„Wir müssen für die Demokratie kämpfen“

Bürgerrechtlerin Maria Kalesnikava ruft Kirchen zu Mut auf

Kirchen sollten ihren Einfluss für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt mutig nutzen - dazu ruft die belarussische Bürgerrechtlerin Maria Kalesnikava auf. Bei der Eröffnung der EKD-Ausstellung „Zusammen. Frei und gleich“ in Bremen betonte sie die Verantwortung der Kirchen in Europa und warb  für mehr Engagement im Einsatz für Freiheit und Rechtsstaat.

Bürgerrechtlerin Maria Kalesnikava spricht in der Kirche Unser lieben Frau in Bremen

Veränderung beginnt beim Einzelnen – Maria Kalesnikava fordert in ihrer Rede alle dazu auf, sich zu engagieren. 

Sie habe damals „nicht eine Sekunde überlegt“, sagt Maria Kalesnikava, die heute in Berlin lebt, zum Beginn ihres Engagements für die belarusische Opposition. Auch die Erfahrungen im Gefängnis hätten sie nicht an der Richtigkeit ihrer Entscheidung zweifeln lassen.

Während der Isolationshaft habe sie „die riesige Liebe“ ihrer Familie und „die Solidarität von Menschen auf der ganzen Welt“ aufrecht gehalten. Auch die Kunst habe ihr sehr geholfen. „Man trägt immer mehrere Welten in sich. Das gibt unglaubliche Kraft.“

Kirche kann in Krisenzeiten diplomatisch wirken

Die Kirche, besonders in Deutschland, ist für die Bürgerrechtlerin „ein Kern der europäischen Zivilisation“. In Philosophie, Musik, Architektur und bildender Kunst habe sie einen prägenden Einfluss – „das ist die DNA der europäischen Kultur“. Auf der anderen Seite könne die Institution Kirche auch in schwierigen Situationen politisch-diplomatisch wirken. So seien im letzten Jahr etwa auf Initiative des Vatikans gefangene Gläubige und Geistliche verschiedener Konfessionen in Belarus freigekommen. Man müsse eben einfach etwas tun, betonte Kalesnikava. „Alle müssen Mut haben – das gilt auch für die Kirchen.“

Es sei gerade eine gefährliche Zeit in Europa, aber es gebe auch Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen. „Wir müssen für die Demokratie kämpfen“, so Kalesnikava. „Das heißt: Jeder von uns muss jeden Tag etwas machen, um die Demokratie zu stärken.“ Die Veränderung fange bei jedem einzelnen an. Gute Taten würden klein beginnen und sich dann verbreiten – über die Familie, die Nachbarschaft und weiter, in „Wellen der Güte“. Wenn alle aktiv würden, „bekommen wir einen Tsunami der guten Taten, der sich über die ganze Welt verbreitet“.

 

„Alle müssen Mut haben – das gilt auch für die Kirchen.“

Maria Kalesnikova Bürgerrechtlerin und Musikerin

Durch das Internet gebe es heute unbegrenzte Möglichkeiten, mit der Welt zu kommunizieren, Neues zu erleben, sich zu bilden. Es sei wichtig, diese Möglichkeiten zu nutzen, so die Bürgerrechtlerin. „Wenn wir still bleiben, haben wir keine Möglichkeit, etwas zu verändern.“ Zu handeln, nicht nur zu reden, das sei entscheidend, so Kalesnikava. „Ich bin immer sicher: wenn wir etwas tun, führt das zum richtigen Ergebnis.“

In Bezug auf ihre Heimat forderte die 43-jährige Musikerin Deutschland und die EU auf, ihren Einfluss besser zu nutzen. „Belarus ist ein Land in der Mitte Europas. Es besteht jetzt die große Gefahr, dass es komplett unter den Einfluss Russlands gerät.“ Noch gebe es aber Möglichkeiten, die Situation zu beeinflussen. „Es liegt am politischen Willen“, sagte Kalesnikava. Belarus müsse als neutrale Pufferzone erhalten bleiben. „Das ist wichtig für die Sicherheit der Ukraine und ganz Europas.“

Text: Jörg Echtler