EKD-Präses Heinrich besucht Pfadfinder-Bundeslager bei Wolfsburg
Ein Acker wird zur Zeltstadt: Mehr als 5.000 Pfadfinderinnen und Pfadfinder aus Deutschland und der Welt sind zum Bundeslager ins niedersächsische Almke bei Wolfsburg gereist. Auch EKD-Synodenpräses Anna-Nicole Heinrich besucht das Lager und zeigt sich beeindruckt von Gemeinschaft, Eigenverantwortung und dem Engagement der Jugendlichen.
Wolfsburg (epd). Dicht an dicht stehen schwarze Zelte, an den Seilen dazwischen hängen Handtücher zum Trocknen. Auf fünf Meter hohen Holzpfählen wehen bunte Fahnen. Dazwischen herrscht geschäftiges Treiben: Mehr als 5.000 Jugendliche haben auf einem Feld bei Wolfsburg ein Zeltlager errichtet. Im niedersächsischen Almke fand jetzt das Bundeslager des Verbandes Christlicher Pfadfinder*innen (VCP) statt.
Auch Anna-Nicole Heinrich, Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), ist vor Ort: „Ich habe mich hier vom ersten Moment an willkommen gefühlt. Mit den vielen unterschiedlichen Angeboten und einer ganz besonderen Atmosphäre haben junge Menschen auf diesem Acker für zehn Tage eine eigene Stadt geschaffen. Dabei beeindruckt mich hier weniger die Größe als die Planung dahinter: Jemand hat vorher überlegt, wo die Wege langgehen und wo man sitzen kann. Wer möchte, dass Menschen zusammenkommen, muss ihnen dafür einen Ort bauen.“
In einem Zelt sitzen morgens etwa zehn Jugendliche im Kreis, in der Mitte steht ein Topf mit heißem Wachs. Der 15-jährige Clemens fischt konzentriert mit weißen Handschuhen ein getränktes Stoffstück aus dem Topf und wickelt es um einen Stock. So wird aus altem Zeltstoff später eine Fackel.
Gemeinschaft und Naturverbundenheit beim Pfadfinder-Bundeslager
Clemens, gekleidet in ein blaues T-Shirt mit der Lilie als Symbol der internationalen Pfadfinderbewegung, ist wie viele andere schon seit seiner Kindheit bei den Pfadfindern. „Ich finde es schön, dass wir alle das gleiche Mindset haben“, sagt er. Das gemeinsame „Anpacken“ gehöre genauso dazu wie die Naturverbundenheit.
Wie sehr das Lager vom Einsatz der Einzelnen lebt, hebt auch Anna-Nicole Heinrich hervor: „Hier hat jede und jeder eine Aufgabe, und alle merken es, wenn eine davon liegen bleibt. Das ist ein Unterschied zu vielen Orten, an denen Menschen heute leben. Da fällt es oft niemandem auf, ob jemand kommt oder nicht.“
Auch die 24-jährige Johanna Krtecek aus Sachsen ist mit ihrem beigefarbenen Hemd und den farbigen Halstüchern schon von Weitem als Pfadfinderin zu erkennen. Seit mehr als 16 Jahren engagiert sie sich in dem Verband. Natürlich zähle das Engagement für Hilfsbedürftige dazu, aber die Pfadfinderbewegung mache vor allem aus, dass viele hier „Soft Skills“ wie Teamfähigkeit fürs Leben lernen, sagt sie, während sie sich umblickt. „Das macht viele hier zu ganz guten Menschen.“
Ein Pfadfinderlager habe auch unbequeme Seiten, pflichtet EKD-Präses Heinrich bei: „Zehn Tage mit mehreren tausend Menschen auf einem Feld sind auch anstrengend“, sagt sie. „Es regnet, man geht sich auf die Nerven, irgendetwas klappt nicht. Und alle bleiben trotzdem. Das ist hier die eigentliche Übung.“
Pfadfinder aus Deutschland, Hongkong, Simbabwe und der Ukraine
In den zehn Tagen können die Jugendlichen, von denen ein Teil auch aus Ländern wie der Ukraine, Hongkong und Simbabwe angereist ist, zwischen 1.000 verschiedenen Workshops wählen. Die Themen dafür schlagen sie oft selbst vor, sagt Krtecek. So reichen die Angebote vom Singen feministischer Lieder über das Knüpfen verschiedener Seilknoten bis hin zu Diskussionen über Rechtsextremismus und Demokratie.
Außerdem lege der Verband viel Wert auf die Sicherheit und das Wohlbefinden der Minderjährigen, sagt Krtecek. Alle Teilnehmenden ab 16 Jahren müssen neben einer verpflichtenden Präventionsschulung, unter anderem zum Umgang im Team, zu den eigenen Grenzen und zu sexualisierter Gewalt, auch ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen. Manche Zelte, darunter auch die „Lagerkirche“, sind bewusst als Räume der Ruhe gestaltet, sodass die Teilnehmenden Rückzugsorte finden.
Lagerkirche und Leuchtturm auf dem Zeltplatz bei Wolfsburg
Durch das schwarze Zelt der aus Strohballen und Decken improvisierten Kirche weht selbst bei Temperaturen um die 30 Grad Celsius noch eine kühlende Brise. Täglich gibt es dort Angebote der Seelsorge oder auch einen „Segen to go“. Davor haben die Jugendlichen aus Baumstämmen einen „Kirchturm“ mit eigener Glocke aufgebaut.
Etwas weiter entfernt ragt ein Leuchtturm weit über die Zeltspitzen hinaus. Auf dem von Bauern angemieteten Ackerland haben die angereisten „Stämme“ – so bezeichnen sich die einzelnen Orts- oder Regionalgruppen – typische Wahrzeichen für die einzelnen Bundesländer errichtet.
Im Schatten des Leuchtturms findet ein weiterer Workshop statt. Jugendliche üben das Spinnen von Wollgarn. Die Handspindel ist aus einem Stock und einer CD gefertigt. „Wenn man den Dreh raus hat, geht es eigentlich wie von selbst“, sagt die 17-jährige Ella aus Rheinland-Pfalz und muss selbst etwas über ihren Wortwitz lachen. Sie ist schon zum zweiten Mal beim Bundeslager dabei, das alle vier Jahre stattfindet.
Pfadfinder-Freundschaften: „Eine Familie fürs Leben“
Sachen mit der Hand zu machen, seien „generell cool“, begründet sie ihre Wahl dieses Workshops, während sie die neue Wolle zwischen ihren Fingern glattstreicht. Den Wollfaden will sie später zum Häkeln verwenden. Auch nach Jahren treffe sie beim Bundeslager alte Bekannte wieder, sagt die junge Frau, die sich an ihr Halstuch auch einige Sicherheitsnadeln und andere Buttons gesteckt hat. „Man findet wirklich eine Familie fürs Leben.“
Nach dem Ende des Lagers werde sich die Zeltstadt wieder in einen ganz normalen Acker verwandeln, so EKD-Präses Heinrich. „Was bleibt, sind ein paar tausend junge Menschen, die wissen, wie man so etwas aufbaut. Diese Fähigkeit brauchen wir gerade an ziemlich vielen Orten in diesem Land.“
Mit Material von EKD