Die evangelischen Kommunitäten

3. Aus dem Leben der Kommunitäten

3.1 

In all diesen verschiedenen geistlichen Gemeinschaften ist der Gottesdienst die Mitte ihres Lebens. Die "lebendige Stimme" der Heiligen Schrift und die Feier des Heiligen Abendmahls gehören überall fest zusammen und sind die geistliche Nahrung, von der sie im gemeinsamen Alltag leben. Nicht wenige Kommunitäten feiern auch unter der Woche Wort- und Sakramentsgottesdienste, einige täglich (z. B. in Gnadenthal und in der Cella St. Hildegard). Es ist sehr eindrucksvoll und beglückend, als Gast zu erleben, wie hier Christen ihren Gottesdienst herzlich lieben und ihn mit Freude miteinander halten. Die Communität Casteller Ring auf dem Schwanberg bei Würzburg hat ihre St. Michaelkirche so gebaut, daß in den Gottesdiensten und Tagzeitengebeten eine große Gemeinde von Gästen rings um die Schwestern in der Mitte sitzen und so leicht mit ihnen mitsingen und mitbeten können: ein lebendiges Zeichen für die Bedeutung und Funktion, die allen Kommunitäten für ihre kirchliche Umgebung zukommt.

Sozusagen die Verlängerung des Gottesdienstes in den Alltag hinein sind die täglichen Gebetszeiten in der Morgenfrühe, zur Mittagszeit, am Abend und zur Nacht. Die Formen sind je nach Herkunft verschieden. Bemerkenswert ist, daß auch aus dem Pietismus hervorgegangene Gemeinschaften liturgische Traditionsformen annehmen, in denen das freie Gebet seinen festen Ort findet. Andererseits entdecken wiederum die hochkirchlichen geprägten Kommunitäten die belebende Wirkung charismatisch-spontaner Gestaltungselemente. Die zentrale Bedeutung der Gebetszeiten zur Strukturierung des Tages ist für alle Kommunitäten gleich. Durchweg sind die Psalmen als das Gebet der Kirche durch alle Jahrhunderte hindurch entdeckt. Daneben wird aus dem kirchlichen Gesangbuch gesungen, aber auch aus dem Reichtum altkirchlicher und mittelalterlicher Hymnen sowie aus dem lebendigen Schatz von Liedern der Gegenwart, zu dem einige Kommunitäten durch eigene Produktionen beitragen. Die verschiedenen Liederbücher der Kommunität Gnadenthal und der Christusbruderschaft haben in vielen Gemeinden weite Verbreitung gefunden.

Ein wesentliches Element des täglichen Gebets ist die Fürbitte: für die Kirche in den umgebenden Gemeinden und Landeskirchen sowie für die Kirchen der ganzen Ökumene; für die Welt in der Nähe und in der Ferne; für viele Einzelpersonen und -gruppen, die sie um Fürbitte gebeten haben oder um deren Probleme sie wissen; und nicht zuletzt auch für die anderen Kommunitäten. Auch die persönliche Segnung Einzelner hat in manchen Kommunitäten ihren festen Ort. Eine bemerkenswerte Absprache besteht zwischen der Badischen Landeskirche und der Kommunität Adelshofen: Hier werden regelmäßig Fürbitten aufgenommen, deren Anliegen ihnen von der Kirchenleitung genannt werden. Das könnte auch für andere Landeskirchen zum Vorbild werden. Sollte doch gerade für eine evangelische Kirche, die ganz aus dem Glaubensvertrauen auf Gottes Gnade und auf die schöpferischen Kräfte seines Geistes lebt, das Gebet um ihre Erneuerung von Grund auf ein entscheidender Anfang der Erneuerung selbst sein!

3.2

Das große biblische Vorbild kommunitären Gemeinschaftslebens ist das Leben der Urgemeinde nach Apg 2,42. Daran läßt sich erkennen: Die Kommunitäten verstehen sich selbst als Kirche - zwar als Kirche in einer besonderen Form gemeinschaftlichen Lebens, in der sie von Kirchengemeinden charakteristisch unterschieden sind; aber keineswegs als Gruppen am Rande oder gar außerhalb der verfaßten Kirche. Es wäre völlig falsch, Kommunitäten etwa als "Sekten" zu verstehen. Treffend ist die Bezeichnung der Kommunitäten als "Mikrokosmos der Kirche" (Taizé). "Soviel Selbständigkeit gegenüber den landeskirchlichen Organisations- und Verwaltungsstrukturen Kommunitäten ihrer besonderen geistlichen Lebensart wegen auch brauchen, so bewußt und energisch ist ihr Wille, zur Kirche zu gehören, der Kirche zu dienen und darum von der Kirche anerkannt zu werden.5

3.3

Zum Leben der Kommunitäten gehört eine feste Ordnung des gemeinschaftlichen Lebens. Nicht überall ist diese in einer schriftlich ausgeführten "Regel" beschrieben.6 In nicht wenigen Kommunitäten befinden sich die Ordnungen (noch) im Stadium "mündlicher Überlieferung", die von der Ursprungszeit her in bestimmten Entscheidungen, Regelungen und Ermutigungen der charismatischen Gründerpersönlichkeiten bewahrt werden und sich im lebendigen Vollzug des gemeinsamen Alltags immer neu bewähren sollen oder auch verändert werden müssen.

