„... denn ihr seid selbst Fremde gewesen“ - Vielfalt anerkennen und gestalten

Ein Beitrag der Kommission für Migration und Integration der EKD zur einwanderungspolitischen Debatte, EKD-Texte 108, 2009

I. Migration. Gesellschaftliche Vielfalt. Fremdheitserfahrungen

Migration und Mobilität gehören zu allen Zeiten zur Geschichte der Menschheit. Wo immer Zuwanderung geschah und geschieht, befördert sie die Vielfalt einer Gesellschaft, führt aber auch zu Fremdheitserfahrungen auf beiden Seiten, bei Zuwandernden wie bei Einheimischen. Auch in den letzten einhundert Jahren haben viele Generationen in Deutschland Erfahrungen mit Migration gemacht. Viele Menschen, die hier leben, haben familiäre Bezüge und Verwurzelungen in anderen Ländern. Dabei sind die Gründe, die jeweils zur Einwanderung führten, höchst unterschiedlich. Seit Ende des 19. Jahrhunderts sind zum Beispiel Menschen aus anderen Regionen nach Deutschland eingewandert, weil sie - insbesondere im Ruhrgebiet - Arbeitsplätze in Bergbau und Industrie suchten und fanden.

Dabei war Deutschland bis dahin vor allem ein Auswanderungsland. Ob in den Vereinigten Staaten von Amerika, in Südamerika oder Osteuropa, Deutsche siedelten sich im Laufe der letzten Jahrhunderte jenseits der jeweiligen Landesgrenzen an. Flucht und Vertreibung in Folge des Zweiten Weltkrieges zwangen Menschen aus früheren Ostgebieten des Deutschen Reiches und unterschiedlichen Regionen (Süd-) Osteuropas dazu, im Bundesgebiet eine neue Bleibe zu suchen. Seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts kamen sogenannte "Gastarbeiter", später auch deren Familien. Unterschiedliche Ursachen - wie (Bürger-)Kriege, poltische Unterdrückung und Verfolgung oder wirtschaftliche Depression - ließen Menschen aus anderen Ländern und Kontinenten nach Deutschland fliehen. Was immer die Gründe waren: Zunächst war die Atmosphäre zwischen Zuwandernden und Einheimischen von Fremdheit geprägt. Zugewanderte hatten es immer wieder schwer, gleichberechtigten Zugang zu den für die Lebensführung wichtigen Bereichen zu bekommen. Beide Seiten mussten in langen Prozessen lernen, aufeinander zuzugehen, wechselseitig Akzeptanz und Kompromissbereitschaft und damit eine neue Form des Zusammenlebens einzuüben. Daraus ist die Erkenntnis gewachsen, dass gelingende Integration immer ein wechselseitiger Prozess ist, der die Gesellschaft verändert.

Auch die Bibel versteht Migration als Grundgegebenheit in der Geschichte der Menschheit und im menschlichen Zusammenleben. Dabei sind die Gründe für Aufbruch und Wanderung in biblischen Texten so vielfältig wie in der heutigen Realität. Vom nomadisierenden Volk Israel wird erzählt, vom Auszug aus der Knechtschaft Ägyptens, von den Missionsreisen der frühen Christen, vom Unterwegssein als Lebensverständnis der christlichen Gemeinde.

Für das Volk Israel war dabei der Exodus aus Ägypten die einschneidende Erfahrung. Die Texte des Alten Testaments erinnern immer wieder: "Ihr seid selbst Fremde gewesen" (Lev. 19,34) und folgern daraus: "Die Fremdlinge sollt ihr nicht unterdrücken; denn ihr wisst um der Fremdlinge Herz, weil ihr auch Fremdlinge in Ägypten gewesen seid" (Ex 23,9). Die Flucht aus Unterdrückung und Perspektivlosigkeit hat tiefe Spuren in der biblischen Rechtstradition hinterlassen. Immer wieder mahnt das Alte Testament den Schutz der Rechte der Schwachen an (Ex 22,20ff; Lev 19,33ff; Dtn 10,18f; Jes 58,7ff). Zu ihnen gehören insbesondere Fremde, Witwen und Waisen. Im Neuen Testament werden diese Traditionen aufgenommen und fortgeführt.

