Zwischen Militärputsch und Käsekuchen

175 Jahre deutsche evangelische Gemeinde in Istanbul

Luftballon-Verkäufer vor der Evangelischen Gemeinde deutscher Sprache in Istanbul

In der schmalen Gasse Emin Camii Hausnummer 30 liegt das Grundstück der Evangelischen Gemeinde deutscher Sprache in Istanbul. Der Luftballon-Verkäufer kommt zweimal am Tag vorbei, auf dem Weg zur Einkaufsstraße Istiklal. Hausmeister Onuk unterhält sich mit ihm.

Langsam kommt der Herbst. Es ist Mitte September und einer der letzten Sommertage. Ungefähr 40 Menschen aus Deutschland und Österreich, katholisch und evangelisch, treffen sich auf der Prinzeninsel Burgazada, die im Marmara-Meer vor Istanbul liegt.

Der ökumenische Gottesdienst, der jedes Jahr am Ende der Sommerpause stattfindet und die „neue Saison“ eröffnet, hat seit mehreren Jahrzehnten Tradition bei der deutschsprachigen evangelischen und den katholischen Gemeinden in Istanbul.

Den Sommer haben die meisten Gemeindemitglieder in ihrer Heimat verbracht. Die Menschen, die sich versammelt haben, sind meistens nur für einige Jahre als Lehrerinnen und Lehrer, als Beschäftigte des Konsulats, der Botschaft oder als deren Angehörige in Istanbul. Dieses Jahr sind sie nicht besonders viele. Nur vier Kinder sind dabei, in manchen Jahren waren es mehr als 40.

Gebäude der evangelischen Gemeinde in Istanbul
Blick in die Evangelische Kirche von 1900
Blick in die Evangelische Kirche in Istanbul

In den vergangenen drei Jahren haben sich weniger Menschen für ein Leben in der Türkei entschieden – vor allem keine Familien mit Kindern. „Früher war Istanbul hip“, sagt der Schulleiter der deutschen Schule Axel Brott, der für den ökumenischen Eröffnungs-Gottesdienst auf die Prinzeninsel gekommen ist. Ein großer Haufen Initiativbewerbungen habe sonst auf seinem Schreibtisch gelegen. „Seit drei Jahren bewerben sich nur noch Singles auf reguläre Stellenausschreibungen“, sagt er.

Den ersten Schock erlebten viele Deutsche, als am 12. Januar  2016 vor der Hagia Sophia elf Deutsche einer Reisegruppe bei einem Anschlag ums Leben kamen. Zahlreiche weitere Anschläge erschütterten das Bild der Türkei als unkompliziertes Reiseland, das die Deutschen bis dahin hatten. Viele Menschen blieben weg – die Touristen, wie auch Studenten und Auslandsmitarbeiter.

Für den neuen Job nach Istanbul

Melanie Henke kam trotzdem. Sie verließ am 28. Juni 2016, nur wenige Stunden vor einem Terroranschlag, den Atatürk-Flughafen. Es war der Tag ihres Vorstellungsgesprächs in der Evangelischen Gemeinde deutscher Sprache in Istanbul. Während sie überlegte, ob sie für mehrere Jahre als Gemeinde-Diakonin nach Istanbul gehen sollte, marschierten drei Männer mit Kalaschnikows, Handgranaten und Sprengsätzen in den Flughafen und töteten. Ihre Verwandten und Freunde sagten, die Türkei sei zu gefährlich. Sie sagten, Melanie sei verrückt, in dieses Land zu gehen, das so häufig von Anschlägen erschüttert ist, in dem Oppositionelle und Journalisten in Gefängnissen sitzen.

Melanie Henke sagte der Gemeinde zu. Sie gab ihren Job und ihre Wohnung in Deutschland auf. Am 15. Juli 2016, ein Abend bevor sie nach Istanbul flog, um ihren Job zu beginnen, putschten Teile des Militärs  gegen die türkische Regierung – der Staatsstreich scheiterte. Melanie Henke landete in Istanbul mit Gepäck für mehrere Jahre. Sie hatte keinen leichten Start; doch sie hat Freunde gefunden und sich in die Stadt verliebt.

Sie besucht die älteren Frauen der deutschsprachigen evangelischen und katholischen Gemeinden, die den weiten Weg bis in die Innenstadt zur Kirche nicht schaffen. Sie leitet den Frauenkreis der Gemeinde, mit Frauen im Alter von 60 Plus. Die meisten von ihnen seien wegen der Liebe in die Türkei gekommen. Die Frauen, die schon seit den 1960er oder 1970er Jahren in der Türkei leben, haben zahlreiche Staatsstreiche des Militärs erlebt. Sie waren während der Militärdiktatur im Land, während mehrerer Inflationen – von 1995 bis 2005 erlebten sie eine Hyperinflation.