In den Grundlinien stimmen all diese Ordnungen überall überein. Der Eintritt in eine Kommunität ist grundsätzlich eine Sache des Gehorsams gegenüber einem persönlichen Ruf Christi in seine Nachfolge auf diesem Weg und in diese Gemeinschaft hinein. Es bedarf darum einer hinreichend langen Zeit der Klärung, ob es sich wirklich um einen solchen Ruf handelt und ob es wirklich diese Gemeinschaft dieser Brüder oder Schwestern ist, für die er ergangen ist, - sowohl auf seiten der Eintrittswilligen wie auch von seiten der betreffenden Kommunität. Meist ist diese Zeit in zwei Phasen gegliedert: eine erste kürzere des gegenseitigen Kennenlernens im Mitleben (Postulat), danach eine zweite längere Phase im Miteinanderleben (Noviziat), zu der auch ein intensiver Unterricht gehört, der dem Verstehen der Ordnung des Zusammenlebens gewidmet ist, vor allem einer persönlichen Einführung in alle geistlichen Vollzüge (Formen des Gebets, der persönlichen Schriftbetrachtung, der Meditationsübungen, natürlich auch eine Einführung in den Gottesdienst), aber auch zum Beispiel über die Geschichte der Kommunität sowie überhaupt des Ordenswesens. Auch ein regelmäßiger Austausch mit Novizinnen anderer Gemeinschaften ist vorgesehen. Die endgültige, lebenslang gültige Aufnahme wird in einem feierlichen "Profeß"-Gottesdienst begangen.

Der Ruf Christi an jedes einzelne Mitglied einer Kommunität bedeutet für ihr Verhältnis zueinander: Jeder ist jedem vom Herrn gegeben und als sein Bruder, seine Schwester anvertraut. "Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich, einer komme dem andern in Ehrerbietung zuvor" - diese Mahnung des Apostels (Röm 12,10) ist im alltäglichen Zusammenleben in einer so nahen Gemeinschaft sehr konkret die entscheidende Regel, die es täglich neu einzuüben gilt; aber weil es - ebenso konkret - Christus ist, der die Schwestern und Brüder einander gegeben hat und gibt, ist in dieser Regel zugleich auch seine Verheißung enthalten (vgl. Joh 13,14f; 1.Joh 4,10.19). Die zölibatäre Lebensform hat ihren eigentlichen Sinn (nicht in einem persönlichen Verzicht, sondern) darin, daß die Schwestern und Brüder frei sind für die geschwisterliche Liebe zueinander, die in allen Kommunitäten eine spezifische Kultur (freilich auch spezifische Probleme!) hat. Das Leben in Ehelosigkeit will ein Sich-Verschenken an die Liebe Christi sein, als ungeteilte Bindung in Freiheit und Freude an Gott, aus der die Freiheit und Freude an den Geschwistern der Kommunität erwächst, die Gott jedem ihrer Mitglieder wechselseitig gibt und anvertraut. Auch das gemeinsame Eigentum nötigt praktisch immer neu zur Übung geschwisterlicher "Solidarität". Im Rat der Schwestern bzw. Brüder, dem nur die voll Aufgenommenen angehören, hat jede Stimme gleiches Gewicht. Der Gehorsam gilt grundsätzlich der Gemeinschaft als ganzer gegenüber und in diesem Sinne jeder der Schwestern oder Brüder. Sein Kriterium ist für jedes Mitglied nach 1.Kor 12 der "Nutzen" des Leibes als ganzen. Für die zur Leitung gewählten Schwestern (Priorin/Prior) gilt dies in besonderem Maß. Sie (bzw. er) kann und darf nur nach intensiver Beratung aller Mitglieder Entscheidungen treffen, die dann für alle gelten. Die Mitglieder ihrerseits respektieren eine solche Entscheidung, weil solcher Gehorsam gegenüber der Priorin/dem Prior in der Sache Gehorsam gegenüber der Gemeinschaft als ganzer und als solcher wiederum Gehorsam gegenüber Christus als dem alleinigen Haupt seines Leibes ist. Die zahlenmäßig größeren Kommunitäten untergliedern sich in kleine familienartige Zellen, deren Leiterinnen das engste Beratungsgremium für die Priorin sind.

