Thematische Einführung im ökumenischen Gottesdienst der „Woche für das Leben – Leben im Sterben“ am 17. April 2021 im Hohen Dom zu Augsburg

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland

Es gilt das gesprochene Wort

Liebe Schwestern und Brüder,

ich freue mich sehr, dass wir die „Woche für das Leben 2021“ – wenn auch unter besonderen Umständen – heute hier in Augsburg offiziell eröffnen können. Im Namen der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz begrüße ich sehr herzlich alle, die im Gottesdienst mitwirken und Sie alle an den Bildschirmen daheim.

„Leben im Sterben“ – als wir vor gut zwei Jahren das Thema und diesen Titel für die „Woche für das Leben“ festlegten, ahnte noch niemand etwas von einer Pandemie, die uns allen, der ganzen Gesellschaft, weltweit, die Verletzlichkeit und die Schutzbedürftigkeit des Lebens so nah vor Augen führen würde. Eine Pandemie, die zugleich so viele Perspektiven (im wahrsten Sinne des Wortes) „verrückt“: Dass auf einmal „soziale Distanz“ der größte Schutz des Lebens bedeuten würde, ist für mich bis heute schwer zu begreifen. Denn diese „Distanz“ steht dem Kern unseres menschlichen Wesens, dem, was „Leben“, „lebendig sein“ bedeutet, doch grundlegend entgegen: Wir Menschen sind Beziehungswesen. Wir leben von der Begegnung, dem Miteinander, von gegenseitiger Zuwendung und Nähe, auch von leibhaftigen Berührungen; gerade in den verletzlichsten Momenten des Lebens, bei Krankheit oder in der letzten Lebensphase, beim Sterben.

„Leben im Sterben“ – unter diesem Motto macht die Woche für das Leben 2021 auf das Thema der Hospiz- und Palliativversorgung aufmerksam. Der englische Begriff „Palliative Care“ vermag dabei das, um was es geht, noch besser zu beschreiben. Denn es geht nicht nur um nüchterne „Versorgung“, sondern es geht um mehr: „Palliare“ kommt aus dem Lateinischen und heißt „ummanteln“. „Care“ bedeutet neben der medizinischen und pflegerischen Ver-Sorgung eine umfängliche Sorge: Fürsorge, Zuwendung, „Um-Sorgung“ des ganzen Menschen. Nicht die Lebensdauer, sondern die Lebensqualität steht hierbei im Mittelpunkt [: „Dem Leben nicht mehr Tage geben, sondern den Tagen mehr Leben“ – so brachte Cicely Saunders, die Begründerin der modernen Hospiz- und Palliativbewegung, den Grundgedanken von Palliative Care einst auf den Punkt.]

Palliative Care nimmt den Menschen mit all seinen körperlichen, psychischen, sozialen und spirituellen Bedürfnissen in den Blick. Dabei spielt eine vielgestaltige professionelle Begleitung – von Ärztinnen und Ärzten, Pflegenden, Sozialarbeiterinnen, Therapeuten, Seelsorgenden – eine ebenso wichtige Rolle wie die Begleitung durch Ehrenamtliche. Über 100.000 Ehrenamtliche engagieren sich in der Hospizbegleitung. Sie machen deutlich: Die fürsorgliche und kompetente Unterstützung von Menschen am Lebensende ist ein Thema, das in die Mitte der Gesellschaft gehört. Wir alle zusammen bilden als „sorgende Gemeinschaft“ den „Mantel“, mit dem nicht nur Schmerzen und Leiden, sondern die Kranken und Sterbenden sowie ihre Angehörigen selbst umhüllt werden.

Als Kirchen möchten wir mit den vielen Akteuren der Hospiz- und Palliativversorgung gemeinsam Verantwortung für Schwerkranke und Sterbende tragen. Wir sind dankbar und froh, dass diese Verantwortung in den vergangenen Jahren auch politisch erkannt wurde, z.B. in Form des Gesetzes zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland, das 2015 beschlossen wurde. Vieles hat sich in diesem Bereich seitdem positiv entwickelt; dennoch sind wir längst nicht am Ziel. Als Kirchen ist es uns gerade auch vor dem Hintergrund der neuen Debatten um den Assistierten Suizid ein wichtiges Anliegen, die palliative Begleitung am Lebensende noch einmal verstärkt in den Fokus zu rücken – wenn auch in dem Bewusstsein, dass damit nicht alle Fragen rund um den Assistierten Suizid beantwortet sind.