Heute sind Migration und Mobilität höchst umstrittene Bereiche politischer und gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Mobilität wird als Anforderung im Arbeits- und Wirtschaftsleben häufig als Ausdruck von Flexibilität positiv, Migration hingegen vielfach negativ bewertet. Von internationaler Migration [1] wird gesprochen, wenn Menschen für einen Zeitraum von mehr als 12 Monaten in ein anderes Land ziehen. Nur diese Gruppe von Menschen wird in den internationalen Statistiken über Migration erfasst. Davon unterschieden werden beispielsweise Saisonarbeitende, die für einen kürzeren Zeitraum in einem anderen Land arbeiten oder im Wege einer innerbetrieblichen Versetzung drei- bis sechsmonatige Auftragsarbeiten in internationalen Unternehmen ausführen. Außerdem ist in diesem Zusammenhang die Binnenmigration zu erwähnen. Sie wird generell als Wanderung innerhalb eines "Gebiets" verstanden, wobei das "Gebiet" ein Staat oder eine Region sein kann. Der Begriff ist damit nicht exakt definiert [2].

Obwohl in Fachkreisen zunehmend anerkannt wird, dass für Deutschland und die Europäische Union Einwanderung zu Ausbildungs- und Arbeitszwecken sinnvoll und notwendig ist [3], bestimmen Vorbehalte gegenüber "zu vielen" und "zu fremden" Menschen nach wie vor die verbreitete Wahrnehmung von Migration und die Migrationspolitik.

Schlaglicht auf die globale Dimension

Der Bericht der Weltkommission für internationale Migration macht deutlich, dass Migration und Mobilität in den vergangenen Jahren weltweit zugenommen haben [4]. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) schätzt, dass derzeit 195 Millionen Menschen in einem anderen als ihrem Herkunftsland leben, und damit eine von 35 Personen ein Migrant oder eine Migrantin ist. In allen Regionen der Welt ist Migration im 21. Jahrhundert eine Realität. Dennoch bleibt sie in hohem Maße ein regionales Phänomen: Unter den 3,5 Millionen Migrantinnen und Migranten, die im Jahr 2006 in die EU-Mitgliedstaaten eingewandert sind [5], waren 0,5 Millionen aus dem Ausland in ihr Land zurückkehrende EU-Bürger und - Bürgerinnen (14 Prozent). Von den übrigen 3 Millionen kamen 40 Prozent (1,2 Millionen) aus anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union und 1,8 Millionen aus Drittländern. Mehr als die Hälfte (54 Prozent) der Migrantinnen und Migranten kamen aus Europa, aus Afrika kamen 13 Prozent, aus Nord- und Südamerika 15 Prozent, aus Asien 16 Prozent und aus der Pazifikregion 2 Prozent [6].

Auch temporäre Migration und Saisonarbeit haben zugenommen. Als Saisonarbeiterinnen und -arbeiter werden gemeinhin Menschen bezeichnet, die für einige Monate im Haushalt, in Gastronomie und Hotels, auf dem Bau oder in der Landwirtschaft arbeiten. Zunehmend entsenden international tätige Firmen ihre Angestellten auf Zeit in andere Länder. Mobilität und Flexibilität bestimmen das Erwerbsleben in immer höherem Maße.