3.4

Nach dem benediktinischen Prinzip "ora et labora" (Bete und arbeite) wird jedem Mitglied nach seiner Eignung und Begabung sein Part bei der Bewältigung der Arbeiten bestimmt, die die Kommunität als ganze auf sich nimmt. Die liebevolle, persönlich-bedachte Beherbergung von Gästen ist nach ältester Klostertradition eine der zentralen Aufgaben jeder Kommunität. Ihr gilt der größte Teil der täglich anfallenden Arbeit, von den verschiedenen hauswirtschaftlichen bis zu geistlichen Diensten - der Anleitung zur Bibelbetrachtung und zum Gebet (z. B. "Herzensgebet") und Meditation für Einzelgäste, Bibelarbeiten und -gesprächen bei Gemeinderüstzeiten, religionspädagogischer Arbeit mit Kindern und Konfirmanden, oder auch verschiedenen Angeboten persönlicher Seelsorge und Beichte. Kleinere Kommunitäten wie z. B. der St. Johannes-Schwesternkonvent, die Diakonissenkommunität Zionsberg, die Schwestern der Christusbruderschaft im Kloster Wülfinghausen, die Jesu-Weg-Schwestern oder die Schwestern der Cella Hildegardis sind durch solche Rüstzeiten in ihrem eigenen Hause zuweilen bis an den Rand ihrer physischen Kräfte beansprucht. Einige Kommunitäten können nicht existieren, wenn nicht Mitglieder in auswärts ausgeübten Berufen zum gemeinsamen Einkommen beitragen. Oft verbindet sich diese ökonomische Notwendigkeit mit der diakonischen Aufgabe, die die meisten Kommunitäten ihnen gegeben wissen. So sind es gemeindediakonische und -pädagogische oder therapeutische und pflegerische Berufe, in denen einzelne Mitglieder (z. B. der Lumen-Christi-Schwesternschaft und des Johanneskonvents) tätig sind. Ordinierte Pfarrer versehen als Mitglieder ihrer Kommunität den pfarramtlichen Dienst ihrer Kirchengemeinde (z. B. der Prior der Wigbertibrüder, und der Leiter der Familien-Kommunität Siloah). Ein anderes wichtiges Motiv ist, daß durch aktive Teilnahme einzelner Mitglieder an der bürgerlichen Arbeitswelt die Kommunität als ganze an den Erfahrungen, Problemen, Nöten und auch Leiden ihrer Umwelt teilhat.

Nicht wenige Kommunitäten bieten auch Dienste bei Evangelisationen an. Darauf sind zum Beispiel die Christusträger-Brüder spezialisiert, die dazu ihre berühmten drei Bands ausbilden, mit deren Musik sie viele Menschen anziehen, mit denen sie dann während der Evangelisationswoche persönlichen Kontakt gewinnen. Wer heute bei dem Wort "Evangelisation" zurückschreckt, möge einmal die Gemeindepfarrer der Kirchengemeinden konsultieren, in deren Bereich und mit deren voller eigener Teilnahme diese Evangelisationen geschehen: wie zeitgemäß und verständnisvoll für die Lebensprobleme moderner Menschen hier missioniert wird!. Auch die Pfarrer und Schwestern des Julius-Schniewindhauses sowie die Communität Adelshofen halten ständig Evangelisationen in Kirchengemeinden ihrer und benachbarter Landeskirchen. Der Evangelisation dient auch die Arbeit der Evangelischen Marienschwesternschaft. Sie konzentriert sich auf einen umfangreichen internationalen Buch- und Schriftenversand sowie ein zahlreiches Angebot selbstproduzierter Filme und Videos in verschiedenen Sprachen, die im Fernsehprogramm vieler Sendeanstalten in Nord- und Südamerika, Australien und anderen Ländern der Welt ihren festen Platz gewonnen haben und besonders zu Weihnachten sehr viele Menschen erreichen.

Auch die Aussendung zu missionarischen Diensten in verschiedenen Ländern der Dritten Welt und der Kontakt zu diesen Stationen ist ein Arbeitszweig einiger Kommunitäten. Vor allem sind hier die Christusträgerschwestern und -brüder zu nennen, die darin ihre Hauptaufgabe sehen. Auch die Kommunität Christusbruderschaft und die Communität Koinonia unterhalten eigene Missionsstationen.

Besondere Erwähnung verdient die vielfältige Hilfe, die seit Jahren die Lukas-Kommunität für strahlengeschädigte Kinder und Erwachsene in der Ukraine leistet. Daß sich einige andere Kommunitäten an den Kosten beteiligen, ist einer der Erweise für das geschwisterliche Verhältnis der Kommunitäten untereinander.

