„Kirchendiplomat“ der EKD

Bevollmächtigter des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union

Eine europäische und eine deutsche Flagge wehen vor dem Bundestag in Berlin.

Der „Kirchendiplomat“ der EKD in Berlin ist eine Instanz im politischen Leben der Hauptstadt. Denn der „Bevollmächtigte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union“ – so lautet seine vollständige Amtsbezeichnung – ist nicht nur der Vermittler zwischen evangelischer Kirche und Bundesregierung. Er versteht sich auch als Pfarrer, Seelsorger und Berater für Minister und Abgeordnete. Seit 2013 hat Prälat Dr. Martin Dutzmann das Amt inne. Er leitet das Büro der EKD am Gendarmenmarkt im Berliner Zentrum mit einem achtköpfigen Team. Im Brüsseler Büro des Bevollmächtigten werden Kontakte und Arbeitsbeziehungen zu den Einrichtungen der Europäischen Union gepflegt.

Unter den Bevollmächtigten hat die Ökumene Tradition

Der Bevollmächtigte informiert den Rat der EKD über politische Entwicklungen und Hintergründe. Auf der anderen Seite vertritt er den Rat der EKD, dessen Beschlüsse und Überzeugungen gegenüber Ministerien, Ämtern und Repräsentanten des Landes. Die Rolle des Seelsorgers kommt in Gesprächen zum Tragen, wie auch in Gottesdiensten – etwa vor der Wahl zum Bundespräsidenten am 12. Februar 2017, zusammen mit seinem katholischen Gegenüber. Unter den Bevollmächtigten hat die Ökumene Tradition. Wo immer möglich, treten die beiden Kirchen gegenüber der Politik gemeinsam auf.

Traditionell ist die evangelische Kirche besonders stark in Fragen der Bildung, der Friedenssicherung, der Entwicklungshilfe sowie in den Themen sozialer Gerechtigkeit engagiert. Ihr Hilfswerk „Brot für die Welt“ gehört zu den ältesten und größten Entwicklungshilfeorganisationen. Und die Diakonie mit 430.000 hauptamtlich Beschäftigten und ebenso vielen ehrenamtlichen Helfern ist einer der größten Gestalter des Sozialstaates. Zudem zählt die evangelische Kirche mit ihren 16.000 Kirchengemeinden samt ihren Gebäuden, mit 10.000 Kindertagesstätten und Schulen, mit Bibliotheken, Musik- und Begegnungsgruppen und Medien bis hin zu ihren knapp 10.000 Friedhöfen in Deutschland zu den größten Akteuren auf dem Feld der Kultur.

Europäische und internationale Beziehungen

Darüber hinaus pflegt die evangelische Kirche sowohl mit ihren Auslandsgemeinden als auch mit ihrem Engagement in der internationalen Ökumene europäische und internationale Beziehungen. Auch ist sie durch die Seelsorge unter Polizisten und Soldaten – ihnen erteilen Militärgeistliche „Lebenskundlichen Unterricht“ – in die Sicherheitspolitik einbezogen. Der Staat wiederum bejaht die Rolle der Religion, für das Zusammenleben der Menschen und seine Organisation durch die Politik Leitlinien und Maßstäbe anzubieten.

Das wichtigste Arbeitsmittel des Bevollmächtigten liegt im Vertrauen, das sich zwischen den Beteiligten in Kirche und Politik entwickelt. Es erweist seine Tragkraft in heiklen Fragen wie etwa dem Kirchenasyl, in denen die Kirche den Staat auffordert, sein Handeln in Einzelfällen zu überprüfen. Immer gelang es, Lösungen ohne Konfrontation zu finden. Aus dem daraus erwachsenden Verständnis nährt sich auch das Zutrauen des Staates zur Rolle der Kirchen als Kräfte des Zusammenhaltes und des Friedens in der Gesellschaft. Kirchen sind damit weit mehr als Lobbygruppen, die vor allem eigene Interessen vertreten.

„Diplomat im Lutherrock“

Das Amt des Bevollmächtigten wurde 1950 eingerichtet und durch seinen ersten Inhaber geprägt, Bischof Hermann Kunst. Kunst hat sich und seiner Kirche in der jungen deutschen Demokratie als „Diplomat im Lutherrock“ Ansehen verschafft und eine Politikergeneration beeinflusst. Kunst war Berater in vielen Gesetzgebungsverfahren und hat für die EKD den Militärseelsorgevertrag ausgehandelt. Seine Arbeit legte die Basis für die kritisch-konstruktive Partnerschaft, die heute das Verhältnis zwischen Kirche und Bundespolitik kennzeichnet.

