Jesus steht für Vertrauen

Prälatin Dr. Anne Gidion, Bevollmächtigte des Rates EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union beim CDU-Bundesparteitag, Stuttgart, 20.2.2026

Evangelium: Mt 14,22-33

Liebe Gemeinde,

Jesus hält vor vielen Menschen eine Rede. Sie hören aufmerksam zu. Wollen Orientierung, wollen gehört werden, wollen gemeinsam unterwegs sein, aufbrechen. Haben Hunger nach Zukunft, nach Selbstwirksamkeit, nach Gelingen. Fast wie auf einem Parteitag: Eigentlich müsste danach Austausch in Arbeitsgruppen kommen. Aber Jesus schickt die Menschen weg. Er will allein sein, beten, sich sammeln, Kraft nachladen. Auch eine Führungskraft braucht mal Pause. Wem sage ich das!

Seine Leute sind im Boot unterwegs, mitten auf dem See, ohne ihn. Mitten im heftigen Wind. Richtig stark. Gegenwind. Seitenwind. Der See kabbelt, das Boot kippelt. Das Ziel zu erreichen, wird immer unwahrscheinlicher. Und was war das eigentlich nochmal, das Ziel? 

Jesus sieht das Drama vom Berg aus. Er kommt hinunter, geht direkt über das Wasser auf das Problem zu.
Und die Jünger? Haben Angst, schreien, sehen nicht die nahende Lösung, sondern nur noch mehr Probleme: Jetzt auch noch ein Gespenst! Sie schicken Petrus vor, einer muss es machen. 

Petrus‘ erkennt Jesus. Sein erster Impuls ist: Vertrauen in das, was er gelernt hat. Vertrauen in das, was er will, kann, als Ziel sieht. Vertrauen zu dem, den er erkennt. Er geht aufs Wasser. Und siehe da: Das Wasser trägt. Hier könnte die Geschichte auch zu Ende sein. Der Lerneffekt läge auf der Hand: Problem erkannt, Problem in Angriff genommen. Vertrauen gewagt. Selbstwirksamkeit erlebt. Die Lösung ist in Sicht. Lass andere über Resilienz reden, wir hier haben sie selbst erfahren!

Doch dann fühlt Petrus wieder den Wind, starken Gegenwind, er erschrickt, wird unsicher. Und sofort sinkt er ein. Weil er seinen Kräften nicht traut? Weil Jesus erstmal liefern muss? Weil Petrus nicht mehr vertraut, dass Jesus der Richtige ist? Weil er Angst hat vor dem Unbekannten? Weil die biblische Geschichte sagen soll, dass wir gar nichts können und Jesus alles kann?

Vertrauen ist die Balance zwischen Wissen und Nichtwissen. Petrus balanciert über das Wasser – und in dem Moment, in dem er unsicher wird, bricht er ein. Zweites mögliches Resümee: Bitte nichts in Frage stellen. Das wäre dann wirklich das Ende für diese Predigt.

Der Reflex bei Petrus sitzt tief. Hilf mir, Herr. Ruft er. Immerhin. Die Adresse stimmt. Und der Reflex von Jesus sitzt auch. Sofort streckt er die Hand nach Petrus aus. Sofort. Auf Griechisch: „euthus“. Zentrales Wort in den Wundergeschichten der Evangelien. Es bedeutet: unmittelbar. Ab sofort. Unverzüglich. Jetzt. 

So ist es bei den Heilungen in der Bibel. Euthus – unmittelbar – kann der Gelähmte wieder gehen, stoppt der Blutfluss der Frau, kann der Blinde sehen, stillt Jesus den Sturm. Unmittelbar. So ist es immer, wenn Jesus in Beziehung geht. 

Das Wunder ist das Beiwerk. Dass Jesus „liefert“, davon gehen die Evangelisten aus. 
Der eigentliche Fokus liegt auf den Menschen, die um Hilfe bitten: die ausgestreckte Hand. Der Ruf. Der Schritt auf Jesus zu. Die zugewandte Geste. Die Frage. Dies: Hilf mir, meinem Unglauben, meinem Sohn, meinem Körper, meinem Augenlicht. HILF MIR. Hilf DU mir. Immer und immer wieder in der Schrift für das große C: Gott und Mensch gehen in rettende, in heilsame, in klärende, in orientierende Beziehung.
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Was davon ragt ins Jetzt? In welche biblische Szene steigen wir heute ein? 
Für mich in diesen Zeiten der Moment: Wo die Jünger Jesus sehen und denken, er sei ein Gespenst. Der Moment, in dem sie schreien und Angst haben. 