„Wichtig sind menschliche Begegnungen, christliche Feiern und das wir Brücken bauen in dieser Welt, wo man wieder dabei ist Zäune zu errichten.“

Pater Alexander Jernej Pfarrer der katholischen deutschen Gemeinde St. Paul in Istanbul

Die Frauen bekamen Kinder, versorgten, erzogen, liebten sie. Weit weg von Deutschland begegneten sie sich auf der Suche nach einem Stück Heimat in der Evangelischen Gemeinde deutscher Sprache in der Türkei. Dort sprechen sie über ihren Alltag mit Mann und Kindern, basteln und singen miteinander, tauschen Käsekuchenrezepte aus. „Vor kurzem ist eine der Frauen sehr krank gewesen, da ist eine andere bei ihr eingezogen“, erzählt Melanie Henke. Der Zusammenhalt, den die kleine Gemeinde in der Diaspora sich bietet, imponiert ihr.

Auch Pfarrerin Gabriele Pace hat sich nicht abschrecken lassen. Mit der Pfarrstelle in Istanbul hat sich ihr ein Herzenswunsch erfüllt. Sie spricht bereits fließend türkisch, weil sie die Menschen und die Sprache liebt und früher schon viele Jahre in der Türkei Urlaub gemacht hat. Es ist ihre erste Station im Ausland. Drei dürre Jahre lägen nun hinter der Gemeinde, sagt sie. Eineinhalb davon hat sie selbst miterlebt, seit sie im Frühjahr 2017 nach Istanbul kam.

Kosten, Pragmatismus und Vertrauen

Während im Jahr 2014 noch circa 180 Gruppen aus Deutschland die Evangelische Gemeinde besuchten hatten, waren es im Jahr 2018 nur noch drei Gruppen. Die Besucher brachten auch Geld in die Gemeinde. Nun erlebt die deutschsprachige evangelische Gemeinde finanziell schwierige Zeiten.

Zu 70 Prozent tragen die Gemeindemitglieder die anfallenden Kosten. 30 Prozent trägt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). Mit ihrem Etat zahlt die Gemeinde ihre Pfarrerin, die Gemeinde-Diakonin, einen Hausmeister, einen Gärtner, eine Putzhilfe und Kosten, die für das Gebäude anfallen.

Doch Gabriele Pace, die zuvor als Gefängnis- und als Flughafenseelsorgerin gearbeitet hat, ist pragmatisch und hat Vertrauen – sowohl, dass es finanziell wieder aufwärts geht, als auch, dass die politische Situation sich irgendwann entspannt. Sie glaubt an den Satz, den ihr der Ökumenische Patriarch Bartholomäus I bei einem Treffen sagte: „Sie können in der Türkei alles tun, so lange sie es nicht offiziell machen.“

Rechtlich befinden sich religiöse Auslands-Gemeinschaften in der Türkei schon seit dem Jahr 1923 in einer Grauzone. In der Türkei arbeitende Kleriker müssen die türkische Staatsangehörigkeit besitzen. Ausländische Kirchengemeinden haben keine Rechtspersönlichkeit, sie sind nicht geschäftsfähig, dürfen etwa kein eigenes Konto bei einer türkischen Bank gründen oder gar ein Grundstück erwerben. Für die Evangelische Gemeinde deutscher Sprache bedeutet das, die jeweiligen Pfarrerinnen und Pfarrer ihrer Gemeinde arbeiten nicht als Geistliche in der Türkei, sondern sind Angestellte des deutschen Konsulats, die mit kulturellen Aufgaben betraut sind.

In den 175 Jahren ihrer Geschichte hing die kleine Diaspora-Gemeinde schon immer von den diplomatischen Beziehungen der Türkei mit Deutschland ab. Dass die Deutschen militärische Berater entsandten um die osmanische Armee auszubilden und die deutsche Bank auf Drängen des deutschen Kaisers Wilhelm II die Bagdad-Bahn zu einem großen Anteil finanzierte, waren Gründe, die im Ersten Weltkrieg dazu führten, dass Deutsche und Türken Waffenbrüder wurden.

Das Grundstück der Gemeinde liegt auf der europäischen Seite Istanbuls im Stadtteil Beyoğlu, im 19. Jahrhundert Pera genannt. Hier standen die Botschaften, viele Häuser erinnern an die Kolonialzeit. Im Jahr 1843 kaufte die Preußische Gesandtschaft das Grundstück. Sie überließ es der „Evangelischen Gemeinde deutscher Sprache zu Constantinopel“ – sie wurde im gleichen Jahr von Kaufleuten, preußischen Offizieren im türkischen Dienst und Angestellten der preußischen Gesandtschaft gegründet.

Zwei Frauen überprüfen die Kirchenbücher der Evangelischen Gemeinde in Istanbul
Ökumenischer Gottesdienst in Istanbul
Blick von einer Personenfähre auf das belebte Viertel Beyoğlu mit dem Galata-Turm

Dass der preußische Staat der Gemeinde das Grundstück überließ, lag an der damals natürlichen Verbindung – im 19. Jahrhundert und bis zum Ende des Ersten Weltkrieges galt das landesherrliche Kirchenregiment. Friedrich Wilhelm IV. war zugleich König von Preußen und oberster Bischof der Evangelischen Landeskirche in Preußen.