Flüchtlinge

Eine kleine, aber besonders schutzbedürftige Gruppe unter den Migrantinnen und Migranten sind Flüchtlinge, deren Anteil bei etwa 10 Prozent weltweit liegt. Aufgrund von politischer und religiöser oder auch ethnischer Verfolgung sowie aufgrund von Kriegen und Konflikten waren 2007 11,4 Millionen Menschen auf der Flucht, die größte Zahl aus dem Nahen Osten, gefolgt von Menschen aus Asien und Afrika und Europa. Die überwiegende Zahl der Flüchtlinge sucht Schutz in den umliegenden Staaten. Von den 31,6 Millionen Menschen, die vom UNHCR als schutzbedürftig angesehen werden [7], leben 13,7 Millionen in Asien, 10,7 Millionen in Afrika und nur drei Millionen in Europa [8]. Die überwiegende Zahl von Flüchtlingen findet also außerhalb der EU Aufnahme. Beispielsweise beherbergen Kenia, Syrien und Jordanien hunderttausende Flüchtlinge aus Konfliktregionen wie Sudan, Somalia, Kongo und Irak. Für viele wirtschaftlich arme Länder führen die hohen Flüchtlingszahlen zu einer Überforderung ihrer Infrastruktur und gefährden die notwendige Grundversorgung. Migration und Integration zählen somit auch auf globaler Ebene zu einer der politischen und gesellschaftlichen Schlüsselfragen, da Migration weltweit fast alle Staaten betrifft.

Wanderung als Normalität

Motive für Migration unterscheiden sich heute wenig von denen der Vergangenheit. Es ging und geht stets darum, der Not zu entkommen, die eigene Lebenssituation zu verbessern und/oder der Familie eine gesicherte Zukunft zu bieten. Neuankommende waren und sind darauf angewiesen, von Einheimischen akzeptiert und unterstützt zu werden. In der Regel dauert es mehrere Generationen, bis die Migranten und Migrantinnen wirklich "angekommen" sind. Erst allmählich rücken die eigene Herkunft, die Wanderungsgeschichte oder das persönliche Flüchtlingsschicksal in den Hintergrund.

Die Einheimischen müssen oft erst lernen, dass die "Neuen" sie nicht in Frage stellen, sondern dass sie an der aufnehmenden Gesellschaft teilhaben wollen und zudem besondere Erfahrungen und mancherlei Kompetenzen mitbringen, die dem Gemeinwohl dienen.

Beispiele in der Geschichte zeigen, dass Einwanderung sich oft als ein Gewinn für die Einheimischen wie für die Eingewanderten erwiesen hat:

Nach 1567 wurden niederländische protestantische (häufig calvinistisch geprägte) Flüchtlinge in den Städten am linken Niederrhein aufgenommen. Die "Glaubensflüchtlinge" brachten viele Fähigkeiten mit und trugen zur Verbreitung des Evangeliums wie zum wirtschaftlichen Aufblühen der Städte und Regionen bei. Die Ansiedlung von Hugenotten in Preußen, ebenfalls Flüchtlinge, wurde im Edikt von Potsdam vom 29.10.1685 geregelt. Anders als am Niederrhein wurden sie aktiv angeworben und vom Staat massiv unterstützt.

Mit der Industrialisierung im späten 19. Jahrhundert nahm die Arbeitsmigration zu und veränderte die soziale Lage. Für Deutschland ist dies neben einer enormen Auswanderungsbewegung (v.a. nach Nordamerika) besonders an der Einwanderung polnischer Arbeitskräfte in die Bergbaugebiete des Ruhrgebiets abzulesen. Im kirchlichen Bereich wurden neue diakonische Handlungsfelder als Antwort auf die soziale Frage entwickelt, die durch Persönlichkeiten wie Johann Hinrich Wichern oder Theodor und Friederike Fliedner geprägt wurden.

Seit Mitte der Fünfzigerjahre des 20. Jahrhunderts haben die Arbeitsmigrantinnen und -migranten, die damals so genannten "Gastarbeiter", sowie deren nachfolgende Generationen einen wichtigen Beitrag zum volkswirtschaftlichen Gesamteinkommen der Bundesrepublik Deutschland geleistet. Viele sind zu einem selbstverständlichen Teil der Bevölkerung in Deutschland geworden.