Mit dem Thema der Woche für das Leben 2021 „Palliative Care – Leben im Sterben“ möchten wir einer Kernüberzeugung unseres christlichen Glaubens Ausdruck verleihen: Der Mensch ist in jeder Phase seines Lebens von Gott angenommen. Weder Tod noch Leben kann uns trennen von der Liebe Gottes in Christus. Daraus folgt für uns Christinnen und Christen, Kranken und ihren Angehörigen in ihrer herausfordernden Situation beizustehen. Wo Menschen existenzielles Leid erfahren, wissen wir: Gott ist nahe – gerade dann.

Ich danke dem Bistum Augsburg, insbesondere Ihnen, lieber Bruder Bischof Bertram Meier, und dem Kirchenkreis Augsburg-Schwaben mit Dir lieber Regionalbischof Axel Piper, sowie dem gesamten ökumenischen Vorbereitungsteam sehr herzlich, dass Sie die Gastgeberschaft für die bundesweite Eröffnung der Woche für das Leben 2021 übernommen haben. Möge Gott diesen Tag und diese gesamte Woche für das Leben mit seinem Segen begleiten.

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Predigt beim ökumenischen Gottesdienst zur bundesweiten Eröffnung der Woche für das Leben

Bischof Dr. Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

17. April 2021 in Augsburg
 

Lesung: 1 Petr 1,7–11
Evangelium: Joh 14,23.25–27

In Frieden sterben: Wer wünscht das nicht seinen Liebsten und auch für sich selbst. Zwar lässt sich vieles regeln und das Sterben schon im Leben vorbereiten, aber wir wissen auch, wie unverfügbar Lebensanfang und Lebensende sind. Keiner von uns kann absehen, wie wir sterben werden und wie wir selbst damit umgehen werden. Keiner von uns hat eine unmittelbare Erfahrung mit dem eigenen Tod. Meistens trifft die Diagnose einer lebensbedrohlichen Krankheit unvorbereitet und lässt Ängste, Sorgen und Trauer aufkommen. Menschen fürchten sich mitunter am meisten davor, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren. Wir sind es so sehr gewohnt, alles zu planen und selbstbestimmt zu entscheiden. Wir sind zufrieden, wenn wir alles im Griff haben. Und es ist ja richtig, gut und verantwortlich für uns selbst zu sorgen. Nun wird aber der Radius der eigenen Möglichkeiten in der letzten Lebensphase auf ganz natürliche Weise immer kleiner. Genau davor fürchten wir uns, genau deshalb beunruhigen wir uns und verzagen. Die Worte des Johannesevangeliums lassen sich da gut übertragen.

Gute Begleitung ist darum in dieser Lebensphase sehr wichtig, wenn die eigene Kraft weniger wird! Das wissen Angehörige nur zu gut, die ihre Lieben mit großem Einsatz umsorgen. Und es ist die Grundüberzeugung der Hospiz- und Palliativversorgung, dass die Sterbenden ganzheitlich begleitet werden sollen. Cicely Saunders, die Begründerin der Hospizbewegung und bekennende Christin, wusste darum, dass Schmerzen zwar durch körperliche Veränderungen hervorgerufen werden, dass ihr Erleben aber sehr stark von psychischer und sozialer  Not  und  von  spirituell-existenziellen  Fragen  beeinflusst  wird. Das Beziehungsgeflecht, in dem die Patientinnen und Patienten leben, spielt also eine große Rolle. Besuche und Gespräche mit Angehörigen und Freunden, aber auch mit den Hospizbegleiterinnen und -begleitern können sinnstiftend und heilsam sein. Manchmal ist es sogar leichter, mit einem Fremden über schwierige Themen des eigenen Lebens zu sprechen, um Versöhnung zu finden. Ganzheitlich bedeutet ebenso, dass die psychischen und seelischen Dimensionen ernst genommen werden. Glaube und Seelsorge werden dabei als sehr wichtig erfahren. Sich in Gottes Hand geborgen zu wissen, auf ein Leben nach dem Tod hoffen zu können, Vergebung zu erfahren und Gemeinschaft – das kann Frieden und Gelassenheit im Sterben vermitteln. Gott selber kann einen Frieden schenken, den die Welt nicht geben kann. Seine Nähe in allem Leid und seine Zusage, dass wir eine Heimat bei ihm haben, kann uns einen Trost geben, der über alles hinausgeht, was wir aus uns selbst erreichen können, einen Frieden, „der alles Verstehen übersteigt“ (Phil 4,7).

Davon spricht auch Jesus in den Abschiedsreden des Johannesevangeliums. Drei Dimensionen leuchten da auf, wie wir mit Jesus in Verbindung bleiben: Als Erstes sind es Liebe und Nachfolge, die in die Gemeinschaft mit Gott führen. Jesus sagt: „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen.“ Der Beistand, der Heilige Geist, wird uns lehren, das ist das Zweite. Wörtlich ist hier die Rede vom „Paraklet“, dem „Herbeigerufenen“, dem Tröster, Helfer und Anwalt. Drittens: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.“ Friede also als ein Geschenk des Herrn.

