Sicherheit neu denken - 3. Tag der Politikwissenschaft

Am Evangelischen Ratsgymnasium Erfurt

Erfurt, den 24. März 2026 – Es ist kurz vor neun, als sich die Aula des 465 Jahre alten Evangelischen Ratsgymnasiums Erfurt langsam füllt. Über 80 Schülerinnen und Schüler – auch aus staatlichen und katholischen Schulen in Thüringen sind gekommen. Schon beim Ankommen wird klar: Das hier ist keine gewöhnliche Schulveranstaltung. Die Themen wirken zu groß, zu ernst, zu nah dran an dem, was gerade weltweit passiert. Gleich zu Beginn fällt ein Satz, der hängen bleibt: Die Weltordnung, wie man sie lange kannte, gibt es so nicht mehr. Es ist genau dieser Ausgangspunkt, der den Ton für den ganzen Tag setzt.

Für die Evangelische Schulstiftung in Mitteldeutschland als Trägerin des Ratsgymnasiums gehört die politische Bildung und demokratische Erziehung junger Menschen untrennbar zum Bildungsverständnis an den Stiftungsschulen. Das gleichnamige Stiftungsprogramm bietet hierfür den Rahmen und erweitert regelmäßig die Vermittlung dieser Themen über den regulären Lehrplan hinaus. Auch der dritte Tag der Politikwissenschaft folgt diesem Verständnis, wie der Vorstandsvorsitzende Marco Eberl zu Beginn der Veranstaltung deutlich macht: „Politische Bildung – wie sie heute hier praktiziert wird – ist kein Luxus. Sie ist ein Grundpfeiler demokratischer Resilienz.“ Vor diesem Hintergrund beginnt ein intensiver Tag – mit hochkarätigen Rednern aus Wissenschaft und Praxis.

„Wir müssen über Krieg reden“

Der erste Vortrag beginnt ohne Umwege und direkt – zu Gast ist Oberst Klaus Glaab, Bundeswehrkommandeur des Landeskommandos Thüringen. „Wir müssen über Krieg reden – bei aller Schwere ist es eine Notwendigkeit.“ Der Satz wirkt. Es wird still im Raum. Was folgt, ist kein abstrakter Vortrag, sondern ein sehr direkter Blick auf das, was Sicherheit heute bedeutet. Ausgangspunkt ist das Grundgesetz – nicht als trockenes Dokument, sondern als Grundlage dafür, wie der Staat im Ernstfall handelt. Schnell wird klar: Der Ernstfall sieht heute anders aus als früher. Es geht nicht mehr nur um Panzer und Frontlinien. Es geht um Cyberangriffe, Drohnen, Sabotage und Angriffe auf Dinge, die den Alltag ausmachen: Strom, Wasser, Infrastruktur. Besonders eindrücklich sind die Beispiele – kalte Wohnungen im Winter, kein Trinkwasser, unterbrochene Versorgung. Szenarien, die plötzlich nicht mehr weit weg wirken und erst jüngst in Berlin sichtbar waren. Der Oberst bringt es auf den Punkt: Der Verteidigungsfall betrifft nicht nur das Militär, sondern die gesamte Gesellschaft. Spätestens hier kippt die Perspektive. Sicherheit ist nichts, was „die da oben“ regeln. Es betrifft alle. Auch die Idee, dass Deutschland im Ernstfall als Drehscheibe für Truppenbewegungen dient, macht die Dimension greifbar. Plötzlich geht es nicht mehr um ferne Konflikte, sondern um konkrete Abläufe im eigenen Land. Am eindrücklichsten bleibt aber ein anderer Gedanke hängen: Verteidigt wird nicht nur ein Staat, sondern eine Lebensweise. Die Freiheit, so zu leben, wie wir es tun – inklusive der Freiheit, die Bundeswehr zu kritisieren. In der Fragerunde wird es dann nochmal konkret: Von den Schülern gefragt, spricht sich Oberst Glaab gegen die klassische Wehrpflicht aus – und wünscht sich stattdessen eine allgemeine Dienstpflicht für alle. Ein Jahr für das Land – egal ob militärisch oder zivil. Im Raum entsteht ein leises Raunen. Das geht plötzlich ganz nah an die eigene Lebensrealität der anwesenden Schüler – und Schülerinnen. Am Ende: langer Applaus und das Gefühl, gerade etwas gehört zu haben, dass so im Unterricht nicht thematisiert wird.

Eine Welt, die sich verschiebt

Der zweite Vortrag wirkt zunächst ganz anders: mehr Theorie, mehr Struktur, fast wie eine Vorlesung. Und trotzdem bleibt es nicht abstrakt. Dr. Markus Kaim von der Stiftung Wissenschaft und Politik stellt die große Frage: Wie funktioniert eigentlich unsere Weltordnung – und warum funktioniert sie gerade nicht mehr so wie früher? Schnell wird klar: Das Bild einer regelbasierten Ordnung, in der sich Staaten an Recht und gemeinsame Regeln halten, ist zumindest nicht mehr ausreichend. Stattdessen rückt etwas anderes in den Vordergrund: Geopolitik, Macht, Interessen, Einflusszonen. Im Auditorium bleibt eine Erkenntnis hängen: „Wir erleben eine Geopolitisierung der Weltordnung.“ Was das konkret bedeutet, wird am Beispiel der Ukraine deutlich. Viele Annahmen, die lange selbstverständlich waren, geraten ins Wanken: Die Idee, dass wirtschaftliche Verflechtung automatisch Frieden schafft. Die Vorstellung, dass Krieg in Europa eigentlich keine Rolle mehr spielt.

