Fasten auf Evangelisch
Spirituell auftanken in der Passionszeit: Seit mehr als 40 Jahren gibt es die Fastenaktion „7 Wochen Ohne“
Seit Aschermittwoch hängt er in der Wohnzimmerecke neben meinen Lieblingspostkarten: der Kalender zur Fastenaktion „7 Wochen Ohne“. Morgens führt mein erster Gang nach dem Kaffeekochen jetzt zum Sofa. Ich schlage die neue Seite auf, lese den Tagestext und betrachte das Foto. Während ich meinen Kaffee trinke, versuche ich, in mich hinein zu spüren – getreu dem diesjährigen Motto „Mit Gefühl! Sieben Wochen ohne Härte“.
Seit über 40 Jahren gibt es die evangelische Fastenaktion. Angefangen hatte es 1983 in Hamburg mit einem Zeitungsbeitrag einiger Journalisten und Theologen. Seit 1992 wird die Aktion vom GEP (Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik) koordiniert und mit immer mehr Produkten auf immer mehr Kanälen begleitet: Pfarrer Frank Muchlinsky versendet einen Newsletter, die so genannten Fastenmails. Im Fasten-Lesebuch finden sich längere Texte und Kurzgeschichten. Wer mag, kann im „Mein ‚Mit Gefühl!‘-Journal“ Fragebögen ausfüllen und eigene Gedanken und Einsichten festhalten. Für Gruppen und Gemeinden bietet das Themenheft „Zutaten“ Anregungen für Gesprächsabende, Gottesdienste, Meditationen oder auch Liedvorschläge. Dazu kommen noch Inhalte und Gruppen auf Facebook und Instagram.
Kernstück ist der Fastenkalender
Kernstück ist und bleibt jedoch der Fastenkalender, der nicht nur als Wand- oder Tischkalender erhältlich ist, sondern mittlerweile auch als App zur Verfügung steht: 49 Seiten, die von Aschermittwoch bis zum Dienstag nach Ostern durch die Passionszeit begleiten und jetzt auch meine Wand schmücken.
Anruf bei Hanna Lucassen: Sie ist seit rund zehn Jahren als Textredakteurin federführend an der Gestaltung des Fastenkalenders beteiligt. Für jeden Tag wählt sie einen kurzen Text aus, zu dem die Bildredakteurinnen dann ein passendes Foto suchen. Gelungen findet sie Seiten, bei denen Wort und Bild einander ergänzen, die man sich gerne anschaut – und die einen nachhaltigen Impuls geben. „Uns geht es darum, die Menschen zu berühren und zum Nachdenken anzuregen“, sagt sie. Der Kalender soll eine Anregung sein, sich selbst neu kennen zu lernen und „vielleicht auch, dass mal etwas aus dem Takt gerät“ – eine Chance, aus dem alltäglichen Trott auszubrechen.
Begleitung durch die Passionszeit
Mir gefällt diese sehr evangelische Sichtweise auf das Fasten: Schließlich bedeutet das biblische Wort für Buße nicht Selbstzerknirschung, sondern schlicht und einfach Umkehr – einen anderen Weg einschlagen. Um Menschen durch die Passionszeit zu begleiten, achteten die Redakteur*innen und Theolog*innen im GEP nicht nur darauf, die einzelnen Seiten sorgfältig zu gestalten, sagt Hanna Lucassen; jede Woche unterliege auch einer inneren Dramaturgie, nach der das jeweilige Wochenthema variiert und von verschiedenen Seiten beleuchtet wird: ein passender Bibelvers, eine kleine Auslegung, weitere Gedanken dazu und sonntags, als Anregung zum Nachdenken, die so genannte Sonntagsfrage. Einmal hatte die Redaktion beschlossen, stattdessen für die Sonntage jeweils ein Bild ganz ohne Text auszuwählen. Als ein Moment zum Innehalten war das gedacht. Doch nachdem sich Leser:innen beschwert hatten, enthält der diesjährige Kalender wieder Sonntagsfragen.
„Sehnsucht“ lautet das Thema der ersten Woche. Wonach sehne ich mich? Vielleicht Verbundenheit, überlege ich, und verabrede mich mit einer Freundin, die ich schon lange nicht mehr getroffen habe.
Schon nach wenigen Tagen entdecke ich, dass ich mich auf meine Morgenzeit mit dem Kalender freue – und dass die Impulse immer wieder in meinem Geist aufpoppen. Ein Radfahrer beschimpft mich lautstark, weil ich ihm nicht ausgewichen bin? Erst bin ich sehr zerknirscht, dann fällt mir das Zitat von Rumi aus meiner morgendlichen Lektüre ein: „Manchmal bin ich böse, manchmal Engelkind“.
„Ich brauche keine Härte, merke ich. Festigkeit reicht.“
Geht es überhaupt ohne Härte, etwa im Beruf? Als mein Chef mich anruft, um wieder einmal unsere Planungen umzustoßen, schaffe ich es, freundlich, aber bestimmt „Nein“ zu sagen. Dafür brauche ich keine Härte, merke ich: Festigkeit reicht.