Von Anfang an war die deutsche Gemeinde sozial engagiert. Die deutschen Zuwanderer gründeten den Wohltätigkeitsverein „Evangelisches Asyl“, einen Frauenwohlfahrtsverein und einen Schulverein. 1846 wurde ein deutsches Krankenhaus eröffnet.

1850 bauten die Gemeindemitglieder eine deutsche Grundschule auf dem Grundstück in Pera. Nachdem sich die Protestanten in den ersten Jahren in der schwedischen oder niederländischen Gesandtschaftskapelle zum Gottesdienst getroffen hatten, weihten sie 1861 ihre eigene Kirche ein, die sie einfach als zweites Stockwerk auf das Gebäude der Grundschule setzten.

Gemeinsamer Alltag mit anderen ausländischen Gemeinden

Die Verbindungen zur Botschaft und zur deutschen Schule waren von Anfang an eng – schließlich besteht die Gemeinde bis heute aus Deutschen, die als Gäste in der Türkei arbeiten und leben. Viele von ihnen sind Lehrer der 1868 gegründeten Botschaftsschule, die im Jahr 2018 ihr 150-jähriges Bestehen gefeiert hat.

Dank der guten politischen Verbindungen Deutschlands zum Osmanischen Reich und der späteren Türkei, hatte es auch die kleine deutschsprachige evangelische Gemeinde leicht, in 175 Jahren ihrem Gemeindealltag unbehelligt nachzugehen.

Diesen Alltag teilt sie sich mit anderen ausländischen Gemeinden; weil die Hauptamtlichen es so leichter haben, ihre Kräfte zu bündeln: sich mit Gottesdiensten abzuwechseln, kulturelles Abendprogramm wie Konzerte zu gestalten oder den Weihnachtsbasar zu organisieren. Der katholische Pater Alexander Jernej ist Pfarrer der österreichischen Gemeinde St. Georg und betreut im Moment auch die deutsche Gemeinde St. Paul in Istanbul.

„Wichtig sind menschliche Begegnungen“ 

Der österreichisch-katholische Orden der Lazarener, von dem Pater Alexander entsandt worden ist, besitzt das Haus auf der Prinzeninsel Burgazada, wo die Gemeinden seit mehreren Jahrzehnten ihren ökumenischen Eröffnungs-Gottesdienst feiern. Mit der Fähre reisen die Gemeindemitglieder an, wandern den Berg hinauf oder fahren mit der Pferdekutsche – denn Autos dürfen auf Burgazada nicht fahren.

Mit Blick auf das Marmara-Meer und Istanbul feiern Gabriele Pace und Pater Alexander mit den angereisten Gemeindemitgliedern einen Gottesdienst. Momentan sind sie zwar so wenige wie selten, doch auch Pater Alexander glaubt wie Gabriele Pace daran, dass es wieder einfacher wird für ihre Gemeinden. „Wichtig sind“, sagt Pater Alexander, „menschliche Begegnungen, christliche Feiern und das wir Brücken bauen in dieser Welt, wo man wieder dabei ist Zäune zu errichten.“ Die Welt sei bunt und vielfältig und das könnten die Gemeinden zeigen, seien sie auch noch so klein.

Der Mann einer österreichischen Diplomatin erzählt, dass sie Ende September das erste Mal Besuch von Freunden bekommen, obwohl sie schon seit vier Jahren in der Türkei sind. Auch auf politischer Ebene scheint es sich seit September 2018 ein wenig zu beruhigen, nachdem sich deutsche und türkische Politiker wieder gegenseitig besucht haben.

Immer ist es weitergegangen

Gemeinde-Diakonin Melanie Henke bastelt im Kindergottesdienst auf der Prinzeninsel Boote mit den vier Kindern, auf die sie Wünsche für das kommende Jahr schreiben und die sie in einem blauen Waschzuber aus Plastik schwimmen lassen. Auch zwei neue Lehrer-Ehepaare sind da, die einen neuen Lebensabschnitt in Istanbul beginnen.

Für die Herbstferien im Oktober hatten sich zwei Besuchergruppen aus Deutschland angesagt. Am 27. Oktober feierte die evangelische Gemeinde ihr 175-jähriges Bestehen.

Der lauwarme Wind weht die ersten Blätter von den Bäumen, weht die Sommerhitze davon. Auf Burgazada kehrt die Gemeinde ein – und kommt im Gottesdienst zur Ruhe, bevor der Trubel des Alltags wieder beginnt. Die Stimmung ist zuversichtlich und gelöst. So viele Jahre – und immer ist es bisher weitergegangen. Diejenigen, die in der Türkei leben, können die Sorgen aus der Heimat nicht wirklich nachvollziehen. Denn sie leben doch gut hier, sagen sie. Sie pflegen freundschaftliche Beziehungen zu den Türken und fühlten sich auch als Christen hier akzeptiert.

Der Herbst kommt. Auf Türkisch heißt Herbst sonbahar und bedeutet neuer Frühling. Das klingt nach einem Versprechen.

Lilith Becker (evangelisch.de)