit dem Dachverband der Evangelischen Jungmännerbünde ausgesucht worden. Seit 1969 beteiligt sich auch die römisch-katholische Kirche an der Auswahl. Ein Jahr später wurden Jahreslosung, Monatssprüche und Bibellesepläne erstmalig von der ÖAB herausgegeben. Die Arbeitsgemeinschaft besteht aus 24 christlichen Dachverbänden.

Zur Jahreslosung 2008 schreibt der Ratsvorsitzende für die Kindernothilfe: Wo vor drei Jahren viele ungläubig und sprachlos auf die Schrecken der Verwüstung durch den Tsunami schauten, stehe Gott mit unaussprechlichem Seufzen bei. „Wo Menschen angesichts von Tod und Leid verzagten, trat Gott selbst neben die Verzagten, neben Einheimische, Reisende oder Helfer.“ Eine Luftbrücke der Nächstenliebe sei damals entstanden. Sie habe die Welt verändert. Damals sei zu erkennen gewesen, die Globalisierung erschöpfe sich nicht in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. „Global denken kann nur, wer auch bereit ist, global zu fühlen. Dem Hochmut globaler Weltherrschaft tritt die Demut globalen Mitgefühls entgegen.“ Weil Menschen mehr empfangen, als sie geben können, erwachse Demut als Haltung, in der Menschen entschieden für das Leben anderer eintreten, so Wolfgang Huber.

Hannover / Berlin, 27. Dezember 2007

Pressestelle der EKD
Christof Vetter


Nachfolgend die Auslegung des Vorsitzenden des Rates der EKD, Bischof Wolfgang Huber, zur Jahreslosung 2008 für die Kindernothilfe im Wortlaut:

Jesus Christus spricht: Ich lebe und ihr sollt auch leben.

Im Antlitz der Kinder können wir unsere eigene Zukunft erahnen. Für den Bruchteil einer Sekunde blitzt sie auf, ohne sich festhalten zu lassen. Einst werden die Erwachsenen von Morgen die Kinderschuhe abstreifen und in ein Land aufbrechen, dessen Gegebenheiten uns verborgen bleiben. Doch so wie Mose können wir einen Blick auf die Umrisse der Landschaft werfen, in der sich die Zukunft abspielen wird.

Auf dem von der Kindernothilfe ausgewählten Foto für das Jahr 2008 blicken uns zwei Mädchen aus Sri Lanka entgegen. Die beiden halten sich im Arm. Sie haben ihre Köpfe aneinandergeschmiegt. Gemeinsam lächeln sie verschmitzt in die Kamera.

Die beiden Kinder haben den verheerenden Tsunami im Dezember 2004 überlebt. Allein in Sri Lanka kamen 31.000 Menschen ums Leben und über 500.000 wurden obdachlos. Ich weiß nicht, wie die zwei Mädchen die katastrophalen Ereignisse am 26. Dezember 2004 überstanden haben. Viele Kinder wurden zu Waisen. Sie kamen meist bei Verwandten oder Nachbarn unter. Den Pflegefamilien fehlte es an finanziellen Mitteln, um sie ausreichend zu versorgen. Viele Kinder konnten nicht zur Schule gehen. Sie mussten häusliche Arbeiten ausüben. Die Erfahrungen der Katastrophe und der Verlust von Angehörigen haben bei vielen Kindern posttraumatische Belastungsstörungen ausgelöst.

Nach dem Waffenstillstand zwischen den srilankischen Bürgerkriegsparteien Anfang 2002 war die politische Lage in der Region weitgehend stabil. Doch seit Anfang 2006 nahmen die gewaltsamen Zwischenfälle erheblich zu. Es kommt häufig zu offenen Kämpfen, so dass die Menschen nicht nur mit den Folgen des Tsunami, sondern auch mit der Angst vor dem Wiederaufflammen des Bürgerkriegs leben müssen.

Die biblische Losung für das Jahr 2008 stammt aus dem Johannesevangelium: Jesus Christus spricht: Ich lebe und ihr sollt auch leben. [Joh. 14,19] Dieses Versprechen ist den Abschiedsreden Jesu entnommen. Die Kraft dieser Worte entfaltet sich bei einem Blick auf die beiden lachenden Mädchen aus Sri Lanka in atemberaubender Weise. Gott ruft mitten in unser Leben hinein: Ich lebe und ihr beiden Mädchen sollt auch leben. Der unsichtbare Gott verweist uns auf das Antlitz dieser beiden Kinder. Jesus Christus sagt es unmittelbar zuvor in seiner Abschiedsrede noch klarer: Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch.