Im Blick auf diesen ganzen Bereich vielfältiger diakonischer und missionarischer Arbeit gilt: Den Grundsatz im Leben aller Kommunitäten, daß "dem Gottesdienst und Gebet nichts vorzuziehen ist" (Regel Benedikts), kann man nur verstehen und würdigen, wenn man das vielfältige Engagement diakonischer, missionarischer und seelsorgerlicher Art als unmittelbar daraus hervorgehend und eng und wesenhaft damit verbunden wahrnimmt und versteht. "Leiturgia" (Gebet), "Martyria" (Zeugnis), "Diakonia" (dienende Liebe) und "Koinonia" (geschwisterliche Gemeinschaft) gehören in allen Kommunitäten wesenhaft-eng zusammen. "Bruderschaft ist Diakonie an der Welt ... Innen und Außen, Kontemplation und Weltverantwortung werden eins, man kann sie nicht mehr unterscheiden, noch weniger vorzugsweise bewerten"7 Auch diejenigen Kommunitäten, die sich im eigenen Leben ganz auf Kontemplation konzentrieren, z. B. die Cella St. Hildegard und das Gethsemanekloster, fallen aus diesem Zusammenhang zwischen "Kontemplation und Aktion" nicht heraus.8

3.5

Auch der vielfältige kulturelle Beitrag der Kommunitäten ist beachtlich. Einige haben bedeutende Künstler in ihrer Mitte, die Christusbruderschaft Selbitz die Malerin und Dichterin Sr. Christamaria Schröter und den Maler Br. Benedikt Traut, die Kommunität Gnadenthal den Maler Br. Andreas Felger. Diese Kommunität unterhält neben dem Felger-Atelier eine eigene Galerie mit bedeutenden Ausstellungen zeitgenössischer Kunst sowie einen eigenen Verlag mit einem ästhetischen Schwerpunktprogramm. Die Kunstkarten von Andreas Felger und von Christamaria Schröter sind sehr beliebt und weit verbreitet. Die Verbindung von Meditationsbildern und -texten in den Büchern von Christamaria Schröter sind kostbare Zeugnisse einer hochsensiblen Spiritualität, wie sie in solcher Dichtheit (heute wie zu allen Zeiten) wohl nur in Klöstern gedeihen kann. Die in ihrer Art einmalige Anlage des Passionswegs Jesu im Garten der Marienschwesternschaft in Darmstadt ist inzwischen weltbekannt. Kopien sind in mehreren Ländern Europas, Amerikas, Australiens und Asiens aufgestellt und finden dort großes Interesse auch in nichtchristlichen Bevölkerungskreisen. Hausmusik, Kunstgewerbe, Laienspiele sind in vielen Gemeinschaften zuhause. Das Haus Koinonia in Dettingen und die OJC in Reichelsheim haben eigene Theatersäle. Nicht selten verbindet sich mit der Liebe zu den Künsten auch ein naturästhetisches Engagement in der Anlage von Gärten (Dettingen, Schniewindhaus!), in der Landschaftsgestaltung (Imshausen, Marienschwesternschaft) sowie auch in ökologischer Landwirtschaft (Gnadenthal, Imshausen). Auch Beiträge politisch-diakonischer Art finden sich im Bereich von Kommunitäten. In Imshausen z. B. befindet sich die Tagungsstätte der Adam-von-Trott-Stiftung, und neuerdings arbeitet die dortige Kommunität mit dem "Verein Ökumenischer Dienst im konziliaren Prozeß" zusammen, der Ausbildungskurse zum Schalom-Diakonat im Schloß Imshausen veranstaltet. Auch in der kommunalpolitischen Praxis ihrer Umgebung arbeitet die Kommunität mit, vor allem was das Zusammenleben mit Minderheiten betrifft. In diesem Zusammenhang verdient auch die Laurentius-Bruderschaft Beachtung, in der sich Aktivitäten nach außen im Zeichen von "Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung" mit einer besonderen gemeinschaftlichen Lebensform als moderne Großfamilie verbinden.

Ähnliches gilt auch für die beiden "Basisgemeinden", von denen sich die Wulfshagenerhütten für soziale Versöhnung (in ihrer Berliner Stadtstation) und Umweltschutz, die in Hamburg für Schutz und Hilfe für Asylbewerber einsetzen.

3.6

Die größeren Kommunitäten haben einen Kreis von Menschen um sich, die sich ihnen geistlich zugehörig wissen und sich zu entsprechendem Leben verpflichten: Die Christusbruderschaft Selbitz z. B. hat ihre "Tertiärgeschwister", die Communität Casteller Ring ihre "Oblaten" und die Evangelische Marienschwesternschaft ihre "Dornenkranz"-Schwestern.

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