Einsamkeit braucht Resonanz

Wie Seelsorge Halt gibt und neue Verbundenheit schafft

Einsamkeit ist kein Randphänomen. Sie gehört zum menschlichen Leben, besonders in Zeiten von Umbruch, Verlust oder Krise. Warum Einsamkeit zunächst ein hilfreiches Signal sein kann, wann sie krank macht – und welche besondere Rolle kirchliche Seelsorge dabei spielt, erklärt Professor Dr. Felix Roleder von der Universität Hamburg im Interview.

Portraitbild Professor Felix Roleder


Herr Professor Roleder, nimmt die Einsamkeit in unserer Gesellschaft tatsächlich zu?

Felix Roleder: Die Daten zeigen: Vor der Corona-Pandemie waren die Einsamkeitswerte in der Bevölkerung über Jahrzehnte relativ stabil. Während der Pandemie sind sie deutlich gestiegen – besonders bei jungen Menschen. Seitdem gehen sie wieder zurück. Ob wir langfristig auf das Vorkrisenniveau zurückkehren, lässt sich noch nicht sagen. Wir müssen die weitere Entwicklung aufmerksam beobachten. Von einer „Pandemie der Einsamkeit“ kann man aber nicht sprechen.

Gleichzeitig erleben viele Menschen vorübergehende Einsamkeit in bestimmten Lebenssituationen: bei Umzügen, Trennungen, Trauer oder beruflichen Veränderungen. Für manche bleibt sie jedoch nicht vorübergehend – sie leben über längere Zeit in sozialer Isolation, oft verbunden mit psychischen oder körperlichen Erkrankungen

Ist Einsamkeit also nicht immer problematisch?

Roleder: Zunächst ist Einsamkeit ein subjektives Gefühl – schmerzhaft, oft auch schambesetzt. Aber sie erfüllt auch eine wichtige Funktion: wie ein sozialer Hunger zeigt sie uns, dass wir Anschluss suchen sollten. Problematisch wird es, wenn dieser Wiederanschluss nicht gelingt und Einsamkeit chronisch wird. Entscheidend ist der Umgang mit diesem Gefühl. Hier kann Seelsorge viel leisten: Sie kann den Schmerz der Einsamkeit empathisch teilen, sie kann helfen, die eigene Einsamkeit zu verstehen, manchmal kann sie Menschen auch ermutigen, neue Wege in Beziehung zu gehen.

Welche Rolle spielen Kirche und Religion im Blick auf Einsamkeit?

Roleder: Das Verhältnis von Einsamkeit, Religion und Kirche ist ambivalent. Einerseits bieten Kirchengemeinden, Besuchsdienste, diakonische Projekte, die Telefonseelsorge soziale Kontakte und Begleitung. Gottesdienste können das soziale Vertrauen stärken – und soziales Vertrauen erleichtert soziale Nähe. Religiöse Praxis kann so Zugehörigkeit stiften und Einsamkeit lindern.

Andererseits zeigen empirische Untersuchungen: Wo Kirche bestimmte Lebensformen und Familienbilder bevorzugt, kann dies Einsamkeit bei denjenigen verstärken, die den vermeintlichen Idealen nicht entsprechen. Es lässt sich zeigen: Gottesdienstbesuche anlässlich von Kasualien und kirchlichen Feiertagen, etwa an Weihnachten, können das Einsamkeitsempfinden von Alleinerziehenden verstärken, wenn in den Gottesdiensten traditionelle Familienbilder dominieren. Auch LGBTQI-Personen empfinden nachweislich mehr Einsamkeit, wenn in den Kirchengemeinden eine heteronormative Kultur dominiert. Hier trägt Kirche Verantwortung, Vielfalt sichtbar und anerkannt zu machen.

Werden die bestehenden Angebote den unterschiedlichen Formen von Einsamkeit gerecht?

Roleder: Kirche, Diakonie und Seelsorge leisten seit Jahrzehnten wichtige Arbeit – lange bevor Einsamkeit ein öffentliches Thema wurde. Ob Besuchsdienste, Trauer- oder Krankenhausseelsorge, Beratungsstellen, Bahnhofsmission oder Telefonseelsorge: Einsamkeit ist dort vielfach präsent.

Gleichzeitig zeigt die psychologische Forschungen, dass negative Selbst- und Fremdwahrnehmungen Einsamkeit verstärken können: Wer sich für nicht liebenswert hält oder anderen grundsätzlich misstraut, zieht sich eher zurück. Hier kann Seelsorge von kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansätzen lernen – etwa indem sie hilft, belastende Gedanken zu hinterfragen und neue Verhaltensweisen einzuüben.