Der Kindernothilfe-Partner SHADOW ist eine lokale christliche Hilfsorganisation. Schon kurz nach der Flutkatastrophe begannen die Mitarbeiter von SHADOW, in die Flüchtlingslager zu gehen. Sie wollten den Kindern, aber auch den Erwachsenen dabei helfen, ihre schlimmsten Erinnerungen zu verarbeiten und zu einem normalen Alltag zurückzufinden. Dafür entwickelte SHADOW ein Programm. Die Mitarbeiter besuchten von nun an regelmäßig die Flüchtlingslager, wo sie mit vier- bis sechzehnjährigen Kindern und Jugendlichen sprachen, sie trösteten und therapeutische Hilfen anboten. Etwa 2.500 Jungen und Mädchen wurden so betreut.

Die Kindernothilfe unterstützt SHADOW, damit die Soforthilfe nach der Katastrophe zu einem Familienunterstützungsprogramm weiter entwickelt werden kann. Das Projekt ist für einen Zeitraum von mindestens fünf Jahren geplant.

In das Patenschaftsprogramm sind 250 Waisen oder Halbwaisen eingebunden. Ihnen und ihren Familien, aber auch den Dorfgemeinschaften, in denen sie wohnen, kommt die Unterstützung zugute. Das Team von Shadow hilft den Kindern mit Förderunterricht an den Nachmittagen. Bei Bedarf erhalten die Kinder Schulmaterialien, die sie allein nicht bezahlen könnten. Für Erwachsene werden zugleich Alphabetisierungskurse angeboten. Die Kinder erhalten Zusatznahrung bzw. Vitaminpräparate zur Bekämpfung von Mangelerscheinungen. Sie werden regelmäßig ärztlich untersucht.

Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!  Mit diesen Worten beginnt Jesu Abschiedsrede im Johannesevangelium. Die Überlebenden vermissen ihre Angehörigen. Sie wurden ihnen  von der Flut weggerissen. Seitdem wohnt der Schrecken vor den tödlichen Wassermassen in den Tiefen der Erinnerung. Unerwartet, gänzlich unerwartet wird der Schmerz über den erlittenen Verlust plötzlich empor geschleudert.

Wie ein Halt auf schwankendem Grund, wie ein Schifffahrtszeichen auf offenem Meer begegnet uns mitten in den Fragen und Klagen die Zusage aus Gottes Wort: Jesus Christus spricht: Ich lebe und ihr sollt auch leben.

Wo wir ungläubig und sprachlos auf die Schrecken der Katastrophe schauen, steht er uns mit unaussprechlichem Seufzen bei. Wo unser Herz eingeschnürt und unser Mund verschlossen ist, gibt ein anderer unserer Klage Raum. Wo unsere Seele nicht nachkommt, ist Gottes Geist schon da und vertritt uns. Wo unsere Hoffnung zerbrochen ist, hält er den Raum der Hoffnung offen: Ich lebe und ihr sollt auch leben.

Wo Menschen angesichts von Tod und Leid verzagten, trat Gott selbst neben die Verzagten, neben Einheimische, Reisende oder Helfer. Eine Luftbrücke der Nächstenliebe ist damals entstanden. Sie hat unsere Welt verändert. Die Globalisierung erschöpft sich nicht in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Global denken kann nur, wer auch bereit ist, global zu fühlen. Dem Hochmut globaler Weltherrschaft tritt die Demut globalen Mitgefühls entgegen.

Wir Menschen empfangen mehr, als wir geben können. Aus dieser Demut erwächst eine Haltung, in der wir entschieden für das Leben anderer eintreten, weil wir wissen, dass unser Leben ein Geschenk ist. Wenn wir anderen helfen, danken wir damit für das uns von Gott geschenkte Leben.

Im Antlitz der beiden Mädchen können wir unsere eigene Zukunft erahnen. Für den Bruchteil einer Sekunde blitzt sie auf, ohne sich festhalten zu lassen. Einst werden die beiden Erwachsenen von Morgen die Kinderschuhe abstreifen und in ein Land aufbrechen, dessen Gegebenheiten uns verborgen bleiben. Doch so wie Mose können wir einen Blick auf die Umrisse der Landschaft werfen, in der sich ihre Zukunft abspielen wird. Möge die Zuversicht sie begleiten, die Jesus Christus ihnen und uns wünscht: Ich lebe und ihr sollt auch leben.

Grundlage der Auslegung ist neben dem biblischen Text ein Bild der Kindernothilfe

Informationen zur Kindernothilfe: http://www.kindernothilfe.de/

Informationen zur Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB): http://www.oeab.de/