Durch die Einwanderung entwickeln sich schließlich auch neue Formen des urbanen Zusammenlebens. Migration und Mobilität sind zentrale Voraussetzungen der Entstehung und Entwicklung moderner Städte. Weltweit lebt heute bereits die Hälfte aller Menschen in Städten. In gut vierzig Jahren werden es sogar drei Viertel sein [9]. Über 400 Millionenstädte gibt es schon, mehr als doppelt so viele wie vor dreißig Jahren. Mehr als zwanzig Städte auf der Welt haben mittlerweile über zehn Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Zwar nimmt sich Deutschland mit seinen wenigen Millionenstädten im Vergleich recht bescheiden aus, aber der globale Trend zu einer urbanen Zivilisationsform scheint unumkehrbar.

Situation in Deutschland

Im Jahr 2007 zogen 680.766 Menschen nach Deutschland, davon hatten 574.752 Personen eine andere Staatsangehörigkeit inne. Im gleichen Jahr verließen 636.854 Menschen, davon 475.749 Ausländerinnen und Ausländer, das Land [10]. Im Jahr 2008 wurden in Deutschland nur 22.085 Asylanträge gestellt [11].

Die Zahl der dauerhaft Zugewanderten ist für die Bewertung der Herausforderungen für ihre Eingliederung von zentraler Bedeutung. Im Jahr 2006 lag ihre Zahl bei etwa 270.000 [12]. Das entspricht etwa drei Promille der Wohnbevölkerung. Diese Zahl ist relevant für die Leistungen, die Kommunen und Einrichtungen zur Hilfe bei der Erstorientierung der "Neuen" erbringen müssen, sowie für die Kapazitätsplanung von Sprach- und Integrationskursen. Die Zahl der für drei bis zwölf Monate einreisenden Migrantinnen und Migranten, etwa zur Saisonarbeit, ist zwar noch einmal mehr als doppelt so hoch, sie ist aber für die langfristige Integration von geringerer Bedeutung.

Zahlreiche Menschen wandern auch wieder zurück oder ziehen in andere Länder, so dass in absoluten Zahlen nur 100.000 Menschen pro Jahr einwandern. Dieser Zuwachs der Bevölkerung mit Migrationshintergrund durch Zuwanderung ist überraschend gering.

Bezieht man die Abwanderung von Deutschen mit ein, so bleibt für 2007 ein sehr geringfügig positiver Wanderungssaldo von 44.000 [13]. Der wanderungsbedingte Bevölkerungszuwachs liegt jährlich bei etwa einem halben Promille der Bevölkerung. Die Differenz von Geburten- und Sterberate kann damit nicht ausgeglichen werden. Diese Zahl und die regional jeweils unterschiedlichen Entwicklungen müssen als eine der Grundlagen für die langfristige Kapazitätsplanung von Bildungseinrichtungen, Arbeitsmarkt und der weiteren öffentlichen Infrastruktur berücksichtigt werden.

Ausschlaggebend für die Erfahrung ethnischer Vielfalt ist aber nicht die aktuelle Zuwanderungsrate, sondern die Tatsache, dass viele Menschen mit Migrationshintergrund bereits seit vielen Jahren, zum Teil seit mehreren Generationen, in der Bundesrepublik leben. Das Statistische Bundesamt errechnete für 2006 die Zahl von 15,1 Millionen, das entspricht 18,4 Prozent der gesamten Bevölkerung [14]. Die höchsten Anteile finden sich mit jeweils mehr als 25 Prozent in den Regierungsbezirken Stuttgart und Darmstadt sowie im Land Hamburg. In den östlichen Bundesländern ohne Berlin liegen die Anteile unter 10 Prozent, in manchen Regionen sogar unter 5 Prozent [15].

Die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund nimmt vor allem aufgrund der demografischen Entwicklung und einer höheren Geburtenrate langsam zu. In sechs deutschen Großstädten liegt der Anteil der bis zu Fünfjährigen bereits bei über 60 Prozent [16].

Die Länder der ehemaligen Sowjetunion haben die Türkei als häufigstes Herkunftsgebiet verdrängt. Einen türkischen Hintergrund haben lediglich 19 Prozent der Eingewanderten [17].

