Evangelische Denkfabriken

Die Kammern der EKD

Laptop auf einem Konferenztisch.

Die derzeit sieben Kammern der EKD sind so etwas wie evangelische Denkfabriken. Sie beraten die drei leitenden Organe der EKD, die Kirchenkonferenz, den Rat und die Synode. Die in die Kammern berufenen Fachleute sollen die Arbeit der drei Gremien unterstützen und ihnen Kenntnis und Erfahrung aus Kirche und Gesellschaft zur Verfügung stellen.

Grundlagentexte der Kammern haben klärende Diskussionen entfacht, etwa die 2015 erschienenen Publikationen „Christlicher Glauben und religiöse Vielfalt in evangelischer Perspektive“ sowie der Text „Für uns gestorben“ über die Bedeutung von Leiden und Streben Jesu Christi. Oder die Reihe der Denkschriften der EKD über Frieden und eine gerechte Wirtschaftsordnung.

Fachlich, zeitgebunden und diskussionsorientiert

Legendär bleibt die Wirkung der sogenannten „Ostdenkschrift“ von 1965. Sie plädierte im Nachkriegsdeutschland für eine offene, versöhnliche Haltung gegenüber Polen, dämpfte die Polarisierung in der Bevölkerung im Blick auf diese Frage und bereitete die spätere offene Ostpolitik der Bundesregierung vor. Der Text entstand in der EKD-Kammer für Öffentliche Verantwortung.

Mit der Arbeit der Kammern drückt die evangelische Kirche auch ihr Selbstverständnis aus. Denkschriften, die oft mithilfe einer Kammer entstehen, sind die verbindlichste Äußerungsform der EKD. Doch erheben die Publikationen nicht den Anspruch, evangelische Lehre zu bilden. Fachlich, zeitgebunden und diskussionsorientiert stellt die EKD vielmehr Argumente zur Information und Meinungsbildung bereit. Sie will vor allem durch Gründe überzeugen und damit das Gespräch in der Kirche und in der Gesellschaft beleben.

Kirchliche Schwerpunkte

Die Arbeitsaufträge der Kammern repräsentieren folgende sieben kirchliche Schwerpunkte: Nachhaltige Entwicklung, Migration und Integration, Theologie, Bildung und Erziehung, Kinder und Jugend, Soziale Ordnung, Öffentliche Verantwortung und Weltweite Ökumene.

Die Mitglieder der Kammern sollen die Vielfalt der Positionen widerspiegeln. Also sucht der Rat der EKD dafür Fachleute mit unterschiedlichen Meinungen, Erfahrungen und Prägungen. In der Regel sind sie evangelische Christen. Einige von ihnen gehören auch zur Synode der EKD. Aber in Kammern können auch Gäste aus anderen Konfessionen mitarbeiten.

Verkündigungsauftrag als Legitimation

Gegen die Kritik, dass den Mitgliedern der Kammern und auch der Kirche insgesamt eine Legitimation zur Einmischung in öffentliche Fragen fehle, hat sich schon die Denkschrift „Aufgaben und Grenzen kirchlicher Äußerungen zu gesellschaftlichen Fragen“ von 1976 gewehrt, erstellt von der Kammer für soziale Ordnung. Dort hieß es: Das Recht der Kirche, sich zu gesellschaftlichen Fragen zu äußern, „beruht nach ihrem Selbstverständnis auf dem umfassenden Verkündigungs- und Sendungsauftrag ihres Herrn.“

Im Blick auf die Kammern verwies die Denkschrift auf die Kirchengeschichte: „Nicht selten haben sich einzelne Menschen ohne kirchenamtlichen Auftrag als die eigentlich legitimen Sprecher der Kirche erwiesen. Daher ist es bei kirchlichem Reden erforderlich, zuerst nach dem Inhalt des Gesagten und nicht nach der amtlichen Legitimation des Sprechers zu fragen.“

Offenes Verhältnis zwischen Rat und Kammern

Alle drei Leitungsgremien der EKD können Kammern auf den Weg bringen. Doch es hat sich als sinnvoll herausgestellt, dass der Rat die Kammern einsetzt und ihre Mitglieder beruft. Denn der Rat tagt häufig genug, um deren Arbeit zu begleiten. Zwischen Rat und Kammern herrscht ein offenes Verhältnis: Der Rat ruft die Kammern ins Leben und gibt ihnen Arbeitsaufträge. Zugleich tauschen sich die Kammern über ihre Verantwortungsbereiche aus und schlagen dem Rat eigene Projekte vor.

Nicht alle Diskussionen führen zu einem veröffentlichten Text. Kammern erarbeiten auch Informationen für den Rat oder bereiten Veranstaltungen vor. Gelegentliche Besuche des Ratsvorsitzenden in Arbeitssitzungen fördern ein Klima des Vertrauens. Die Amtszeit der Kammern deckt sich mit der des Rates. Jeder neu gewählte EKD-Rat bestimmt seine Schwerpunkte und Arbeitsvorhaben neu – und die Personen, in deren Hände er sie legen will.

wt