EKD-Sportbeauftragter setzt bei WM auf kritisches Bewusstsein
Thorsten Latzel, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland und Sportbeauftragter des Rates der EKD, spricht sich gegen moralische Boykott-Aufrufe zur Fußball-WM 2026 aus. Stattdessen plädiert er dafür, das Turnier kritisch zu begleiten, Missstände klar zu benennen und zugleich die verbindende Kraft des Sports zu nutzen – auch als Zeichen der Solidarität mit Christinnen und Christen in den USA.
Herr Latzel, kann man als evangelischer Christ mit reinem Gewissen die Fußball-WM der Männer schauen, auch wenn man der Meinung ist, dass dies eine merkantile Ausbeutung des Sports ist, die größtenteils in einem zunehmend autoritärem Land stattfindet?
Latzel: Natürlich kann man die Fußball-WM der Männer anschauen – den Reinen ist alles rein (Titus 1,15). Kasuistische Gebote sind sicher nicht evangelisch. Ob man es will und tun sollte, ist eine andere Frage, die jede/r für sich entscheiden muss. Die finanzielle Ausschlachtung der Spiele durch die FIFA ist in der Tat unsäglich; die Trump-Regierung zerstört gezielt demokratische Rechte, geht menschenverachtend mit Minderheiten um, sät Hass und Spaltung statt Versöhnung. Die USA ist aber mehr als die MAGA-Bewegung, die WM mehr als die FIFA, und man kann die Spiele auch nutzen, um gerade über Missstände zu reden, Solidarität mit den Geschwistern in den USA zu zeigen, Zeichen der Gemeinschaft zu setzen. Sportliche Großereignisse haben ein einzigartiges Potenzial, um der friedlichen Begegnung von Menschen verschiedener Länder zu dienen. Das möchte ich nicht korrupten Autokraten überlassen. Darüber hinaus birgt sportliche Spiele eine Schönheit und eine Lebensfreude in sich, die ich anderen nicht madig machen möchte. Ich halte wenig von moralischen Boykott-Aufrufen, deren Reichweite ohnehin gering ist, und setze mehr auf kritisches Bewusstsein und kreativen Umgang.
Wird ein Seelsorge-Team der EKD vor Ort sein?
Latzel: Nein, es gibt kein Seelsorge-Team der EKD vor Ort. Das wäre auch organisatorisch und finanziell mit unseren Mitteln nicht zu stemmen. Wird sind als EKD bei den Olympischen und Paralympischen Spielen mit Seelsorger/innen vor Ort vertreten – weil dort eine gute Begleitung der Athlet/innen, Angehörigen und Fans möglich, machbar und notwendig ist. Das ist bei der Fußball-WM der Männer anders: Wir haben dort keinen Zugang zu den Spielern, sie sind völlig anders rundum versorgt. Wir stehen generell aber im Kontakt zum DFB und begleiten die Spiele mit geistlichen und ethischen Angeboten für unsere Gemeinden und die Öffentlichkeit.
„Sportliche Großereignisse haben ein einzigartiges Potenzial, um der friedlichen Begegnung von Menschen verschiedener Länder zu dienen. Das möchte ich nicht korrupten Autokraten überlassen.“
Fußballspiele folgen einer festgelegten Liturgie, sprechen eine emotionale Bandbreite von Trauer bis Jubel an und verbinden Zehntausende von Menschen. Kann sich Kirche etwas davon abschauen?
Latzel: Sport und Religion haben insgesamt viele Gemeinsamkeiten. Es geht um Gemeinschaft, Werte, Lebensfreude, Haltung, ein unverzwecktes Handel. Und im Stadion gibt es besondere Formen der Liturgie: vom Einzug der Mannschaft über Fan-Gesänge und Choreographien bis hin zur Sprache. Zugleich ist es gut, auch die Unterschiede klar wahrzunehmen. Im Glauben geht es um die letzten Fragen nach dem, was uns hilft, trotzig zu leben und getrost zu sterben. Sport dagegen ist eine schöne Schöpfungsgabe Gottes, mit der wir unseren Körper und unseren Willen trainieren können. Eins zu eins lässt sich das Stadiongeschehen nicht auf Gottesdienste übertragen. Etwas mehr emotionale Leidenschaft, Teamgeist und die Bereitschaft, den Acker umzugraben, egal, wo wir in der Tabelle stehen, täten uns aber insgesamt sicher nicht schlecht.
Sehen Sie die deutsche Mannschaft im Finale?
Latzel: Wir haben tolle Spieler, einen kreativen Trainer und unsere Mannschaft besitzt ein hohes Potential. Nach der Performance der letzten Jahre gelten wir nicht als der Top-Favorit, das muss aber kein Nachteil sein. Ich glaube, dass sich unser Team – so Gott will – im Turnier gut entwickeln kann und dann natürlich auch Chancen auf ein Finale hat. An meiner Unterstützung soll es zumindest nicht liegen.
Die Fragen stellte Frank Hofmann, VELKD.