Unter den 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund befinden sich etwa 5 Millionen Spätaussiedlerinnen und -aussiedler sowie mehr als eine Million Deutsche, die nach 2000 aufgrund des veränderten Staatsangehörigkeitsrechts eingebürgert wurden. Knapp 7 Millionen Personen sind Ausländer. Unter ihnen sind ein Drittel Unionsbürgerinnen und -bürger, ein Viertel größtenteils assoziationsrechtlich privilegierte türkische Staatsangehörige und ein weiteres gutes Drittel sonstige Drittstaatsangehörige [18].

In den letzten Jahrzehnten ist der Anteil der Menschen aus muslimisch geprägten Herkunftsländern in Deutschland gestiegen - er umfasst nach neuesten Schätzungen zwischen 3,8 und 4,3 Millionen [19]. Infolge von Zuwanderung während der letzten Jahrzehnte ist allerdings nicht nur der Anteil der Muslime in Deutschland gestiegen, sondern auch die Zahl von Christen und Christinnen aus anderen Ländern (z.B. Aussiedlerinnen und Aussiedler aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion) und Kontinenten (z.B. Studierende und Flüchtlinge aus Afrika), die zeitweise oder dauerhaft hier leben.

Der Anteil der eingewanderten Katholiken und Katholikinnen ist mit 33 Prozent höher als jener der Muslime mit 22 Prozent. Der Anteil der dem Protestantismus zuzurechnenden Einwandererinnen und Einwanderer ist mit 11 Prozent etwas geringer als der der Orthodoxen (12 Prozent) [20].

Über die Zahl der in Deutschland lebenden Menschen ohne Aufenthaltspapiere sind keine genauen Angaben erhältlich [21]. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge geht von einer Anzahl von 500.000 bis zu 1 Million aus. Das entspricht etwa einem Prozent der gesamten Bevölkerung. Es gibt auch eine unbekannte Zahl von Menschen, die ohne Arbeitsgenehmigung arbeiten.

Die ausländische Bevölkerung umfasst 6,7 Millionen Personen. Das entspricht knapp neun Prozent der Gesamtbevölkerung. Ende 2007 lebten fast zwei Drittel der Menschen ohne deutschen Pass seit mindestens zehn Jahren in Deutschland. Fast 4,8 Millionen Ausländerinnen und Ausländer lebten seit mehr als acht Jahren im Bundesgebiet [22].

Vielfalt

Einwanderung hat in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland und anderen europäischen Ländern die kulturelle, religiöse und ethnische Vielfalt verstärkt. Weit mehr als in der Abstammung spiegelt sich jedoch die Vielfalt der Gesellschaft in unterschiedlichen Bereichen: Einkommen, Bildungsniveau, Gesundheit (u.U. Behinderung), Religion, Weltanschauung, regional oder konfessionell bestimmte Milieus u.a. wider.

Die europäischen Regierungen haben der Europäischen Union über den Vertrag von Amsterdam [23] Gesetzgebungskompetenz für den Schutz der Vielfalt und die Gestaltung des diskriminierungsfreien Zusammenlebens gegeben. Der für die Einwanderungsgesellschaft besonders wichtige Schutz vor rassistischer Diskriminierung ist in der Europäischen Union in einen horizontalen Ansatz eingebettet. Er umfasst neben den Diskriminierungsmerkmalen Rasse, ethnische Herkunft und Religion oder Weltanschauung auch die Merkmale Alter, Geschlecht, sexuelle Ausrichtung und Behinderung. Das Diskriminierungsverbot ist zusammen mit dem Gebot der Gleichheit vor dem Gesetz ein konstitutiver Bestandteil der europäischen Ordnung. Der Europarat hat dafür das Motto "alle anders - alle gleich" [24] geprägt.