Und er sagt: Ich bin es. Und sie sagen: Wirklich? Beweis es uns. 
Und er das gelassen tut und nebenbei das Wunder bewirkt. 

Weil die wichtigste Sache passiert ist. Die Ansprache. Die Zuwendung. Die Bezogenheit. Die Jünger haben Angst. Petrus spricht Jesus an. Und Jesus sagt: Ich bin es doch. 
Ich höre Jesus durch die Zeit sprechen bis ins Hier und Heute. Ich höre ihn sagen: Misstrauen macht nicht stark, sondern schwach. Wer bei Gegenwind wackelt, versinkt. Ihr seid doch eine Vertrauensgemeinschaft. Niemals dürft ihr zulassen, dass euch nur noch das Misstrauen gegenüber den anderen zusammenhält. Das schwächt uns alle.

Vertrauen trägt. Ein Leben aus Vertrauen ist möglich, ratsam, Zukunft schaffend. Und das sage ich gerade in Zeiten der Welt in Unordnung. In Zeiten, in denen Sicherheit im Fokus steht und stehen muss. Gerade dann braucht es Vertrauen, Zutrauen, das Gefühl, gehalten zu sein, in Beziehung zu sein – um nicht unterzugehen.
Und ja, es kann dabei auch nasse Füße geben. So wie für Petrus – der aussteigt aus der Sicherheit der gewohnten Position, sich aus dem Boot heraustraut und so etwas Ungewöhnliches wagt wie über das Wasser zu gehen. Der ein Gelingensvertrauen hat. Da draußen warten auf ihn das, was Vertrauen ausmacht: nasse Füße - und eine Hand. 

Ja, der Schritt aus dem Boot heraus kann auch scheitern. Das Wasser kann zu tief sein und die Wellen zu hoch, und andere verpassen die ausgestreckte Hand und versinken. Das alles passiert und macht das Leben gefährlich und anspruchsvoll. Aber durch die Zeiten hindurch, aus denen unsere biblischen Szenen bis zu uns überliefert sind, ragen Hoffnung und das Versprechen: Vertrauen trägt, egal wie hoch wie Wellen schlagen. 
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Aus gutem Grund steckt Vertrauen in den zentralen Worten des neuen Testaments, ob auf Griechisch oder in lateinischer Übersetzung: fides, pistis. In beiden Sprachen bedeutet es Glaube und gleichzeitig Vertrauen. 
Wie übersetzen wir das heute? Resonanzgefühl. Sicher gebunden sein. Oder gelungene Beziehung, „Glück der Selbstachtung“ …

Um Hilfe zu bitten, die Hand hinzustrecken und für möglich zu halten, dass mir Christus begegnet und nicht ein Feind, nicht ein Gegner. Und auch jenseits von leichterem oder schwerem Einstieg ins Leben, auch in Krankheit und Schicksal ist es möglich, solche Erfahrungen zu machen. Auf Güte zu treffen. Segen zu erleben. Großzügigkeit. Freundschaft. Freundlichkeit. Und eben: Vertrauen. Beziehung.

Lasst uns diese Vertrauensgemeinschaft sein, wir, die auf Christus vertrauen. Und dies den Misstrauens-Eskalationen unserer Zeiten entgegenhalten. 

Es steht so viel auf dem Spiel. Und Vertrauen ist so viel stärker als Misstrauen. Vertrauen ist die Lebenshaltung – für die Jesus steht. 

Und die die Hand zu ihm ausstrecken, zeigen den ersten Impuls dahin. Das ist der Glaube – nach Hebr 11: Eine gewisse Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. 
Vertrauen, Glaube – das bedeutet, die ausgestreckte Hand anzunehmen. Ohne ganz genau zu wissen, was kommt. 

Kommt, sagt diese ausgestreckte Hand. In eigener, liebevoller Autorität. In der Autorität, die nicht durch Gewalt hergestellt werden kann, nicht durch „ich, ich, ich“, nicht durch „make me great again“, sondern durch Vertrauen und Verbundenheit. Durch Allianzen eigener Art.

Wagt es, und dann beginnt das Leben. Nicht das Ende aller Gefahren, nicht das Ende von Tod und Sterben – schaut mich selbst an, kann Jesus sagen. Vertrauen grundiert den Moduswechsel von Angst zu Freundschaft. Vertrauen setzt auf die Grautöne des Lebens zwischen den Radikalen. Gemeinsam finden wir das heraus. 
Wo ist der Vertrauensort, der Ort für Zwischentöne, für Verbundensein und Teilen? 

Ich vertraue darauf, dass er hier ist. Auch hier. Und dass jetzt auch dafür die Zeit ist. 

Heute und immer.

Amen