So muss es der greise Simeon empfunden haben, der im Angesicht des Messias sagen konnte:

„Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen“ (Lk 2,29 f.). So betet die Kirche seit frühen Zeiten jeden Abend bei der Komplet, wenn der Tag zu Ende geht und die Nacht uns mit ihrer Ungewissheit umfängt: Eine ruhige Nacht und ein gutes Ende gewähre uns der allmächtige Herr.

Ein gutes Ende – wir haben es nicht allein in der Hand. Aber wir dürfen darauf hoffen, weil der Herr bei uns ist, selbst dort, wo Sterben ganz und gar nicht einfach ist, sondern Qual im physischen und psychischen Sinn. Hoffnung braucht Bilder: die Hand Gottes, die hält; das Haus des Vaters mit vielen Wohnungen als Ziel; Liebe, stärker als der Tod. Und dennoch sind auch im Glauben an die Auferstehung Ängste und Zweifel ganz natürlich – sie dürfen sein. Und gerade in diesen Momenten tut Begleitung gut. Da stützt das Glaubenszeugnis anderer. Da leuchten Hoffnungsträger und vermitteln Frieden.

„Leben im Sterben“, das war schon Thema der Woche für das Leben im vergangenen Jahr. Sie konnte im ersten Lockdown nicht begangen werden. Ein Jahr später ist dieses Leitwort „Leben im Sterben“ mit vielen neuen Erfahrungen angereichert. Wir denken an die vielen Verstorbenen der Corona-Pandemie weltweit und in unserem persönlichen Umfeld, an die Gedanken, die sich viele um das eigene Sterben und die Begrenztheit des Lebens machen. Und überhaupt: Täglich sterben  Menschen,  auch  unabhängig  von  Corona,  und  sie  sind  alle  betroffen  von  den Einschränkungen auf den Palliativ- und Hospizstationen, in den Heimen und zu Hause, wenn Besuche und Abschied nicht wie sonst möglich sind. Das Thema der Woche für das Leben trifft so sehr das Empfinden vieler Menschen.

Und noch etwas hat sich verändert: Gesellschaftlich hat das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum assistierten Suizid die Debatte um ein selbstbestimmtes Sterben neu aufflammen lassen. Die Politik ist gefragt, ein neues Gesetz zu schaffen. Ich sehe dies mit großer Sorge, denn für mich ist hier ganz deutlich die Gefahr eines Dammbruchs gegeben, wenn eine Legalisierung der Beihilfe zur Selbsttötung möglich wird, denn der Druck auf alte und kranke Menschen wird mit der Zeit wachsen. Seinem Leben selbst ein Ende zu setzen, entspricht nicht dem christlichen Menschenbild. Als gläubiger Mensch bekenne ich, dass Leben und Sterben in Gottes Hand liegen. Jeder Mensch behält in jeder Phase des Lebens seine Würde, unabhängig von seiner Verfassung, seiner Schaffenskraft oder seiner Gesundheit. Wer unheilbar krank ist, verdient die bestmögliche Fürsorge und Pflege.

Die moderne Medizin und schmerzstillende Mittel machen viel Linderung körperlichen Leidens möglich. Aber es gibt eben auch seelische Schmerzen und auch die Sehnsucht nach dem Tod angesichts von Einsamkeit und schwerem Leid. Doch die Erfahrung sagt auch, dass der Lebenswille zurückkehren kann, wenn Schmerzen gelindert werden und die Menschen umsorgt sind. Hier arbeiten Seelsorgerinnen und Seelsorger Hand in Hand mit Pflegenden und Ärzten in der Hospiz- und Palliativversorgung sowie mit den Angehörigen. Hier wird „Leben im Sterben“ Realität im besten Sinn. Danke allen, die hier unermüdlich zusammenwirken.

Die christliche Hoffnung greift über den Tod hinaus. Ostern bezeichnet diesen weiten Horizont des Lebens. Die Auferstehung Jesu ist Wirklichkeit im Glauben und zugleich Verheißung des Herrn für uns: Ich lebe – und auch ihr werdet leben. Ich spüre, wie sehr mich das trägt und dankbar macht. Nach dem Leben und nach dem „Leben im Sterben“ wartet nicht der Tod, sondern nur noch mehr Leben. Welch eine gute Aussicht. Amen.

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Plakat Woche für das Leben

Website „Woche für das Leben“