Muslime in Deutschland

Es werden heftige Auseinandersetzungen darüber geführt, wie das Zusammenleben von Einheimischen und eingewanderten Musliminnen und Muslimen zu gestalten ist. Die Regeln für Einwanderung und Einbürgerung wurden nach den Anschlägen des 11. September 2001 verstärkt unter sicherheits- und ordnungspolitischen Gesichtspunkten diskutiert. Manche Menschen in Deutschland sehen durch eine Erteilung von Aufenthaltstiteln oder den Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit durch Menschen aus muslimisch geprägten Ländern die Sicherheit gefährdet und befürchten, dass die freiheitlich demokratische Ordnung der Bundesrepublik unterminiert wird. Der Islam wird von Teilen der Bevölkerung als kulturell rückständig und mit der modernen Lebensweise in Mitteleuropa nicht vereinbar wahrgenommen [25].

Diese auch in der politischen Debatte vorgebrachten Bedenken werden wiederum von vielen in Deutschland lebenden Menschen muslimischen Glaubens als ungerechtfertigter Generalverdacht empfunden. Gleichzeitig wächst unter Musliminnen und Muslimen weltweit das Bewusstsein für ihre Religion und es findet eine stärkere Identifizierung mit ihrer islamischen Herkunft statt, so dass der Islam auch in Deutschland sichtbarer wird. Diese Entwicklung hat die obengenannten Einstellungen oder Befürchtungen verstärkt.

Als erschwerend für den gesellschaftlichen Diskussionsprozess erweist sich aufgrund des vielgestaltigen muslimischen Lebens in Vereinen und Verbänden das Fehlen eines repräsentativen Zusammenschlusses. Das Nebeneinander verschiedener Organisationen wie DITIB, Zentralrat der Muslime, Islamrat oder Islamisches Konzil sollte aus evangelischer Sicht aber nicht als Gesprächshindernis für den weiterführenden Dialog mit Musliminnen und Muslimen gelten [26].

Zurzeit wächst die Einsicht, dass der Islam als "Teil unseres Landes" [27] wahrgenommen und respektiert werden muss. Auf politischer Ebene ist die Einrichtung der Islamkonferenz durch die Bundesregierung im Jahr 2006 als ein Meilenstein hervorzuheben. Aus der kurze Zeit später vorgelegten Untersuchung der Bundesregierung zu den politischen Einstellungen der muslimischen Bevölkerung geht hervor, dass das Potenzial für eine islamisch bestimmte Radikalisierung der muslimischen Bevölkerung durchaus vorhanden ist und Anlass zur Sorge gibt. Doch ist eine Distanz zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit oder eine Akzeptanz von politisch-religiöser Gewalt nur bei etwa 14 Prozent der muslimischen Bevölkerung festzustellen. Junge Musliminnen und Muslime neigen in ihren Einstellungen nicht zu mehr Autoritarismus oder Distanz zur Demokratie als die Vergleichsgruppe in der übrigen Bevölkerung [28]. Negativen Pauschalurteilen gegenüber Musliminnen und Muslimen ist entgegenzutreten, während auftretende Differenzen hinsichtlich der Gestaltung öffentlichen Lebens (Schule, Gemeinwesen, etc.) sachlich und zielführend miteinander zu diskutieren sind.

Alle anders - alle gleich

Die Einwanderungsdebatte wird nicht allein von der Auseinandersetzung mit dem Islam als einer in Deutschland "neuen" Religion bestimmt. Vorbehalte gegenüber Eingewanderten afrikanischer, asiatischer oder osteuropäischer Herkunft bestehen auch in stark verallgemeinernder Form. ("Die sprechen ja noch nicht mal unsere Sprache." "Frauen werden da nicht geachtet." "Die wollen sich doch gar nicht anpassen.") Eine nähere Betrachtung zeigt, dass Eingewanderte weder in Bezug auf ethnische oder soziale Schichtung noch in Bezug auf ihre kulturell-religiöse Zugehörigkeit eine auch nur annähernd homogene Gruppe darstellen [29]. Vielmehr gibt es, wie auch in der einheimischen Bevölkerung, eine bemerkenswerte Vielfalt von Lebensauffassungen und Lebensweisen. Daher ist es eine unzulässige Vereinfachung, Migrantinnen und Migranten ausschließlich aufgrund ihrer Wanderungsgeschichte als eine "besondere" gesellschaftliche Gruppe zu betrachten. Ebenso unzureichend ist es, nach ethnischer Zugehörigkeit zu unterscheiden. Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Lebenswelten und Einstellungen sind vielmehr quer zu den Herkunftsethnien erkennbar. "Die Herkunftskultur prägt zwar die Identität maßgeblich, aber sie determiniert nicht den grundlegenden Werte-Mix. Menschen des gleichen Milieus mit unterschiedlichem Migrationshintergrund verbindet mehr miteinander als mit dem Rest ihrer Landsleute aus anderen Milieus." [30]