Und dann der Anschluss von Dr. Kaim an die Ausführungen von Oberst Glaab: „Wir bereiten uns auf einen Krieg vor.“ Wieder wird es still. Auch internationale Institutionen kommen in den Blick. Die Vereinten Nationen – eigentlich Symbol für Zusammenarbeit und Regeln – stoßen sichtbar an ihre Grenzen. Besonders zugespitzt formuliert: Sie sind ein Opfer dieser Verschiebungen. Interessant ist auch die Perspektive auf Europa. Vieles von dem, was hier als selbstverständlich gilt – Frieden, Kooperation, Stabilität – ist global gesehen eher die Ausnahme als die Regel. Andere Regionen hätten nie in einer vergleichbaren Situation gelebt. Die Folge aus Sicht von Dr. Kaim: Europa muss sich neu orientieren. Zwischen dem eigenen Anspruch, wertegeleitet zu handeln, und einer Realität, die immer stärker von Machtpolitik geprägt ist. Die Frage, die am Ende im Raum steht, bleibt offen: Wie kann Europa unter diesen Bedingungen überhaupt handlungsfähig sein?

Europa im Realitätscheck

Im dritten Teil des Veranstaltungstages wird es wieder konkreter. Jetzt geht es um Europa selbst – um Strukturen, Akteure und Konflikte. Als Experte von der Konrad-Adenauer-Stiftung richtet Referent Martin Bieber zunächst einen Blick auf die NATO, die EU und andere Organisationen. Viel Bekanntes wird angesprochen, aber auch viele Details, die zeigen, wie komplex die Situation ist. Schnell wird deutlich: Es gibt viele Ansätze, viele Programme, viele Kooperationen. Und trotzdem ein zentrales Problem: Europa zieht oft nicht an einem Strang. Unterschiedliche Interessen, politische Spannungen, Konkurrenz um Führungsrollen. Gleichzeitig gibt es aber auch funktionierende Projekte: Gemeinsame Rüstungsprogramme, neue Initiativen, erste Schritte in Richtung mehr Zusammenarbeit. Europa kann also kooperieren – aber eben nicht durchgehend. Ein Satz bringt das Dilemma auf den Punkt: Europa und die NATO suchen mehr Schutz vor Russland – und gleichzeitig weniger Abhängigkeit von den USA. Wie schwierig das ist, zeigt sich an den konkreten Konfliktfeldern. Vor allem die Ukraine steht im Zentrum. Die Aussage, dass sich dort die Zukunft Europas entscheidet, wirkt zunächst groß – aber nach allem, was zuvor gesagt wurde, erscheint sie plötzlich plausibel. Auch andere Regionen kommen in den Blick: das Baltikum, mit der Frage, wie verlässlich Bündnisse im Ernstfall wirklich sind. Grönland, plötzlich relevant durch Rohstoffe und geopolitische Lage. Das Mittelmeer, als Raum, in dem Energie, Migration und Politik zusammenlaufen. Am Ende bleibt ein Eindruck: Sicherheit ist heute kein klar abgegrenztes Thema mehr. Es ist ein Geflecht aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und globalen Interessen.

Was bleibt nach diesem Tag?

Nach der Veranstaltung und in den Pausen sieht man viele Schülerinnen und Schüler intensiv reden – in Gruppen, mit den Referenten – die Vorträge haben sie sichtlich angesprochen. Oft fallen Beschreibungen der Vorträge als „sehr interessant und gewinnbringend“ – aber auch nachdenkliche und besorgte Stimmen sind hörbar. Besonders der erste Vortrag ist den Schülerinnen Marie und Paula im Gedächtnis geblieben. Vor allem deshalb, weil er Dinge aufgezeigt hat, die im öffentlichen Raum selten thematisiert werden. „Das waren Sachen aus der Praxis, die man sonst eher nicht hört oder liest“, so die Schülerinnen. Was beide hervorheben: die Verbindung von Theorie und Praxis. Vieles sei aus dem Unterricht bekannt gewesen – aber in den heutigen Vorträgen konnte man sich ein Bild machen, wie die Situation tatsächlich aussieht. Auch das Format selbst kam gut an. Dass Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Schulen zusammengekommen sind, habe den Austausch bereichert. Und dass aktiv Fragen gestellt werden konnten, habe die Veranstaltung lebendig gemacht. Doch der Wunsch der Schülerinnen und Schüler ist klar: Mehr davon. Formate, die über den Unterricht hinausgehen und zeigen, wie relevant das Gelernte eigentlich ist: Die Verbindung von Theorie und Praxis sowie das „sich damit auseinandersetzen“. Am Ende bleibt kein fertiges Bild zurück. Keine einfachen Antworten, keine klaren Lösungen. Stattdessen viele Fragen. Und ein stärkeres Bewusstsein dafür, wie komplex die Welt geworden ist. Vielleicht ist genau das der wichtigste Eindruck dieses Tages: Dass Sicherheit nichts Abstraktes ist, sondern etwas, das den eigenen Alltag, die eigene Zukunft – und die eigene Verantwortung betrifft. Politische Bildung ist kein klassisches Unterrichtsfach – in seiner Bedeutung jedoch wichtiger denn je.

Christian Werneburg, Vorstandsreferent der Ev. Schulstiftung in Mitteldeutschland

Vortrag am Ev. Erfurter Ratsgymnasium

Politikwissenschaftliche Vorträge am Ev. Ratsgymnasium Erfurt