Wer den Kalender nicht alleine lesen, sondern sich lieber mit anderen über das Fastenmotto und die einzelnen Texte austauschen möchte, kann sich einer Fastengruppe anschließen. Wie viele solcher Gruppen es gibt, weiß niemand. Zwar können Gemeinden ihre Angebote auf einer virtuellen Karte eintragen, aber vermutlich tun das nur die wenigsten. Wer eine Fastengruppe sucht, wird daher am ehesten in der Lokalpresse, den Gemeindebriefen oder Aushängen fündig. Zum Beispiel in der evangelischen Friedenskirchengemeinde in Offenbach: Dort bietet Pfarrer Burkhard Weitz bereits seit einigen Jahren an, sich während der Passionszeit einmal wöchentlich zum gemeinsamen Teetrinken und Gespräch in der Kirche zu treffen.
Unter der Empore wartet ein festlich gedeckter Tisch auf die Besucher*innen: Mit den leuchtenden Kerzen auf der weißen Tischdecke scheint er wie eine einladende Insel im dunklen Kirchenschiff. Ein gutes Dutzend Frauen und ein Mann sind gekommen; die meisten waren schon in den vergangenen Jahren dabei und begrüßen sich herzlich. Burkhard Weitz teilt die Kalender aus, stimmt ein Lied an und eröffnet dann die Gesprächsrunde.
Schnell wird klar: Die Menschen hier in der Friedenskirche freuen sich auf die gemeinsame Zeit. Wegen „der Gemeinschaft, die hier wächst“, sei sie gekommen, beschreibt eine Frau ihre Motivation. „Ich war letztes Jahr schon dabei, und da hat es etwas Ruhe und Frieden gebracht“, sagt eine Teilnehmerin.
Auch das diesjährige Motto hat viele angesprochen: „Ich bin manchmal zu hart zu mir“, sagt eine jüngere Frau, die zum ersten Mal dabei ist. Eine andere ergänzt: „Ich bin manchmal zu hart zu meinen Mitmenschen.“ Die Frauen neben ihr lachen und protestieren: „Das kann ich mir nicht vorstellen. Du bist der beste Mensch, den wir kennen!“
Pfarrer Burkhard Weitz muss kaum moderieren – scheinbar wie von selbst stellt sich eine nachdenkliche und achtsame Atmosphäre ein. Die Frauen und die beiden Männer in der Runde schenken einander Tee nach, lachen gelegentlich und erzählen weiter von sich: „Ich bin oft sehr verschlossen und wünsche mir mehr Offenheit“, berichtet eine Besucherin.
„Gib mir ein hörendes Herz.“
Weitz liest den Bibeltext für diesen Tag vor. Er steht in 1. Könige 3 und lautet: „Gib mir ein hörendes Herz.“ Was heißt das für die Gruppe, fragt Weitz. Ein Herz, das auf andere hört, meint eine. Unterschiedlichste Assoziationen werden geäußert: Bedeutet es, sich selbst besser zu verstehen? Im Kontakt mit anderen wirklich präsent zu sein? Still zu werden, um Gott begegnen zu können? „Ich möchte mehr auf mich hören und nicht nur funktionieren“, schlägt eine den inhaltlichen Bogen zum Beginn des Abends.
Noch ein Lied, dann werden die Kerzen ausgeblasen, der Tisch abgeräumt und die Gruppe geht auseinander. Nächste Woche werden sie sich wieder treffen und einander berichten, wie es ihnen mit dem Kalender ergangen ist. Die Fastenaktion biete eine schöne Gelegenheit, sich aus dem Alltag zurückzuziehen und zur Besinnung zu kommen, sagt Burkhard Weitz. Und ihm gefällt, dass das Fastenmotto eben nicht nur „ohne“ etwas, sondern immer auch auch „mit“ etwas lautet.
Dafür eine griffige Formulierung zu finden bedarf jedesmal einer gemeinschaftlichen und kreativen Anstrengung. Noch während der Fastenzeit trifft sich ein Team aus Theolog*innen und Journalist*innen, um das nächste Motto festzulegen, erzählt mir Hanna Lucassen. Eine lebhafte Sitzung sei das, bei der viel - und mitunter auch heftig - diskutiert werde: Schließlich soll das Motto in die jeweilige Zeit passen und eine gewisse Dringlichkeit haben.
Ein Jahr später sind die Macher*innen manchmal selbst erstaunt, wie gut sie die aktuelle Lage erfasst haben. Im Coronajahr 2020 beispielsweise lautete das Fastenmotto: „Zuversicht! Sieben Wochen ohne Pessimismus“. Sie sei „geschockt, wie zutreffend unser Motto war“, sagte damals Susanne Breit-Keßler, die Vorsitzende des Kuratoriums für die Fastenaktion: „Als wäre es erfunden worden für die Coronakrise. Ich hätte mir gewünscht, es hätte eine Spur weniger gepasst.“
In wenigen Tagen wird das Gremium wieder zusammentreten. Auf was sie sich diesmal wohl einigen werden?
Vor mir liegen jetzt noch fünf Wochen Fastenzeit – mit Gefühl.
Andrea Teupke