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  • Aufgaben

    Die Arbeitsweisen des Bevollmächtigten und seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind vielfältig und reichen von der inhaltlichen Begleitung von Gesetzgebungsprozessen, über persönliche Gespräche und Kontakte mit Politikern und Beamten in den Ministerien und Dienststellen des Bundes und der EU, Fachkonferenzen und Vorträgen bis hin zu Gesprächsforen. 

    • Der Bevollmächtigte möchte Kirche in der und für die Politik sichtbar machen. So steht er als Gesprächspartner und Seelsorger für die Akteure des politischen Betriebs zur Verfügung. Andachten im Reichstagsgebäude, Gebetsfrühstücke und abendliche Gesprächskreise, bei denen aktuelle sozialethische und politische Themen diskutiert werden, gehören ebenso zu den Angeboten wie auch Gottesdienste zu besonderen politischen Anlässen, wie beispielsweise der Konstituierung des Bundestages und zu Gedenktagen
    • Der Bevollmächtigte nimmt eine sozialanwaltliche Rolle für Menschen wahr, deren Stimme in der Politik nur unzureichend gehört wird. Dies betrifft bestimmte Themen, die im politischen Diskurs eine Rolle spielen. Zum Beispiel aus den Bereichen der Sozial-, Arbeitsmarkt- oder Familienpolitik, Belange von Migranten und Flüchtlingen, die Entwicklungszusammenarbeit und ethische Fragestellungen etwa im Bereich des Lebensschutzes.
    • Daneben vertritt die Dienststelle des Bevollmächtigten die originären, institutionellen Interessen der evangelischen Kirche, die ihre Grundlagen hauptsächlich in den staatskirchenrechtlichen Regelungen des Grundgesetzes haben. Stichworte sind beispielsweise die Kirchensteuer, beamtenrechtliche Regelungen oder die Seelsorge in Bundeswehr und Bundespolizei.

    Zur Pflege internationaler und ökumenischer Beziehungen unterhält die Dienststelle Kontakte zum Auswärtigen Amt und zu zahlreichen diplomatischen Vertretungen. Eine enge und vertrauensvolle Kooperation besteht mit dem Kommissariat der deutschen Bischöfe - Katholisches Büro - in Berlin. Gesprächspartner sind auch die Beauftragten anderer Kirchen und Vereinigungen am Sitz der Bundesregierung.

  • Geschichte

    Wenige Monate nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland wurde durch einen Beschluss des Rates der EKD im November 1949 das Amt des Bevollmächtigten am Sitz der Bundesregierung geschaffen. Vor dem Hintergrund der Erfahrungen im NS-Staat und im Bewusstsein der Fehler und Abgründe der eigenen Geschichte ging es den Verantwortlichen in der EKD auch darum, die kirchliche Mitverantwortung für die öffentlichen Angelegenheiten des Gemeinwesens intensiver wahrzunehmen.

    Das Amt wurde stark geprägt durch den ersten Bevollmächtigten, Hermann Kunst, der es mehr als ein viertel Jahrhundert, nämlich bis zum Jahr 1977, innehatte. Der Amtssitz der Dienststelle befand sich über lange Jahre in der Bonner Fritz-Erler-Straße. Eine ähnliche Verbindungsstelle für den Kontakt zu den Organen der Deutschen Demokratischen Republik wurde zunächst auch in Ostberlin eingerichtet. Die zunehmenden Spannungen zwischen SED-Regierung und Kirchen und die Tatsache, dass die Führung der DDR eine Abtrennung der evangelischen Landeskirchen auf ihrem Gebiet von der EKD anstrebte, führten dazu, dass dem dortigen Bevollmächtigten, Propst D. Heinrich Grüber, im Jahr 1958 staatlicherseits das Agreement entzogen wurde. Damit endete die Tätigkeit eines Bevollmächtigten in der DDR.

    Angesichts des immer größer werdenden Einflusses der legislativen und administrativen Tätigkeit von Institutionen auf europäischer Ebene auf die deutsche Gesetzgebung entschloss sich der Rat der EKD, eine Vertretung auch in Brüssel einzurichten. So wurde im Jahr 1990 das EKD-Büro Brüssel als Außenstelle des Bevollmächtigten des Rates eingerichtet.

    Mit dem Umzug der Bundesregierung nach Berlin im Jahr 1999 verlegte auch der Bevollmächtigte seinen Dienstsitz in die Bundeshauptstadt. Vorgänger von Prälat Dr. Martin Dutzmann waren D. Heinrich Grüber für den Bereich der DDR (1949-1958), Dr. Hermann Kunst (1949-1977), Heinz-Georg Binder (1977-1992), Dr. Hartmut Löwe (1992-1999), Dr. Stephan Reimers (1999-2009) und Dr. Bernhard Felmberg (2009-2013).