Gerade junge Menschen haben in der Pandemie besonders unter Isolation und Einsamkeit gelitten.  Wie kann die Seelsorge auf diese nicht besonders kirchenaffine Gruppe zugehen?

Roleder: Seelsorge kann junge Menschen über verschiedene Wege erreichen: insbesondere im Religionsunterricht, in der Konfirmand*innenarbeit, über Chat- und Mailangebote der Telefonseelsorge oder über religiöse Influencer*innen in sozialen Medien. Die oft verdrängte Einsamkeit als Thema offen anzusprechen, kann hier Brücken bauen.

Was unterscheidet Seelsorge von anderen Beratungs- und Therapieangeboten?

Roleder: Seelsorge bringt ihre religiöse Perspektive ein. Biblische Texte – etwa die Klagepsalmen – bringen Erfahrungen von Verlassenheit von Menschen und Gott zur Sprache und stellen sie in einen religiösen Horizont. Manche Menschen in Einsamkeitssituationen erleben durch ihrer Gottesbeziehung Trost und Unterstützung. Seelsorge kann diese Ressourcen stärken.

„Seelsorge sollte auch öffentlich Stellung beziehen, um Einsamkeitsrisiken zu reduzieren.“

Dr. Felix Roleder Juniorprofessor f. Praktische Theologie Universität Hamburg

Zugleich nimmt Seelsorge auch die Ambivalenz von Religiosität ernst: Wer in der Einsamkeit Gottverlassenheit empfindet, erlebt Einsamkeit häufig noch intensiver. Mit ihrer religiösen Kompetenz kann Seelsorge Erfahrungen religiöser Verlassenheit und Sinnkrisen begleiten.

Einsamkeitsbezogene Seelsorge hat unterschiedliche Dimensionen und Funktionen: Als alltägliche Seelsorge, die Geselligkeit, regelmäßige Unterstützung und Zugehörigkeit ermöglicht. Als kirchliche Seelsorge adressiert sie die religiöse Dimension von Einsamkeit und begleitet bei emotionalen Fragen. Die beratende Seelsorge bedenkt Wege mit und aus der Einsamkeit und die therapeutisch orientierte Seelsorge nimmt soziale Denk- und Verhaltensmuster in den Blick.

Die regelmäßigen „Plauderanrufe“ bei der Telefonseelsorge repräsentieren eine alltägliche Form von Seelsorge: Es geht für Menschen in Kontaktarmut darum, gehört und gesehen zu werden.

Inwieweit ist Seelsorge die Antwort auf strukturelle Ursachen der Einsamkeit?

Roleder: Armut, anhaltende Krankheit und die kulturelle Stigmatisierung von Minderheiten verhindern soziale Teilhabe und stellen strukturelle Einsamkeitsrisiken dar. Seelsorge sollte sich daher nicht auf die individuelle Begleitung beschränken, sondern auch öffentlich Stellung beziehen. Um Einsamkeit in der Gesellschaft zu reduzieren, braucht es neben einer funktionierenden öffentlichen Infrastruktur und bezahlbarer Mobilität auch Begegnungsräume in Stadtteilen und einen starken Sozialstaat. Wichtig ist zudem ein kultureller Wandel hin zur Anerkennung von Vielfalt. Wo kulturelle Ausgrenzung abgebaut wird, sinkt auch das Risiko kulturell bedingter Einsamkeit.

Künftig wird es wohl weniger Pfarrer*innen und professionelle Seelsorger*innen geben. Welche Rolle könnten Ehrenamtliche spielen?

Roleder: Angesichts sinkender Zahlen hauptamtlicher Seelsorger*innen wird das Ehrenamt weiter an Bedeutung gewinnen. Schon heute tragen Ehrenamtliche etwa die Besuchsdienste, die Krankenhaus- und Telefonseelsorge und viele weitere seelsorgliche Angebote wesentlich mit. Entscheidend ist dabei die professionelle Begleitung: Supervision, Ausbildung und kontinuierliche Fortbildung tragen zur Qualität der Angebote bei. Davon profitieren die Ratsuchenden aber auch die Seelsorger*innen selbst.

Interview: Jörg Echtler, Andrea Hackenberg

Dr. Felix Roleder ist Juniorprofessor für Praktische Theologie mit dem Schwerpunkt Kybernetik an der Universität Hamburg. Derzeit arbeitet er an einem Habilitiationsprojekt zum Thema „Einsamkeit, Gesellschaft, Religion. Eine mehrperspektivische Untersuchung im seelsorgewissenschaftlichen und diakoniewissenschaftlichen Interesse“. Er ist Mitherausgeber des Bandes „Einsamkeit, Sinnsuche, Teilhabe − Interdisziplinäre Perspektiven zu einer gesellschaftlichen Herausforderung“, der auch als kostenloser Download verfügbar ist.