Die WM in den USA als „eine Chance für Lebensfreude“
Wie der Washingtoner Pfarrer Volker Metzler das Fußballturnier erlebt
In Washington erlebt der deutsche Auslandspfarrer die Fußball-WM als Moment der Begegnung: Menschen verschiedener Nationen kommen beim Fußball zusammen, feiern gemeinsam und lassen Sorgen für eine Weile in den Hintergrund treten.
Die Fußball-WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko ist für viele Fans mehr als ein sportliches Großereignis. In Washington bietet das Turnier eine Gelegenheit, Menschen verschiedener Nationen und Milieus miteinander in Kontakt zu bringen, sagt Volker Metzler, Pfarrer der deutschen Auslandsgemeinde in Washington. Beim gemeinsamen Fußball-Gucken könnten Alltagssorgen für einige Momente in den Hintergrund treten. Die WM sei „eine Chance für Lebensfreude“, sagt Metzler.
Knallgelb, rote Schulterstreifen, blauer Kragen – zum Zoom-Interview trägt Metzler das kolumbianische Trikot. Als Fußballfan freut sich der Pfarrer der Auslandsgemeinde in Washington darauf, Menschen aus verschiedensten Nationen zu treffen, gemeinsam Spiele zu sehen und dabei „für viele Mannschaften jubeln“ zu können. Denn in und um die US-Hauptstadt lebe eine sehr plurale Gesellschaft, berichtet der Theologe, der dort seit zwei Jahren sein Amt versieht. Auch viele Menschen mit lateinamerikanischen Wurzeln. Sie seien es auch, die die Fußballbegeisterung derzeit am deutlichsten nach außen trügen.
Fußball-WM 2026 in den USA: Begegnung beim gemeinsamen Feiern
„Dabei war ich zuerst sehr skeptisch“, räumt Metzler ein. Zu viele Mannschaften, zu viel Kommerz. Er hat seine Meinung revidiert. Die WM sei ein willkommenes „Ventil für positive Gefühle, eine Chance auf Lebensfreude, etwas Unverfängliches, auf angstfreies Feiern“. Die Sorgen des Alltags, das Bangen um die Zukunft könne für ein paar Momente vergessen werden. „Einmal nicht über Probleme, sondern über Mannschaftsaufstellungen sprechen können“ – das sei „eine Form der Erleichterung, nach der die Leute lechzen“. Daher könnte die WM nach seinem Geschmack „durchaus noch ein paar Monate länger dauern“, meint Metzler lachend.
Fußball-WM 2026 als Thema in der deutschen Auslandsgemeinde Washington
In der deutschen Auslandsgemeinde mit ihren rund 200 Mitgliedern - unter ihnen viele Ex-Patriots mit ihren Familien, die für einige Jahre in den USA leben und im diplomatischen Dienst, für Bundeswehr, Weltbank oder große Firmen arbeiten – ist die Fußball-WM natürlich ein Thema. In den Sommerferien, die gerade begonnen haben, lege auch das offizielle Gemeindeleben ein Pause ein. Deshalb gebe es keine Veranstaltungen zu Thema, sagt Metzler. Aber im privaten Rahmen, im Freundeskreis oder in der Firma treffe man sich, um gemeinsam zu gucken und mitzufiebern.
Ticketpreise zur WM: In den USA kein großes Aufreger-Thema
In der öffentlichen Wahrnehmung stehe die Fußball-WM dagegen bis jetzt eher am Rand, berichtet Metzler. „Die hohen Spritpreise, die Unabhängigkeitsfeiern oder der Reflecting Pool beschäftigen die Menschen viel mehr“, so Metzler. Auch die Auslosung der Spiele im Kennedy-Center im Dezember – in Deutschland ein großes Thema – hätten vor Ort kaum Aufmerksamkeit erregt. Und selbst die hohen Ticketpreise seien für die meisten Amerikaner*innen kein Aufreger, betont Metzler. „Ein Stadionbesuch bei der NFL kostet für eine vierköpfige Familie im Schnitt 1000 Dollar. Hohe Preise sind also gang und gäbe.“ Wer sich das nicht leisten kann oder will, kann auch öffentlich gucken. „Watch parties“ gibt es in Bars und Innenstädten. „Hier können sich Interessierte auf dem Laufenden halten“, so Metzler. Oder sie besuchen die Fanzone der Fifa auf der National Mall, direkt vis-a-vis des Kapitols. „Dort laufen die Spiele auch.“
Fußball in den USA: Zwischen Randsportart und wachsender Begeisterung
Sport ist auch in der Kultur der USA eine wichtige Größe. „Sport ist weit mehr als Freizeit“, sagt Volker Metzler. An Colleges und Universitäten seien die Mannschaften wichtige Sprungbretter für Karrieren. Hier dominieren Basketball, Football, Baseball oder Eishockey. Fußball – „Soccer“, wie es dort heißt – sei dagegen eine Randsportart, konzentriert auf die „urbanen Milieus“. Daran habe sich seit der letzten WM im Land – die war 1994 – nicht viel geändert, so Metzler. Gemessen etwa am Basketball mit seinen schnellen Aktionen „ist Fußball für viele Amerikaner vielleicht einfach zu langsam“, mutmaßt der Theologe. Eine erstaunliche Ausnahme bildet der Frauenfußball. Der sei in den USA weitaus beliebter als in Europa, so Metzler.
Durch das Engagement von Spitzenspielern aus Europa oder Lateinamerika versuchten US-Vereine zwar, die Popularität der Sportart zu erhöhen. „Doch das ist ein sehr weiter Weg“, sagt Metzler. Viel hänge natürlich auch vom Erfolg ab. Sollten die US-Boys im Turnier also das Viertel- oder Halbfinale erreichen, dann könnte das Interesse auch in der weißen Bevölkerung steigen, vermutet der Pfarrer. „Die Amerikaner sind ja schon sehr begeisterungsfähig und steigen auch schnell auf etwas ein.“
Fußball als Völkerverständigung: Raus aus der eigenen Blase
Im gemeinsamen Erleben der Spiele sieht Volker Metzler eine willkommene Chance. „Menschen aus aller Herren Länder kommen in einem gemeinsamen sportlichen Geist zusammen.“ Ein Stück Völkerverständigung in einer gespaltenen Gesellschaft. „Man verlässt die eigene Blase und kommt sich näher als sonst“, sagt der Pfarrer. Er wünscht sich deshalb, dass auch weiterhin der Fußball im Mittelpunkt steht und nicht durch andere Themen überlagert oder instrumentalisiert wird.
Jörg Echtler