Wie bei Einheimischen gibt es auch unter den Eingewanderten Menschen mit rigiden Moralvorstellungen, die eine Gleichstellung von Frauen ablehnen und die Diskriminierung Homosexueller befürworten. Drei Viertel der Menschen mit Migrationshintergrund lehnen Fundamentalismus jedoch ab [31]. Schon deshalb empfiehlt es sich, in der Einwanderungspolitik die Wertefragen äußerst differenziert zu diskutieren und Pauschalisierungen zu vermeiden.

Auch die soziokulturelle Heterogenität ist groß. Eingewanderte haben häufiger keinen Schulabschluss oder eine geringere Schulbildung als Einheimische. Gleichzeitig ist in dieser Gruppe aber auch die Zahl der Akademikerinnen und Akademiker höher. Diese Heterogenität ist nicht zuletzt bedingt durch das jeweilige Migrationsregime und die korrespondierenden Bedürfnisse des Arbeitsmarktes [32]. Die Löhne von Zugewanderten differieren erheblich, sind aber im Durchschnitt etwas niedriger als in der Gesamtbevölkerung, vor allem bei Frauen sowie im akademischen Bereich. Die Arbeitslosenrate ist bei ausländischen Arbeitskräften überdurchschnittlich hoch - Arbeitslosigkeit ist dennoch kein "typisches Merkmal" für Migrantinnen und Migranten. Untersuchungen zeigen, dass Menschen ohne deutschen Pass im erwerbsfähigen Alter insgesamt mehr in die sozialen Sicherungssysteme einzahlen als sie davon profitieren [33].

Die meisten Eingewanderten verstehen sich als Angehörige der multiethnischen deutschen Gesellschaft und wollen sich aktiv einfügen - ohne ihre kulturellen Wurzeln zu vergessen. Mehr als die Hälfte der Befragten zeigt einen uneingeschränkten Integrationswillen [34]. Die Ergebnisse dieser Befragungen werden in der Politik verstanden und aufgegriffen [35].

Allerdings gibt ein anderes Phänomen Anlass zu großer Sorge: Rassistische Einstellungen haben globale Dimensionen und sind daher auch in allen Teilen der Bevölkerung weit verbreitet, auch wenn Ursachen und Formen bei Einheimischen und Eingewanderten zu unterscheiden sind. Auch die Selbstorganisation des politischen Rassismus nimmt bedenklich zu [36].

In der Medienberichterstattung und in der Öffentlichkeit sind die oben dargelegten sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse und Einsichten zu den Unterschieden und Gemeinsamkeiten der verschiedenen Lebenswelten bisher zu wenig wahrgenommen worden. Es ist Aufgabe der Politik, der Kirchen und der Zivilgesellschaft, sich mit der oft viel weniger dramatischen Wirklichkeit der Einwanderungssituation differenziert auseinanderzusetzen und Mythen, Fehleinschätzungen und Vorurteilen entgegen zu wirken [37].

Es geht nicht darum, Eingewanderten besondere Rechte einzuräumen und besondere Pflichten abzuverlangen. Vielmehr unterstehen sie wie alle anderen genau den Rechten und Pflichten, die vor Ort gelten. Wer einwandert, muss die gleiche Chance auf Beteiligung am Arbeitsmarkt, an Bildung, in der Politik usw. erhalten und dann auch die gleichen Verpflichtungen übernehmen.

„... denn ihr seid selbst Fremde gewesen“

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