„Respekt und Mut gezeigt“ Predigt für zurückgekehrte Entwicklungshelfer*innen und Friedenskräfte

Prälatin Dr. Anne Gidion, Bevollmächtigte des Rates EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union in der St. Matthäus-Kirche, Berlin

In ihrer Predigt beim Gottesdienst des „Danktages für die zurückgekehrten Entwicklungshelfer*innen und Friedenskräfte“ verglich Prälatin Anne Gidion die Sendung der Jünger Jesu mit der Sendung der Fachkräfte. Auch ihnen sei Verantwortung übertragen worden, die jeweils unterschiedlich auf der Welt wahrgenommen wurde. „Sie haben sich senden lassen und haben getan, was Sie tun konnten. Wir haben Respekt vor Ihrem Mut, Ihrer Anpassungsfähigkeit", sagte Gidion mit Blick auf die Herausforderungen und Wagnisse, die eine solche Arbeit mit sich bringt.

Zum Danktag laden traditionell die Gemeinsame Konferenz der Kirche (GKKE), die Arbeitsgemeinschaft der Entwicklungsdienste (AGdD e. V.) sowie die verbundenen Werke und Dienste zum ein.

Predigt zum Danktag

Lesung im Gottesdienst Johannes 19, 19 – 23

19 Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!

20 Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.

21 Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.

Liebe Gemeinde,

Die Türen waren verschlossen – und Jesus kommt trotzdem rein. Er war es wirklich, er sah so aus, er hatte die Wunden noch in den Händen, durchgebohrt. Und die großen Narben oberhalb der Rippen, unverkennbar. Ihr Jesus.
Sie starrten ihn an.
Von Angesicht zu Angesicht.
Er redete weiter. Als wäre nichts gewesen.
Friede sei mit Euch.“ Sagte er. Friede mit Dir und mit Dir und mit Ihnen und mit Ihnen auch.
„Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich Euch.“
Im Text geht es noch weiter:

 Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist!

Und er bläst die Jünger an.
So lange ist die Pandemie nicht her – dass es nicht merkwürdig klingt, dies: Er BLÄST SIE AN. Damit sie das haben, was er hat. Jesus – ansteckend?
Er bläst uns an, damit wir haben, was er hat. Was hat er?
Mut hat er. Augenmaß. Hoffnung. Phantasie. Herzsprache. Liebe.
Er bläst sie an – vielleicht auch nur durch die Augen, durch die Haltung, durch den Ton seiner Stimme.

Er bläst sie an und sagt: „Nehmt hin den Heiligen Geist.“

Ein Vers mehr noch: Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.

Eine sehr eigenwillige Entsendnung! Das bedeutet dies „So sende ich Euch“: Dieser Geist, den Jesus einbläst, jenseits aller hygienischen Erwägungen, der empowert. Der stattet mit Kraft aus.
Jesus bläst mit Kraft, mit Geistkraft, mit Hoffnungshaltung. Mit Trotzkraft. Mit Kompetenz.

Jesus gibt sein Bestes. Und stattet damit andere aus. Er sagt damit: Ihr seid die Gesandten. Und Ihr seid es wert. Ihr habt die Vollmacht. Ihr habt die Verantwortung. Geht so damit um, wie ich es gemacht habe. Und dann verneige ich mich vor Euch.
Vielleicht ist das die Aufgabe von christlichen Menschen in dieser merkwürdigen Zeit.
Nicht umhertönen ist unsere Aufgabe und auch noch nicht das abschließende Wort zur Lage verkündigen. Noch keine Deutung kundtun und vor allem: nichts von dem, was jetzt gerade ist, Gott in die Schuhe schieben. Nicht aufgeben, weil gerade die im Aufwind liegen, die sich vor allem von Misstrauen haben anpusten lassen und Misstrauen weiterpusten auf allen Kanälen. Sodass Religion in unseren Breiten real wieder bekämpft wird durch falsche Propheten. Ich bin überzeugt: Das, was diese verkünden, ist keine Gottesbotschaft. Gott ist kein Lenker und kein Zuchtmeister. Das ist nicht sein Stil.

Diese Johanneserzählung gehört im Kirchenjahr (jedenfalls evangelisch) zum Pfingstmontag. Also in die Zeit, in der Kirche in der Welt sich formt. Nach den großen Szenen von Karfreitag und Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten, geht es danach mitten hinein in die Welt. In die Auftragsklärung. In das Leben als Christenmenschen. Was heißt das – leben mit Pfingstgeist? Leben – geschickt und gesandt?

Von Jesus angepustet sein, könnte in dieser Zeit heißen: gemeinsam Maß zu halten. Nicht durchzudrehen. Nicht verrückt zu werden. Gegenan zu lieben, zu hoffen, zu beten und zu arbeiten. Nicht der Versuchung der Extreme zu erliegen.
Daran zu erinnern, dass wir zerbrechliche Wesen sind. Wir wissen wenig und beherrschen maximal die eigene Tastatur und gewiss nicht die eigenen Seelenwindungen und schon gar nicht die Zukunft und weder die Fußball- noch die Wahlergebnisse.

Aber wir wissen, dass die Zerbrechlichen besonders sind. Dass die Armen eigene Würde haben. Dass wir von den vermeintlich Schwächeren lernen können. Auch etwas davon, wie sich Zuversicht leben lässt im Shrinking Space für unsere Arbeit.

Der Jesus, der uns anbläst, hat Wunden an den Händen und an der Seite. Er ist hingerichtet worden und trotzdem noch da.

Und wir können erzählen: Pfingsten ist das Gegenteil von „everything under control“. Aber es ist eine eigene Immunkraft. Angeblasen werden von Jesus ist wie ein seliger Wind.
Vielleicht entsteht so eine gemeinsame Immunität der Geister. Immunität gegen Verschwörung und Trotz. Mit Instinkt für die Zwischenräume. Mit Augenmaß bei Leben und Tod. Und wir können uns verneigen vor dem Angepustetsein, dem Göttlichen im Anderen.

Sie sind ausgesendet gewesen – in vielen Teilen dieser Welt. Sie haben sich eingelassen auf anderes Leben, andere Verhältnisse, vielleicht ärmer, vielleicht gewürzter, vielleicht kälter oder wärmer oder nasser oder trockener als hier. Sie haben sich senden lassen und haben getan, was Sie tun konnten, allein oder mit Ihren Familien, haben mitgelebt, mitgeliebt, mitgelitten, mitgegessen und gestärkt. Sind gestärkt worden – vielleicht da, wo Sie es gar nicht erwartet hätten.

Vielleicht haben Sie in Gesichter geguckt, die Sie nie vergessen werden. Vielleicht bringen Sie Wunden mit, von denen Sie erst viel später erzählen oder auch nie.
Wir danken Ihnen für diesen Dienst. Wir haben Respekt vor Ihrem Mut und Ihrer Anpassungsfähigkeit.

Sie haben sich anpusten lassen. Und nun hat der Wind Sie wieder zurückgeführt.

Auf ein Neues! Schaut einander ins Angesicht. Und dann verneigt Euch vor dem Geheimnis, dass der Andere ist. Vor dem Unverfügbaren, das die andere ist. Vieles ist möglich. Nicht alles verfügbar.

Nehmt hin den Heiligen Geist. Wohin er Euch als nächstes sendet, dahin geht.

Amen