Seelsorger: Unglücke auf See sind immer komplex
Havariekommando organisiert psychische und materielle Hilfe für Crews, Einsatzkräfte und Passagiere
Wenn auf hoher See ein Unglück geschieht, sind Seeleute zunächst auf sich allein gestellt. Doch das Havariekommando in Cuxhaven organisiert rund um die Uhr Hilfe – auch für die Seele.
Cuxhaven (epd). Bei Unglücken auf See wird nach Ansicht des evangelischen Polizeiseelsorgers Marcus Christ auch die psychische Versorgung von Crews, Einsatzkräften und Passagieren immer wichtiger. Christ ist einer der Fachberater, die zum Stab des Havariekommandos gehören. Es organisiert von Cuxhaven aus im Rund-um-die-Uhr-Betrieb Unterstützung bei Unfällen und anderen Schadenslagen auf Nord- und Ostsee. „Unglücke auf See sind immer komplex“, sagte der Pastor im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).
„Der Weg zur Hilfe ist oft weit“, erläuterte der Leiter des kirchlichen Dienstes in Polizei und Zoll, der von der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen nebenamtlich beim Havariekommando beauftragt ist. „Wenn ein Schiff brennt, kann nicht mal eben die Feuerwehr kommen. Es kann auch nicht mit unendlich viel Wasser gelöscht werden, weil das Schiff dann womöglich sinkt.“ Ist das Schiff manövrierunfähig, werde es zudem zum Hindernis auf den Seeschifffahrtsstraßen, die dann abgesichert werden müssten.
Wetter und Seegang
Christ gehört zu den acht Fachleuten aus Bereichen wie der Seemannsmission und Notfallseelsorge, die das Havariekommando beraten. Sie organisieren bei Unglücken die Unterstützung, die dann in der Regel Einsatzkräfte von Hilfsorganisationen wie der Seemannsmission am Unglücksort übernehmen, wie er erläutert. Aktuell erarbeiteten sie ein neues Fachkonzept. „Die Kunst besteht darin, ganz viele Aspekte zusammenzudenken.“
Wetter, Seegang, unterschiedliche Sprachen und Kulturen prägten die Arbeit auf See, sagte der Seelsorger. „Seeleute leben an Bord, sie haben zum Teil keinen anderen Zufluchtsort.“ So organisiere das Havariekommando im Zweifel auch materielle Hilfe für das Nötigste, etwa wenn die Heuer ausgelaufen sei und ein Schiff auf Reede festsitze. „Auch bei plötzlichen Todesfällen an Bord werden wir gebeten, uns zu kümmern“, sagte Christ. „Das geschieht vernetzt mit der Seemannsmission, die auch international verankert ist.“
Die „Mein Schiff 3“ vor Cuxhaven
Der Seelsorger erinnert sich an einen besonderen Fall. Im Mai 2020 stand der Kreuzfahrer „Mein Schiff 3“ nach Corona-Fällen im Hafen von Cuxhaven mit fast 3.000 Besatzungsmitgliedern unter Quarantäne. Weltweit waren zuvor Häfen geschlossen worden. „Die Besatzung hatte das Gefühl, niemand will sie haben“, sagte Christ. „Viele hatten Angst, ums Leben zu kommen.“ Vertreter der Seemannsmission und andere Notfallseelsorger seien an Bord gegangen, um mit den Menschen zu sprechen und die Panik zu lindern. Er selbst habe die Einsatznachsorge mit den Seelsorgern übernommen – das Debriefing. Diese hätten auch zahlreiche Spenden der Bevölkerung mit aufs Schiff gebracht. „Die Mitglieder der Crew fühlten sich wie Aussätzige und waren froh, dass andere Menschen an sie gedacht haben.“